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Der entscheidende Augenblick oder wie alles begann

Text und Fotos: Jürgen Engelmann

2812.2018

Bussard
(c) Jürgen Engelmann

Der entscheidende Augenblick oder wie alles begann

 

Der Winter hatte in diesem Jahr alle Register gezogen. Das Land lag lange schon unter einer dicken weißen Decke. Starker Frost hatte über Wochen alles erstarren lassen und ließ dem Frühling, der in den Startlöchern kauerte, keine Chance. Der Winter wollte einfach nicht gehen.

An einem dieser bitterkalten Tage war ich zu Fuß unterwegs in einer uralten, unbewirtschafteten, längst verwilderten Obstplantage, die zu dem Bauernhof gehörte, auf dem ich zu dieser Zeit lebte.

Der gefrorene Schnee knirschte unter meinen Filzstiefeln. Zuweilen bekam ich eine zurück schnellende Gerte ins Gesicht. Der stechende Schmerz zwang mich zu einem kurzen „Au“.

Durch das nahezu undurchdringliche Dickicht waren dünne Vogelstimmen zu hören.

Sonst war es still.

Ich quälte mich halb gebückt durchs Gebüsch, immer einen Arm zum Schutz vor das Gesicht haltend, als ich in Sichtweite auf einem Ast einen Mäusebussard sitzen sah, der, so sah es aus, sich an seiner Beute zu schaffen machte. Im Schutz des Gestrüpps tastete ich mich von Baum zu Baum zu dem Vogel hin. Er ließ mich bis auf wenige Meter an sich herankommen.

Was ich dann sah, werde ich nie vergessen, im Leben nicht.

Auf einem alten, knorrigen Apfelbaum, der seine beste Zeit schon hinter sich hatte, saß dieser Bussard und knabberte an einem gefrorenen Apfel, den der Baum bis dahin nicht hergegeben hatte.

Mich durchfuhr ein Gefühl von Entsetzen und tiefer Trauer.

Wie groß musste der Hunger dieses stolzen Jägers, dieser Persönlichkeit der Lüfte sein, wenn er an einem Apfel knabberte.

Das war der entscheidende Augenblick, um wichtige Entscheidungen zu treffen.

Am nächsten Tag richtete ich mehrere provisorische Futterstellen ein und bestückte diese mit Futter, das dem natürlichen Futter der unterschiedlichen Vogelarten entsprach oder dem nahe kam.

Die Greifvögel bekamen Fleischportionen.

Das muss sich wohl herumgesprochen haben, wie ein Lauffeuer. Es kamen immer mehr Vögel und die Artenvielfalt wurde ständig größer. Nach dem ersten Jahr zählte ich 42 Vogelarten.

Die höchste Anzahl der Bussarde die zugleich an den Futterstellen waren, war dreizehn.

Auch zur Brutzeit und zur Zeit der Aufzucht der Jungen fütterte ich und ging dann über in die ganzjährige Fütterung.

Es war zur Tradition geworden, dass die Altvögel ihre Jungen, sobald diese flügge waren, mit zu den Futterstellen brachten und sie dort vor Ort fütterten oder sie lehrten, wie Futter aufgenommen wird. Und so wurde das von Generation zu Generation weitergegeben.

Die Vögel wurden zutraulicher, legten ihre Scheu ab und warteten morgens, wenn ich mit den Eimern und meiner Karre angeklappert kam, bereits auf mich.

Fehlten noch welche, rief ich laut oder pfiff ein bestimmtes Signal, dann kamen auch die anderen noch dazu.

Erst nach Jahren kam ich auf die Idee, das ganze Geschehen um die Futterstellen zu fotografieren.

Ich begann mit einem Tarnzelt als Deckung. Heute steht an dieser Stelle eine große Hütte, in der auch Gastfotografen Platz haben.

Und so hatte ich nicht nur die Möglichkeit mich über das bunte Treiben zu freuen, nein, ich habe in den Jahren so viel von den Vögeln und über die Vögel gelernt, auch Dinge, die in keinem Vogelbuch stehen, dass ich ihnen nur danken kann.

Das kann ich selbst mit noch größeren Futtergaben nie wieder aufwiegen.

Ich fühle mich verpflichtet und es ist mir ein Bedürfnis, sie nicht im Stich zu lassen.

Buntspecht
(c) Jürgen Engelmann
(c) Jürgen Engelmann
(c) Jürgen Engelmann
c) Jürgen Engelmann
c) Jürgen Engelmann
Kernbeißer
(c) Jürgen Engelmann Kernbeißer
Kommentare: 2
  • #2

    Erika (Mittwoch, 23 Januar 2019 18:11)

    Erstaunlich ist Deine Erzaehlung,lieber Jueregen und so spannend , dass die Intensitaet Deines Dich langsam durch unzugaengliches Dickicht Zwaengens,ploetzlich in eine schier unglaubliche Aufloesung muendet: der stolze Greifvogel kann seinen Hunger nur an einem gefrorenen Apfel stillen.
    Es wurde von da an Dein oberstes Gebot, alle Voegel mit entsprechend passender Nahrung in Zeiten der Not zu fuettern und bald danach war es fuer alle Voegel eine ganzjaehrige Fuetterung. Ich bin sehr froh, dass Du es so machst. Eine Ganzjahresfuetterung ist wirklich wichtig, um dem Rueckwaertsgang aller Vogelarten entgegen-zu-wirken

  • #1

    Eva Schmelzer (Dienstag, 15 Januar 2019 17:51)

    Eine sehr emotionale Geschichte, die tief ins Herz geht. Und die Fotos sind einmalig schön, so schön, dass ich jedes Einzelne immer wieder bestaunt habe auf dem sehr großen Bildschirm meines PCs. Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass ich niemals eine schönere Seite über Vögel gesehen habe, und zwar in Wort und Bild.