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Der Sprosser

Text und Scherenschnitt: Erika Bulow Osborn

28.12.2018

 

Der Sprosser,Luscinia luscinia Thrush Nightingale

 

Man könnte damit beginnen, einen Wettstreit beider Sänger, Nachtigall und Sprosser zu vergleichen. Bestimmt würde der Sprosser als der volumenmäßig Größere hervorgehoben und gefeiert werden, doch, wenn man als Musiker solche Vögel vergleicht,würde ich behaupten, dass das kürzere, in viel mehr Varianten, als wiederholten Teilen, erklingende Singen der Nachtigall eine äußerst fein abgestufte Dynamik benutzt, um in der Balz der begehrten Partnerin zu gefallen. So spricht man vom schluchzenden Tonfolgen, von schmelzend zarten Lauten,um ein Weibchen zu umgarnen, und Gene an eine kommende Generation von Nachtigallen weiterreichen zu können.

 

Beide Vögel sind sich sehr ähnlich in der Natur sind sie kaum zu unterscheiden.

 

Der Spötter, auf Englisch treffend als 'Thrush Nightingale' bezeichnet,hat ein großes Volumen. Der Tonbereich ist umfangreicher und. da viele Menschen früher in ihren Wohnungen unterhalten sein wollten, ohne Radio,Fernsehen,I-Phone, Facebook, brauchten sie kräftige Sänger, die ihre eigenen Familiengespräche vom Käfig her übertönten. Je lauter, umso kostbarer waren solche Vögel und die österreichischen Sprosser waren am beliebtesten.

 

Mir war ein Sprosser als Vogel geläufig, den ich damals gern beobachtete in Bergedorf, sehr nah in den Billwiesen, wo wir wohnten. Es waren Kriegsjahre, es gab wenig Bücher, aber die alten Kosmos Jahrgänge meiner Großeltern waren meine 'Bibel'.

 

Inzwischen habe ich erfahren, dass Sprosser zu den Schleifenfliegern gehören, dass sie als Langstreckenflieger einen bestimmten Luftweg benutzen, um in den Süden Afrikas zu gelangen, aber auf dem Rückweg viel weiter östlich in ihr Brutgebiet zurückkehren. Sie brauchen Gestrüpp, auch Haufen von Zweigen, die aus den Gärten schnell zu ganzen Bergen werden. Auf der anderen Seite der kleinen Bille war der 'Krähenwald', aber es gab auch viel Brennnesseln, Brombeeren, Heckenrosen, sowie Erlen und Weiden entlang des Flüsschens.

 

Als Bodenbrüter oder im dichten Gestrüpp wird für ein Nest mit 4-6 Eiern altes Laub verwendet, Gras und Haare von Tieren. Die Brut dauert etwa 2 Wochen. Als Bodenbrüter lauern viele Gefahren durch Fressfeinde, deshalb müssen die Jungen schnell das Nest verlassen. Sie werden vom Weibchen gehudert. Während dieser Zeit versorgt das Männchen seine Partnerin und die Jungen.

 

Sprosser sind gern in Gruppen zusammen, das gewährt ihnen extra Sicherheit. Zuerst bekommen die Jungen Raupen, kleine Spinnen und Fliegen, später Regenwürmer, Wanzen und Asseln. Im Spätsommer Beeren aller Arten in den Gärten und in der Umgebung. Sprosser haben verschiedene Laute wie Chrrrr, Krrrr, Dak, Hueit- Hueit, Fiet, Tscheck-Tscheck. Erstaunlich finde ich, dass seine Laute bei Gefahr, Angst und in Erregung so schrill, mechanisch klingen, im Gegensatz zu seinem Gesang. Die Jungen haben nur eine Teilmauser. Sie müssen sehr schnell erwachsen werden für den Weitstreckenzug bis ins südliche Afrika. Solche Einzelheiten verdanke ich dem Wikipedia Artikel.

 

Ein Sprosser hüpft am Boden, ähnlich wie eine Amsel. Dass Sprosser schnell ihre Angst vor Kindern verlieren, lernte ich durch meine Erfahrung. Sie nutzen auch gern jedes Bad.

 

Mir gefällt der französische Name Rossignol progne für den Sprosser. Die Nachtigall heißt Rossignol philomele.

 

Progne und Philomene waren Schwestern in griechischer Mythologie, welche in Vögel verzaubert wurden.

 

Kommentare: 1
  • #1

    Eva Schmelzer (Mittwoch, 16 Januar 2019 14:37)

    Danke für diese schöne Beschreibung und den Scherenschnitt, der von Erikas Beiträgen gar nicht mehr wegzudenken ist. Immer wieder fließt in ihre Berichte auch Persönliches ein, Meinungen, Erlebtes und Erinnerungen.
    Ich möchte aber mit Verlaub noch etwas Überraschendes (zumindest für mich) hinzufügen:
    Die Käfighaltung von Nachtigallen und auch Sprossern wegen des Gesangs war in früheren Zeiten üblich und verbreitet. Sie wurden von Vogelhändlern angeboten, die die Vögel fingen. Staatlicherseits wurde dies als potentielle Bedrohung des Bestandes gewertet, dem es gegenzusteuern galt. Vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschah das auch durch eine hohe Besteuerung und die Verpflichtung zu Herkunftsnachweisen der in Käfigen gehaltenen Vögel. Wollte der Eigentümer der Nachtigall oder des Sprossers nicht zahlen, blieb ihm die Möglichkeit, den Vogel frei zu lassen. Wer nicht zahlte, musste mit einer hohen Strafzahlung rechnen.
    Aber schon im Spätmittelalter gab es in Deutschland Polizeiverordnungen, die den ungehemmten Fang von Nachtigallen und Sprossern zu regeln versuchten. 1686 stellte Friedrich Wilhelm von Brandenburg die Nachtigall und den Sprosser ganzjährig unter Schutz und drohte den Fängern und Händlern Haftstrafen an. Sein Nachfolger, Friedrich III., verbot 1698 auch die Einfuhr der Vögel und überhaupt das Halten der Vögel in Vogelbauern, die Besitzer sollten ihre Vögel frei lassen. 
    Das hat mich sehr verwundert für diese Zeit, gerade mal rund 40 Jahre nach dem 30jährigen Krieg!