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Geschichte über die Jahreszeiten

Text: Jürgen Enelmann

09.03.2019

Ich weiß, das schrieb ich bereits, dass es angenehmer ist, Bilder anzuschauen, statt lange Geschichten zu lesen.
Und ich weiß auch gar nicht, ob das, was ich schrieb, unmittelbar mit dem Wald zu tun hat. Mittelbar schon.
Was ich weiß ist, dass sich nicht alle über diese Geschichte herstürzen werden, vielleicht bleibt sie auch gänzlich ungelesen. Dann habe ich es aber wenigstens versucht.
Das ist doch auch schon nicht schlecht.

Es ist eine, nicht ganz ernst zu nehmende Geschichte über die Jahreszeiten, die ins Alter gekommen zu sein scheinen.

Ausdauer ist gefragt - dafür biete ich völlig neue Sichtweisen.

Wer nicht mehr kann, darf zwischendurch aufhören......und morgen weiterlesen. Bilder habe ich weggelassen, so viel möchte ich nun wirklich keinem zumuten.

Lesedauer, einschließlich atmen und gähnen, 3 min.

Irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas stimmt mit den Jahreszeiten nicht.
Die machen nicht mehr das, wofür sie da sind. Es sind ja vier Brüder. Der duftende Frühling, der warme Sommer, der stürmische Herbst und der kalte Winter. Zu der Zeit, als ich Kind war, haben sie ihre Aufgaben noch sehr ernst genommen. Da waren sie sich einig, wer von wann bis wann regiert. Sie haben sich gegenseitig respektiert und jeder hat dem anderen nicht ins Handwerk gepfuscht.
Der Frühling war immer schon der Hebamm für die Wiedergeburt des Lebens nach dem kalten Winter. Er ließ wachsen und blühen, bemalte in den schönsten Farben das Land und war verantwortlich für die Gefühle, die seinen Namen trugen.
Rechtzeitig übergab er die Verantwortung an seinen Bruder, den Sommer.
Dieser ließ die Temperaturen steigen, setzte die begonnene Arbeit des Frühlings fort, machte aus den Blüten Früchte und sorgte für Wachstum im wahrsten Wortsinn.
War diese Aufgabe erfüllt, übernahm der Herbst die Vollendung des gemeinsamen Werkes. Er sorgte dafür, dass die Früchte reiften, schickte zuweilen seinen Freund den Sturm ans Ruder, um das schlechte Obst von den Bäumen zu schütteln, damit auch die Kleintiere am Boden in dessen Genuss kamen. Er brachte ganze Dörfer in Bewegung um zu ernten, damit Stall und Scheune gut gefüllt waren und alle satt durch den Winter kamen.
Auch den Regen bat er um Hilfe, der den Staub des Sommers abwusch.
Als letzte Aufgabe blieb ihm, das bunte Laub aus den Bäumen zu pflücken. Dann zog er sich, den Temperaturregler vorher noch herunter gedreht, zurück.

Ab jetzt übernahm der Winter das Kommando. Dieser hatte zwei gute Freunde, den Frost und den Schnee. Diese drei waren damals unzertrennlich, traten stets gemeinsam auf. Der Schnee deckte die Saat auf den Feldern zu, damit sie nicht erfror, sorgte dafür, dass die Kinder Schneemänner bauen, Rodeln und Ski laufen konnten. Der Frost sorgte dafür, dass die Schlittschuhe nicht einrosteten, dass die Schneemänner ein langes Leben hatten und dass an den Fensterscheiben die Eisblumen blühten.
So hatte jeder der Brüder seit Menschengedenken seine Aufgaben, die jeder auch gewissenhaft erledigte.

Die Erwachsenen und auch die Kinder konnten sich auf die vier Brüder verlassen. Und jeder der Brüder war gern gesehen. Sie huldigten ihnen mit Liedern und Gedichten. „Nun will der Lenz uns grüßen“, „In frischer Luft und Sonnenschein“, „Bunt sind schon die Wälder“, „Leise rieselt der Schnee“. Für jede Jahreszeit gab es unzählige Lieder. Das war der Dank aller, an die vier Brüder.

Nun sind sie in die Jahre gekommen und scheinen ihre Aufgaben aus Altersgründen nicht mehr so genau zu nehmen. Oder haben sie sich am Ende zerstritten ? Kurzum – es ist kein Verlass mehr auf die Vier.

Der eine kommt zu früh, der andere zu spät, der Sommer ist zu kalt, der Winter zu warm. Oder sie handeln nach Laune. Mal sind sie nicht zu spüren, dann wieder übertreiben sie. Sie sind unberechenbar geworden.
Die Lieder und Gedichte passen nicht mehr, müssten umgeschrieben werden - „Der Lenz will nicht mehr grüßen“, „In dünner Luft mit Sonnenbrand“, „Tot sind schon die Wälder“, „Leise rieselt der Staub“. So müsste es heute klingen.
Wo nur soll denn das hinführen ? Wenn das so weitergeht, haben wir bald gar keine Jahreszeiten mehr. Dann muss das Jahr ganz alleine klarkommen – und wir erst recht !

Irgendetwas stimmt nicht. Ich glaube, ein ernsthaftes Wort reicht da nicht mehr aus.

J. Engelmann
Febr. 2019

Wohin geht unsere Reise

 

Uns hilft kein Gott und keine fremde Macht,
die haben ihre Augen längst verschlossen.
Sie sahen, wie wir Öl ins Feuer gossen
und damit einen Weltenbrand entfacht.

Wird jemals noch ein Apfelbäumchen blühn,
wenn unsre Enkel reif sind, sie zu pflücken.
Wird sie der Ruf des Kuckucks noch beglücken.
Und malt der Lenz dann immer noch in Grün.

Gibt es in naher Zukunft noch den Wald.
Und wird der Wolf den Hass auch überleben.
Wird es noch Bienen, Hamster, Vögel geben,
oder ist diese Welt dann kahl und kalt.

Die Engelsflügel sind längst eingeknickt.
Wir müssen uns selbst vor uns selbst bewahren.
Verbrecher werden wir zur Hölle fahren
und Geld-Haie werden im Geld erstickt.

Sind wir die los, dann lasst uns allen Mut
zusammennehmen für die große Wende.
Dann blüht unserer Welt ein gutes Ende.
Dann fließt statt Geld durch ihre Adern wieder Blut.

J. Engelmann
März 2019

(c) Jürgen Engelmann
(c) Jürgen Engelmann

Das Bild habe ich absichtlich weichgezeichnet, als Symbol für die unabsehbare Zukunft.

Kommentare: 4
  • #4

    Jürgen Engelmann (Montag, 01 April 2019 02:56)

    Es sind die Liebe zur Natur und die Sorge um ihren/unseren Zustand, es sind die Freude und die Trauer, die damit verbunden sind, aus denen solche Geschichten entstehen. Sie sind Denkanstöße, Mahnungen und Mutmacher zugleich. Sie geben Raum für Phantasie und Interpretation. Das sagen auch eure drei Kritiken. Danke, Eva, danke, Erika, danke Marion.

  • #3

    Marion Hartmann (Dienstag, 26 März 2019 18:47)

    Selten ist mir ein solch wunderbarer, emotionaler und von Ehrfurcht getragener Bericht vor die Augen gekommen. Es ist eine Sprache, die man heutzutage nicht mehr erwartet hätte.., die personifizierten Elemente der Natur. Man muss weit in die Antike zurückgehen oder auch in die alten Klöster, um dasjenige zu finden, was wirkliche Interaktion zwischen Mensch und Natur war.., dieses Ineinander aufgehen, was Voraussetzung war, die Vorgänge in der Natur intuitiv zu erfassen. Lieber Jürgen, ich bin zutiefst beeindruckt von diesem Text, welcher nicht an der Oberfläche kratzt, sondern direkt aus der Seele steigt. Auch das Gedicht ist einzigartig! Herzlichen Dank!!

  • #2

    Erika (Sonntag, 17 März 2019 09:34)

    Jahreszeiten.
    Ein positiver Beginn liegt in der Familie.Eltern tragen Verantwortung fuer die Erziehung, nicht die Schulen, welche sie spaeter besuchen. (Gelegntlich kann ein Lehrer zum Vorbild werden oder frueh eine besondere Begabung erkennen). Am wichtigsten sind Grosseltern, welche durch lange Erfahrung und eine gewisse Distanz Einfluss nehmen koennen. Die Liebe zur Natur, zu wilden Pflanzen und wilden Tieren kann nicht frueh genug beginnen. Deshalb muesste jedes Kind eine kleine eigene Bibliothek haben. Kinder moechten hauefig die gleichen Geschichten hoeren oder sie erzaehlen selbst an Hand von Bildern, was zu sehen ist und was passiert.. Buecher muessen jederzeit erreichbar sein.Wichtig ist die Fantasie, welche Kindern angeboren ist, das Erfinden und Zeichnen, Malen von Spielzeug, oder erdachten Wesen, So etwas zu beobachten, ist wunderbar. Ganz wichtig ist das Singen. Je frueher die Mutter ihr Kind zum Selber- Singen bringt, um so besser. Es ist moeglich, ein Kind unter drei Jahren zum reinen Intonieren zu bringen, durch das Vorbild der Mutter im Wechselgesang mit ihrem Kind. Solche Erziehung ist eine Garantie fuer fortlaufend positive Entwicklung. Unsere Kinder und Enkel muessen mit den rechten Dingen ihr Leben beginnen, Technologie wird sie spaeter sowieso erreichen.

  • #1

    Eva Schmelzer (Samstag, 16 März 2019 13:45)

    Stell Dir vor, lieber Jürgen Engelmann, ich habe Deine Geschichte über die in die Jahre gekommenen Jahreszeiten (nettes Wortspiel) in einem Rutsch gelesen, einschließlich des Mut machenden Gedichtes, denn zum Aufhören zwischendurch war es viel zu schön! Hoffen wir auf das gute Ende und helfen wo wir können, dass es eine Chance gibt. Und dass die Jahreszeiten wieder die Kraft haben werden, so zu herrschen wie es ihnen bestimmt ist - oder dass sich die Vier ganz einfach wieder vertragen und der eine dem anderen nicht wegnimmt, was ihm nicht zugedacht ist, damit das Jahr wieder ruhig dahinfließen kann.