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Das Rossmeer

Text und Fotos:

Birgit Roth

11.04.2020

 

Adelie Pinguine am Cape Evans
(c) Birgit Roth Adelie Pinguine am Cape Evans

Rossmeer – oder die größte Meeresschutzzone der Welt

 

Auf meiner Reisewunschliste stand das Rossmeer nicht. Nicht, weil ich da nicht hin wollte, es war außerhalb meiner Vorstellung dort jemals hinzukommen. Dann könnte ich den Mond auch auf die Liste schreiben. Und doch war ich da, also nicht auf dem Mond. Wir sind losgefahren, da war Corona in China ein Thema und durch eine Dienstreise ein paar Fälle in Deutschland. Überschaubar, zumindest für meine Welt. Seit wir zurück sind, steht alles Kopf. Ein paar Wochen später, nichts ist mehr so, wie es mal war, wie ich es schon immer kenne. Da muss man sich erst mal daran gewöhnen.

 

Vom Rossmeer ist mehr als die Hälfte der Fläche permanent von einer festen, dicken und knapp 500.000 km² großen Eisdecke bedeckt – dem Ross-Schelfeis. Es ist benannt nach James Clark Ross, der es 1841 entdeckte. Es gilt als eines der letzten „unberührten“ maritimen Ökosysteme und beheimatet eine einzigartige biologische Vielfalt, die man, wenn man selbst dort vorbei fährt, über dem Wasser fast gar nicht sieht.

 

Es ging los in Neuseelands südlichstem Hafen Bluff. An diesem Tag war es so windig, dass wir uns an Land kaum auf den Beinen halten konnten. Für Südneuseeland war ein Orkan vorhergesagt. Kaum hatte das Schiff den Hafenbereich verlassen wurde für die nächsten 2 Tage unsere Seefestigkeit bis ins letzte Detail getestet.

 

Es ging vorbei an subantarktischen Inseln, die uns mit ihrer Vegetation überraschten, noch nie vorher gesehene Landschaft tat sich auf. Die Birder, Menschen die sich sehr für Vögel interessieren, kamen auf ihre Kosten. Wir eilten an Inexpressible Island vorbei. Diese Insel betraten am 8.1.1912 erstmalig 6 Männer, die Teil der Terra Nova Expedition waren. Sie sollten ein paar Wochen verschiedene Forschungen ausführen und am 18. Februar wieder abgeholt werden. Durch zu starkes Packeis gelang es dem Schiff, der Terra Nova, nicht bis zur Insel ran zukommen. Nach Beendigung der Forschungen war noch für 4 Wochen Nahrung vorrätig. Unfreiwillig überwinterten die Männer, in ihrer Sommerkleidung, in einer Eishöhle für die nächsten 7 Monate. Die Insel wurde als „unbeschreiblich“ benannt, was eher abfällig gemeint ist und sich auf die katastrophalen Lebensbedingungen bezieht.

 

Es ging immer weiter Richtung Süden bis das Schiff vor einer Eiswand stoppte, dem Ross-Schelfeis. Im McMurdo Sound angekommen, waren wir am Ziel. Dort wollten wir hin, die Antarktis hatte sich einiges vorgenommen, was wir über sie lernen sollten. Zum Beispiel über Temperaturen. Auf dem Weg Richtung Süden sagten wir mal bei Null Grad Celsius zum Kapitän: “Es ist ganz schön kalt geworden.“ Er fragte zurück: „Kalt?“ und fing an zu lachen.

 

Eines der Dinge, die ich mir noch nie wirklich vorstellen konnte wie das funktioniert, ist die Bildung von Meereis. Ja sicher, es ist wissenschaftlich erklärbar, aber kann ich es mir deshalb vorstellen? Nun war ich live dabei, an nur einem Tag haben wir sämtliche Aggregatzustände erlebt. Mit uns an Bord war Julian Dowdeswell, Professor für Glaziologie und Direktor vom Scott Polar Research Institute. Er ist seit 25 Jahren in der Antarktis unterwegs und hatte es vorher auch noch nie so gesehen.

 

Im McMurdo Sound, eine Bucht des Rossmeeres, dort wo sich das meiste der geschichtsträchtigen Expeditionen abspielte, heute eine amerikanische und neuseeländische Forschungsstation stehen, die ganzen Hütten von damals auch noch da sind, segelten wir mit unserer Ortelius drei Tage lang umher, immer auf der Suche nach gutem Wetter. An Ankern war nicht zu denken, das Meer ist viel zu tief. Wir hatten eine Einladung die neuseeländische Station Scott Base zu besuchen. Die Amerikaner hatten Angst wir bringen ihnen Corona, dabei waren wir schon über 2 Wochen auf dem Schiff und alle gesund. Egal, wir segelten an McMurdo vorbei, konnten es sehr gut vom Schiff aus sehen, Richtung Scott Base. Es blies ein so starker Wind, es war unmöglich an Land zu kommen. Ungefähr eine Seemeile vor dem Ross-Schelfeis kehren wir um und folgen dem schönen Wetter nach Westen in die Bucht.

 

Der Himmel wurde immer freundlicher und heller. Plötzlich schwamm auf dem Meer so was wie ein Ölfilm an der Ortelius vorbei. Es sah aus wie eine Straße. Gott sei Dank war es kein Öl, sondern Grease-Ice, eine dünne, gleichmäßige Schicht – der Beginn des Meereises. Diese Eisstraßen kamen immer öfter, sie wurden breiter, streckenweise war das Meer geschlossen damit bedeckt. Später konnte man kleine Eisklumpen darin sehen. Als nächstes bildete sich das Pancake-Ice. Erst ganz zart und dünn. Auf dem Wasser liegen runde Eisteile, durch die Bewegung des Wassers schieben sie sich übereinander und es entsteht dieser typische Rand. Mehrere Pancakes frieren zu einem großen zusammen, aus großen Pancakes entsteht eine geschlossene Eisdecke.

 

Wir stehen auf Deck und staunen. Die Ortelius pflügt sich erst durch Pancakes soweit das Auge reicht, dann durch das schon geschlossene Eis und bleibt bei strahlendem Sonnenschein irgendwann stehen. Zwischen dem dünnen Eis sind dickere Platten, ich nenne sie Tabletts, die sind übrig vom letzten Jahr und frieren jetzt wieder mit ein. Wir schauen noch ganz verträumt auf die unglaublich schöne Eis- und Schnee-Landschaft, springen ein paar Kaiserpinguine aus dem Wasser und landen direkt vor unserem Schiff.

 

In der Zwischenzeit wurden unsere Hubschrauber flugfertig gemacht und sollten uns ein weiteres Wunder zeigen, wir flogen in eines der Trockentäler. Sie heißen so, weil sie auf jeden Fall eisfrei sind, was in dieser Gegend schon eine Sensation ist. Wie oft dort tatsächlich Niederschlag fällt, dazu gibt es unterschiedliche Angaben. Auf jeden Fall hatte es geschneit, als wir dort hin kamen und das war sehr speziell.

 

Die Ortelius aus der Luft mitten im Eis stehen zu sehen war toll, unser Basislager in dieser Wildnis. Glücklicherweise waren die Pinguine noch da, als wir aus dem Trockental zurück waren. Sie blieben bis kurz vor dem Abendessen. Sie standen auf den Schollen und schwammen in den noch offenen Stellen im Wasser. Sie sind so groß, wenn man nur einen Rücken im Wasser sieht, könnte das auch eine Robbe sein. Abends segelten wir wieder auf die andere Seite der Bucht. Gekrönt wurde dieser Tag mit einem spektakulären Sonnenuntergang und als ob es noch nicht genug war, warf unser Schiff seinen Schatten auf einen Eisberg, an dem wir vorüber kamen. 23 Uhr lag ich in meiner Koje und als wir das Licht löschten, änderte sich die Helligkeit in der Kabine nicht, es war draußen noch hell.

 

Am letzten Tag im McMurdo Sound haben wir es doch noch geschafft die Hütte von Robert Falcon Scott am Cape Evans zu besuchen, von wo aus er am 1.11.1911 zum Südpol aufbrach und auf dem Rückweg verstarb. Mir war das gar nicht so wichtig in diese Hütte zu kommen, hatte ich gedacht. Mit uns auf dieser Reise war Dafila Scott, Enkelin von Robert Falcon Scott, ihr Vater Peter Scott war ein berühmter Maler und Mitbegründer vom WWF, sie selbst ist ebenfalls Künstlerin.

 

Bei grenzwertigen Wetterbedingungen brachte unsere Crew alle nach und nach an Land. Vor der Hütte wurden unsere Schuhe mit einer Klobürste gereinigt, wir trugen uns in das Gästebuch ein und wurden nach und nach reingelassen. Ich ging zuerst in den Stall, vorbei an Schaufeln die an der Wand lehnen. Ich kam an aufgestapelten Kisten vorbei, die als Trennwände dienen. Auf den Kisten waren Aufdrucke, was darin enthalten war. In einer der Pferdeboxen hängt ein Fahrrad an der Wand, ich hatte hier alles erwartet, aber bestimmt kein Fahrrad. In der letzten Box lag das Skelett eines Hundes.

 

Die Hütte selbst war unglaublich, alles stand so als ob die Männer nur mal kurz vor die Tür gegangen wären und gleich wieder reinkommen. In der Küche stehen Dosen und Geschirr, der Esstisch benutzt, das Labor in Arbeit und in den Betten lagen die Rentierschlafsäcke,

 

Nun gehören wir zu den wenigen Menschen, die das Glück hatten diesen abgelegenen Ort besuchen zu können. Ich habe die Lebensbedingungen jetzt gesehen, die Kälte habe ich selbst gespürt, manche der Männer blieben Jahre dort. Das verlangt mir einen großen Respekt ab, was diese Forscher geleistet und ertragen haben.

 

Die Rückfahrt im Zodiac war sehr spannend. Durch die Wellen wurde das Boot so hochgehoben, dass wir den Moment ohne Welle abpassen mussten, um schnell rein zuspringen, da das Zodiac total gefroren und dadurch sehr glatt war, sausten wir, als wir dann drin saßen, die Gummiwurst entlang. Mit der nächsten Welle schwappte eine Ladung Eiswasser herein und die Fahrt ging zurück zum Schiff. Respekt auch für die Zodiacfahrer, die haben an dem Tag auch viel aushalten müssen.

 

Wir wagten einen letzten Versuch, um zur neuseeländischen Station zu gelangen. Als alle Gäste und Zodiacs wieder an Bord waren, dampften wir ein letztes Mal Richtung Süden. Um uns herum dampfte es auch. Durch die Kälte und trockene Luft stieg vom Meer Nebel auf. Je näher wir dem Ross-Schelfeis kamen, um so kälter wurde es. Waren es am Cape Evans Minus 14 Grad Celsius, fiel das Thermometer weiter auf Minus 18 Grad. Der Wind wurde stärker, erst waren es noch 20 Knoten, später steigerte er sich bis zu 50 Knoten. Durch den Windchill fühlte es sich dann wie Minus 35 Grad an. Ich habe es nur noch wenige Minuten draußen ausgehalten, dann musste ich mich aufwärmen. Ich konnte es mir absolut nicht vorstellen bei diesen Temperaturen noch einmal ins Zodiac zu steigen und der Kapitän entschied umzukehren.

 

Wir machten uns auf den langen Weg durch die Amundsensee und bekamen einen Hauch der Abenteuerlust früherer Zeiten zu spüren. Wir segelten durch eine der abgelegensten Meere dieses Planeten. An einem Tag waren die nächsten Menschen 1200 Meilen nah an uns dran, am Südpol. Es sei denn, die ISS wäre über uns hinweg geflogen, dann wären kurzzeitig in 400 km die nächsten Menschen gewesen.

 

Wie nannte Sir Ernest Shackleton sein Lager, allerdings auf dem Eis des Weddellmeeres? Camp Geduld, eine Antarktis Odyssee ist nichts für schnelle Besucher.

 

Ich erinnere mich gut, als 2017 die Einrichtung der Meeresschutzzone im Rossmeer bejubelt wurde. Die Zone umfasst 1.55 Millionen Quadratkilometer, das ist 4 Mal so groß wie Deutschland, dort ist für mindestens die nächsten 35 Jahre das kommerzielle Fangen von Fischen verboten. So was gab es bis dahin in internationalen Gewässern noch nie. Ich jubele immer noch, oder schon wieder. Jetzt, wo ich das Rossmeer gesehen habe, freut mich das natürlich besonders.

Eine Skua vor Eisberg
(c) Birgit Roth Eine Skua vor Eisberg

So entsteht Meereis. Die Bilder der Reihe nach:

Das Meer ist vollständig mit Grease Eis bedeckt. Aus Grease Ice entsdtehen kleine Pancakes. Es sind erst noch sehr dünne Pancakes. Die Pancakes werden größer und schieben sich übereinander. Aus kleinen Pancakes werden große. Pancake Ice, soweit das Auge reicht.

 

Kaiserpinguine in Traumkulisse
(c) Birgith Roth Kaiserpinguine in Traumkulisse

Eisberge in der Amundsensee

Zeichnungen an einem Eisberg
(c) Birgit Roth Zeichnungen an einem Eisberg

Um die Bilder zu vergrößern und die Bildunterschrift zu lesen, bitte drauf klicken

Kaiserpinguin am McMurdo Sound
(c) Birgit Roth Kaiserpinguin am McMurdo Sound
Kommentare: 3
  • #3

    Marion Hartmann (Mittwoch, 22 April 2020 16:08)

    Ich habe selten einen solch packenden Bericht gelesen, der zudem mit Herzblut verfasst ist. Birgit Roth versteht es außerordentlich, den Leser und den Betrachter ihrer einzigartigen Fotografien mit in diese entlegene Weltgegend zu nehmen und ihm das Gefühl zu vermitteln, er wäre selber dort. Wunderbar! Grandios! Hier reicht nicht nur das selbst Erlebte hinein, sondern auch die Nachempfindung derer, die schon lange vorher diese eisige Gegend besuchten zu Forschungszwecken. Ich hoffe, dass dieser Bericht mit seinen dazugehörigen Aufnahmen in irgendeinem Journal herausgegeben wird. Dank, Dank und nochmals Dank!

  • #2

    Eva Schmelzer (Donnerstag, 16 April 2020 18:29)

    Schon das erste Foto beim Öffnen des Beitrags lässt einen dahinschmelzen bevor man nur eine Zeile gelesen hat! Und dann die Story! So eindrucksvoll geschrieben, dass man streckenweise glaubt, man sei dabei. Natürlich tragen die einmalig faszinierenden Fotos dazu bei, alles Beschriebene so anschaulich zu machen. Und dann der versöhnliche, friedliche Schlussabsatz: Endlich braucht man sich für die Zukunft dieses Gebietes einmal keine Sorgen zu machen, nichts trübt die Freude, dass es so etwas Schönes, Faszinierendes gibt!

  • #1

    Christine (Mittwoch, 15 April 2020 11:24)

    Bin sehr beeindruckt, liebe Birgit, ein sehr persönlicher Bericht mit unglaublichen Fotos! Dank an dich und Gruß an euch, Christine