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Wie konnte es soweit kommen?

Die BRILLENTRÄGER sind schuld!!

 

"Papa, in der Schule nehmen wir grad den Hitler durch. Wie konnten die Leute so dumm sein und den wählen?

"Weil er einfache Lösungen versprach!"

"Was heißt das, Papa?"

"Pass auf, das funktioniert so:
Sagen wir, du willst an die Macht. Als erstes brauchst du dazu Wähler. Die müssen einen Grund haben, dich zu wählen. Der einfachste Grund ist: Du machst ihnen Angst vor etwas."

"Wie funktioniert das, Papa?"

"Du musst ihnen einen Feind geben, den sie hassen und vor dem sie sich fürchten. Sagen wir: Brillenträger."

"Warum Brillenträger?"

"Wusstest du, dass 65% aller Verbrechen von Brillenträgern begangen werden? Und die Polizei tut nichts dagegen. Im Gegenteil, man fördert die noch!"

"Wahnsinn! Was kann man da dagegen tun, Papa?"

"Und schon bist du reingefallen. Du hast nicht bezweifelt, dass meine Zahlen stimmen. Obwohl ich sie gerade erfunden habe."

"Äh - wie kann man das auch überprüfen?"

"Damals beim Hitler war das schwer. Heute brauchst du nur ein wenig zu googeln. Oder ein wenig nachdenken. Ganz schlimm sind übrigens die Brillenträger zwischen 20 und 30. Letztens hat einer ein kleines Mädchen ermordet, der hat nur eine Therapie bekommen und die Eltern des Mädchens wurden eingesperrt, weil sie nicht auf sie aufgepasst haben!"

"Das stimmt jetzt wieder nicht, Papa, oder?"

"Nein, das stimmt ganz sicher. Schau mal auf Facebook, da wird das gerade überall geteilt. Glaubst du echt, tausend Leute würden das teilen, wenn es erfunden wäre?"

"Puhhhh. Und was tun wir dagegen?"

"Weiterteilen, demonstrieren, auf die Straße gehen. Diese Brillenträger muss man einsperren, damit wir wieder sicher sind!"

"Darf man das bei uns?"

"Was ist wichtiger? Dass man die Rechte solcher Verbrecher schützt oder dass man das ganze Volk vor ihnen schützt? Wo gehobelt wird, fallen eben Späne"

"Das Volk, oder?"

"Dazu müssen wir dann eben einige Gesetze ändern. Die Polizei muss mehr Macht bekommen, dann sind wir wieder sicher. Wir brauchen eine starke Hand, die uns und unsere Freiheit schützt, verstehst?"

"Ja, das klingt logisch."

"Siehst du? So funktioniert das. Zuerst einen Sündenbock suchen. Die Gruppe darf nicht zu klein sein, aber auch nicht zu groß. Dann sucht man sich Verbrechen, die Leute aus dieser Gruppe begehen. In jeder Gruppe gibt es immer auch Verbrecher. Wenn man keine findet, erfindet man eben welche und behauptet das so lange, bis alle es glauben. Dann kommt der "Volkszorn", dem lässt man freien Lauf. Dann gewinnt man eine Wahl und ändert Gesetze. irgendwann ist der Punkt erreicht, wo das Gesetz dich nicht mehr schützt, sondern unterdrückt, aber das hast du jetzt übersehen. Das nennt man dann autoritäre Regierung. Schau dir an, wie das in Deutschland bei den Nazis lief, in der Sowjetunion, in China, etc."

"Und wie kann man das verhindern?"

"Nachdenken, mein Sohn. Keine Angst davor haben, nicht alles zu glauben. Alles hinterfragen und nachprüfen. Und einfach bei der Hetze nicht mitmachen. Dann sind die Brillenträger auf einmal gar keine Bedrohung mehr."

"Papa, warum hast du deine Brille nicht auf?"

Meine Söhne mal wieder ...

"Papa, was ist ein Wirtschaftsflüchtling?"

"Bub, das kann zwei Bedeutungen haben. Du bist einer, wenn du von deiner Wirtschaft in deinem Zimmer flüchtest. Aber eigentlich ist das jemand, der in ein anderes Land zieht, ohne im eigenen verfolgt zu werden."

"Ja, das sollte man nicht tun, oder?"

"Nein. Es wäre wirklich anständiger, in einem Land wie der Elfenbeinküste mit erhobenem Kopf stolz zu verhungern oder zu verdursten, weil dort europäische und amerikanische Konzerne das Wasser für Kakaoplantagen brauchen, damit sie uns die Schokolade um 1,- EUR anbieten können, während der Bevölkerung die Felder verdorren."

"Aber wir können schließlich nicht jeden reinlassen, sagt der Vater vom Siegi, meinem Schulkameraden."

"Ja, wäre wirklich besser, sie bleiben dort. Dann sieht man wenigstens das Elend nicht, wie kleine Kinder sterben, während man seine Schnitzelsemmel isst, oder?"

"Papa!"

"Aber wir können wenigstens Fair Trade kaufen. Schau mal in deine Jausenbox."

Kommentare: 2
  • #2

    Eva Schmelzer (Montag, 01 Februar 2016 11:53)

    Bravo, Günter Leitenbauer. Auf den Punkt gebracht! Sowohl die Bildung von Vorurteilen und die daraus folgende Hetze, als auch die Beschreibung von „Wirtschaftsflüchtlingen“. Ilka sieht es (ganz richtig) in ihrem Kommentar als guten Grundlagentext für Jugendliche, ich aber werde es ausdrucken und mal unter alten Leuten verteilen, die nicht mehr so flexibel sind (oder sein wollen), Zusammenhänge zu verstehen. Diese Woche steht ein 80. Geburtstag im Familienkreis an, wo das Thema mit Sicherheit auf den Tisch kommt, und ich weiß jetzt schon, wohin die Tendenz geht. Statt lange Statements zu halten, die dann doch untergehen und nicht verstanden werden (wollen), werde ich einfach diesen Text verteilen, der alles sagt. Und dann bin ich gespannt, ob noch Gegenargumente gebracht werden können. Ich glaube nicht.
    (Übrigens gibt es die 100-Gramm-Tafel Schokolade in den Handelsmarken der Supermärkte für 49 Cent. Die 1-Euro-Tafeln sind schon die teureren Markenschokoladen.)

  • #1

    Ilka Luiken (Montag, 01 Februar 2016 10:23)

    Gute Grundlagentexte, um mit Jugendlichen in Diskussionen zu kommen! Danke!