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Apfel oder Gold

Text und Foto: Torsten Jäger

23.04.2019

Apfel oder Gold
(c) Torsten Jäger

Apfel oder Gold?

Läuft ein Mensch durch die Wüste. Überall ist Sand und Weite, doch plötzlich erkennt er ein Schimmern und läuft darauf zu. Da steht

doch tatsächlich ein Korb mit Äpfeln zwischen den Dünen, und direkt neben ihm liegt ein großer Brocken Gold. Gerne möchte er beides mitnehmen. – Diese saftig-roten Äpfel und das golden schimmernde Fundstück. Doch er muss sich entscheiden, denn er kann nicht alles tragen. Was macht er also? Nein, da muss er nicht lange überlegen. Er nimmt das Stück Gold und lässt die Äpfel zurück.

Wenn er erst einmal reich ist, kann er sich schließlich seine eigenen, riesigen Apfelplantagen leisten! Er geht weiter durch die Gluthitze, läuft voller Vorfreude durch die Dünen, einen Weg zur Oase suchend, und stirbt an Wassermangel.

Verrückt, oder? Doch irgendwie erinnern mich die Geschehnisse um Notre Dame genau an einen solchen Menschen. Die Traurigkeit über den Brand in diesem – zugegeben imposanten und geschichtsträchtigen – Gebäude… Die Welle der Spendenbereitschaft, die innerhalb weniger Tage fast eine Milliarde Euro zustande brachte… Die aus Solidarität läutenden Glocken im Mainzer und Kölner

Dom, oder dem Freiburger Münster…

Vor noch nicht allzu langer Zeit veröffentlichte Papst

Franziskus die „Enzyklika laudato si“ aus Sorge über das „gemeinsame Haus“. Darin prangert er die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen an, die Vernichtung von Naturwundern, die Vergiftung der Ökosysteme, das vom Menschen verursachte Artensterben und den Klimawandel.

Mit Notre Dame wurde ein historisch wertvolles Gebäude beschädigt und wohl auch einige kulturhistorisch wertvolle Schätze zerstört. Doch was ist das bitte im Vergleich zur Zerstörung dieser Erde? Wo bleibt bitte die Solidaritätswelle für „unser gemeinsames Haus“, das uns alle am Leben erhält?

Zugegeben: In der Jugend keimt sie auf und manifestiert sich in den

Freitags-Demos, auch in unseren Gesellschaften steigt zum Glück die Anzahl der kritisch Denkenden. Doch wenn es dann am Ende darum geht, selbst etwas zu verändern, wird es schwierig.

Der Flug in den Urlaub muss eben zweimal im Jahr sein. – Mindestens! Die Inlandsreise geht nicht schnell genug mit der Bahn, also fliegt man lieber… „Bio“ ist ja gut und schön, „vegetarisch“ auch, und „vegan“ erstrecht. Aber echtes „Bio“ ist nicht so billig wie das Sonderangebot beim Discounter, und „Fleisch ist Lebenskraft“ – wie der Volksmund so schön sagt… Im Mai gibt es deutsche Erdbeeren. Aber wenn man nun mal gerne im Januar frische Erdbeeren essen möchte, kauft man sie sich im Supermarkt. Auch wenn die tausende Kilometer transportiert wurden… Ökostrom ist gut und schön, aber der billigste Stromanbieter bietet halt auch Einsparpotential. Beispielsweise um im Jahr ein drittes Mal mit dem Flugzeug durch die Gegend düsen zu können…

Feinstaub und CO ließen sich sehr gut mit einem sparsamen Kleinwagen reduzieren, aber es geht doch nichts über einen dicken SUV mit viel PS, oder einen sportlichen Flitzer…

Am Plastikmüll sind die anderen Schuld, vor allem die Industrie, und politisch haben sie ja auch schon auf EU-Ebene einiges verboten: Getränkehalme, Wattestäbchen zum Beispiel…

Das Insektensterben ist eine Katastrophe und da muss sich etwas ändern. Es ist ja schon so extrem, dass man im eigenen Schotter-Vorgarten zwischen Steinen und Figuren beim Versprühen von Unkrautvernichtungsmitteln keine einzige Biene mehr sieht…!

Die Sorge ums „gemeinsame Haus“ ist leider bei weitem noch

nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und vor allem oftmals nicht das Bedürfnis, an den Missständen tatsächlich etwas zu ändern. Also bauen wir lieber Notre Dame in fünf Jahren wieder auf. – Und warten darauf, bis Klimawandel und Artensterben alles zerstört haben, was uns am Leben erhält.

Vielleicht überlebt dieses Gebäude ja dann sogar die Menschheit? Als Denkmal für alle edlen Spender.

Kommentare: 1
  • #1

    Eva Schmelzer (Dienstag, 21 Mai 2019 14:15)

    Wunderbar hat Torsten mit seiner Metapher vom Gold und den Äpfeln und den Übersprung zu Notre Dame deutlich gemacht, was wirklich wichtig ist. Der Erhalt des einen schließt ja den des anderen nicht aus, aber es muss erkannt werden, was Priorität hat. Ja, wir müssen unser "gemeinsamen Hauses" pflegen, denn bröckeln seine Mauern, stürzt dieses Dach ein, ist ALLES verloren. Dann läutet keine Glocke mehr...