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Die Chronik des Aralsees, die Chronik eines Desasters

Text: Gudrun Kaspareit

25. 10. 2014

Aralsee 2014
Aralsee 2014 Wikipedia http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/a5/Aralsea_tmo_2014231_lrg.jpg

Schon vor 50 Jahren wurde gewarnt, dass der Aralsee, ursprünglich einer der 5 größten Binnenseen der Welt, austrocknen würde, wenn weiterhin so viel Wasser aus den zuführenden Flüssen Amudaja und Syrdaja für die Baumwollanbaugebiete abgeleitet werden würde. Der damals noch 68000 Quadratkilometer große See zerfiel durch Austrocknung und Verlandung in zwei Teile. Der Wasserspiegel sank um 18 Meter, das Volumen nahm 90% ab und der Salzgehalt stieg um das vierfache an.

Ehemalige Hafenstädte und Badeorte liegen heute 100 Kilometer weit in der Wüste. Der trockene, salzige Boden ist zudem giftig und gesundheitsschädlich. Die Baumwollplantagen wurden exzessiv gedüngt und mit Pestiziden und Herbiziden behandelt, die sich heute immer noch im Boden befinden.

Unglücklicherweise liegt der Aralsee in einer großen Luftschneise von West nach Süd. Der Luftstrom verteilt den giftigen Aralstaub bis nach Grönland und in die Mongolische Wüste, sogar bei Antarktischen Pinguinen wurden Pestizide aus der Aralregion nachgewiesen. Der Aralsee trägt so zu 5% der Luftverschmutzung der Welt bei.

Seit den 1970iger Jahren sind in der Aralregion Erkrankungen des Magen- Darmtraktes sprunghaft angestiegen, ebenso wie Erkrankungen der Lunge. Typhus, Paratyphus, Hepatitis und Tuberkulose stiegen um das 30igfache, auch Krebserkrankungen nahmen extrem zu. Die Kindersterblichkeit ist viermal so hoch, wie in Russland. Viele Kinder kommen missgebildet zur Welt, mit Kiefer-Gaumen-Lippen ­Spalte oder mit Anenzephalie (ohne Gehirn). Jedes zehnte Kind stirbt vor dem 1. Lebensjahr.

Nagetiere aus den vertrockneten Sumpfregionen flohen in die besiedelten Gebiete und übertrugen Pest und Cholera.

Man schätzt das 25% der Menschen in den Baumwollanbaugebieten geistig retardiert sind.

Im Süden des Aralsees hat sich in der Sarykamysch - Senke aus umgeleitetem Wasser des Amudarja und landwirtschaftlichen Abwässern mittlerweile der Sarikamyschsee gebildet. Das Wasser dieses Sees gilt als giftig, da es einen hohen Anteil an Pestiziden und Schwermetallen aufweist.

Die Artenvielfalt in und um den Aralsee hat erschreckend abgenommen.

Im Sommer 2014 ist der Aralsee zum ersten Mal bis auf einen kleinen nördlichen Teil komplett ausgetrocknet. Das hat auch Auswirkungen auf das Klima, es regnet kaum noch in der Region.

Verzweifelt versucht Kasachstan den verbliebenen Rest des Aralsees zu retten, indem es mit Geldern der Weltbank einen Damm baut und tatsächlich den Wasserspiegel des Sees stabilisieren konnte. Relativ schnell hat sich dieser Teil des Sees erholt, der Salzgehalt normalisierte sich und die Fische kehrten zurück. Ein zarter Hoffnungsschimmer.

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Kommentare: 2
  • #1

    Eva Schmelzer (Montag, 03 November 2014 12:07)

    Und wieder ein trauriges Beispiel dafür, wie unendlich fragil die Zusammenhänge im Ökosystem sind. Der Mensch muss endlich erkennen, dass er zu diesem Gefüge gehört, es schützen und pflegen, nicht zuletzt zum Wohlergehen und Erhalt seiner selbst. Bleibt zu hoffen, dass der zarte Hoffnungsschimmer für den Aralsee zu einem hellen Licht wird.

  • #2

    Erika (Dienstag, 04 November 2014 07:56)

    Liebe Gudrun, Dein November Newsletter ist der Jahreszeit gemaess in duesteren Farben gemalt. Ein erstaunlich kuehner und wertvoller Newsletter, der weit und breit auf Facebook gelesen werden muesste. Nur durch Fakten koennen Menschen zum Handeln aufgeruettelt werden. Das Beispiel des Aralsees zeigt es. Dieses kleine Flaemmchen muss zu einem hellen Schein werden. Die Welt muss gemeinsam handeln, um ein Disaster solchen Ausmasses rueckgaengig zu machen.
    Allein das Ausmass an Krankheiten, einer zum Tode verdammten Generation, sollte uns
    verdeutlichen, wie anfaellig und zerbrechlich das biologische System ist.