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Nachhaltigkeit

Unter dieser Rubrik möchte ich künftig Produkte vorstellen, die sich durch besondere Nachhaltigkeit auszeichnen.

Ressourcen schonen, die Natur entlasten, Chancengleichheit fördern, das alles kann die Menstruationstasse Ruby Cup

Ihr wollt endlich ernst machen mit dem nachhaltigen Lebensstiel? Kein Plastik mehr, keine Naturzerstörung? Dann gibt es hier neue Produkte, welche Ihr auf Eure Liste setzen könnt.

Tropical Freaks

Die Kaffee-TrinkerInnen entscheiden darüber, ob die 100.000 km² Kaffee-Anbaufläche ein naturnaher Lebensraum für Kolibris und viele andere Tiere ist -- oder Monokultur, die ohne Rücksicht auf die Umwelt billigen Kaffee produziert.

Kanwan

Fledermauskundschafter

Text und Fotos: Torsten Jäger

28.12.2021

Junge Fledermaus
(c) Torsten Jäger junge Fledermaus

Sie sehen mit den Ohren, fliegen mit den Händen, wenn sie landen und schlafen hängen sie kopfunter. 600 bis 800 mal schlägt ihr Herz pro Minute – im Winterschlaf nur zehn mal. Der Mensch hat sie schon in der Vergangenheit zu Monstern gemacht, hat ihnen Blutdurst angedichtet und andere gruselige Geschichten. Auch heute verdächtigt man sie, an der weltweiten Covid19-Pandemie beteiligt zu sein. Und doch sind sie keine Ungeheuer - nur ungeheuer faszinierend.

 

Aus diesem Grund habe ich mich vor über einem Jahr dazu entschieden, beim NABU eine Weiterbildung zum Fledermauskundschafter zu machen. Meine Aufgabe ist es seit Abschluss, mit Hilfe eines Detektors in einem festgelegten Bereich meiner Gemeinde von April bis Oktober monatlich in die Abenddämmerung zu „horchen“. Genau genommen horcht ein Gerät und stellt den Ruf grafisch dar. Ziel dieses Projekts ist es, festzustellen welche Fledermausarten sich hier tummeln. In Deutschland gibt es 25 verschiedene. Einige kommen in Wäldern vor, andere sind gebäudebewohnend. In unseren Breiten ernähren sich praktisch alle von Insekten – fliegenden, krabbelnden oder schwimmenden. Es gibt aber weltweit auch Arten, die sich von Nektar ernähren und sogar teilweise die Bestäubung bestimmter Pflanzen übernehmen. Dann existieren auch Arten, die Früchte futtern. Diese beiden Gruppen findet man hauptsächlich in den Tropen. Einige Fledermausarten fangen Fische. Und es gibt in Amerika tatsächlich auch drei Arten, die beißen Säugetiere und lecken ihr Blut. Sie gehören zur Gruppe der Vampirfledermäuse, aber mit Vampiren haben sie trotzdem nichts zu tun – und Menschen gehen sie nicht an die Kehle.

 

Meine Aufgabe als Kundschafter besteht vor allem darin, Arten oder zumindest Artengruppen anhand ihres Rufs zu identifizieren und sie online zu erfassen. Man kann die Tiere nämlich anhand ihrer Ortungslaute unterscheiden. Pipistrellus-Arten – das sind z.B. Zwerg- und Mückenfledermäuse – senden ähnliche Ultraschalllaute ab, um damit Hindernisse aber auch Beutetiere zu erkennen, sich also zu orientieren. Fliegt sie im freien Raum, ist er länger. Je mehr sie sich z.B. einer Heckenstruktur als Hindernis oder auch Jagdrevier nähert, desto kürzer werden die Laute.
Der Unterschied der Rufe dieser beiden Arten liegt in der Frequenzhöhe. Während die Zwergfledermaus in einer niedrigeren Frequenzhöhe ruft, sind Start- und Endfrequenz bei den Mückenfledermäusen höher.

(c) Torsten Jäger
(c) Torsten Jäger

Allerdings kommt es auch mal vor, wenn zwei Zwerge die gleiche Route fliegen, dass die eine dann in einer deutlich niedrigeren Frequenz ruft, als die andere. Ganz einfach, damit sich beide mit ihrem Ruf nicht in die Quere kommen, denn die Tiere orientieren sich ja am Echo ihrer ausgerufenen Laute. Auch Soziallaute gesellen sich zu den Ortungsrufen dazu, die als „Krückstocklaute“ bezeichnet werden – aufgrund ihrer Form. Damit kommunizieren die sehr sozialen Tiere miteinander. Und sagen beispielsweise: Aus dem Weg da – das ist mein Käfer…
Die Rufe der anderen vorkommenden Arten unterscheiden sich in der Rufform. So sieht z.B. der Laut einer Hufeisennase aus wie eine nach unten gewölbte Tacker-Klammer, der Große Abendsegler ist durch Rufe im sehr niedrigen Frequenzbereich zu erkennen, und am sogenannten Plip-Plop –Rufe in jeweils wechselnder Frequenzhöhe.
Die Fledermäuse verfügen über sehr unterschiedliche und komplexe Arten der Echo-Ortung.

Peilt eine Fledermaus ein Beutetier an, kann man dies am so genannten Final Buzz erkennen.

Die Abstände der einzelnen Laute verkürzen sich dabei stark, und fallen am Ende deutlich in ihrer Frequenzhöhe ab. Denn die Fledermaus ruft natürlich schneller und kürzer, je näher sie ihrem Ziel kommt, da das Echo kürzer braucht, um zu ihr zu gelangen.

 

Grundsätzlich ist Vorsicht angesagt beim Auswerten: So hat sich bei mir schon der vermeintliche Ruf eines Großen Abendseglers als das klimpernde Halsband eines Rottweilers entpuppt. Auch andere Geräuschquellen können seltsame Anzeigen auslösen und zu einer Fehlinterpretation führen. Daher gilt immer: Besser unbestimmt als falsch bestimmt.

Man muss auch beachten, dass – je nach Frequenzhöhe und Rufrichtung – der Ruf nur über eine begrenzte Entfernung aufgefangen werden kann. Je heller der Ton, desto kürzer seine Reichweite. Werden keine Rufe aufgezeichnet, bedeutet das also noch lange nicht, dass keine Fledermäuse in der Nähe sind. Sie rufen vielleicht einfach in die andere Richtung oder sind zu weit entfernt.

Neben dem monatlichen Transekt, das aus 2 km Wegstrecke quer durch die Gemeinde besteht, suche ich auch gezielt nach Quartieren und Wochenstuben von Fledermäusen. Dabei werden die

Häuser aufgrund des Datenschutzes nicht direkt verortet, sondern nur grob die Standorte eingezeichnet.

Im Juni war der Detektor jedoch überflüssig. Denn da kam die Fledermaus zu mir. Morgens stand ein Bekannter vor meiner Tür, mit einer kleinen Box in der Hand. Am Abend zuvor hatte sich eine Fledermaus mitsamt Nachwuchs in sein Wohnzimmer verirrt. Die Tiere waren dort erschöpft sitzen geblieben. Da er von meiner Arbeit wusste, kam er direkt mit den Tieren zu mir. Und ich stand erst mal da wie der Ochs vorm Berg. Zwar hatte ich darüber schon einiges gelesen, aber so weit war ich nicht in der Materie. Das sollte sich ändern! 😊

Fledermaus Alttier mit Jungem
(c) Torsten Jäger Alttier mit Jungem

Als erstes hieß es, zu schauen, ob man die Wochenstube irgendwo entdecken konnte, um die Tiere dann gegen Abend dort wieder aussetzen zu können. Als einzig erkennbare Stelle war ein Spalt am Rollladenkasten denkbar. Dort setzten wir dann die Tiere in eine Schale, damit sie möglichst selbst die Wand hoch klettern konnten. Einen Spaltkasten hingen wir ebenfalls auf, falls es doch nicht die richtige Stelle war und sie mal „abhängen“ wollten.
Doch die Sache ging schief. Während die alte Fledermaus das Weite suchte, blieben die beiden Jungen zurück.

 

Wichtig war nun, dass die Fledermäuse wieder an einem geschützten Ort bleiben konnten – nicht in der Hitze, aber bloß auch nicht zu kühl.
Ein Kollege des NABU, der sich auch mit der Versorgung der Tiere auskennt, kam dann am nächsten Tag vorbei und versorgte erst mal die beiden Jungtiere. Und dann bauten wir abends einen Sockenturm.
Es handelt sich um eine mit warmem Wasser gefüllte Plastikflasche, die man kopfunter in einer Plastikbox aufstellt. Ein Strumpf wird über sie gezogen. Am Ende wird das ganze Bauwerk an einem katzensicheren Ort aufgestellt, der aber auch gut angeflogen werden kann. Die kleinen Fledermäuse werden auf den Flaschenboden gesetzt, der ja nun die Spitze des Turms ist, und bekommen so die nötige Wärme.

Sockenturm für Fledermaus Babys
(c) Torsten Jäger "Sockenturm"

Kaum stand der Sockenturm, kamen tatsächlich erste Fledermäuse angeflogen. Doch sie stammten nicht aus diesem Haus – die Wochenstube befand sich tatsächlich einige Häuser entfernt. Man sah die Alttiere bereits nach Sonnenuntergang schwärmen. Von dort kamen nun erwachsene Tiere und schwirrten um den Sockenturm, sowie uns um die Ohren. Das war phänomenal! Und wir hatten die Hoffnung, dass beide Jungtiere wieder mit zurück in die Wochenstube genommen würden. Vielleicht war es in diesem Quartier direkt unter der Blech-Verkleidung des Flachdachs zu warm geworden. Dann kommt es nämlich durchaus vor, dass die Alttiere mit ihrem Nachwuchs einen neuen Platz suchen. Dabei klammern sich die Kleinen ans Bauchfell und lassen sich davontragen. Allerdings waren diese Kleinen mit 2-3 Lebenswochen gar nicht mehr so klein und somit kam es wahrscheinlich zur Bruchlandung.
Vielleicht würden die Jungen nun aber wieder einzeln davongetragen. Das Interesse der Wochenstube hatten wir jedenfalls geweckt – oder besser: Die Jungtiere, die bestimmte Laute von sich gaben.

 

Nachts kam dann allerdings Regen auf. Es kühlte ab – und wer mag schon gerne nasses Schmuddelwetter? Die Fledermäuse tragen Fell und wenn dieses nass wird, saugt sich das voll und so bekommen sie schnell Flugprobleme. Deshalb saß am nächsten Morgen wohl noch eines der beiden Jungtiere auf dem Sockenturm.
Und landete daher bei mir. Ich hatte erklärt bekommen, wie und womit man die Kleinen füttern darf. Es gibt eine spezielle Aufzuchtmilch und außerdem ist dringend darauf zu achten, dass die Tiere keine Flüssigkeit in die Nasenlöcher bekommen! Sie können dadurch ersticken oder eben Flüssigkeit einatmen. Während des Fütterns kann man die Tiere vorsichtig am Bauch massieren, damit sie zum Trinken angeregt werden. Färbt sich der Bauch hell, ist das ein Zeichen, dass sie ordentlich getrunken haben.
Das Kleine nahm zwar die Milch an, jedoch nicht mit großer Begeisterung. Glücklicherweise wurde es dann abgeholt und in eine Pflegestelle gebracht.

Fledermausbaby
(c) Torsten Jäger Fledermausbaby

Doch die Ruhe währte nicht lange. Denn im Haus mit der Wochenstube landeten weitere Jungtiere auf dem Balkon. Und nun war ich am Zug. Ich fütterte die Tiere, um sie zu stärken.

 

https://youtu.be/kDRHsl9MPzY

 

Dann baute ich einen eigenen Sockenturm und am nächsten Abend – das Wetter spielte zum Glück mit – hofften wir erneut auf den Fledermaus-Express. Tatsächlich wurde die kleine Maus abgeholt. Dafür tauchte eine neue auf. Sie wirkte jedoch von Anfang an kränklich und nahm nur zögerlich Milch an. Wir wagten den erneuten Versuch mit dem Sockenturm, doch es blieb vergeblich. In dieser Nacht war es auch sehr kühl. Trotz weiteren Bemühungen schaffte es die Kleine leider nicht.

Weitere Jungtiere tauchten nicht mehr auf. Und schließlich endete auch die Zeit der Wochenstuben, in der sich meist im Juni die Tiere zusammenfinden, um ihren Nachwuchs großzuziehen. 2021 war das Frühjahr lange kühl und verregnet hier in Rheinhessen, die Fledermäuse kamen daher wohl geschwächt aus dem Winter. Auch zwischendrin schlug das Wetter immer mal wieder um. Vielleicht waren sie deshalb so angeschlagen und konnten ihre Jungen evtl. auch gar nicht mehr wirklich versorgen.

Man kann trotzdem nicht mit Bestimmtheit sagen, wieso hier vermehrt Jungtiere außerhalb der Wochenstube gefunden wurden. Es handelte sich bei den Tieren um Tiere der Artengruppe Pipistrellus. Was man definitiv sagen kann: Ein gefundenes Tier gehört in die Hände von Fachleuten, auch ich hatte ja nur die Erstversorgung vorgenommen.

 

Die Tiere wirkten auf mich keinesfalls wie Ungeheuer oder Unheilbringer. Natürlich trug ich immer Einmal-Handschuhe, hielt entsprechende Hygieneregeln ein, da die Tiere selbstverständlich Träger verschiedener Krankheitserreger sind. Eine echte Bedrohung sind die Tiere jedoch nicht für uns – wir aber für sie:

Baumhöhlen fallen mit alten Bäumen, Quartiere an Gebäuden verschwinden durch Abriss und fledermausfeindlicher Wärmedämmung. Den Tieren fehlen selbstverständlich durch das Insektensterben auch die Insekten. Sie leiden unter verschiedenen Giften - DDT hatte sie massiv betroffen und ihre Bestände dezimiert. Straßen durchschneiden ihre Flugrouten und so werden die einzigen Säugetiere die fliegen können Verkehrsopfer. Aber auch Windkraftanlagen an ungeeigneten Stellen haben offenbar einen großen Einfluss auf den Rückgang der Bestände einiger Fledermausarten. Selbst in Höhlen sind die Tiere, die ein verblüffendes Alter von über 30 Jahren erreichen können, nicht sicher: Es gibt leider Berichte, dass abenteuerlustige Lost-Place-Besucher Absperrungen an den Eingängen mit brachialer Gewalt entfernen und die Tiere in ihrer besonders empfindlichen Winterstarre stören. Und selbst zum „Fledermäuse klatschen“ wird offenbar im Netz aufgerufen – und so werden die Tiere getötet.

Kriminell, barbarisch und völlig unverständlich: Denn neben ihrer faszinierenden Lebensweise, ihrer Sprache und ihrer Flugkunst, ihrem verblüffenden Körperbau und dem ausgeprägten Sozialverhalten sind sie vor allem auch eines: Nützlich! Sie ernähren sich von Insekten, halten uns Stechmücken und Schädlinge vom Leib. Daher verdienen sie unser aller Schutz.

Nicht umsonst sind die Tiere auch besonders durch das Bundesnaturschutzgesetz geschützt. Vernichtet man wissentlich Quartiere, werden empfindlich hohe Geldbußen fällig, und man gilt als vorbestraft.

Zum Schutz der Tiere gibt es viele, einfache Möglichkeiten: Alte Bäume mit Höhlen und Häuser mit geeigneten Quartierstypen erhalten, überflüssige Lichtquellen vermeiden, Spaltkästen und Fledermaushöhlen an geeigneten Bäumen und Häusern anbringen, Winterquartiere schaffen, Insekten schützen, Gifte vermeiden, Biolebensmittel kaufen. Und selbst im Garten kann man z.B. mit nachts blühenden Blumen wie Mondviole, Nachtkerze, Wegwarte, Seifenkraut Nachtfalter anlocken und somit den bedrohten und besonders geschützten Tieren etwas Gutes tun.

junge Fledermaus
(c) Torsten Jäger junge Fledermaus
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