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Fridolin, der Eichelhäher

Text und Fotos: Jürgen Engelmann

21.11.2018

Eichelhäher
(c) Jürgen Engelmann

Fridolin – schlau, listig, ideenreich...

Einer unserer schönsten, schlauesten und verkannten einheimischen Vögel ist der Eichelhäher.

Die meisten Menschen, die ihn gesehen und gehört haben, kennen ihn als krächzend, schreienden Vogel der lauthals das Weite sucht, kommt man ihm zu nahe und dabei noch den ganzen Wald in Alarmbereitschaft versetzt.

Das ist aber nur eine Seite . Doch er hat viele.

Wenn ich meine Futterstellen bestücke, sitzt einer von den sechs Eichelhähern, die ständig mein Futter in Anspruch nehmen, bereits ganz in der Nähe auf einem erhöhten Platz, von dem aus er alle Futterstellen einsehen kann. Der dort sitzt heißt Fridolin.

Aber von vorn.

Als ich mit der Fütterung anfing, war es sehr ruhig um die Futterstellen. Es dauerte einige Wochen, bis sich auch in der Ferne herumgesprochen hatte, dass es hier bei mir für jede heimische Vogelart  etwas zu holen gibt. Nun könnte man aus Erfahrungen vom eigenen Futterhäuschen vermuten, dass sich zuerst die Meisen und Rotkehlchen, also die immer präsenten Kleinvögel einstellen.

Aber es war anders. Zuerst kamen die Eichelhäher, dann die Anderen.

Und die Häher hielten sich nicht nur an die für ihre Art bestimmten Nüsse, Mandeln und Eicheln, nein sie schauten zunächst überall nach, ob nicht noch irgendwo etwas Besseres zu holen war.

Und so plünderten sie zunächst immer erst die Mehlwürmer, die für die Kleinvögel gedacht waren. Erst wenn sie davon genug hatten, besannen sie sich auf ihre hauptsächliche Nahrung.

Einer von ihnen war darin besonders fleißig, ich nannte ihn Fridolin.

Ich rief ihn auch so im Zusammenhang mit der Futterbereitstellung.

Zuerst hielt ich die Mehlwürmer zurück. Er flog alle Stellen an und vermisste die Mehlwürmer, die richtigerweise Mehlkäferlarven heißen.

Hüpfte aufgeregt von Ast zu Ast, flog von Baum zu Strauch und schimpfte krächzend vor sich hin. Setzte er sich dann und schaute zu mir herüber, gab ich demonstrativ Mehlwürmer in eine Futterschale und rief dabei mehrmals seinen Namen. Und er kam, weil er die Mehlwürmer sehen konnte.

Das machte ich einige Wochen so, dann änderte ich meine Vorgehensweise.  Zuerst rief ich jetzt seinen Namen und er kam. Erst dann bekam er seine Extraportion Lebend-Futter.

Mit der Zeit verlor er seine Scheu immer mehr und kam bis auf drei Meter an mich und meinen Unterstand heran, um zu betteln. Er ließ sich von nichts stören, nicht vom Klappern der Futtereimer, im Gegenteil, das war Musik für ihn, nicht vom Auslösegeräusch der Kamera und auch nicht von meinem Schimpfen, wenn er sich an allen Futterstellen das Beste heraussuchte.

Er wurde richtig keck.

Seine Zutraulichkeit gab mir die Gelegenheit sehr gute Bilder von ihm zu machen, er posierte regelrecht, als gefalle ihm das. Ich erkannte Einzelheiten, die sich von Ferne nicht so deutlich und schön darstellten.

Es war einfach ein Vergnügen, mit Fridolin den Tag zu verbringen.

Laut hatte ich ihm das „Du“ angeboten, dass er annahm, um sich noch mehr Frechheiten herauszunehmen. Denn plötzlich entdeckte er für sich das Fleisch, das für die Greifvögel vorgesehen war und das ich an Haken aufgehängt hatte. Die Greifvögel, vornehmlich die Bussarde hatten gelernt, das Fleisch auszuhaken und damit davonzufliegen.

Das hatte sich Fridolin angeguckt, hat das Fleisch ausgehakt, aber da es für ihn zu schwer war, ließ er es fallen und hakte das nächste Stück aus. Und so hatte ich Mühe unter Schimpfen, alles wieder anzuhängen.

Manchmal hatte ich den Verdacht, er macht das nur, um mich zu ärgern. Später reichte ein scharfer Blick und eine drohende Armbewegung und er ließ davon ab.

Und dann hat mir Fridolin eines Tages seine Frau vorgestellt.

Beide saßen sie über meinem Unterstand auf einem trockenen unbelaubten Ast, kuschelten  miteinander und sangen sich dabei ganz leise, zart und lieblich etwas vor.

So etwas Schönes hatte ich von Eichelhähern bis dahin weder gesehen noch gehört.

Es war wohl ein Liebeslied, das beide sangen.

Ich war plötzlich wie gelähmt und hab wohl für eine ganze Weile den Mund nicht wieder zubekommen.

Von wegen Schreihals...

Eichelhäher
(c) Jürgen Engelmann

Demut

Eichelhäher
(c) Jürgen Engelmann

Demut

Längst hätte der junge Eichelhäher ein eigenes Revier haben müssen.

So wie seine Geschwister, die sich im Herbst von den Eltern trennten, um auf  eigenen Flügeln zu fliegen.

Es war bereits Winter geworden. Schnee und Kälte trieben die wilden Tiere an die vom Menschen angelegten Futterstellen. Auch die Vögel. Auch den kleinen Eichelhäher zog es dort hin.

Vergebens hatten seine Eltern ihn zu verjagen versucht.

Er wollte sich einfach nicht von ihnen trennen. Warum auch ?

Lange hatten sie den kleinen Kerl mit Futter versorgt. Dann musste er lernen, sich selbständig um sein Futter zu kümmern.

Wie gut, dass es in ihrem Revier eine Futterstelle gab. Die suchte er anfangs noch mit den  Eltern gemeinsam auf. Doch dann vertrieben sie ihn auch von dort.

Doch so schnell gab der Kleine nicht auf.

Fortan wartete er in der Nähe der Leckereien auf einem Baum, bis die Eltern satt die Futterstelle  verließen. Dann stopfte er sich hastig die Nüsse, Mandeln und Eicheln in den Schlund.

So gefiel es ihm. Es ging auch einige Zeit gut.

Eines Tages, er saß wieder allein beim Fressen an der scheinbar unversiegbaren Futterquelle,  kam der Vater zurückgeflogen, setzte sich auf das andere Ende des Astes, auf dem sein Sohn saß und fing fürchterlich laut an zu schimpfen, dass es im ganzen Wald zu hören war.

Der junge Eichelhäher legte, sobald der Vater zu schimpfen begann, seinen Kopf auf den mit Schnee bedeckten Ast und hörte sich ganz ruhig das Konzert seines Vaters an. 

Als dieser fertig war, hob der Kleine seinen Kopf, schaute noch ein letztes Mal zu seinem Vater  hinüber und flog davon.

Ich habe ihn nie wieder gesehen.

 

Eichelhäher
(c) Jürgen Engelmann
Kommentare: 4
  • #4

    Jürgen Engelmann (Samstag, 29 Dezember 2018 21:00)

    Vielen Dank, Eva, Marion und Erika für euer Interesse an meinen Beiträgen und für eure Sicht auf die Geschichten. Ich freue mich !

  • #3

    Erika (Dienstag, 18 Dezember 2018 07:54)

    Solch detaillierte Beschreibung einer lange-dauernden Beobachtung der Eichelhaeher, des Juengsten Fridolin besonders und mit bewusster menschlicher Beeinflussung, bringt gute Ergebnisse. Auch sollen die Vorzuege des Eichelhaehers bewiesen werden, sein Beobachten, Abwarten bis die Eltern gesaettigt sind. Doch das Schoenste kommt zum Schluss. Der Vater gibt Fridolin eine lange Erklaerung, dass er sein eigenes Revier finden muss. Das wirkt,trotz der Trauer fuer Juergen, sodass Fridolin danach verschwunden blieb.

  • #2

    Marion Hartmann (Montag, 17 Dezember 2018 23:30)

    Lieber Jürgen, mich begeistern Deine Vogelbeobachtungen sehr, einbezüglich Deiner wunderbaren Fotografien. Immerhin, man lernt mehr aus Beobachtungen als aus Büchern.
    Danke für die Eichelhäher!

  • #1

    Eva Schmelzer (Samstag, 15 Dezember 2018 14:19)

    Diese ganz persönliche Beziehungs-Geschichte von Mensch und Vogel zu lesen ist um so vieles schöner als jede sachliche Dokumentation. Sie baut eine herzliche Beziehung auch zum Leser auf, ergänzt durch die wunderbaren Fotos. Man lernt diese Tiere auf eine einmalige Art kennen, ist streckenweise amüsiert, vor allem aber auch bis ins Innerste gerührt.