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Mein Freund der Baum ist tot

gestürzte Weide
(c) Ernst Holzmann gestürzte Weide

Heute früh war es so weit. Fassungslos stehe ich vor meinem „Freund“, der die letzte schwere Sturmnacht mit wahren Sturzbächen von Regen und Orkanartigen Windböen nicht überstanden hatte. Der Weidenbaum am Ufer des Heiligen Sees in Potsdam, der in dieser Nacht um sein Leben kämpfte, diesen Kampf letztendlich verlor und jetzt entwurzelt am Boden liegt. Ich schäme mich nicht meiner Tränen, die mir in die Augen steigen, auch weil mir automatisch das Klagelied von Alexandra in den Sinn kommt. Welches mich seit meiner Kindheit begleitet und meine Einstellung zum Leben und zu unserer Natur mit geprägt hat:

 

„Mein Freund der Baum ist tot, Er fiel im fruehen Morgenrot.

Du fielst heut frueh, ich kam zu spaet,

du wirst dich nie im Wind mehr wiegen,

du musst gefaellt am Wegrand liegen,

und mancher der vorruebergeht,

der achtet nicht den Rest von Leben

und reist an Deinen gruenen Zweigen, die sterbend sich zur Erde neigen.

Wer wird mir nun die Ruhe geben,

die ich in deinem Schatten fand?

Mein bester Freund ist mir verloren,

der mit der Kindheit mich verband.“

 

Ja, meine Kindheit, die war untrennbar mit meinen Freunden, den Bäumen verbunden. Auch mit unzähligen Sträuchern, in denen noch Dompfaff, Amsel, Grünfink oder das Rotkehlchen Schutz fanden. Mit rauschenden Bächen, in denen Forellen sprangen und wir darin sogar Krebse beobachten konnten. Oder mit blühenden Wiesen, von denen wir jedes Jahr zu Muttertag den bunten Blumenstrauss holten.

Mit Weidenbäumen, wie mein gerade sterbender Freund, aus deren Zweigen wir uns die entsprechenden Pfeifen schnitzten. Meine Großmutter daraus Körbe flechtete und die als erster Frühlingsblüher den Bienen Nahrung zum Überleben lieferten. Obstbäume, in die wir kletterten, um uns die ersten saftigen – oft auch noch sauren, weil wir es einfach nicht erwarten konnten – Äpfel, Birnen, Zwetschgen, oder Mirabellen schmecken zu lassen. Hasel- und Walnussbäume, deren Früchte wir in unseren Hosentaschen nach Hause schleppten und zum Trocknen auf dem Dachboden ausbreiteten. Oder unsere ganz besonderen Freunde, die stolzen Kastanienbäume und die mächtigen Eichen, deren Gaben wir nicht nur zum Basteln benutzten. Sondern auch in Säcken sammelten und damit unser karges Taschengeld aufbesserten. Durch ein paar Pfennige, die wir vom örtlichen Förster erhielten, der mit dem Ergebnis unserer mühseligen Arbeit das Wild im Wald fütterte, wenn es zuviel Schnee im Winter gab.

Mit all diesen Freunden waren wir wohl vertraut, sie waren unsere besten Spielkameraden. Egal, ob wir unsere Häuser in ihren Wipfeln bauten, oder sie Teil unserer Mutproben waren. Wenn wir uns Tarzan zum Vorbild nahmen und uns von Ast zu Ast schwangen. Oft genug auch mit nicht so gutem Ausgang, den wir aber nie zu Hause erzählten. Wenn wir unsere Kraft und Möglichkeiten überschätzten, oder die Kraft unserer Freunde. Und dann plötzlich unsanft nicht nur auf dem Hosenboden landeten. Sondern oft mit aufgeschürften Knien und verstauchten Gelenken uns von dem schönsten Spielplatz der Erde in unser Zimmer schleppten.

Jetzt stehe ich vor meinem entwurzelten „Freund“, der bestimmt doppelt so alt ist, als ich und bestimmt viel zu erzählen hätte. Nicht nur, dass er im letzten Jahrhundert mehrere durch die Menschen angerichtete Katastrophen (u.a. das Bombardement im zweiten Weltkrieg) überlebt hat. Sondern uns auch die Ermahnungen von Menschen mitgeben würde, welche die Natur als Teil ihres Lebens und als Basis ihrer Existenz begreifen und entsprechend achten. So, wie es eine Weisheit der der Indianer mahnend zusammenfasst: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluß vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr feststellen, daß man Geld nicht essen kann“.

Leider hören aber immer weniger Menschen auf alte Bäume und auf alte, weise Indianer. Immer mehr Menschen verabschieden sich stattdessen in ihrer masslosen Gier und Unersättlichkeit von Mutter Natur und beuten diese gnadenlos aus. Egal, ob ganze Wälder gerodet werden, um Platz für Tiere zu schaffen, deren Fleisch man später in Imbiss-Buden auf dem Teller findet. Oder ob es einfach um die ganz „normale“ Luftverschmutzung geht, welche über den „sauren Regen“ täglich unseren Waldbestand bedroht. Dabei spielt es dann auch keine Rolle, ob der Grund für diese Verschmutzung in dem zunehmenden Auto- und Flugverkehr, in der explodierenden Massentierhaltung, oder in den „Dreckschleudern“ liegt, in denen fossile Brennstoffe (auch unsere „Freunde“) in Energie umgewandelt werden.

Und da ja „Luft“ nicht ein- oder ausgesperrt werden kann, stehen wir vor einer gigantischen, weltweiten Herausforderung. Nur wenn es der Menschheit gelingt, sich an die erwähnte Indianer-Weisheit zu erinnern und dementsprechend zu handeln, gibt es eine Chance zum Überleben. Das mag manchen Menschen zwar egal sein, gerade auch den aktuellen Herrschern über das ursprüngliche Gebiet der „First Nation“, welche vom „weissen Mann“ (und leider eben nicht „weisen“ Mann) fast ausgerottet wurde.

All diese Gedanken schiessen mir durch den Kopf, während ich vor meinem entwurzelten und sterbenden Freund stehe. Und ich bin nicht nur unendlich traurig, sondern auch ein bisschen ratlos. Weil ich einfach zu wenige „Indianer“ und „Häuptlinge“ sehe. Die mit verantwortlichem Handeln und klugen Entscheidungen dafür sorgen, dass auch die Enkel meiner Enkelkinder noch auf Bäume klettern, Kastanien sammeln und unter einem Blätterdach träumen können. Aber vielleicht ist die Natur auch einfach stärker als wir und überlebt all die Torheiten, die unsere Rasse noch anstellen kann. Bei meiner gefallenen Weide bin ich mir sicher, dass dies zutreffen wird. Sie ist so stark und so schlau, dass aus jeder übrig gebliebenen Wurzel ein neuer Trieb und daraus ein neuer, starker Baum entsteht. Dieser Baum und alle anderen „Freunde“ brauchen uns deswegen nicht. Wir aber sie….

Veröffentlicht von Ernst Holzmann

"Als überzeugter Humanist und nach jahrelangen Führungserfahrungen ("auf dem Platz" und im Büro) habe ich gelernt: Menschen machen den Unterschied! Ich bin glücklich verheiratet, Vater von drei erwachsenen Kindern, Herrchen einer Labrador-Hündin und treuer Diener eines "Stubentigers". Lebe im wunderschönen Potsdam und bin viel unterwegs. Nicht nur mit meinen zwei Enkeltöchtern, sondern auch als Redner über Führung und Strategie, Dozent an Hochschulen (Sportmanagement, Marketing & Kommunikation, Medien & Gesellschaft) und als Begleiter von Bildungsinitiativen für junge Menschen. In meinem "ersten" Leben war ich über dreißig Jahre bei verschiedenen Unternehmen in führenden Positionen tätig. Und in meiner Freizeit auch mit großer Leidenschaft als Trainer im Fußball und Vorstand in Vereinen."

http://ernstholzmann.com/

https://www.facebook.com/humanesunternehmertum/

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