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Windkraft

Text und Fotos: Gudrun Kaspareit

Quelle: Wikipedia

20.04.2019

Windräder
(c) Gudrun Kaspareit Windräder

Um es ganz klar vorwegzusagen, Windräder haben in Naturschutzgebieten und Wäldern nichts verloren. Auf der anderen Seite aber können wir die Energiewende ohne Windenergie nicht schaffen. Zudem muss man festhalten, dass die Kohlelobby ein ganz vitales Interesse daran hat, Windenergie schlecht zu machen. Deshalb möchte ich mich heute einmal mit dem Thema auseinander setzen.

Vielleicht darf ich zunächst einige eigene Beobachtungen mitteilen? Ich wohne in Norddeutschland an der sogenannten Vogelfluglinie. Hier geht der Vogelzug von Skandinavien nach Südeuropa durch und wieder zurück. Gleichzeitig sind die Windparks ganz gewaltig angewachsen, da hier eigentlich immer Wind weht. Allerdings habe ich noch niemals gesehen, dass Gänse oder Kraniche in die Rotoren geflogen sind, sie kommen nicht mal in die Nähe, eben so wenig wie Möwen beispielsweise.

Greifvögel hingegen nutzen für ihre Gleitflüge die sogenannten Luftautobahnen. Kommen sie den Rotoren zu nahe, geraten sie in die

Luftverwirbelungen und kommen ins trudeln. Wenn es ganz dumm läuft, stürzen sie in die Rotoren und werden verletzt oder getötet. Das ist sehr tragisch, aber kein Massenphänomen. Viel häufiger habe ich tote Bussarde auf der Autobahn gesehen, die versucht haben einen überfahrenen Hasen oder Fuchs zu fressen und dann selber Verkehrsopfer wurden.

Und noch etwas muss ich sagen, seit wir hier einen neuen Jagdpächter haben, der scheinbar nicht mehr illegal Greifvögel schießt, habe ich noch nie so viele Milane und Bussarde gesehen, wie jetzt, nicht einmal in meiner Kindheit. Auch die Bestände der Seeadler haben sich hier gut erholt, trotz massenhafter Windenergieparks. Doch dies sind nur meine Beobachtungen, keine wissenschaftlichen Fakten.

 

Wie auch andere erneuerbare Energien ist die Energie des Windes nach menschlichem Ermessen zeitlich unbegrenzt verfügbar und steht somit im Gegensatz zu fossilen Energieträgern und Kernbrennstoffen dauerhaft zur Verfügung. Die Windenergie gehört zu den

umweltfreundlichsten, saubersten und sichersten Energieressourcen. Zudem gibt es bei der Windenergie keine Risiken von großen oder extrem großen Umweltschädigungen wie zum Beispiel bei der Kernenergie.

Die Energieerzeugung aus Windenergie weist insgesamt einen vergleichsweise niedrigen Flächenbedarf auf. Die von ihr ausgehende Flächenversiegelung durch die Fundamente ist verglichen mit konventionellen Energiegewinnungsformen sehr gering. Grund hierfür ist, dass die eigentliche Energiegewinnung in der Höhe stattfindet. Nahezu 99 % der von einem Windpark beanspruchten Fläche können weiterhin für ihre ursprünglichen Zwecke genutzt werden. Als Standort werden zumeist landwirtschaftliche Flächen gewählt. Insgesamt betrug der Flächenverbrauch von Windkraftanlagen in Deutschland im Jahr 2011 rund 100 km2. Zum Vergleich: Der Flächenverbrauch der deutschen Braunkohletagebauten betrug mit Stand 2006 mehr

als 2300 km², wobei mehr als 300 Siedlungen für den Braunkohlebergbau aufgegeben und ca. 100.000 Menschen umgesiedelt wurden.

Generell wird die Windenergie von Naturschutzverbänden als flächen- und energieeffizienteste Form regenerativer Energiegewinnung angesehen und deren weiterer Ausbau begrüßt.

Trotzdem darf man nicht verharmlosen, dass es Opfer bei großen Greifvögeln und auch Fledermäusen gibt. Dem muss Rechnung getragen werden. Es ist wichtig, dass bei der Standortwahl eines Windrades darauf Rücksicht genommen wird. Gegebenenfalls

muss das Windrad zu bestimmten Zeiten ausgeschaltet werden. Auch Monitoring ist sinnvoll.

In 140 Windparks in Nordspanien mit zusammen 4.083 Windkraftanlagen wurden im Zeitraum von 6 Jahren insgesamt 732 getötete Gänsegeier gefunden.

In der Schweiz wurde die Wirksamkeit von Warnsystemen evaluiert. Ein Fledermaus-System mit Ultraschall-Mikrofonen erkannten die Tiere gut.

In einer 2013 publizierten Metastudie, die mehrere Hundert andere Untersuchungen auswertete, wurde geschätzt, dass von Windkraftanlagen geringere Gefahren für die Vogelwelt in den Vereinigten Staaten ausgehen als von anderen Energiegewinnungsformen. Es wurde geschätzt, dass Windkraftanlagen durch Vogelschlag für ca. 0,27 getötete Vögel pro GWh elektrischer Energie verantwortlich sind, während Kohlekraftwerke u. a. durch Bergbau und Schadstoffemissionen mit 5,2 Vögel pro GWh einen fast 20-mal höheren Verlust an Vögeln verursachen.

Eine in Kanada durchgeführte Studie schätzt die Zahl der jährlich durch Windkraftanlagen getöteten Vögel auf ca. 20.000 bis 28.300,

während insgesamt in Kanada 270 MILLIONEN Vögel durch menschliche Aktivitäten, 200 MILLIONEN durch Katzen und 25 MILLIONEN durch Kollisionen mit Gebäuden getötet werden.

Ich will die Gefahr für Vögel durch Windkraftanlagen nicht klein reden, jeder tote Vogel ist einer zu viel. Doch die anderen Gefahren für die Vögel sind tatsächlich viel größer.

Die Jagd auf sie im Mittelmeerraum ist dabei noch gar nicht mit

einbezogen.

Auch Fledermäuse können an Windkraftanlagen verunglücken. Hier kann es helfen, die Windräder zu bestimmten Zeiten abzuschalten, z.B. Nachts. In Deutschland fand man bis April 2013 17 verunglückte Fledermausarten an den Anlagen. Um Kollisionen mit Fledermäusen zu vermeiden, können verschiedene Strategien verfolgt werden. Dazu

zählen der Verzicht auf besonders gefahrenträchtige Standorte sowie das Abschalten der Anlagen zu bestimmten Jahres- und Nachtzeiten bei niedrigen Windgeschwindigkeiten, in denen die Aktivität von Fledermäusen hoch ist.

Die IZW-Forscher Christian Voigt, Katharina Rehnig und Oliver Lindecke gemeinsam mit Gunārs Pētersons an der Lettischen Universität für Lebenswissenschaften und Technologien in Jelgava haben bei einem Experiment an der Ostseeküste Lettlands festgestellt, dass die Fledermäuse vermutlich von den roten Warnlichtern angelockt werden, die nachts an Windkraftanlagen blinken. Um diese Gefahr zu minimieren, schlagen die Autoren die Umrüstung auf Infrarotlichter, wie sie aus Sicherheitsgründen auch von Piloten gefordert werden, vor.

 

Neuerdings hat man auch festgestellt, dass große Mengen Insekten an den Rotorblättern der Windkraftanlagen zu Tode kommen. (Ich persönlich habe gar nicht gewusst, dass Insekten überhaupt so hoch fliegen) Hierzu sind dringend weitere Studien notwendig.

Eine britische Studie aus dem Jahr 2010 legt nahe, dass das helle Grau, mit dem Windkraftanlagen üblicherweise gestrichen werden, auf Fluginsekten anziehend wirkt, während andere Farben weniger Insekten anlockten. Da eine hohe Insektenaktivität Insektenfresser wie Vögel oder Fledermäuse anlockt, könnten Vögel und Fledermäuse durch einen anderen Farbanstrich geschützt werden.

 

Lars Krogmann vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart merkt an, dass gerade die durch die Rote Listen erfassten Insektengruppen in derartigen Höhen kaum vorkämen und die Folgen von Lebensraumverlust, Monokulturen und Überdüngung demgegenüber „deutlich schlüssiger und relativ eindeutig belegt“ seien. Auch Professor Johannes Steidle, Tierökologe an der Universität Hohenheim, warnt davor, den Aspekt des Habitatverlustes zu vernachlässigen: „Entscheidend für die Größe von

Insektenpopulationen ist weniger die Frage, ob irgendwo Tiere sterben, sondern ob sie den richtigen Lebensraum zur Vermehrung finden.“

 

Forscher haben stichprobenartig in Höhen von 200m Fluginsekten in Netzen gefangen und ihre Zahl und Masse dann hochgerechnet.

Dabei waren größere Sechsbeiner wie Marienkäfer, Laufkäfer und Schwebfliegen allerdings in der absoluten Minderheit: Mehr als 99 % der Höhenwanderer waren kleine Tierchen wie Blattläuse oder winzige Fliegen und Mücken. Auch in einer anderen Studie in England, in der Jason Chapman und seine Kollegen ihre Insektenfangnetze in 200

Metern Höhe an einem Fesselballon befestigt hatten, stellten die Blattläuse mehr als die Hälfte der gefangenen Tiere.

»Viele Tiere, die in großen Schwärmen in diesen Höhen unterwegs sind, können mit Verlusten gut umgehen« so Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Der Forscher

hält es deshalb für eher unwahrscheinlich, dass die Windräder einen

wesentlichen Beitrag zum viel diskutierten Insektensterben geleistet haben. »Entscheidend für den Rückgang von Insektenpopulationen sind vor allem der Verlust oder die Beeinträchtigung ihrer Lebensräume«, betont Josef Settele.

 

Verschiedene aktuelle Studien bestätigen das. So haben Francisco Sánchez-Bayo von der University of Sydney und Kris Wyckhuys von der University of Queensland kürzlich mehr als 70 Berichte analysiert, die sich mit dem Insektenschwund in aller Welt beschäftigen. Als Hauptursache für dieses Phänomen nennen sie die Umwandlung von wertvollen Lebensräumen in intensiv genutzte Äcker und Wiesen.

Weitere kritische Faktoren seien Pestizide und andere Agrarchemikalien, eingeschleppte Arten und der Klimawandel.

 

Auch das Bundesamt für Naturschutz (BfN) in Bonn hält Windparks derzeit nicht für das Hauptproblem, mit dem Deutschlands Sechsbeiner konfrontiert sind. Schließlich habe der massive Ausbau der Windenergie in der Fläche erst in den letzten 10 bis 15 Jahren eingesetzt, heißt es in einer Stellungnahme der Behörde. Der

Rückgang der Insekten sei aber weltweit schon länger im Gange – auch in Regionen, in denen es gar keine Windkraftanlagen gibt. Zudem treffe er auch Arten, die sich nur in Bodennähe aufhalten.

 

Zuletzt möchte ich noch auf die Offshore Windparks eingehen. Bei ihrem Bau entstehen erhebliche Lärmbelästigungen für die empfindlichen Schweinswale zum Beispiel. Aber man möchte die wesentlich stärkeren Winde auf See ausnutzen. Ist der Windpark erst einmal fertig gebaut und es ist wieder Ruhe eingekehrt, hat er sogar einen positiven Effekt auf das marine Leben. Dieses nutzt ihn als Schutz und Ruhezone. Bei einer Untersuchung des Offshore-Windparks Egmond aan Zee kamen niederländische Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass sich der fertig errichtete Windpark weitgehend positiv auf die Tierwelt auswirkt. Meerestiere könnten in dem Windpark Ruhestätten und Schutz finden; die Biodiversität innerhalb des Windparks sei größer als in der Nordsee. Zwar würden einige auf Sicht jagende Vögel den Windpark meiden, andere Vogelarten jedoch fühlten sich durch den Windpark nicht gestört.

 

Mein Resümee: Vieles gibt es an Windkraftanlagen noch zu verbessern, auch zu erforschen. Alles in allem sind sie aber besser als ihr Ruf. Fakt ist, ohne Windenergie stoppen wir den Klimawandel nicht, und sollte das Klima kollabieren, haben wir bald keine Natur mehr, die wir schützen könnten. Das 6. Massenaussterben hat

schon begonnen, daran haben die Windräder keinen Anteil.

Windräder
(c) Gudrun Kaspareit Windräder

Die Windräder stehen mitten im Raps. Das zeigt, dass die Landwirtschaft nicht unter der Windkraft leiden muss

Kommentare: 1
  • #1

    Eva Schmelzer (Dienstag, 21 Mai 2019 13:17)

    Für diesen Artikel bin ich außerordentlich dankbar, denn seit langem bin ich hin- und hergerissen zwischen Nutzen und Schaden der Windräder. Die Informationen des Für und Wider waren natürlich auch immer sehr abhängig vom Standpunkt des Stellungnehmenden, also eher pro Ökonomie oder Ökologie. Da nun dieser Beitrag von Gudrun verfasst wurde, und ich ihre Einstellung zum Naturschutz kenne, sehe ich sehr viel klarer. Vielen Dank für diesen sehr detaillierten Bericht, der umfassend über die Windkrafttechnologie aufklärt.