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Der Waldrapp

Text: Gudrun Kaspareit

Foto: Olivier Fiechter

Scherenschnitt: Erika Bulow-Osborne

26. 05. 2015

Waldrappe
(c) Olivier Fiechter Waldrappe

Der Waldrapp gehört zur Familie der Ibisse. Er ist in Deutschland schon seit 1627 ausgerottet. Der Vogel war einst in Europa häufig anzutreffen, starb aber im 17. Jahrhundert aufgrund intensiver Bejagung aus. Man schätzte sein Fleisch zu sehr. Heutzutage laufen aufwendige Wiederansiedlungsversuche. In Europa leben derzeit ca. 450 Waldrappe in freier Wildbahn. Damals lebte der Waldrapp in Süddeutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Ungarn, dem Balkan, im Nahen Osten und Nordafrika. Heute gibt es nur noch sehr wenige Vorkommen. In Marokko im Souss Massa Nationalpark, ist die Population dank stärkster Bemühungen 2014 wieder auf 524 Vögel angewachsen. In der Türkei, in Birecik gibt es ein Brutpaar und 9 Jungvögel. Und in Syrien, in Palmyra wurden kürzlich zwei Brutpaare und drei Jungvögel entdeckt.

In Marokko wurde eigens für den Waldrapp 1991der Souss Massa Nationalüark gegründet und Ortsansässige eingestellt, um die Vögel zu bewachen. So konnte sich die Population ein wenig erholen. Erleichtert wurde dies auch dadurch, dass der Waldrapp, der normalerweise ein Zugvogel ist, dort ganzjährig lebt.

In der Türkei, in Birecik gab es mitten in der Stadt an einem Steilfelsen, 1911 eine größere Kolonie von ca. Tausend Vögeln. Sie flogen im August in ihre Winterquartiere und kehrten im Frühjahr zum brüten zurück. Ihre Rückkehr wurde stets mit einem großen Volksfest gefeiert. Dem Glauben nach, begleiten die Waldrappe die frommen Pilger auf ihrer Hadsch nach Mekka. Aber 1960 gab es eine Katastrophe. Man fand die meisten Waldrappe tot in Nähe der Stadt auf einem Feld. Sie fielen einer Pestizidvergiftung zum Opfer. 1989 lebte von der ursprünglichen Kolonie nur noch ein Vogel. Man begann mit zwei Erwachsenen und neun Jungvögeln eine Zucht in Menschenobhut aufzubauen. Die Waldrappe lebten zwar überwiegend in Freiheit. Doch zur Zugzeit fing man sie ein, damit sie nicht in ein ungewisses Winterquartier entflogen und ließ sie aus Sicherheitsgründen in Gefangenschaft überwintern.

Erst 2002 entdeckte man die Mini-Kolonie in Palmyra, in Syrien. Sie bestand aus zwei Brutpaaren und sechs Jungvögeln.


Aufgrund von Zuchterfolgen in Zoos, stehen heute in Österreich, Deutschland und Italien wieder einige Waldrappe für die Auswilderung zur Verfügung. Das Problem dabei ist aber, dass der Waldrapp ein Zugvogel ist und von seinen Eltern die Flugroute lernen muss. Die aufgezogenen Vögel wollten zwar ihrem Trieb gehorchen und fliegen, aber sie zogen konfus herum und wussten nicht wohin. Deshalb wurde ihnen von ihren menschlichen Ziehvätern mit einem Leichtflugzeug, dass voraus flog, der Weg gezeigt. Ähnlich wie in dem Film“ Amy und die Wildgänse“

2004 gab es die erste erfolgreiche Migration von 7 Waldrappen. Erstmals, seit 350 Jahren, flogen wieder Waldrappe von Österreich in die Toscana. 2007 kamen erstmalig auch Waldrappe selbstständig wieder zurück und 2008 wurden die ersten Jungvögel von einem Alttier ins Überwinterungsquartier geführt.

Wenn die Waldrappe in ihre Brutgebiete zurück kommen, umfliegen sie erst tagelang ihren Brutfelsen, bis sie ihren Partner gefunden haben. Dann verneigen sie sich voreinander, präsentieren ihr Nackengefieder und stoßen dabei laute <Churp.churp> Rufe aus. Dies wird mehrmals wiederholt. Andere werden dadurch animiert, ebenfalls das Verneigungsritual zu vollführen. Dieses ausgedehnte Begrüßungsverhalten ist nicht nur auf die Balz beschränkt.


Vor 10 Jahren wurde in der Nähe von Palmyra, in Syrien eine kleine Population von 10 Waldrappen entdeckt, die dort brüteten. Trotz strengster Schutzmaßnahmen ist das Grüppchen auf 4 Vögel zusammengeschrumpft und wurde in Obhut genommen. Nun sind die Terrortruppen der IS in Palmyra einmarschiert und könnten für das endgültige Erlöschen der extrem seltenen Waldrappe in Syrien sorgen. Wegen der Kämpfe sind die Zoowärter geflohen. Das Schicksal der Vögel ist unbekannt. Verschwunden ist ein vierter Vogel, ein Weibchen namens Zenobia. Sie ist der einzige Waldrapp, der die Wanderroute ins Winterquartier nach Äthiopien kennt. Ohne sie kann man die Anderen nicht fliegen lassen. Beamte haben eine Belohnung von 1000,- Dollar ausgeschrieben für Informationen zum Verbleib von Zenobia führen. Die Gesellschaft zum Schutz der Natur im Libanon sagte in einem Interview, sollte Zenobia nicht wiedergefunden werden, müssen die Waldrappe in der Wildnis von Syrien als ausgestorben gelten, so der Leiter der Gesellschaft Asaad Serhal, zur BBC:

„ Kultur und Natur sind uns in die Hand gegeben worden, doch der Krieg hat nun diese Arbeit zerstört.“


Die IS Terroristen haben Palmyra erobert und dort bis jetzt an die 400 Menschen getötet, vorwiegend Frauen und Kinder. Die kulturell und archäologisch kostbare antike Karawanenstadt in der Wüste (UNESCO Weltkulturerbe) ist akut von Zerstörung bedroht. (So wie Nimrud und andere archäologische Stätten). Und die IS sind vermutlich Schuld am Verlöschen der letzten Waldrappe in Syrien. Das ist die ekelerregende Fratze des Krieges.

Scherenschnitt Waldrapp
(c) Erika Bulow-Osborne Scherenschnitt Waldrapp
Kommentare: 2
  • #2

    Erika (Dienstag, 02 Juni 2015 21:57)

    Leider werden gezuechtete und langsam ausgewilderte Waldrappe auch durch italienische Jaeger erschossen. Da bleibt nur eine Moeglichkeit: Aufklaerung und vielleicht ein extrem hohes Bussgeld.
    Mit Geldern der EU sollen aber bis 2019 drei groessere Kolonien entstehen bei Burghausen am Inn, Ueberlingen am Bodensee und Kuchl bei Salzburg.
    In Spanien gibt es eine solche Kolonie bei Vejer de la Frontera in der Provinz Cádiz.
    (Quelle Dr. Uwe Westphal "Schraege Voegel"p.172-175). Uwe Westphal und der Maler Christopher Schmidt berichten und zeigen ueber 40 Vogelarten , ausgesuchte besondere Voegel.

  • #1

    Eva Schmelzer (Montag, 01 Juni 2015 13:15)

    Danke für die Vorstellung dieses interessanten Vogels, den ich bislang nur dem Namen nach kannte, und die rührenden Bemühungen, ihn wieder anzusiedeln. Und Erika hat diesen Bericht mal wieder wunderbar bebildert, ihm Leben eingehaucht.
    Seitdem er nun schon im 17. Jh. in Deutschland der menschlichen rücksichtslosen Fressgier zum Opfer gefallen ist, ist es natürlich erfeulich, dass er nicht vergessen wurde, sondern die Bemühungen, ihn quasi neu zum Leben zu erwecken, so intensiv und ja in vielen Ländern auch erfolgreich sind. Was mich wundert - sogar in Nordafrika, was ja sonst eher für den Vogelfang bekannt ist. Dass nun auch der Terror neben dem unsäglichen menschlichen Leid, den unwiederbringlichen Zerstörungen nun auch die Existenz dieser Tiere in Syrien ausgelöscht hat ist eine Tragik mehr in diesem Tränenmeer.