Folge mir auf Facebook

Folge mir auf Twitter

Ich breche eine Lanze für das Reh

Text: Gudrun Kaspareit

21.11.2013

Rehe
(c) Gerhard Siegeris

 

Mir ist bewusst, dass ich den Unmut der Förster und Jäger unter meiner Leserschaft auf mich ziehe, aber angesichts der hoffentlich milden Weihnachtsstimmung riskiere ich es und breche eine Lanze für das Reh. Es ist schon klar, dass das Reh ein freches, wenn nicht gar bösartiges Tier ist, welches in Vorgärten einbricht, Äpfel stielt und Rosenbüsche abknabbert. Außerdem ist es dafür bekannt ganze Waldstriche kahl zu fressen. Wenn die FORSTWIRTSCHAFT überleben will, MUSS es bejagt und reguliert werden. Aber.... in meinem wirren Blondkopf formt sich doch der eine oder andere Gedanke.

Warum z. B. war damals, als wir noch in Clans von maximal 40 Leuten umherzogen, ganz Europa von Wald bedeckt? Wir waren wenige und schossen ineffektiv nur mit Pfeil und Bogen. Die Rehe konnten sich nach Herzenslust ausbreiten – und die Wälder ebenfalls.

Später wurden wir sesshaft, bauten feste Häuser, betrieben Viehzucht und Landwirtschaft und rodeten zu diesem Zwecke einen Teil der Wälder. Wir alle wissen wie die Geschichte weiter ging. Die Kulturlandschaft dehnte sich aus und verdrängte die Wälder, bis nur noch 1% der ursprünglichen Urwälder übrig blieb. (Das war aber nicht die Schuld der Rehe) Gleichzeitig wurde ein unbarmherziger Feldzug gegen konkurrierende Raubtiere geführt, die eventuell unser Vieh bedrohten. Nun war die Natur in Schieflage geraten. Keine natürlichen Feinde für die Rehe und kaum noch Wälder. (Auch nicht die Schuld der Rehe) Auf einmal waren die Rehe ein Problem, da sie sich stark vermehrten und junge Bäume anknabberten, das perfekte Argument der Herren Jäger, die Jagd zu eröffnen bzw. zu forcieren, um die Wälder (oder doch eher die Forstwirtschaft ?) zu retten.

 

Ich sehe so oft Plantagen für Weihnachtsbäume, die von stabilen Wildschutzzäunen vor Wildfraß geschützt werden, damit die Bäumchen eines wie das andere wie Klone heranwachsen, was sie auch tun. Warum werden Neuanpflanzungen von anderen Bäumen nicht ebenso geschützt ?

Auf unserer Pferdekoppel stehen alte Linden. Sie werden von einem Maschendraht geschützt, denn auch Pferde knabbern gerne Rinde und Holz. Die Bäume sind ca. 700 Jahre alt, der Schutz scheint also zu funktionieren.

Als der Sturm Kyrill die Monokulturen im Bayrischen Wald wie Mikadostäbe umkippte und durcheinanderwarf, haben die Menschen sich entschieden NICHTS zu tun und den Wald sich selbst zu überlassen. Erst kamen die Vögel und fraßen sich an den Larven der Borkenkäfer satt. Gleichzeitig hinterließen sie Samen verschiedenster Bäume. Die jungen Keimlinge konnten geschützt in dem Wirrwarr der durcheinander liegenden Stämme gut gedeihen. Nun, 30 Jahre später, ist ein gesunder Mischwald ohne menschliches Zutun nachgewachsen – mit jeder Menge Schalenwild.

 

Im letzten ursprünglichen Urwald Deutschlands, dem Hainich ist die Jagd verboten, denn dies ist ein geschützter Nationalpark. Dort habe ich gelernt, wie der Wald sich ausbreitet. Rund um den Wald befindet sich eine Savannenlandschaft. Gelegentlich wächst dort ein Dornenbusch, eine Wildrose oder eine Schwarzdorn, in dem Vögel brüten. Mit den Hinterlassenschaften dieser Vögel geraten auch Baumsamen in den Boden. Geschützt von den dornigen Gestrüppen wachsen sie heran, bis das Schalenwild ihnen nichts mehr anhaben kann. Obwohl die Rehe im Hainich nicht geschossen werden, breitet der Wald sich beständig aus.

 

Ich ging so gerne in dieser Savannenlandschaft spazieren, wann immer ich in den Himmel blickte, sah ich Raubvögel ihre Kreise ziehen. Dennoch erklangen die Gesänge der Lerchen vom ersten Morgenlicht bis zum letzten Abendstrahl. (Ich erzähle das nur, weil viele Jäger der Meinung sind, der Rückgang der Lerchen hängt mit dem Schutz der Greifvögel zusammen)

 

Aber selbst wenn ein Reh oder ein Hirsch tatsächlich Mal einen jungen Baum frisst, entsteht eine willkommene Lichtung, die einer Vielzahl anderer Pflanzen Lebensraum schafft und ist nicht mit dem Kahlschlag zu vergleichen, den die Menschen immer noch veranstalten.

 

Im Kanton Genf ist die Jagd verboten – per Volksentscheid – seit 30 Jahren. Dennoch gibt es dort jede Menge Bäume. (? )

Unter Berücksichtigung all dieser Aspekte kann ich das Geschrei der Jägerschaft nicht verstehen, die sich beschweren das Wölfe und Luchse zu viele Rehe reißen. Sagten sie nicht gerade noch, es gäbe zu viel Rehwild? Aber wer bin ich schon, ein nicht im Waidwerk ausgebildetes Blondchen.

Ebensowenig kann ich es nachvollziehen, dass in strengen Wintern gefüttert werden darf. Soll sich das Rehwild nun dezimieren oder nicht? Was ist mit survivel of the fittest? Sollte man die Natur nicht einfach machen lassen? Oder geht es doch darum, dass die Herren Jäger was zum Schießen haben? Und wenn das so ist, ist der Gedanke so abwegig, dass sie es aus Spaß an der Sache tun?

Sie wollen weder den Raubtieren noch der harten Natur die Arbeit machen lassen, sondern selber ballern (weiter möchte ich mich an diesem Punkt nicht auslassen)

 

Die Argumente gegen die Wildschweine sind noch verlogener. Sie stören niemanden außer die Landwirte. Diesen sollte man nahe legen, nicht soviel Mais anzubauen, zumal der Mais nicht auf dem Teller landet, sondern im Tank, was zutiefst unethisch ist. Weniger Mais und mehr Wölfe und das „Problem“ würde sich von selber lösen.

 

Wir sollten alle in uns gehen und uns fragen, ob wir die einzige Spezie sind, die sich ungehemmt ausbreiten und vermehren darf, Wald und andere Natur zerstören kann, überall ihren Müll hinterlassen soll und die übrige Tierwelt dafür büßen lassen will.

Reh
(c) Olivier Fiechter Reh
Kommentare: 3
  • #3

    Alexander Kaspareit (Sonntag, 01 Dezember 2013 20:53)

    Sehr gut geschrieben.
    Bin mal gespannt ob sich ein Jäger zu Wort meldet und die Ausführungen wiederlegen kann.

    Noch ein Hinweis:
    Jedem der das innere Verlangen, etwas abzumurksen, nicht unterdrücken kann, rate ich, sich eine PlayStation zu kaufen. Die Grafik ist inzwischen auf einem derart hohen Niveau das man nicht mehr unterscheiden kann, ob es echt ist oder nicht. Stellt euch den Fernseher einfach als Fenster vor. Da gibt es perverser Weise inzwischen auch zahlreiche Jäger-Spiele. Für jeden Kontinent ein eignes Spiel. Wer also auch gerne mal Weißkopfadler, Grizzlybären oder Löwen, Elefanten oder Krokodile töten will, braucht nicht wie Carlos sein Gesicht verlieren sondern bequem und kostenschonend auf der Couch morden.
    Dann braucht man noch nicht mal mit dem hässlichen Lada von Hochstand zu Hochstand bleiern.
    Waidmanns heil

  • #2

    Heino Kopia (Sonntag, 01 Dezember 2013 15:20)

    Ja, die "Lanze" breche ich gerne mit. Das der Mensch auch selber ein Problem darstellt, wird in dem Zusammenhang immer vergessen. Da gibt es natürlich keine Abschußliste ... aber, die Natur wird es irgendwann alleine regeln.

  • #1

    Eva Schmelzer (Sonntag, 01 Dezember 2013 12:27)

    Du hast in jedem Punkt den Nagel auf den Kopf getroffen, Gudrun. Es ist empörend, wie verlogen, naturfern und verantwortungslos entschieden und gehandelt wird. Ich bin sehr wütend und traurig.