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Die Gedanken des Manuel Weber

Text: Manuel Weber

23.11.2015

An alle Patrioten, besorgten Bürger, Nazis und sonstige kritischen Bürger,

da ich in letzter Zeit zunehmend mehr als fragwürdige Kommentare von Freunden, Kollegen und Verwandten lesen musste, seh ich mich irgendwie in der Verantwortung, mal öffentlich auf diesen Unsinn zu reagieren.

Eins vorweg, ich bin nicht links, nicht naiv, weltfremd oder geistig verwirrt. Ich bin eher konservativ, in fast allen Belangen.
Als Gutmensch würde ich mich auch nicht unbedingt bezeichnen.
Allerdings, und damit unterscheide ich mich wohl von euch, lasse ich mich lieber als Gutmensch betiteln, als dass ich mich, so wie ihr euch, als "Bösmensch" oute.

Ich sehe im Fernsehen Bilder von Kindern, die mit Panik in den Augen über eine Grenze laufen, gefolgt von Polizisten mit Schlagstöcken.
Ich sehe Bilder von Kindern, die blutend aus Trümmern eines zerbombten Hauses getragen werden.
Und eure größte Sorge ist, dass die Flüchtlinge Smartphones besitzen?
Etwas mehr Hirn und sehr viel mehr Herz würde euch gut tun.

Ich bin nicht blind, ich weiß, dass herausfordernde Zeiten auf uns zukommen. Es wird schwierig, all diese Menschen zu integrieren und das Ganze zu finanzieren.
Sicherlich ist auch nicht jeder Flüchtling zurecht hier.
Und ja, es gibt Schmarotzer, Diebe und Vergewaltiger unter den Flüchtlingen. Die gibt es nun mal in jeder Gesellschaft, in jeder Kultur und leider auch in jeder Religion.
Es gibt nette und böse Menschen - und manchmal sind die Grenzen fließend.

Aber trotzdem frage ich mich, was ihr mit eurer Hetze bewirken wollt und was eure Motive sind!

Hass erzeugt Hass, Liebe erzeugt Liebe!

Ihr schürt mit euren Einträgen nichts als Hass und Angst. Und wenn irgendwann das erste Flüchtlingsheim brennt, in dem Familien und Kinder leben, dann dürft ihr euch auf die Schulter klopfen (oder wenn der erste Politiker mit Stichverletzungen im Koma liegt).

Hier mal ein paar eurer Argumente:

"Die Flüchtlinge telefonieren umsonst, wir müssen zahlen."
Ihr bezahlt deren Telefonrechnung nicht mit euren Steuern, die Anbieter verzichten auf Roaminggebühren. Ihr habt keinen Nachteil dadurch. Das Handy ist die einzige Möglichkeit, Kontakt mit ihren Verwandten zu halten.
Wenn euer größtes Problem ist, dass die umsonst telefonieren, dann schickt mir bitte eure Telefonrechnung, ich regel das schon irgendwie, wenn ihr dann wieder ruhig schlafen könnt.
Es sagt viel über einen aus, wenn man neidisch ist auf Flüchtlinge, weil die umsonst telefonieren dürfen.

"Kümmert euch erstmal um unsere Obdachlosen, bevor ihr euch um die Flüchtlinge kümmert."
In Deutschland lebt keiner auf der Straße, der nicht dort leben will. Jedem steht hier eine Wohnung zu, ob verdient oder nicht.
Wie oft habt ihr denn letzten Winter Obdachlose in eurer Nähe mit Suppe, warmen Getränken oder Kleidung versorgt? Wo ist denn euer eigenes Engagement, wenn ihr euch so um die Obdachlosen sorgt?

"Für unsere Schulen und Straßen ist kein Geld da, aber für Syrer."
Wenn ich Menschen, die vor Krieg, Tod oder auch "nur" Armut fliehen, helfen kann und dafür Geld nötig ist, dann bin ich bereit auch mal durch ein paar Schlaglöcher zu fahren. Ich hätte auch gerne schöne breite Straßen, gut ausgebaut und ohne Schlaglöcher. Aber Fahrkomfort geht mir nicht über Menschlichkeit und Nächstenliebe. Menschen sind wichtiger als Straßen.
Und gegen ausgestattete Schulen habe ich auch nichts, aber mir ist lieber meine Jungs lesen aus alten Büchern und lernen, was Gastfreundschaft, Mitleid und Herzlichkeit bedeutet, als dass sie an digitalen Tafeln zu Egoisten erzogen werden.
Und ihr dürft bestimmt mit Pinsel und Farbe das Klassenzimmer eurer Kinder renovieren. Da hat niemand was dagegen.

"Die Flüchtlinge nehmen uns die Arbeit weg."
Auch ich habe Vorurteile, das lässt sich nicht leugnen. Ich bin mir sicher, dass das deutsche Schulsytem besser ist, als das syrische oder afghanische. Auch glaube ich, dass die deutsche Mentalität eher unseren wirtschaflichen Ansprüchen gerecht wird, als das vieler Flüchtlinge. Und wer jetzt wirklich Angst hat, dass ein Flüchtling bald seinen Arbeitsplatz übernimmt, sollte sich mal ernsthaft Gedanken machen. Es muss nicht an deiner schlechten Arbeitsleistung liegen, vielleicht liegt es ja auch nur am Charakter...

"Das ist nicht mehr mein Land."
Dann geh doch in die Schweiz - ach nein, geht ja nicht. Die sind ja genauso paranoid wie ihr. Die nehmen keine Flüchtlinge auf.

"Die Politik nimmt mich nicht ernst."
Wie ernst hast du denn die Politik genommen? Bei einer Wahlbeteiligung von 35% sollten viele lieber den Mund halten.
Wie politisch wart ihr denn vor der Flüchtlingskrise? Jeder kann und darf sich politisch einbringen. Aber dafür müsste man ja aktiv werden. Mal selber was tun, statt nur über andere zu meckern.
Will ja auch keiner von euch. Und am Stammtisch grölen, auf FB posten oder bei Demos Fahnen zu schwenken, ist kein politisches Engagement!
Ich kenne Leute, die vor ein paar Jahren noch links gewählt haben, weil sie Angst hatten, die Banken könnten ihr Geld nehmen. Heute wählen sie rechts, weil sie Angst haben, die Flüchtlinge könnten ihr Geld nehmen. Angst war noch nie ein guter Ratgeber. Egoismus auch nicht.
Statt ständig links oder rechts vom Pferd zu fallen, solltet ihr lernen, die Zügel mal selbst in die Hand zu nehmen!
Ein Land mit 82 Millionen Egoisten lässt sich nicht regieren.

"Die leben doch auf meine Kosten, von meinen Steuern."
Ich habe mehr Angst davor, den Berliner Flughafen, die Hamburger Symphonie, die Kölner Oper, den Stuttgarter Bahnhof usw. mit meinen Steuern zu finanzieren, als Menschen, die in Not sind. Endlich werden die Steuern mal für was Anständiges genutzt.

"Ich habe Angst vor der Islamisierung."
Ich bin Christ und auch kein Fan des Islam. Aber unser Problem ist nicht die Islamisierung, sondern die Ent-Christianisierung. Ich stehe zu meinem Glauben und meinen Werten, das können auch hunderttausende Moslems nicht ändern!
Ich habe übrigens noch keinen Moslem fordern hören, dass wir die Kreuze abhängen sollen, Laternenfest statt St. Martin feiern sollen oder Schweinefleisch aus den Mensen verbannen sollen. Diese Forderungen kommen doch immer von (politisch verirrten) Deutschen!
Wo sind denn die christlichen Werte, die unser Land ausmachen?
Wir trennen unsere Ehen genauso gründlich wie unseren Müll. Wir werden Vegetarier, weil uns die Hühnchen so leid tun, aber treiben jährlich 100.000 Babys ab,
Wir verteidigen unsere Feiertage, aber kennen ihre Bedeutung nicht.
Unser Problem ist nicht der Islam, unser Problem ist der Liberalismus. Dass wir Gut und Böse nicht mehr unterscheiden können, dass wir Mann und Frau nicht mehr unterscheiden wollen, dass wir Egoismus mit "berechtigten Bedenken" verwechseln.
Integration kann nur klappen, wenn wir den Menschen selbstbewusst unsere Werte vorleben, und nicht wenn wir sie in Turnhallen sperren und davor demonstrieren.

Wir haben keine Angst vor den Flüchtlingen, sondern haben uns dazu entschieden, unser Gästezimmer zur Verfügung zu stellen, um wenigstens einen kleinen Teil zu leisten.

Wenn ihr mit der Kritik nicht leben könnt, schmeißt mich bitte aus eurer Freundesliste, ich werde es verkraften!
Lieber ein paar neue schwarze Freunde, als ein paar alte Braune!

Euer "Gutmensch" Manuel


Immer wieder höre oder lese ich Aussagen wie diese:

"Ich habe ja nichts gegen richtige Flüchtlinge. Frauen und Kinder dürfen gerne kommen, aber die jungen Männer im wehrpflichtigen Alter, die sollen gefälligst kämpfen und ihr Land verteidigen."

Bitte, verschont eure Umwelt mit diesem Gerede!
Ihr sorgt euch um die Frauen und Kinder? Glaubt ihr denn ernsthaft, das Teilen von paranoiden und rassistischen Beiträgen hilft Frauen und Kindern? Denkt ihr, Wut und Angst unterscheiden zwischen Alter und Geschlecht? Wenn vor Flüchtlingsheimen randaliert wird, haben nicht nur die jungen Männer Angst. Wenn Busse mit Steinen beworfen werden, spüren nicht nur die jungen Männer euren Hass. Und wenn im Internet gehetzt wird, leiden da nicht nur die jungen Männer drunter.
Wenn ihr, so wie ihr behauptet, ein Herz für Frauen und Kinder habt, dann setzt euch auch für ihre Männer und Väter ein.
Oder aber ihr spart euch das heuchlerische Gehabe und sprecht aus, was ihr wirklich denkt.

Und diese arrogante Aussage, die sollten zuhause bleiben und kämpfen.
Für oder gegen wen denn? Die Regierung, die auf ihre eigenen Leute schießt? Den IS, der jedem den Kopf abschlägt, der anders denkt? Ich wette, ihr könnt mir die Lage in Syrien oder im Irak nicht richtig erklären. Wer warum gegen wen kämpft. Und dabei habt ihr Zugang zum Fernsehen, zu Zeitungen, zum Internet. Alle Informationen der Welt liegen euch zu Füßen. Ihr sitzt nicht mitten im Chaos. Und trotzdem habt ihr keine Ahnung, was da drüben wirklich abgeht. Aber erwartet von den Menschen, die alles verloren haben, Angst um ihre Familien und ihr eigenes Leben haben, dass sie klare Entscheidungen treffen und sich positionieren können?

Außerdem habt ihr leicht reden. Abends gemütlich und in Sicherheit vor dem Fernseher auf der Couch sitzen und darüber urteilen, wer im Kampf sein Leben rískieren soll. Wie anmaßend! Eure Kinder sind nicht in Gefahr. Ihr habt keine Freunde und Verwandten verloren. Wie könnt ihr euch ein Urteil erlauben?
Krieg ist was anderes, als einmal im Jahr beim Schützenfest auf einen Holzvogel zu schießen. Wir reden über Krieg, da geht es um Leben und Tod. Wer noch nie so eine Entscheidung zu treffen hatte, sollte sich lieber bedeckt halten.
Etwas mehr Empathie und sehr viel mehr Demut täte euch wirklich gut!

Ihr versteht nicht, was die jungen Männer hier wollen?
Viele Familien verkaufen ihr ganzes Hab und Gut um Genug Geld zusammen zu bekommen, um die Schleuser dafür zu bezahlen, dass sie eine Person nach Europa bringen. Wen würdet ihr schicken?
Eure 13jährige Tochter? Oder den greisen Opa?
Ich würde "einen jungen Mann im wehrpflichtigen Alter" schicken. Der hat die besten Chancen hier anzukommen und findet am ehesten einen Job.
Wusstet ihr eigentlich, dass die Summe der Auslandsüberweisungen, also wenn Menschen hier bei uns arbeiten und ihr Geld zu ihren Familien ins Ausland schicken, um 50% höher liegt, als die Summe die Deutschland für Entwicklungshilfe ausgibt? Diese jungen Männer leisten also indirekt wertvolle Entwicklungshilfe.

Also, ihr könnt weiterhin mit diesem verlogenen Argument um euch werfen, oder ihr versucht mal zu verstehen, was die Menschen dazu bewegt, ihre Heimat zu verlassen, Schleusern viel Geld zu zahlen, in ein überfülltes Schlauchboot zu steigen und tausende Kilometer zu Fuß durch Länder zu gehen, die einen nicht haben wollen.
Vielleicht versucht ihr auch zu verstehen, dass es "die Flüchtlinge" nicht gibt. Hinter jedem Flüchtling verbirgt sich ein Mensch mit einer Geschichte. Keiner von denen hat sich auf den Weg gemacht, weil er Lust dazu hatte oder um euch zu ärgern. Die haben ihre Familie verlassen oder

Hier findet Ihr Manuels Blog und alle Texte nochmals zum Nachlesen:

http://www.weberwiderspricht.de/

Kommentare: 1
  • #1

    Eva Schmelzer (Dienstag, 01 Dezember 2015 14:51)

    Beim Lesen dieses eindrucksvollen Beitrags muss man schlucken und wohl auch die Tränen unterdrücken. Ich habe selten etwas gelesen oder gehört, das dieses traurige Thema, das Für und Wider so gut auf den Punkt gebracht hat.
    Und auch, wenn man ohnehin auf der Seite der geschundenen Menschen steht, die jetzt auf unsere Solidarität angewiesen sind, sollten wir uns jeden Tag aufs Neue bewusst werden und dankbar sein, dass wir uns abends satt in ein warmes, trockenes Bett legen können, aus dem wir nicht durch Bomben, Gewehrkugeln oder marodierende Horden getrieben werden. Und wenn wir oder unsere Kinder krank sind wir medizinisch versorgt werden. Sei unser Leben auch noch so bescheiden nach westlichen Maßstäben: es ist ein Paradies. Wir können unsere Dankbarkeit dafür – denn es ist ein Geschenk – ausdrücken, indem wir versuchen, den Menschen, die die Hölle durchlebt haben, ein bescheidenes Plätzchen darin anzubieten. Rücken wir einfach ein klein wenig zusammen. Und wer keine Möglichkeit hat, unmittelbar praktisch etwas zu tun, hat aber noch ein freundliches Wort und ein offenes Lächeln, das er verschenken kann.