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Das Nutria

Text und Foto: Jürgen Engelmann

09.03.2019

Nutria
(c) Jürge Engelmann Nutria

Der Letzte

Niemand weiß, woher sie kamen. Sie waren einfach da, gehörten zum Bild der Teich-Landschaft..
Für Einheimische ein gewohntes Bild, für Kurgäste und Urlauber eine zusätzliche Sehenswürdigkeit - die Nutrias.
Sie teilten sich den Teich mit den Stockenten und nahmen gern das zusätzliche Futter der vielen Besucher an. Vor allem die Kurgäste brachten zu Hauf das, was von ihren Mahlzeiten an Weißbrot, Obst und Gemüse übrig blieb. Sie glaubten, den Tieren Gutes zu tun.
Aber das Gegenteil war der Fall. Durch das Überangebot an Essensresten vernachlässigten die Nutrias die Aufnahme natürlicher Nahrung. Das hatte zur Folge, dass sich ihre Nagezähne nicht mehr abnutzten, sondern immer länger wurden. Jetzt waren sie auf das weiche Zusatzfutter angewiesen, weil sie mit ihren überlangen Zähnen nicht mehr nagen konnten. Keiner vermag zu sagen, warum die Nutrias nach und nach immer weniger wurden. Mutmaßungen, Behauptungen, Verdächtigungen machten die Runde.Bis heute gibt es keine plausible Erklärung dafür. Und so kam der Tag, an dem ich feststellte, dass nur noch ein einziger Nutria am Leben war.
Um mir seinen Zustand genau anzusehen, lockte ich ihn ans Ufer und war entsetzt. Er war abgemagert. Das Fell hing auf den Knochen, wie ein Hemd auf einem Kleiderbügel. Seine oberen Nagezähne wuchsen bereits in den Unterkiefer. Er litt Hunger, weil die Leute das Füttern eingestellt hatten. Ich beschloss, um ihn von seinem Leiden zu befreien, ihn töten zu lassen.
Da hatte ich mir aber was vorgenommen. Veterinär-Amt – dafür gebe es keine Gesetzte, weil es kein heimisches Tier ist.
Jagdbehörde – in besiedelten Gebieten darf nicht geschossen werden.
Nicht zuständig, keine finanziellen Mittel, so ging das reihum.
Letzte Möglichkeit Tierarzt – fange ihn ein, bring ihn her, dann schläfere ich ihn auf deine Kosten ein. Ich bat einen Freund, mir beim Einfangen zu helfen. Leider kamen wir zu spät.
Der letzte Nutria einer einst lebhaften Population hatte aufgegeben.

Mein Neffe Stephan, der mich oft begleitet, schaut ebenfalls nach dem Zustand der Zähne, da waren noch mehrere Tiere am Leben.
Jeder wird seine eigene Meinung zum Umgang mit Exoten im Allgemeinen und Nutrias im Besonderen haben. Manche finden sie niedlich, Andere verfluchen sie, weil sie Wege unterhöhlen. Egal, wie, es sind in erster Linie Tiere, die nicht leiden sollen. Davon hatte ich mich leiten lassen.
Kommentare: 2
  • #2

    Eva Schmelzer (Mittwoch, 22 Mai 2019 17:02)

    Ach, was für eine ergreifende, zu Herzen gehende Geschichte! Aber es ist nicht nur das erbärmliche Schicksal der Nutrias und vor allem des Letzten, sondern auch die Kaltherzigkeit derer, die Jürgen Engelmann um Hilfe bittet, das Tierchen zu erlösen und nicht langsam und qualvoll sterben zu lassen. Sie haben sich abgewendet, sich mit Vorschriften herausgeredet, als handele es sich um eine lästige Sache, mit der man nichts zu tun haben möchte. Armer, kleiner Kerl, arme Brüder und Schwestern – armer Jürgen Engelmann, der das erleben musste...

  • #1

    Erika (Freitag, 17 Mai 2019 21:47)

    Nutria, Coypu, Myocastor coypus
    Das Nutria wurde von Suedamerika herkommend, zuerst in Nordamerika ausgesetzt. Es passierte gelegentlich, dass wohl-meinende Naturschuetzer einige Tiere freiliessen. Man hielt sie ihrer Pelze wegen.. Und Coypu waren eigentlich immer zur Paarung bereit, da ein junges Weibchen schon nach 6 Monaten Nachwuchs haben konnte.
    Das Nutria graebt unter Wasser eine riesige Hoehle mit mehreren Gaengen, weil eigentlich immer unter einem fuehrenden Maennchen mehrere Familien wohnen.
    Ihre langen Barthaare, vier lange, orangfarbene Schneidezaehne, viele Zaehne, die winzige kurze Nase, kleine Augen und Ohren, Vorderfuesse mit 5 Zehen, laengere Hinterfuesse mit verbundenen Zehen, bis auf die kleinste Zehe, ein gedrungener Koerperbau und kleiner Kopf machen das Nutria zu einer auslaendisch interessanten Tierart.
    Alles waere gutgegangen, wenn keine neugierigen Touristen dazwischengetreten waeren. Man weiss es aus mehreren Naturforschungsfilmen in Deutschland, dass Biber und Coypu sich gut vertragen, auch wenn sie etwa die gleiche Beute jagen. Die unwissenden Touristen aber fuetterten die Exoten mit menschlicher Nahrung und die Zaehne der Nutria blieben ungenutzt. Sie vergassen ihre urspruengliche Nahrung, die Zaehne wurden nicht mehr abgenutzt und wuchsen. Deine Lamentation auf das langsame Sterben des Coypu ist beruehrend geschrieben. Du beobachtest , dass die Touristen abreisten. Ploetzlich gab es nichts mehr , aber die Kraefte des noch lebenden letzten Coypu waren verbraucht. Er verhungerte und starb, bevor Du, lieber Juergen, ihm einen Gnadentod erkaufen konntest, denn ein Exote faellt nicht unter normale deutsche Gesetzesbestimmungen.