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Stockenten

Text und Fotos: Jürgen Engelmann

22.11.2018

(c)  Jürgen Engelmann
(c) Jürgen Engelmann

Schnattchen

Sie war zurückgeblieben, klein, hatte ein verdrehtes Bein und humpelte ihren Geschwistern stets hinterher.

Ein armseliges Stockentenküken, von den Anderen ausgestoßen und beim Fressen vertrieben.

Mit ein paar Extrahappen hatte ich bald ihr Vertrauen gewonnen. Jetzt war ich die Entenmutter, die sie heranwachsen ließ.

Schnattchen, so nannte ich sie, folgte mir auf Schritt und Tritt bei meinen täglichen Fototouren an den Klosterseen. Mal schwimmend am Ufer entlang, mal hinter mir herlaufend, wie ein Hund.

Wir waren unzertrennlich geworden.

Kam ich morgens zum See, rief ich sie mit Namen oder pfiff ein bestimmtes Signal,  tauchte sie, immer noch humpelnd aber freudig erregt, auf.

So ging das Woche für Woche. Ab und zu war sie mal für einen Tag verschwunden. Umso größer war die Freude beim Wiedersehen.

Doch dann blieb sie ganz weg.  Was ist passiert ? War sie einem Fuchs zum Opfer gefallen?  Sorge umtrieb mich.  Es vergingen Wochen.

Doch da, eines Tages tauchte sie auf, in ihrem Gefolge neun kleine Entenküken.

Alle anderen Enten, die Junge mit sich führten, schwammen sofort in sichere Deckung.  Schnattchen dagegen zeigte mir täglich stolz ihren Nachwuchs, der sich ebenfalls an  mich gewöhnte.

So verbrachten wir viel Zeit miteinander.

Dann, ihre Jungen waren zu stattlicher Größe herangewachsen, geschah etwas,  womit ich, bei aller Vertrautheit, niemals gerechnet habe.

Ich hockte am Ufer und fotografierte jagende Graureiher.

Schnattchen kam mit ihrem Gefolge angeschwommen, kletterte samt Nachwuchs  aus dem Wasser, kam auf mich zu und überließ mir die ganze Rasselbande, um sich  allein wieder ins Wasser zu stürzen. 

Eine halbe Stunde schwamm sie, tauchte ab und wieder auf, schüttelte sich und prustete, als  hätte sie zum ersten Mal Wasser unterm Kiel.  Sie kam wieder heraus, nahm ihre Jungen und alle verschwanden wieder gemeinsam.

Ich war gerührt von so viel Vertrauen.

Stockenten
(c) Jürgen Engelmann

Was fällt denn da vom Himmel ?

Plötzlich tauchten sie hoch oben am Himmel auf. Sie kamen über die hohe Baumgruppe geflogen, die beide Teiche voneinander trennt. Den im Hintergrund und den, auf dem diese Gruppe Stockenten sogleich landen, oder besser, wassern wird.

Letzterer ist nicht groß und darum fehlt den Enten die Möglichkeit, ihren Flug auf dem Wasser gleitend zu beenden.

Sie haben für solche Engpässe eine ganz besondere Landetechnik entwickelt.

Sie fallen ein.

Sind sie über ihrem Landeziel, dann beenden sie ihren horizontalen Flug, breiten ihre Flügel aus, ohne damit zu schlagen, strecken ihre Körper und öffnen die Schwimmhäute, um der Luft beim Fallen eine möglichst große Fläche zu bieten. Das verringert die Fallgeschwindigkeit.

Ganz im Gegensatz zu dieser humorlosen Beschreibung sieht der Vorgang des Einfallens lustig aus.

Als hingen sie wie Marionetten an einem Spielkreuz, taumeln, mal nach links, dann wieder nach rechts wankend, sieben ausgewachsene Stockenten der Wasserüberfläche entgegen.  Gerade so, als hätte oben im Himmel jemand einen Sack voll Enten ausgeschüttet.

Noch ganz oben, erwecken sie den Eindruck einer Gruppe bunter Edelsteine.D as relativiert sich dann aber, wenn sie ins Wasser hineinplumpsen.  Der ganze Fall ist von Entenschreien begleitet, dass man meint, sie gäben sich Kommandos. 

Dieses Trompetenkonzert mündet nach der erfolgreichen Ankunft im Wasser in einem  alles übertönenden Geschnatter.

Jeder schnattert auf jeden ein, um ihm seinen Flug zu schildern. Begleitet wird diese Geschwätzigkeit durch wiederholtes Flügelschlagen, um den Stress abzubauen.

Unermüdlich wackeln sie dabei mit ihren Schwänzchen.

Die ganze Prozedur erinnert an eine Kindergartengruppe, die sich auf einen Zoobesuch freut.

Dann kehrt Ruhe ein. Es war alles beschnattert.

Gemeinsam geht es nun ans nächste Abenteuer.

Erpel
(c) Jürgen Engelmann

Der taumelnde Erpel

Der Tag hatte sich herausgeputzt, auch die Menschen, die unterwegs waren.  Das Wetter war freundlich-fröhlich.

Alles passte an diesem Tag irgendwie zusammen.

Es war Christi Himmelfahrt.

Wieder einmal war ich an den Klosterteichen unterwegs, als mir auf dem Uferweg  ein Stockenten - Mann in hohem Tempo entgegengelaufen kam.

Allein, dass er lief und nicht flog, war merkwürdig.

Noch merkwürdiger aber war, wie er lief.

Fast überschlug er sich. 

Der hat es wohl einigen Wanderern gleichgetan und ein wenig gefeiert.

Vielleicht in Danziger Goldwasser gebadet ?

Anders war das Taumeln nicht zu erklären.

Wir kannten uns vom Sehen. Ich sprach ihn an und fragte nach seinem Befinden. Daraufhin erklärte er mir seine Verrenkungen.

Wir landen gewöhnlich auf dem Wasser und gleiten unseren Flug mit den Füßen und Flügeln bremsend aus. Das geht gut und ist angenehm, sagte er. Landen wir jedoch auf Land, was sich nicht immer vermeiden lässt, gibt es eine plötzliche harte Landung.

Und weil sich auf Land nicht gleiten lässt, müssen wir den Überschuss an Geschwindigkeit  auf andere Art abbauen.

Entweder wir machen nach dem Aufsetzen ein paar Purzelbäume oder wir rennen unkontrolliert  und schwankend einige Meter, bis wir zum Stehen kommen. Genau das habe ich eben getan, beendete er seinen Vortrag.

Wie schnell hat man oft ein falsches Urteil gefällt, dachte ich

und musste dennoch ein wenig über meine Gedanken schmunzeln.

Kommentare: 3
  • #3

    Jürgen Engelmann (Samstag, 29 Dezember 2018 21:35)

    Liebe Eva, liebe Erika, immer wieder bin ich erstaunt über eure Fähigkeit, Details aus meinen Geschichten herauszulesen und sie zu einem Fazit zusammenzuführen, das mich ehrt. Herzlichen Dank dafür.

  • #2

    Erika (Dienstag, 18 Dezember 2018 08:16)

    Diese entzueckend gestaltete Schnatter Geschichte gibt mir erneut das Erkennen,dass Juergen Engelmann als ebenbuertiger Nachfolger von Manfred Kyber gilt. die gleiche,grosse, nie endende Liebe zur Natur.Das genaue Beobachten und Erkennen sehr aehnlich gelagerter menschlicher Reaktionen. Dass die Ente ihm ihre fast erwachsenen Jungen anvertraut fuer eine Pause eigener Jagd und Entspannung---das haette Manfred Kyber ein dankbares Laecheln gegeben.

  • #1

    Eva Schmelzer (Samstag, 15 Dezember 2018 14:40)

    Was für ein besonderer Mensch muss Jürgen Engelmann sein, dem ein Wildtier seine Jungen anvertraut! Es muss da ein Band geben das verbindet, und das nur ganz selten ist, etwas viel Größeres ist als die reine Liebe zur Natur.
    Ich begegne Stockenten recht oft bei meinen Spaziergängen in den innerstädtischen Parks, und tatsächlich habe ich die "vom Himmel fallenden Enten" auch schon beobachtet und habe nun eine Erklärung dafür. Auch habe ich mich bereits mit einigen Enten unterhalten, die ich vom Sehen kannte, explizit mit einer, die meist kommt, wenn ich auf einer sehr abgelegenen einsamen Bank sitze. So wie Jürgen Engelmann es schreibt, sprach auch ich sie schon öfter an und fragte nach ihrem Befinden. Leider blieb sie meist stumm, manchmal allerdings schnatterte sie mir ganz, ganz leise etwas zu. Dass sie mir allerdings Erklärungen auf Fragen gibt, so wie Jürgen Engelmanns Erpel es getan hat, ist mir noch nicht passiert. Es liegt wohl nicht an der Ente, sondern an meiner Unfähigkeit ihre Sprache zu deuten.