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Grauwale in der Laguna San Ignacio / Baja California

Text und Fotos: Birgit Roth

19.04.2017

Buckelwal
(c) Birgit Roth Buckelwal

Wenn man alles zusammenträgt, was es auf der mexikanischen Halbinsel Baja California an Tier- und Pflanzenwelt zu sehen gibt, kommt man sehr schnell zu dem Schluss: Das ist ein unvergleichliches Naturparadies.

Baja California und ihre vorgelagerten Inseln sind bekannt für ihre reiche Vogelwelt, beeindruckende Kakteenwüsten und aktive Vulkane. Vor ihren Küsten tummeln sich riesige Delfinschulen und vor allem von Dezember bis März verschiedene Walarten. Es befinden sich dort die nördlichsten Mangrovenwälder des Ostpazifiks mit ihren tierischen Bewohnern und in den Lagunen tummeln sich im Winter hunderte Grauwale.

An der Baja California sind nördliche Seeelefanten zu Hause, sowie kalifornische Seelöwen. Es gibt unzählige bunte Fische und wenn man solches Glück hat, wie wir es auf unserer Reise hatten, kommen sogar Mondfisch und Meeresschildkröten an die Wasseroberfläche.

Die Umgebung vom Ort San Ignacio ist ein Vogelhabitat von Weltrang. 72 der Tierarten stehen unter Schutz. Die Lagunen an der Westküste der Baja California, es gibt mehrere davon, sind ein seltenes Ökosystem, in dem neben anderen Meeressäugern jährlich hunderte von Grauwalen überwintern und kalben.

In der Laguna San Ignacio wurde im März 2000 ein riesiges Salzgewinnungsprojekt der mexikanischen Regierung und der Mitsubishi Corporation nach langjährigen Protesten einer internationalen Koalition von Naturschützern, Wissenschaftlern und Politikern der mexikanischen Regierung erfolgreich gestoppt. Das hätte eine existentielle Bedrohung für das Schutzgebiet bedeutet. Der damalige mexikanische Präsident Zedillo erklärte:

 

„Wir Mexikaner schaffen eine neue Kultur der Wertschätzung, des Respektes und des Schutzes der natürlichen Ressourcen unseres Volkes.“

 

Mit dieser überraschen Entscheidung wurde ein Schreckensszenario verhindert. Das Wasser der Lagune von San Ignacio hat einen höheren Salzgehalt als das Wasser im offenen Meer. Diese hohe Salzkonzentration sorgt für den nötigen Auftrieb, der den noch unbeholfenen Walkälbern hilft, das Schwimmen zu erlernen. Durch den Abzug des Wassers aus der Lagune durch die Pumpe des Salzwerkes wären täglich 1,7 Milliarden Liter Wasser mit niedrigerem Salzgehalt in die Lagune geströmt. Die Aufzucht der Waljungen wäre dadurch erschwert worden.

Für die Salzkonzentrations- und Kristallisationsgebiete hätten Mangrovenwälder gerodet, die Wanderwege von Wildtieren durchschnitten und eine Veränderung des Wasserabflusses in Kauf genommen werden müssen. Die Route der Frachtschiffe hätte die Wege der Wale gekreuzt-Zusammenstöße mit den Tieren wären unvermeidlich gewesen. (Quelle: www.neue-welt-reisen.de)

Also doch, es lohnt sich allemal für den Naturschutz zu kämpfen, die Lagune ist ein schönes Beispiel dafür. 

Grauwalmutter mit Kind
(c) Birgit Roth Grauwalmama mit Kind

Grauwale leben heute nur noch im Nordpazifik. Die Tiere verbringen den Sommer in der nahrungsreichen arktischen Beringsee. Wird es dort im Herbst wieder dunkler und kälter, nimmt das Nahrungsangebot ab und das Meer friert zu. Grauwale gehören zu den Bartenwalen. Sie wühlen auf der Seite liegend den Meeresboden auf, nehmen dieses Wasser ins Maul und drücken das Wasser und Schlamm durch die Barten wieder raus. Es bleiben Krebse und andere Kleintiere darin hängen, die dann nur noch abgeleckt und geschluckt werden müssen.

 

Im Herbst machen sich die Tiere in der Arktis auf eine bis zu 10 000 km lange Reise in die wärmeren Gewässer vor die Küste Mexikos. Das ist die längste bekannte Wanderung eines Säugetieres. Jedes Jahr finden sich hunderte Grauwale in den Lagunen der Baja California ein, um dort von Januar bis März ihre Kälber zur Welt zu bringen und sich fortzupflanzen. Die Aufzucht eines Grauwalkalbes braucht 6-9 Monate, ein Weibchen bekommt alle 2 Jahre ein Kalb. Gefressen wird ausschließlich im Sommer in der Beringsee. Die angefressenen Fettreserven müssen für die Wanderung, die Fortpflanzung und die Aufzucht der Kälber ausreichen. Grauwale sind 12-15 m lang. Tragende Weibchen können bis zu 34 Tonnen schwer werden und wiegen somit doppelt so viel wie die Bullen. Ein Kalb ist bei der Geburt 5 m lang und wiegt eine halbe Tonne. Die Mutter legt sich das neugeborene Kalb auf den Körper, hebt es hoch, wodurch es zu atmen lernt. Auch schwimmen will gelernt und geübt sein, schließlich haben die jungen Wale ab April die lange Reise in die Arktis vor sich. Grauwale werden 50-60 Jahre alt und sind sehr sozial. Schon öfter wurde beobachtet, wie kranken oder verletzten Artgenossen an die Wasseroberfläche geholfen wurde, um zu atmen.

Grauwal
(c) Birgit Roth Grauwal

 Wir sind im kalifornischen San Diego an Bord unseres Schiffes „Spirit of Adventure“ gegangen, was für 10 Tage unser Heim wurde. Wir waren 25 Touristen, hatten 2 Guides und die Schiffscrew bestand aus insgesamt 7 sehr coolen und sympathischen Jungs, mit denen wir viel Spaß hatten.

Wie schon oft in unserem Leben hatten wir auch mit dieser Reise richtig viel Glück. Es war durchgehend gutes Wetter, wir erlebten kitschige Sonnenauf- und Untergänge. Auf See sichteten wir viele Meeresbewohner. Eine besondere Freude war es für uns die seltenen Blauwale sehen zu dürfen. Das sind die größten Meeressäuger mit bis zu 32 m Länge. Sie wären durch die Walfänger fast ausgerottet worden und die Population erholt sich nur sehr langsam, wenn überhaupt, da sich die wenigen Tiere in den großen Ozeanen selten über den Weg schwimmen und so mangels Gelegenheit die Fortpflanzung schwierig macht. Die Blauwale tauchen nach dem Atmen nicht immer ab, sondern legen sich touristenfreundlich, sehr gut sichtbar, blau schimmernd, unter die Wasseroberfläche. Dieses Verhalten wäre ihnen fast zum Verhängnis geworden.

 

Wir lauerten auf das auftauchen eines Pottwales, begleiteten eine Buckelwalfamilie. Eigentlich sind Buckelwalmütter alleinerziehend, aber manchmal gesellt sich ein Männchen zur Familie, was der Mutter beim Beschützen des Kalbes hilft. Auch da sehr soziales Verhalten und eine große Freude unsererseits es sehen zu dürfen. Buckelwale ohne Kind sahen wir öfter, zu unserem Vergnügen sprangen sie auch gelegentlich aus dem Wasser. Was für imposante Tiere und wie kraftraubend mag es sein solche riesigen Körper komplett aus dem Wasser schießen zu lassen. 

Grauwal
(c) Birgit Roth Grauwal

Grauwale auf Tuchfühlung . Zum Vergrößern bitte auf die Fotos tippen

 

Fast täglich hatten wir mehrfach das Glück von Delfinschulen begleitetet zu werden. Unglaublich, wenn hunderte Delfine rings um das Schiff um die Wette schwimmen und springen. Das ist mit einem Fotoapparat nicht einzufangen, man muss es selbst gesehen haben!

Gegen Ende der Reise ließen wir 2 Finnwale fast unbeachtet, weil sich zeitgleich ein anderes Naturschauspiel vor unseren Augen abspielte: Aus dem Wasser springende Rochen. Keiner weiß, warum sie das machen, man glaubt kaum was man sieht. Sie springen ca. 2m hoch und lassen sich geräuschvoll ins Wasser klatschen.

Bei unseren Landgängen gab es reichlich mexikanische Kakteenwüste mit vielen Vögeln und Reptilien und noch nie vorher gesehene Gesteinsformationen zu bestaunen. Riesige Exemplare von Kakteen. An Land schlafende Seeelefanten, auf Felsen liegende und herumturnende Seelöwen, Blaufußtölpel, Pelikane, einen fliegenden Fisch in den Krallen eines Seeadlers und und und.... Eine Klapperschlange ohne Klapper, wurde von der Evolution wieder weggenommen, weil sie nicht benötigt wird. Was die Natur alles so macht.

Aber das eigentliche Highlight dieser Reise waren die 2 Tage, die wir in der Laguna San Ignacio verbringen durften. Dort gingen wir auf direkte Tuchfühlung mit den Grauwalen. Unser Schiff durfte nur in den Eingang der Lagune fahren, um dort zu ankern. Kaum hineingefahren beobachteten wir ringsherum blasende Wale. Direkt vor unserm Schiff sahen wir den ganzen Tag eine Grauwalmutter mit Kalb - sie hatte eine alte Verletzung auf dem Rücken und war somit gut zu erkennen - gegen die Strömung schwimmen. Schwimmunterricht?

Zu unserem Schiff kamen 3 mexikanische Boote für unsere Ausflüge. Über deren Arbeit kann man sich auf der Homepage informieren.

http://www.kuyima.com/whales/index.html

Denn in der Lagune ist es ausschließlich diesen mexikanischen Bootsfahrern in einem vorgegebenen Bereich von 3 Meilen erlaubt zu fahren. Der Tourismus in der Lagune wird streng überwacht.

Wir hatten an den 2 Tagen insgesamt 8 Ausfahrten mit diesen Booten. Kaum eine Region der Erde bietet so intensive Walbeobachtungen an. Unsere Boote näherten sich vorsichtig den sanften Riesen, der Motor wurde abgestellt und wir warteten was passiert. Schwammen die Wale weg, war es gut so. Aber meistens kamen sie zum Boot. Sie tauchten ausatmend direkt neben dem Boot auf, somit war die Dusche auch erledigt, egal, es war schließlich warm. Sie streckten die Köpfe aus dem Wasser, ließen sich von uns streicheln, tauchten unter dem Boot durch, schauten auf der anderen Seite auch heraus. Manchmal hatten wir den Eindruck die Walmütter schoben ihr Junges zu uns hin nach dem Motto: geh spielen, da sind Touristen, oder: schaut her, was ich für ein schönes Kind habe.... Man kann so vieles hinein interpretieren. Die Wale waren so vorsichtig an den Booten, mit Leichtigkeit hätten sie diese kentern können, aber wir hatten nie den Eindruck dass sie dieses wollten. Sehr schön war, wenn sich die Wale auf der Seite schwimmend dem Boot genähert haben, dann konnten wir ihnen in das Auge schauen. Und sie schauten auch uns an. Die Bootsfahrer brachten uns bei, dass es die Wale gern mögen, wenn man sie mit Wasser bespritzt oder auch begießt, wenn sie das Maul aus dem Wasser strecken. Erstaunlich für ein Tier, was sein Leben im Meer verbringt.

Abends im Dunkeln hörten wir die Wale unter dem Sternenhimmel blasen und im Bett liegend hörten und fühlten wir, wie sie sich an unserer Bordwand geschubbert haben. Unser Schiff war wohl eine gute Gelegenheit sich von den nervigen Seepocken zu befreien, die sich auf ihrer Haut festsetzen. Ach ja, wie fühlt sich ein Wal nun eigentlich an? Glatt, weich, wie Samt unter Wasser, gar nicht glitschig und man ahnt was das für eine dicke Haut ist.

Ich hoffe, dass wir Menschen durch unser Handeln es uns nie anmaßen werden diesen fantastischen Tieren ihren Lebensraum zu nehmen. Sei es in der Arktis durch Ölbohrungen oder in den Lagunen durch die Salzgewinnung.

Ich wünsche den Walen eine gute Reise und mögen ihnen ihre guten Erfahrungen mit den Menschen in der Lagune nie zum Verhängnis werden.

Langschnäuziger Gemeiner Delfin
(c) Birgit Roth Langschnäuziger Gemeiner Delfin
Springender Rochen
(c) Birgit Roth Springender Rochen
seltener Blauwal
(c) Birgit Roth sehr seltener Blauwal
Großer Tümmler im Sonnenuntergang
(c) Birgit Roth Großer Tümmler im Sonnenuntergang

Bey bey

Mexikanische Kakteen mit Goldköpfchen

Kommentare: 2
  • #2

    Birgit Roth (Mittwoch, 03 Mai 2017 19:56)

    Liebe Eva, du schreibst immer so nette Kommentare. Lieben Dank und es freut mich natürlich, wenn es gefällt. Manche Erlebnisse kann ich kaum in Worte fassen und doch möchte ich sie in die Welt hinaustragen, damit wir nicht vergessen auf unsere Erde aufzupassen. Das Pazifik Frieden bedeutet, wußte ich nicht, und schon wieder was gelernt :-).

  • #1

    Eva Schmelzer (Montag, 01 Mai 2017 16:40)

    Was für ein Beitrag! Er rührt tatsächlich zu Tränen, ist aber auch gleichermaßen informativ, lässt einen tief eintauchen in diesen Teil der Welt des Pazifik, aber auch der Küsten, auch wegen der eindrucksvollen Fotos. Wenn man diesen Bericht gelesen und auf sich hat wirken lassen, wünscht man sich sehnlich, dass dem Pazifik und all seinen Bewohnern das widerfährt, was sein Name bedeutet: Frieden!
    Herzlichen Dank Birgit!