Folge mir auf Facebook

Folge mir auf Twitter

Wird Rachel Carsons Vision „Stummer Frühling“ Wirlichkeit?

Text: Gudrun Kaspareit

Foto: Conrad Franz

22.02.2017

Star
(c) Conrad Franz Star

 

Viele können sich noch erinnern, dass bei einer längeren Autofahrt mindestens alle zwei Stunden angehalten werden musste, um die Windschutzscheibe vom Insektematsch zu befreien. Heute kann man den ganzen Sommer fahren, ohne nenneswerte Verschmutzungen durch Insekten auf der Scheibe zu haben. Es gibt kaum noch Insekten, nicht nur das Bienensterben ist dramatisch und das der Schmetterlinge, auch alle anderen Insekten schwinden in beängstigendem Maße. Sie haben in unserer, mit Gift besprühten Agrarwüste keine Chance mehr. Wir vernichten unsere Bestäuber. Nicht nur unser Obst und Gemüse ist vom Insektensterben betroffen, auch alle Bäume und Wildpflanzen, die nicht auf Windbesteubung angewiesen sind. Und mit den Insekten sterben die Vögel. Das was in einem Kescher gefangen wird, liegt bei unter zwei Gram auf einem besprühten Acker, das reicht den Vögeln nicht aus, um ihre Jungen aufzuziehen. Der Förderverein Großtrappenschutz schlägt Alarm.

Der Kiebitz ist in seinem Bestand so bedroht, dass er kaum zu retten ist. Wann habt Ihr zum letzten Mal eine Lerche singen gehört? Unser lieber Spatz, eigentlich ein „Allerwelts Vogel“ steht auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. Schwalben und Mauersegler sind dramatisch zurück gegangen. In diesem Winter fiel auf, dass es weniger Meisen gab, vor allem die Kohlmeise war kaum zu sehen.

Überall das Gleiche Drama. Gemeinsam mit dem Entomologischen Verein Krefeld hat der Nabu zwischen 1989 und 2014 eine Langzeituntersuchung der Insektenbiomasse auf 88 Flächen unternommen, wobei sich die meisten Messpunkte in Naturschutzgebieten befanden. Das Ergebnis: „Während wir 1995 noch 1,6 Kilogramm aus den Untersuchungsfallen sammelten, sind wir heute froh, wenn es 300 Gramm sind.“ Das sagte der Nabu- Landesvorsitzende Josef Tumbrinck, als er die Ergebnisse öffentlich machte. Der Rückgang von bis zu 80 Prozent beträfe Schmetterlinge, Bienen und Schwebfliegen, und damit für die Landwirtschaft überlebenswichtige Bestäuberarten.

Die Landwirtschaft ist der größte Insektenkiller. Wegen der Förderung der Bio Gas Anlagen, wurde auf jedem Stück Grünland Mais angebaut. Dies und der massive Einsatz von Pestizieden, ist der Grund, weshalb Insekten sterben und Vögel verhungern. Mehr als die Hälfte der heimischen Vögel stehen auf der roten Liste und der Schwund bei den Insekten liegt bei 80% (!) Natürlich hat das Insektensterben auch auf andere Insektenfresser Auswirkungen, z.B. auf die ohnehin gefährdeten Fledermäuse. Selbst der Igel, der sich von Insekten ernährt, hat es tragischerweise in manchen Bundesländern auf die rote Liste geschafft. Ich wohne in Schleswig Holstein und hatte mich zunächst gefreut, kaum noch überfahrene Igel auf der Straße zu finden, bis mir dämmerte, es wurden keine Igel mehr überfahren, weil es keine mehr gibt.

Auch durch Windräder sterben Vögel. Das wird medienwirksam aufgebauscht und heiß diskutiert, denn jede privat gebaute Energieerzeugungsanlage bedroht das wankende Monopol der alten Energieversorger. Das aber deutlich mehr Vögel durch die Agrargifte, das Insektensterben und den Vogelfang sterben, ist kaum Thema in der Öffentlichkeit. Tatsächlich haben die Windräder nur einen kleinen Anteil am großen Vogelsterben.

Die Neonikotinoide stehen schon lange im Verdacht, Schuld am Bienensterben zu sein. Ebenso darf man annehmen, dass sie auch alle anderen Insekten töten und somit Nahrungsketten und ganze Ökosysteme zusammenbrechen lassen. Viele Studien belegen dies, doch Bayer und Syngenta, die Hauptproduzenten, bringen regelmäßig Gegenstudien heraus.

Aber nicht nur die Vergiftung von Insekten und deren Schwund führen zum Artensterben bei Vögeln und anderen Insektenfressern, auch die intensive Landwirtschaft. Die sehr frühe Wiesenmahd schreddert regelmäßig die Gelege und die Brut der Wiesenvögel, die jungen Hasen und Kitze, aber auch Schlangen und Amphiben. Sogar Straßenränder werden unsinnigerweise regelmäßig gemäht, selbst dort haben weder Tiere noch Blumen eine Chance. Oft müssen Hecken dem Landgewinn weichen, ebenso wie Brachflächen dem Maisanbau geopfert werden. Die Landschaften werden vergiftet, ausgeräumt und versiegelt. Kein Platz für Tiere. Viele Höhlenbrüter und Fledermäuse leiden unter akuter Wohnungsnot. Aber auch Schwalben, Mauersegler und Spatzen finden keine Nistmöglichkeiten mehr.

Als wäre dies nicht schon alles schlimm genug, gibt es eine weitere Bedrohung, jedenfalls für unsere Zugvögel. Überall im Mittelmeerraum wird mit Begeisterung illegaler Vogelfang betrieben. Mit dem Gewehr, Netzen, Leimruten, Lockvögeln und was der perfide Verstand sich noch alles ausdenken mag. In Ägypten sind unfassbare 700 km ununterbrochene Fangnetze entlang des Mittelmeeres dokumentiert worden. Da haben die Vögel auf ihrem Weg nach Afrika kaum eine Chance. Dies allein würde schon für einen Artenrückgang ausreichen und die schlechten Bedingungen, in den Heimatländern der Vögel durch die Flächen vernichtende und giftige Agrarindustrie tun ein Übriges und drohen ihnen den Gar auszumachen. Und bitte liebe Jäger, erzählt uns nicht, die Kleinräuber und Greifvögel seien Schuld an der Misere, Schuld alleine ist der Mensch.

Kommentare: 3
  • #3

    Rainer Olßok (Mittwoch, 01 November 2017 08:34)

    Ich stimme da nur teilweise zu. Die Insekten, die durch Nikotinoide sterben, wie Schmetterlinge, Bienen etc. sind selten dieselben, die die Vögel als Nahrung brauchen. Die meisten insektenfressenden Vögel ernähren sich von kleinen Fluginsekten. Der Vogelschwund hat andere Ursachen. Bei den Sperlingen ist es nicht der Nahrubgsmangel, sondern der Mangel an Brutplätzen und Lebensräumen. Sperlinge sind Gebäudebrüter und brauchen dementsprechend Höhlungen und Nischen an Fassaden oder unter Dächern, desweiteren brauchen die geselligen Vögel Schutzhecken, die in unserer aufgeräumten Landschaft und Hausgärten keinen Platz haben.
    Ich werde über dieses Thema nochmal ausführlich an anderer Stelle berichten.

  • #2

    Erika Bulow-Osborne (Mittwoch, 01 März 2017 21:19)

    Wir hatten in Ipswich einige Jahre lang keine Spatzen, aber seit drei Jahren ist hat die Schar der Sperlinge seine alte Staerke wiedererlangt. Ich bin ueberzeugt,dass die Koernermischungen dazu beigetragen haben. Waldvoegel aller Arten werden in die Gaerten gelockt. Ipswich hat fast bis ins Stadtzentrum , entlang des Gipping Flusses Wildblumenwiesen und die breiten Streifen entlang der Strassen mit Wildblumen werden nur einmal gemaeht. Lerchen hoert man ausserhalb von Ipswich auf weiten Feldern. Man bemueht sich sehr um Naturschutz. Kleine Waldgebiete werden aufgekauft ,um sie vor einer Bebauung zu retten.
    Ich moechte nur sagen, wenn wir uns als Einzelne besonders um naturnahe Gaerten kuemmern und andere Menschen in gleicher Weise ueberzeugen koennen, wird es langsam wieder aufwaerts gehen.

  • #1

    Eva Schmelzer (Mittwoch, 01 März 2017 12:00)

    Beim Lesen diese Artikels kommen einem die Tränen. Leider habe auch ich persönlich in meinem Umfeld die traurige Feststellung gemacht, dass es dramatisch zu sein scheint. Als ich 1978 nach Düsseldorf zog, gehörten z.B. die Spatzen in der Innenstadt zum Straßenbild. Es wurden immer weniger, in den letzten Jahren habe ich nicht einen mehr gesehen. Auch in einem nahen naturbelassenen Gebiet, wo man früher umgeben war von Vogelgezwitscher und dem Sirren und Summen vieler Insekten, ist es still geworden, trifft der Titel dieses Berichtes zu. Auf mich wirkt das geradezu gespenstisch, nur mal hin und wieder einen zaghaften Laut zu hören. Wird bald auf Spaziergängen und Wanderungen das Klingeln der Handys die natürlichen Laute ersetzt haben?
    Auch sind die Mauersegler, die jedes Frühjahr zurück in die Stadt kommen, zu einem kläglichen Häufchen geworden. Wo sie damals die Luft mit ihrem Schreien unüberhörbar erfüllten, musste man letztes Jahr schon sehr genau hinhören. Und meine Meisenknödel sind dieses Jahr unangetastet geblieben. Nicht eine hat mich besucht, letztes Jahr war es wenigstens noch jeweils ein Pärchen Blau- und Kohlmeisen. Noch vor einigen Jahren gab es dazu auch Schwanzmeisen, die in Gruppen regelrecht „einfielen“ auf meinem Balkon, auch kamen vor allem im Herbst Distel- und andere Finken, Rotkehlchen, Dompfaffe, Stare, Rotschwänzchen und viele Amseln. Diesen Winter sind zwei Amseln (Männchen und Weibchen) die einzigen Vögel, die mich besucht haben, und in den Straßen finden sich neben Tauben erstaunlich viele Krähen. Bei letzteren mache ich mir Sorgen, wie sie überhaupt in der Stadt überleben können. Und leider sieht es ja unter den Säugetieren und Reptilien nicht besser aus.
    Warum wird nur auf wirtschaftliches Wachstum gesetzt, auf Ertrag auf Teufel komm raus? Die Dramatik dahinter müsste doch nun jeden Verantwortlichen erreicht haben! Und warum wird nicht von politischer Seite versucht, auf die massiven Vogelfängereien einzuwirken? Warum wird der Naturschutz in allererster Linie den NGOs und Einzelinitiativen überlassen? Warum haben die Lobbyisten der Wirtschaft und Industrie einen so kurzen Draht ins Kanzleramt, gehen dort ein und aus, während es mit Umwelt- und Tierschutzorganisationen so gut wie keine Termine gibt?