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Welche Werte sind uns wichtig?

Welche Werte sind uns wichtig

Eigentlich sollten wir den flüchtenden Menschen dankbar sein, dass sie durch ihre Ankunft uns zum Nachdenken gebracht und eine entsprechende Diskussion in Gang gesetzt haben. Auch darüber, was uns als Gesellschaft ausmacht und welche Werte für unser Zusammenleben wichtig sind. Manche Menschen und politische Parteien fühlen sich durch dieses Ereignis sogar aufgefordert, einen „Katalog“ aufzustellen, in dem Werte definiert sind und an die man sich gefälligst zu halten hat, wenn man hier leben möchte. Sie sprechen dann von einer sogenannten „Leitkultur“, wobei den Verfassern dieser „Leitlinien“ vermutlich selbst nicht klar ist, was eine Kultur eigentlich ausmacht und was ganz speziell unsere Kultur von anderen unterscheidet.

Munter werden bei dieser Definition eigenes Benehmen und das Halten an Gesetzen mit kulturellen und religiösen Eigenheiten verwechselt und durcheinander gebracht. Oft auch in verzweifelter Absicht, anderen Menschen seine eigene Lebensweise vorzugeben, oder sogar aufzwingen zu wollen. Dies auch, weil die Verfasser der Vorgaben entweder bisher keine Berührungen und Erfahrungen mit anderen Lebensarten oder Kulturen hatten, oder auch aus diesem Grund andere „Sitten und Gebräuche“ einfach kategorisch ablehnen.

Was gehört jetzt aber zu einer Kultur, gerade zu der Kultur des „Christlichen Abendlandes“ die manche Menschen so vehement verteidigen und schützen wollen? Dabei kommen diese „Verteidiger“schon ins Schwitzen und Stottern, wenn man sie nach dem Unterschied von Pfingst- und Ostermontag fragt und was am zweiten Weihnachtsfeiertag oder an Allerheiligen der Grund zum Feiern ist. Unverdrossen geht die Debatte aber weiter, dass „Werte“ wie Pünktlichkeit, Sauberkeit, Höflichkeit und das gegenseitige Hände schütteln selbstverständlich die „Säulen“ unseres Zusammenlebens sind und den Wert unserer Kultur ausmachen.

Dass bei diesem Zusammenleben es aber eher die Ausnahme statt die Regel ist, älteren Menschen einen Platz in der Strassenbahn anzubieten, nicht mit vollem Mund zu sprechen, oder sich als Radfahrer rücksichtsvoll gegenüber Fußgängern zu verhalten, wird dann oft vergessen und verschwiegen. Und ob es ein besonderes Zeichen von Höflichkeit ist, sich bei einem gemeinsamen Treffen mehr mit seinem Smartphone als mit den Anwesenden zu beschäftigen, wage ich auch zu bezweifeln. Aber alle sollen sich an dieses Zusammenleben anpassen, weil diese Verhaltensweisen ja angeblich auch Zeichen unserer „fortgeschrittenen“ Leit-Kultur sein sollen.

Spätestens bei dem „berühmten“ Kopftuch und anderen Bekleidungen wird die Diskussion dann ganz seltsam. Das Tragen von Kopftüchern wird oft abgelehnt, Verhüllungen von Gesicht und Körper sowieso. Anscheinend sind wir alle schon so erzogen, dass es keine Freiheiten mehr gibt, wie man sich kleiden und zeigen darf. Die Strategie der Männer scheint aufzugehen, das weibliche Geschlecht mit immer neueren „Moden“ zum Zeigen von immer mehr nackter Haut zu manipulieren. Erfindungen (natürlich von Männern) wie der Bikini, Mini Rock und Hot Pants sind nur einige der „Meilensteine“ in der angeblichen Befreiung der Frau. Aber was sagen eigentlich die Betroffenen, die Frauen, zu dieser „Befreiung“? Ist es nicht hauptsächlich der Gruppenzwang in der westlichen Gesellschaft, der sie veranlasst, sich so zur Schau zu stellen? Oder würden die Betroffenen anders entscheiden, wenn sie nicht auch durch die Werbekampagnen der jeweiligen Hersteller und das Verhalten ihrer „Konkurrenz“ entsprechend animiert würden?

Und apropos Bekleidung und der entsprechenden Kultur: Wie ordnen wir denn andere „Errungenschaften“ und Eigenheiten der deutschen Bekleidungsordnung ein? Zum Beispiel die berüchtigten weissen Tennissocken, die mit Sandalen zu kurzen Shorts getragen werden. Mit dazu passenden Feinripp-Unterhemden über gut gepolsterten Wohlstandsbäuchen. Ist das Tragen einer Lederhose, eines Trachtenhutes, eines Dirndl jetzt auch Bestandteil unserer Leitkultur, oder eher doch eine persönliche Auswahl und Entscheidung? Die religiösen Gewänder von Nonnen oder Mönchen möchte ich an dieser Stelle erst gar nicht erwähnen.

Wobei es auch hier wieder spannend wird, wenn wir über Religion als Teil unserer Kultur sprechen. Die schon erwähnten „Weihnachtschristen“ (einmal im Jahr an Heilig Abend in der Kirche, weil es dort so besinnlich ist) habe ich schon angesprochen. Wobei es immer mehr Menschen gibt, die mit Glauben gar nichts mehr am Hut haben. Ausser der „Glaube“ an den Wert auf ihrem Bankkonto, ihres Aktiendepots, oder der gerade frisch gekauften Eigentumswohnung. An welche Kultur müssen wir uns jetzt aber genau halten? Lieber jeden Sonntag vormittag in die Kirche gehen, oder lieber ausschlafen und dann in die Kneipe? Um anschliessend vielleicht den Rasen zu mähen (egal, was der Nachbar dazu sagt) das Auto zu waschen (egal, was die Umwelt dazu meint) und vielleicht mit viel Alkohol dann das Wochenende zu beschliessen (egal, was der Magen und der Kopf am nächsten Tag dazu meldet).

Und bei dem Thema „Magen“ sind wir schon bei der nächsten Frage, wie wir unsere Kultur der Ernährung und des Essens beschreiben und vorgeben sollten. Weiter jeden Tag Tausende Tonnen von Fleisch von Schweinen, Hühnern oder Kühen verzehren, die immer weniger artgerecht gehalten, sondern unter unsäglichen Bedingungen als Massenware produziert werden? Oder doch lieber mehr Gemüse, Salat, Obst, Pasta und (selbstgebackenes) Brot? Können wir nicht gerade auch hier besonders froh sein, dass wir in den letzten Jahren von anderen Kulturen gelernt haben, dass es neben Bratwurst, Schnitzel, Schweinebraten, Knödel und Sauerkraut auch noch andere Arten der Ernährung geben kann?

Ähnlich, wie wir von anderen Kulturen lernen könnten, wie man dort mit Menschen umgeht, speziell mit älteren. Es ist doch eine Schande für unsere angebliche Zivilisation und gerade für unsere Wohlstandsgesellschaft, wie wir teilweise unsere Angehörigen behandeln. Menschen die zu uns kommen, stehen oft fassungslos davor, wie wir die „Alten“ und/oder Gebrechlichen aus unserer Familie viel zu oft aus- und einschliessen. In Pflege- und Altersheime abschieben, um dort dann Jahrelang alleine nur noch auf den eigenen Tod warten zu müssen. Manchmal mit Besuch am Sonntag nachmittag, oft nur an deren Geburtstag, oder an Feiertagen. Und wenn diese Menschen ganz viel Glück haben, werden sie an Weihnachten (wir sprachen schon darüber) mal wieder nach Hause geholt. In anderen Kulturkreisen ist das anders. Da hat die Familie immer noch einen hohen Stellenwert und die Pflege eines Familienmitglieds wird von dessen Angehörigen übernommen, so lange es einigermassen möglich ist. So, wie es bei uns vor nicht so langer Zeit ganz normal und üblich war.

Jetzt frage ich Sie: Welche Werte sind Ihnen tatsächlich wichtig, was ist der „Kitt“, der unsere Gesellschaft zusammenhält? Ist es weiterhin die Solidarität mit und die Unterstützung von Schwachen, egal, wo diese herkommen? Verfolgen wir immer noch das Prinzip, dass ein Miteinander allemal besser ist, als ein Gegeneinander? Dass es darauf ankommt, welchen Charakter ein Mensch hat und wie er sich verhält. Auch wieder vollkommen egal, welche Herkunft, Rasse, Bildung, oder welches Aussehen er oder sie hat. Hat die Achtung von unseren Mitmenschen, Lebewesen und der Natur ein höheres Gewicht als deren Missachtung? Finden wir Weltoffenheit und Toleranz gegenüber anderen Lebensmodellen besser, als Abschottung und Ausgrenzung? Oder zählt nur noch der eigene Vorteil und der maximale Gewinn, ohne Rücksicht auf Verluste (bei anderen)?

Und ganz am Schluss sollten wir natürlich die Frage beantworten, was tatsächlich zu unserer Kultur gehört und was wir von „Fremden“ verlangen können und sollten. Menschen, die oft zig-Jahre lang in und mit einer „anderen“ Kultur aufgewachsen sind und diese eben nicht so einfach wie ein Kleidungsstück ablegen oder wechseln können. Oder gibt es eigentlich DIE und speziell UNSERE Kultur gar nicht? Ist es nicht einfach so, dass das höchste Gut in unserer Gesellschaft unsere Freiheit ist, und nicht irgendeine Lebensart? Die Freiheit, dass jeder nach seiner Facon glücklich werden kann, solange er/sie sich an die geltenden Rahmenbedinungen hält. Auch, mit seiner Lebensweise nicht in die Freiheit des anderen eindringt, oder seine eigene Lebensvorstellung nicht anderen Menschen aufzwingt.

Damit wären wir dann doch bei unserer „Leitkultur“ die schon seit über 60 Jahren festgeschrieben ist. Nämlich in unserem Grundgesetz. Mit dem ersten und wichtigsten Satz, dass „die Würde des Menschen unantastbar ist“. Und im Artikel 2 über die „freie Entfaltung der Persönlichkeit“. Eigentlich ganz einfach, oder?

 

Hier die entsprechenden Passagen aus dem Grundgesetz gerne zum nachlesen:

I. Die Grundrechte

Artikel 1

(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.

Artikel 2

(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.

Artikel 3

(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.

(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Artikel 4

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.

(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

 

Das Wenige, was du tun kanst, ist viel

„Das wenige, das Du tun kannst, ist viel. Wenn du nur irgendwo Schmerz und Weh und Angst von einem Wesen nimmst, sei es Mensch, sei es irgendeine Kreatur. Leben erhalten ist das einzige Glück.“

 

Dieser Satz, dieser Appell von Albert Schweitzer, unter anderem Theologe, Universitätsprofessor und Friedensnobelpreisträger, ist zwischenzeitlich fast einhundert Jahre alt. Als er ihn 1919 in seinen „Straßburger Predigten“ über die „Ehrfurcht vor dem Leben“ aussprach. Bestimmt auch beeinflusst von den Schrecken des Ersten Weltkrieges, der ihn als Schweizer in seiner Urwaldpraxis in der französischen Kolonie Gabun auch direkt betraf. Und bei dem in Europa, im Nahen Osten, in Afrika, Ostasien und auf den Ozeanen ca. 17 Millionen Menschen auf grausame Weise ihr Leben verloren. Auch aufgeschlitzt von Bajonetten, qualvoll vergast in Schützengräben, oder zerrissen durch unzählige Minen, Handgranaten und Bomben.

 

Die Würde des Menschen ist unantastbar

Dreissig Jahre nach Schweitzer´s Predigten über die Ehrfurcht vor dem Leben wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verabschiedet, am 23. Mai 1949. Auch unter dem Eindruck der nächsten, weltweiten Katastrophe, des Zweiten Weltkrieges. Bei dem Nationalisten, Rassisten und Faschisten für den Tod von über 60 Millionen Menschen verantwortlich waren. Auch für die planvolle und systematische Ermordung von Menschen, die nach ihrer Ansicht den falschen Glauben, die falsche politische Meinung, oder einfach die falsche Herkunft hatten. Bei der Menschen auch unbarmherzig und kaltblütig umgebracht wurden, die für Freiheit, Toleranz und Mitmenschlichkeit einstanden. Und bei der die Menschheit ihren „Fortschritt“ auch dadurch bewies, indem sie mit einem Knopfdruck, mit dem Abwurf von zwei Atom-Bomben, Zigtausende von Menschen innerhalb weniger Sekunden buchstäblich verdampfen liess. Dieses sinnlose und grausame Töten und Morden waren bestimmt auch die Gründe, warum der erste Satz in unserem Grundgesetz lautet, dass „die Würde des Menschen unantastbar ist“. Und es heisst explizit „des Menschen“. Nicht die Würde des „Deutschen“ oder des Ausländers, des Christen oder Atheisten, des Mannes, der Frau, oder eines Kindes. Auch nicht die Würde des Vermögenden oder des Armen, des Klugen, des Fleissigen, Gutaussehenden, oder Faulen. Sondern die Würde jedes Menschen, ganz einfach und ganz schlicht. Bedingungslos und deswegen auch nicht verhandelbar.

 

Besonderer Schutz von verfolgten Menschen

Die gezwungen sind, ihr Land zu verlassen, um woanders Zuflucht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, politischen Überzeugung, ihres Geschlechts oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe zu suchen. Dieser besondere Schutz wurde 1951 in der Genfer Flüchtlingskonvention festgehalten, anerkannt von zwischenzeitlich 145 Mitgliedsstaaten (Stand April 2016). Es ist zu vermuten, dass diese auch heute noch geltenden Konventionen und Vereinbarungen ebenfalls durch die Gräuel beider Weltkriege beeinflusst wurden. Bei denen allein der zweite Weltkrieg auch die Vertreibung und Flucht von etwa 14 Millionen Deutschen aus ihrer ehemaligen Heimat auslöste.

 

Was würde Albert Schweitzer heute predigen?

Wenn er zum Beispiel sehen würde, dass über 800 Millionen Menschen weltweit unter Hunger leiden. Mehr als 20 Millionen kurz vor dem Hungertod stehen, davon alleine 1,4 Millionen Kinder. Oder, wenn er lesen müsste, dass im Jahr 2015 weltweit mehr als 65 Millionen Menschen auf der Flucht waren. Egal, ob diese Flucht wegen Krieg, Terror, oder Verfolgung erfolgte. Oder einfach um nicht verhungern zu müssen und auch das Leben der eigenen Kinder zu sichern. Was würde Albert Schweitzer wohl dazu sagen, dass Menschen, die anderen Menschen helfen, als „Gutmenschen“ diskreditiert werden und auf der anderen Seite Unterkünfte von Schutz suchenden Menschen mit Brandsätzen beworfen werden? Wie würde er darauf reagieren, dass viele Unterzeichner der Genfer Flüchtlingskonvention plötzlich an Gedächtnisverlust leiden und Stacheldrahtzäune und Mauern um ihr Land bauen, statt ihren abgegebenen Verpflichtungen nachzukommen? Länder, die bei ihrer Unterschrift vielleicht gedacht haben, dass der entsprechende Schutz nur für ihre eigenen Staatsangehörigen gilt, wenn diese aus ihrem Land flüchten und Zuflucht in einem anderen Land suchen müssen. Welche Antwort hätte Albert Schweitzer auf den wieder zunehmenden Rassismus, Nationalismus und Faschismus und das erneute Verunglimpfen von bestimmten Religionsgemeinschaften? Würde er auf all dies vielleicht ähnlich antworten, wie Bertolt Brecht, „dass zuerst das Fressen und dann die Moral kommt“? Oder würde er einfach wie der Berliner Maler Max Liebermann entsetzt und angewidert reagieren. Der seinen Gemütszustand am 30. Januar 1933, dem Tag der Machtübergabe an die Nationalsozialisten, beim Betrachten des Fackelzugs der neuen Machthaber in seiner Berliner Mundart kurz und treffend beschrieb: „Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte“!

 

Ist das wenige, was wir tun können, wirklich viel?

Was Albert Schweitzer zu den gestellten Fragen antworten würde, wissen wir nicht und ist reine Spekulation. Aber was wir wissen und kennen, ist das Wirken von Millionen von Menschen in unserem Land, die einfach instinktiv das tun, was ihnen ihr Gewissen empfiehlt. Die auch nicht lange danach fragen, wer ihren Aufwand bezahlt und was sie dafür als Gegenleistung bekommen. Sondern einfach wie Albert Schweitzer „Ehrfurcht vor dem Leben“ haben und ihr weniges dazu beitragen, Leben zu schützen und zu erhalten. Die zum Beispiel in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, egal, ob in Deutschland, oder direkt vor Ort. Menschen, die verstanden haben, dass Menschen aufeinander angewiesen sind und dass deswegen ein Miteinander einfach besser ist, als ein Gegeneinander.Dieses Verstehen und entsprechende Handeln basieren vielleicht auch auf der Vorstellung, irgendwann in eine ähnliche Situation zu geraten und dann ebenfalls dankbar für erhaltene Hilfe zu sein. Ähnlich, wie es in der wunderbaren Parabel von dem Löwen und der Maus beschrieben ist. Bei der der König der Tiere für seine Großmütigkeit in seiner eigenen Notlage belohnt wurde. Und dass es gerade in der heutigen Welt nicht helfen wird, sich wieder auf „Burgen“ einzumauern und mit brennendem Pech seinen Wohlstand zu verteidigen, dürfte sich eigentlich auch schon rumgesprochen haben. Nicht nur, wegen dem gescheiterten Experiment mit der Chinesischen Mauser, sondern auch mit einem ähnlichen Beispiel direkt vor unserer Tür. Und wenn wir über unseren Wohlstand sprechen, dann sollten wir nie vergessen, auf was dieser basiert. Nämlich auch darauf, dass wir nach den beschriebenen Kriegen wieder in die internationale Staatengemeinschaften aufgenommen wurden und von dem zwischenzeitlich grenzenlosen Austausch von Gütern und Dienstleistungen profitieren. Oder einfach darauf, dass wir per Zufall in einer paradiesischen Umgebung geboren wurden. Und eben nicht in den Slums von Kalkutta, in der Sahel Zone, oder in von Terroristen beherrschten Gebieten.

 

Reicht dieses „wenige, was wir tun können“ auf Dauer?

Das letzte Jahrhundert war eine Epoche von Kriegen, die aus Gründen von Macht, dem Beherrschen und Ausbeuten von anderen Völkern, oder einfach aus purem Größenwahn geführt wurden. Und als Folge dieser Barbarei Millionen von Menschen ihr Leben verloren, oder ihr Land verlassen mussten. In diesem Jahrhundert scheinen die Folgen ähnlich zu sein, aber die Ursachen und entsprechenden Herausforderungen ganz andere. Es ist doch verrückt und grotesk, dass es unser angeblicher Fortschritt geschafft hat, dass das reichste Prozent der Weltbevölkerung genauso viel besitzt, wie die restlichen 99%. Oder 62 Personen so viel, wie eine Hälfte der armen Weltbevölkerung. Dass auf der einen Seite Millionen Menschen von 2 Euro am Tag leben müssen, auf der anderen Seite aber Hunderte von Milliarden immer noch für Bomben, Kriegsschiffen, Raketen und Panzern ausgegeben werden. Wäre es deswegen nicht höchste Zeit, dass die Völkergemeinschaft endlich wirksame Entscheidungen trifft, damit die Schere zwischen Arm und Reich geschlossen werden kann, damit Menschen in Würde leben können und auch nicht gezwungen werden, ihr Land zu verlassen? Auch wenn diese Entscheidungen natürlich Einfluss auf unser Leben haben werden, weil wir für die meisten Fluchtursachen nämlich mit verantwortlich sind. Egal, ob unser Giftmüll in den Meeren vor Afrika versenkt wird, in diesen Gewässern auch Millionen von Tonnen unseres Plastiks landet und diese Meere zusätzlich von unseren Schiffen leer gefischt werden. Oder ob mit Lebensmittelspekulationen die Preise für Grundnahrungsmittel explodieren und sich Menschen ihre tägliche Mahlzeit schlichtweg nicht mehr leisten können. Und wenn wir nicht anfangen, unsere Gier nach immer mehr und immer besser zu zügeln, dann brauchen wir uns auch über die entsprechenden Folgen nicht beklagen. Wenn wir zum Beispiel jeden Tag Ananas essen möchten und diese dann um die ganze Welt geflogen werden, entsprechender Verbrauch von Energie und Erzeugung von Luftverschmutzung inklusive. Oder immer mehr Wälder abgeholzt werden müssen, um Platz und Futter für die „Lieferanten“ unserers Steak auf dem Teller zu schaffen. Unser Verhalten hat einfach Konsequenzen auf die ganze Welt und die davon betroffenen Menschen. Egal, ob dies zunehmende Wetterextreme mit Dürren, Stürmen und Überflutungen sind, die wieder in Regionen, weit weg von uns, den Menschen die Lebensgrundlage entziehen. Oder, dass wir es akzeptieren, Kleidung und Schuhe zu tragen, die unter Menschenunwürdigen Bedingungen und zu Hungerlöhnen, wieder weit weg von uns, hergestellt werden. Nur, damit die entsprechenden Unternehmen die Aktionäre mit üppigen Dividenden befriedigen können, oder bei uns zu Hause für die entsprechende Kostenersparnis wieder ein Steak mehr auf dem Teller landen kann.

 

Es gibt nichts Gutes, außer man tut es

Das wenige, was jeder Einzelne von uns tun kann, scheint auf den ersten Blick nicht wirklich viel zu sein. Aber wie so oft, ist das ganze Ergebnis eine Summe von vielen kleinen Aktivitäten. Dabei geht es zwar auch um das Retten von Leben und um Hilfe in Notsituationen. Aber viel mehr geht es um das Ändern von unseren Einstellungen und von unserem Verhalten. Von jedem Einzelnen, jeden Tag im Kleinen, mit eigenem Vorleben im direkten Umfeld. Und natürlich auch mit unserer Ehrfurcht vor dem Leben, der Achtung der Menschenwürde und unserem Eintreten zum Schutz der Menschen (und auch Tier!) rechte. Auch wenn es dabei nicht immer einfach ist, „Schmerz und Weh von einem Wesen zu nehmen“. Folgen wir aber der Empfehlung von Erich Kästner, Zeitzeuge der Schrecken des letzten Jahrhunderts und ein „Bruder im Geiste“ von Albert Schweitzer, dann sollten wir nicht lange zögern und sofort damit anfangen: „Es gibt nämlich nichts Gutes, außer man tut es…“

Veröffentlicht von Ernst Holzmann

"Als überzeugter Humanist und nach jahrelangen Führungserfahrungen ("auf dem Platz" und im Büro) habe ich gelernt: Menschen machen den Unterschied! Ich bin glücklich verheiratet, Vater von drei erwachsenen Kindern, Herrchen einer Labrador-Hündin und treuer Diener eines "Stubentigers". Lebe im wunderschönen Potsdam und bin viel unterwegs. Nicht nur mit meinen zwei Enkeltöchtern, sondern auch als Redner über Führung und Strategie, Dozent an Hochschulen (Sportmanagement, Marketing & Kommunikation, Medien & Gesellschaft) und als Begleiter von Bildungsinitiativen für junge Menschen. In meinem "ersten" Leben war ich über dreißig Jahre bei verschiedenen Unternehmen in führenden Positionen tätig. Und in meiner Freizeit auch mit großer Leidenschaft als Trainer im Fußball und Vorstand in Vereinen."

http://ernstholzmann.com/

https://www.facebook.com/humanesunternehmertum/

 

Kommentare: 1
  • #1

    Eva Schmelzer (Mittwoch, 15 August 2018 13:23)

    Nun hatte ich gerade Ihr Essay "Fair play" kommentiert und darin Albert Schweitzer einfließen lassen, jetzt beziehen Sie sich hier auf ihn. Ein Zufall, aber auch wiederum sehr naheliegend. Ich habe diesen Artikel mit Vergnügen gelesen, vieles hat sich bestätigt mit Gedanken von mir über gewisse Dinge, manches hat mir aber auch neue Denkanstöße gegeben. Alles in allem wird deutlich, dass "eigentlich alles ganz einfach" ist, wie Sie im Schlusssatz feststellen.