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Der Alptraum des Manuel Weber

Text: Manuel Weber

25.03. 2016

 

Alles nur geträumt?

Ich hatte gerade einen Albtraum. In meinem Traum lag ich mehrere Monate im Koma. Als ich aufwache, bin ich völlig alleine. Ich schaue mich um. Ich bin in einem Krankenhaus. Niemand im Raum, außer mir und einem alten Röhrenfernseher. Ich greife zur Fernbedienung und schalte ihn ein.
Es läuft das Morgenmagazin. Ein Interview. Zwei Frauen sitzen sich gegenüber, beide kurze schwarze Haare. Die eine ist die Moderatorin, scheint symphatisch zu sein. Die Andere ist eine burschikose Frau mit einem seltsamen Grinsen, überheblich, aber gleichzeitig unsicher. Petry heißt sie. Noch nie gehört. Na ja, schlimmer als Wolfgang Petry kann die auch nicht sein.
Nun fängt sie an zu sprechen. Nach Monaten im Koma wirkt diese stakkatohafte Stimme wie eine Alarmanlage. Aber schlimmer als die Stimme, ist das, was die Frau sagt.

Sie erzählt irgendetwas von LÜGENPRESSE, VOLKSVERRAT und SOZIALSCHMAROTZER. Erst denke ich an Satire, aber dann wird es noch verwirrender. DAS FASS IST VOLL, sagt sie mit erhobenem Zeigefinger. Gut für sie, denke ich. Die kann ein paar Gläschen gebrauchen. Sie guckt immer so böse. Scheint wohl an ihren Nachbarn oben drüber zu liegen, die sind vielleicht zu laut. Jedenfalls sagt sie mehrmals DIE DA OBEN MÜSSEN WEG. Bestimmt Pädagogikstudenten.
Den nächsten Satz habe ich nicht ganz verstanden. Will sie die GRENZE SCHLIEßEN oder an der GRENZE SCHIEßEN? Macht beides doch gar keinen Sinn. Was ist hier bloß los?

Jetzt wird es interessant. WACHT ENDLICH AUF sagt sie. Gerade erst aus dem Koma erwacht, fühle ich mich endlich angesprochen. Leider geht sie nicht weiter darauf ein, sondern warnt jetzt vor MASSENEINWANDERUNG und vor UNKONTROLLIERTER GRENZÜBERTRETUNG. Was hab ich bloß verpasst? Und warum TRAUEN SICH UNSERE FRAUEN NICHT MEHR AUF DIE STRAßE? Scheiße, ich hab`s. Zombies! Was könnte es sonst sein?

Was sagt sie da? Vielleicht sind es doch keine Zombies. Es sind angeblich GUTMENSCHEN, die Deutschland ins Chaos stürzen! Ach, das sind doch die mit den Birkenstock-Sandalen und den selbstgestrickten Pullis. Sind die nicht eher harmlos?
Oh, jetzt muss ich aufpassen. Ihr Finger geht wieder hoch.

Diese Petry spricht jetzt von der ISLAMISIERUNG. Ach du Schreck. Wie kann ich mir das vorstellen? Brennende Kirchen in Deutschland? Das darf doch nicht wahr sein. Lammfleisch-Pflicht in Mensen?
Als nächstes beschwert sie sich darüber, dass ÜBERWIEGEND MÄNNER ins Land einfallen. Soll sie sich doch freuen, denke ich. Zumal viele von denen wohl KEIN DEUTSCH können. Erhöht ihr Chancen doch enorm.

Warum fordert sie denn jetzt, dass MERKEL WEG muss? Wo wir doch gerade eh soviele Probleme im Land haben, brauchen wir doch eine starke Persönlichkeit, die das Land führt. Wer sollte es denn sonst machen?
Waaaas? Diese Petry? Die alte Naive für Deutschland? Achso, die Alternative für Deutschland. Ich muss einfach besser zuhören.

Eine Million FLÜCHTLINGE soll es in Deutschland geben? Kein Wunder, wenn hier Sandalen-tragende muslimische Zombies die Kirchen anzünden.
Langsam bekomme ich echt Angst. Was ist hier nur geschehen? Bin ich noch in Deutschland oder in irgendeinem Schurkenstaat? Wie lange habe ich geschlafen? Bin ich etwa in der Zeit gereist? Auf den Straßen muss das reinste Chaos herrschen. Überall Anarchie, Gewalt, Angst und Schrecken.

Mit zitternden Knien und den schlimmsten Erwartungen gehe ich ans Fenster und ziehe den Vorhang zur Seite.
Aber was ist das? Kinder spielen auf der Wiese, Paare schlendern durch den Park und Rentner gehen mit Hunden spazieren. Sogar Frauen sehe ich ohne Begleiter auf der Straße. Sieht ja alles aus wie immer. Als hätte sich nichts verändert.
Im Nachthemd verlasse ich das Krankenhaus und spreche jemanden auf der Straße an. Ich frage ihn, ob hier irgendetwas außergewöhnliches passiert sei in den letzten Monaten. Er meint, es wäre alles beim Alten, außer, dass jetzt eine irakische Familie bei ihm nebenan lebt und in der Nachbarschaft ein paar syrische Jugendliche wohnen. Von denen bekäme man aber nicht viel mit. Sonst sei alles wie immer.

Dann bin ich aufgewacht. Puh, was für ein Traum. Aber halt! Bis auf das Koma war das ja alles Realität. Es hat sich tatsächlich nichts geändert in Deutschland, außer dass ein paar Flüchtlinge in der Nachbarschaft wohnen. Und trotzdem sitzen "Politiker" in Fernsehsendungen und in Landesparlamenten, die uns weismachen wollen, dass die Apokalypse kurz bevor steht. Und es gibt immer mehr Menschen, die dieses Gerede glauben (wollen).

Und was ist jetzt das Fazit meines Traumes?

- es gibt schlimmere Petrys als den Wolfgang
- die schlimmsten Albträume erlebt man nicht im Schlaf
- Zombies können nichts dafür, dass sie Menschen blind hinterher trotten
- AfD-Wähler schon
- ich trage weder Sandalen, noch Strickpullis
- wenn man die braune Brille abnimmt, ist die Welt immer noch bunt und schön

 

Kommentare: 2
  • #2

    christine (Samstag, 09 April 2016 15:24)

    Einfach nur Klasse - sensibel und genau geschaut!! Danke, Manuel.

  • #1

    Eva Schmelzer (Samstag, 02 April 2016 12:23)

    Ach würden diese Geschichte doch die Verantwortlichen lesen können, die nur in Kontingenten und Grenzsicherungen denken. Würde es sie rühren? Es scheint so, als wären sie um so empathie-resisenter, je mehr Verantwortung sie tragen. Auch würde das Nachdenken über diesen "Traum" wohl auch den einen oder anderen Bürger dazu anregen, die braune Brille abzusetzen.