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Tiefe Wasser sterben still

Autor: Torsten Jäger

Leseprobe

Das Meer
DasMeer

Erstes Kapitel

 

Es war einmal ein kleines Meerchen. Vater Raum und Mutter Zeit hatten ihm schon vor einer Ewigkeit einen Spielplatz geschaffen, auf dem es sehr lange bleiben durfte. Es durfte faul in der Ecke stehen, durch wunderbare Steinwände fließen, durch die Luft reisen, ein klein wenig kondensiert zu Boden fallen und sich dort wieder sammeln…
„Noch mal! - Noch mal!“, freute sich das kleine Meerchen und reiste so einige Millionen Jährchen durch den Erlebnisparcours, den ihm sein Vater Raum gebaut hatte.
Doch seine Mutter Zeit sprach eines Tages, die Zeit sei allmählich gekommen, um neue Spiele zu spielen.
„Dort oben, siehst Du den Sternenstaub?“, fragte Mutter Zeit. Das Meerchen erkannte ihn. Er war schließlich gar nicht zu übersehen, diese schwarzgraue Masse am Firmament.
„Spiel doch ein wenig mit ihm. Er kann Dir viel geben, ihr könnt euch austauschen. Und wenn er aus der Luft verschwindet, kannst Du auch endlich mal in einem klaren Sonnenstrahl reisen, dabei einen wunderbar bunten Regenbogen bauen…“, sprach Mutter Zeit weiter. Und das Meerchen war ein braves Meerchen… Ganz davon abgesehen machte es sicherlich auch Spaß mit diesem Sternenstaub dort oben ein wenig zu spielen. Daher kondensierte es freudig in die Höhe und überzeugte den Staub, mit runter in den Sandkasten zu kommen, um dort ein paar Sandburgen zu bauen. Und der Sternenstaub fühlte sich hier unten eh viel wohler, bei seinen großen Verwandten, den Steinen und Felsen…
So schwebte der Sternenstaub, zusammen mit dem Meerchen, tröpfchenweise zu Boden und gesellte sich zu dem steinigen Ballungsraum in der Tiefe.
Die Zeit verging, unzählige Sternenstaubteilchen waren mit dem Meerchen auf die Reise gegangen und eines Tages kam tatsächlich der erste Sonnenstrahl zu dem Meerchen, fragte es, ob es nun mit ihm reisen wolle. - Sicher wollte es das! - Was für eine Frage…
So kondensierte es freudig, stieg in den sonnenwarmen Strahl, erhob sich in große Höhen und schwebte dort vor sich hin. Dabei blieb wie immer ein Teil von ihm auch am Boden und beobachtete, wie der andere Teil von ihm weiß am Himmel entlang trieb, sich letztlich grau färbte und wieder abregnete. Bunte Farben hinterließ dieser herab fallende Teil.
Doch das Meerchen war neugierig und Teile von ihm ließen sich deshalb weiter am Himmel entlang treiben, um in der Ferne, vielleicht sogar über dem Land, abzuregnen.
Der am Boden gebliebene Teil schwang sich unterdessen auf den nächsten Sonnenstrahl und kondensierte auch in die Höhe, um wieder zurück zu Boden zu fallen. Es war so herrlich, dass das Meerchen gar nicht genug davon bekommen konnte. Jedes seiner Moleküle stellte sich in eine lange Kette, um noch einmal reisen zu können. So führte sich dies einige weitere Jahrmillionen fort, bis Mutter Zeit eines Tages wieder einmal mit Vater Raum ein ernstes Gespräch führte.
So konnte es nicht weitergehen. Das Meerchen war allmählich in dem Alter, in welchem es die Vorschule besuchen musste. Das pure Kondensieren war eine Sache, seine Zukunft eine andere. Denn schließlich sollte ja aus ihm mal ein großes, erwachsenes Meer werden…
„Probieren geht über studieren!“, gab Vater Raum zu bedenken. Und der sprach schließlich aus Erfahrung…- Hatte er doch bei seiner Geburt nur eine sehr geringe Größe gehabt. Und doch hatte er alles aus dem Nichts aufgebaut… Mit einigen Elementarteilchen, und den Rest mit Hilfe seiner Kraft. Und mit Hilfe von Versuchen…
Wie oft hatte es bereits zuvor Fehlzündungen gegeben, wie oft war all seine Arbeit wieder ins Nichts zurück gefallen… Er hätte beinahe schon aufgegeben, aber dann hatte er die richtige Mischung beisammen gehabt. So und so viele Protonen, so und so viele Neutronen, eine Hand voll Quarks, ein Quäntchen einer streng geheimen zündenden Idee… Und schon war er fertig gewesen, der Urknallmix…
Und - ja, es hatte zugegebenermaßen sehr laut geknallt. So laut, dass die Meere, Seen und Flüsse in den Nachbar-Universen doch glatt aus ihrem Bettchen gefallen waren und alle laut protestiert hatten…
„Das war vor 20 Milliarden, 695 Millionen, 995 Tausend, 650 Jahren, 9 Monaten, 26 Tagen, 9 Stunden, 57 Minuten und 33 Sekunden…“, sprach Mutter Zeit und die musste es schließlich wissen. - Wurde sie doch auch einst geboren. Und sie hatte seitdem die Zeit besser im Blick, als jeder andere…
„Seitdem hat sich einiges getan. Es sind schon viele seiner Geschwister in diesem Universum geboren worden, haben kondensiert und sind zwischenzeitlich von der Schule des Lebens durchlebt. Warum sollten wir das Wissen nicht an dieses Meerchen weitergeben?“, fragte Mutter Zeit und Vater Raum hatte eine klare Antwort parat.
„Soll es denn genauso werden, wie eines der anderen? Ich denke nicht! Lass es lernen, wie die anderen es getan haben. Aus seinem Handeln eben!“
Mutter Zeit murrte herum, doch sie wollte keine weitere Zeit mit Diskussionen verlieren und stimmte schließlich zu. Auch wenn ihr nicht gefiel, dass dieses Lernen und Experimentieren sicher noch mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, als eine Diskussion mit Vater Raum zu führen.
„Schau mal!“, sagte Vater Raum. „Da sind ganz viele Bausteine. Was hältst Du davon, wenn Du mal versuchst, einige zu verbinden…?“
Meerchen stürzte rauschend an das neue Spielzeug. Und es begann zu Tüfteln, was das Zeug hielt…
„Schau mal, sieht aus wie ein Eiskristall... - Guck mal! Das sieht aus wie ein Vulkankrater… Und das da sieht aus wie ein…“, sprach Meerchen und stockte. Ja, wie sah das denn nun aus? Es hatte keine Ahnung, legte das Werk beiseite, bastelte weiter… Viele hunderttausend Jahre lang…
Eines Tages, es hatte vor einiger Zeit ein paar Kohlenwasserstoff-Bausteine zusammengemixt,  traf Meerchen plötzlich auf einige Bauwerke, die es noch nie zuvor gesehen hatte…
Vater Raum war glücklich darüber. Er jubelte sogar! „Proteine, Kohlenhydrate, Nukleinsäure und Fette! Wenn Du die auch noch richtig zusammenmischst, dann werden sie…leben! Und Du mit ihnen!
„Leben?“, fragte das Meerchen neugierig. „Was genau ist dieses ‚Leben’“
Mutter Zeit antwortete darauf mit großer Überzeugung in der Stimme…
„Meerchen, stell Dir vor, Du lägst den lieben langen Tag in der Sonne. Ununterbrochen.“
Ja, Meerchen konnte sich vorstellen, wie herrlich dies war…
„Doch stell Dir vor, Du würdest dabei nicht kondensieren, nicht fließen, nicht den Fluss verändern, gefrieren oder abregnen… Du wärst einfach bewegungsunfähig, unbewegt in immer und immer der gleichen Form. Auf ewig!“ Schon war Meerchens Begeisterung Ernüchterung gewichen.
„Das wäre sehr traurig!“, sprach es daher und Vater Raum lächelte.
„Und genau deshalb gibt es das Leben. Denn das heißt Veränderung. Alles bewegt sich, ist bunt wie ein Regenbogen oder schwarz wie die Wolke, mit der Du über den Himmel treibst. Es bewegt sich so enorm, wie der Wind Dich über das Land weht. Es gibt Laute von sich, die so wunderschön klingen, wie wenn der Wind über den Hochgebirgen bläst und pfeift oder wie wenn Du über einen Berg fließt und dabei herrlich wässrig plätscherst.“
„Das ist schön!“, sprach Meerchen und schimmerte freudig unter einem einfallenden Sonnenstrahl.
„Siehst Du! Du musst all diese Stoffe mischen und so Leben schaffen. Wenn es dann lebt, achte sehr auf dieses Leben, verbreite es mit Deinen Wellen, Tropfen und Wolken.“, sprach Vater Raum und das Meerchen begann freudig damit, die Stoffe zu mischen, die Ketten miteinander zu verbinden. Es suchte sich einige verschiedene erloschene Vulkankrater aus, gab ein wenig von sich dazu und mischte dort die Stoffe in unterschiedlicher Zusammensetzung. Dort war es angenehm warm und es genoss schon seit einiger Zeit diese Löcher und Mulden, in der sich das Meerchen durch Sieden und Blubbern entspannen konnte.
Hier ein wenig mehr Fett, dort ein paar mehr Nukleinsäuren, etwas weniger Kohlenhydrate… Im ersten Krater tat sich gar nichts. Die Stoffe verbanden sich nicht und selbst, als das Meerchen versuchte, die Stoffketten zusammenzuknoten, entstand rein gar nichts. Im zweiten Krater war es ähnlich, die Stoffe gaben kein Zeichen, dass sie sich vertrugen. Im dritten Becken knotete das Meerchen die Ketten absichtlich nicht zusammen und wartete ab, was sie taten. Und am Ende stand nur eine schwarze, stinkende Brühe und das Meerchen ärgerte sich bereits, weshalb es so dumm gewesen war, so viele seiner schönen Moleküle diesen Versuchen zu opfern. Schnell suchte es die Möglichkeit der Kondensation und entzog so der Stinkbrühe jegliche seiner Teile. Die Stoffketten vertrockneten in dem warmen Vulkankrater. Nun war die vierte Mischung dran. Sie zeigte nach einigen Versuchen auch keine Regung…
So ging es weiter, bis das Meerchen inzwischen bereits über fünfzig verschiedene Krater mit seinen Versuchen gefüllt hatte. Bisher noch ohne Erfolg. Doch beim dreiundfünfzigsten schien tatsächlich etwas zu geschehen. - Es war unglaublich! Dort bildete sich doch glatt ein schleimiges, grünliches Etwas, gefolgt von einem bläulichen Etwas…
„Es ist ein Einzeller!“, schrie Vater Raum gerührt in die Welt hinaus. „Unser Meerchen hat einen Einzeller auf die Welt gebracht…!“. Das Meerchen spürte deutlich den Stolz in seines Vaters Stimme. Und es war auch recht froh, dass seine Versuche nun endlich Früchte getragen hatten. Freudig begann es, auch in anderen Kratern und Senken den Versuch zu wiederholen… Immer und immer wieder. Überall bildete sich diese grünlich-blaue Schleimschicht. Immer mehr blaugrüne Wesen tummelten sich in ihm und begannen damit, sich das leckere Methan in den Steinen schmecken zu lassen, welche das Meerchen umspülte. Zugleich verspürte, wie es in seiner Ausdehnung wuchs… Einzelne Regentropfen, die weiter an Land gezogen waren - vor sehr langer Zeit hatte das Meerchen sie zuletzt gesehen - waren zurückgekehrt. Und dies in Heerscharen. Sie waren wohl irgendwann in die Welt des Steines und Staubes eingedrungen, hatten sich den Weg zurück zum Meerchen gebahnt und somit neuen Tröpfchen Erkundungstouren ermöglicht. So war ein reger Fluss entstanden, oder genauer gesagt, mehrere Flüsse. Auch Nebenmeerchen hatten sich gebildet, die aus Nebenflüsschen gespeist wurden. Dorthin wanderten die erschaffenen kleinen Einzeller ebenso und erfüllten alle Teile des Meerchens mit „Leben“.
 
Und tatsächlich! Das Leben war so wandlungsfähig, wie das Meerchen selbst. So viele Einzeller entstanden und sie hatten nach einiger Zeit den Bogen raus, sich selbst zu teilen. Das Meerchen musste gar keine neuen mehr schaffen, sie taten es von alleine!
 
Es vergingen einige hunderttausend Jahre, in denen diese Einzeller allerlei herumexperimentierten, wie das Meerchen es getan hatte. Ja, sie entwickelten sich weiter! Die Einzeller begannen damit, sich die Sonnenstrahlen zunutze zu machen und färbten sich von einer fauligen nun endgültig zu einer grünen Farbe.
Und eines Tages, das Meerchen war sehr überrascht, begannen sich doch tatsächlich einige der Einzeller in Gruppen zusammenzuschließen. Sie klammerten sich aneinander, um so noch mehr Sonnenstrahlen aufnehmen zu können. Sie ballten sich zu immer größeren Gruppen zusammen und das Meerchen wunderte sich. Wie konnten diese Einzeller sich nun noch teilen?
„Gar nicht, mein Meerchen. Das ist das Leben! Die Einzeller haben sich zu Mehrzellern zusammengeschlossen und jede einzelne Zelle ist nun für etwas zuständig. Es gibt jetzt auch männliche und weibliche Zellen, sie befruchten sich und bilden so neue Wesen. Mit all den Eigenschaften, die der jeweilige Zellhaufen hat.“
Das Meerchen schaute vergnügt und fasziniert zugleich diesem regen Treiben zu. Doch was war das? Ein kleiner Zellhaufen bewegte sich plötzlich nicht mehr! Mehr noch. Er sank in die Tiefe und begann mit der Zeit zu zerfallen.
„Was ist mit ihm?“, fragte das Meerchen Vater Raum und Mutter Zeit.
„Er ist gestorben.“, antwortete Mutter Zeit und das Meerchen war verunsichert. Das Wort klang so kalt. „Gestorben? Was ist das?“
„Das Sterben ist der Preis für das Leben. - Das mehrzellige Leben. Einzeller sind praktisch unsterblich, Mehrzeller nicht. Sie hören nach einer Zeit auf zu existieren.“
„Aber das ist blöd. Wieso ist das so?“
„Ganz einfach. Das Leben ist ein Wandel und damit sich etwas wandeln und verändern kann, muss es viel Kraft aufwenden. Irgendwann ist diese Kraft nicht mehr vorhanden, das Wesen hat seine Energie verbraucht. Und es stirbt. Aber es fällt nicht ins Nichts. Wenn Du genau hinschaust, nehmen Einzeller die Energie des Mehrzellers in sich auf und so existiert der Mehrzeller im Einzeller weiter. Und auch die Mehrzeller vermehren sich weiter und tragen ein Stück des gestorbenen in sich drin.“, erklärte Mutter Zeit.
Das Meerchen war etwas ernüchtert vom „Leben“ und „Sterben“. Doch bald wurde es erfasst von einer großen Faszination. Aus den anfangs noch eher unspektakulären Mehrzellklumpen waren inzwischen Wesen erwachsen, die wunderschöne Formen angenommen hatten. Sie hatten einige Moleküle vom Meerchen in sich aufgenommen und daraus eine Flüssigkeit gebildet, die durch sie gepumpt wurde. Dadurch, so Vater Raum, versorgten sich die verschiedenen Einzeller, die sich miteinander zu Mehrzellern verbunden hatten, mit Nahrung und Luft. Ohne die Bahnen, die sie mit dem Nötigsten versorgten, würden die nach außen hin abgeschlossenen Einzeller im Innern des Mehrzellwesens doch glatt verhungern.
Das Meerchen beobachtete interessiert diese Wesen und wurde plötzlich selbst beobachtet. Augen durchdrangen es. Einige Einzeller in den Mehrzellern hatten sich doch glatt zu einem Haufen zusammengeballt und tatsächlich Sehorgane entwickelt.
Überhaupt veränderte sich die Form der Mehrzeller extremer als je zuvor. Manche waren länglich-rund und bewegten sich durch kräftige Bewegungen selbst durch das Meerchen. Andere lebten am Meeresboden und auch sie hatten genügend Kraft, um sich selbst fortzubewegen. Wieder andere waren rundlich und sahen beinahe aus, wie ein halber, mit der runden Seite nach oben liegender Mond, den das Meerchen jede Nacht mit zunehmender Begeisterung betrachtete. Diese Wesen hatten zudem einige schmale, lange und rundliche Gebilde an der Unterseite entwickelt, mit denen sie glatt andere Einzeller aus dem Meerchen zogen und sie auffraßen. Sie bewegten sich, indem sie ihren Halbmond krampfartig zusammenzogen, wieder einen Teil des Meerchens in sich hinein sogen, den Halbmond mit Wassermolekülen füllten, um den Mond neuerlich zusammen zu ziehen, die Wassermoleküle aus dem Halbmond heraus zu pressen und wieder ein Stück weiter zu driften. - Ein wirklich herrliches Gefühl für das Meerchen. Auch war es herrlich, die am Boden festgewachsenen Vielzeller zu umströmen, die beinahe aussahen wie zerklüftete Felsen, aber tatsächlich lebten und durch ihre Arme allerlei Einzeller in sich aufnahmen, um von ihnen zu leben.
Nachdem diese Mehrzeller zunächst meist sehr weich waren, entwickelten sich mit der Zeit zunehmend auch feste bis harte Hüllen um einige Mehrzeller herum. Die länglich-runden Wesen mit eigener Antriebskraft veränderten auch zum Teil ihre Form und bald fraßen die größeren von ihnen die kleineren auf. Da die kleineren Wesen jedoch zahlreicher waren, war ihr Bestand nicht wirklich in Gefahr.
Doch nicht nur im Meerchen wuchs und lebte alles und wurde zunehmend vielfältiger. Einige der grünlichen Mehrzellhaufen, die an der Oberfläche des Meerchens schwammen, änderten auch ihr Verhalten. Sie begannen damit, sich an flachen Wasserstellen einen Standort zu suchen und im Laufe der Zeit fest zu verankern. So hielten sie sich im steinigen Meeresboden fest und bildeten mit der Zeit neue Triebe. Die alten starben ab und sanken zu Boden, während die neuen die Kraft aus den gestorbenen Trieben zogen.
Es entstanden immer neue Formen, ob nun in Gestalt dieser grünen Mehrzeller, oder auch von solchen, die sich selbst fortbewegen konnten. Vater Raum nannte sie auch Tiere.
Manche von diesen Tieren umgaben sich mit dicken, beinahe steinigen Schalen, andere mit Panzern und bewegten sich mit einzelnen Gliedern. Wieder andere umgaben sich mit einer doch relativ dünnen Haut aus verfestigten Zellen. Diese waren zwar dadurch eher angreifbar, dafür konnten sie aber auch deutlich schneller schwimmen.
Einige der Wesen entwickelten dort scharfe und steinartige Gebilde, wo sie ihre Nahrung aufnahmen. Dadurch konnten sie andere, kleinere Arten festhalten und die Mehrzeller in Stücke reißen, um sie besser verspeisen zu können.
So verging die Zeit und es war schon eine Ewigkeit, bis sich wieder eine Evolutions-Revolution ergab. Eines Tages, einige Regentropfen kamen gerade zurück ins Meerchen geflossen, geschah etwas Sonderbares. Es war nur ein kleiner Schritt für einen Mehrzeller - aber ein großer Schritt für das Leben! Die grünen Mehrzellhaufen, die sich im Meeresboden verankert hatten, hatten sich weiterentwickelt. Und einige dieser grünen Mehrzeller wurden so wagemutig, sich am Ufer des Meeres auszubreiten. Und auch von weit entfernt, von der Landwelt, hörte das Meerchen gute Nachrichten. Die Regentropfen, die über das Land gereist und im Fluss zurückgeflossen waren, berichteten davon, dass auch an und in eben jenem Fluss das Leben nur so spross. Am Ufer begannen die ersten grünen Mehrzeller zu wachsen und Vater Raum berichtete, dass dies Pflanzen seien und dass sie den Weg bereiteten für das Leben an Land.
Im Meerchen selbst wimmelte es inzwischen förmlich von Lebewesen - solchen mit vielen verschiedenen Armen, mit Schalen, mit Schuppen, mit Stacheln, mit Panzern oder einfach nur halbmondförmigem, transparentem Aussehen. Das Meerchen verstand allmählich, dass der Preis des Sterbens für das Leben richtig war. So viel bunte Schönheit, eine derartige Vielfältigkeit, eine solche Herrlichkeit - all dies musste einfach seinen Preis haben!
Es verging wieder sehr viel Zeit, in der sich das Meerchen daran ergötzte, wie viel Schönheit aus der ursprünglich grünblauen und matschigen Substanz entstanden war. Das Meerchen war inzwischen derart gewachsen, dass Vater Raum bereits davon sprach, es könne getrost die weiterführende Schule des Lebens durchfließen, bei all den Fortschritten in letzter Zeit. Mutter Zeit hatte dagegen selbstverständlich nichts einzuwenden, da sie bekanntlich froh war, wenn sich alles relativ zügig entwickelte.
Das Meerchen begann damit, häufiger zu kondensieren und wieder abzuregnen und beobachtete, wie sich die Pflanzen im Laufe der Regenzeiten immer neue Strategien einfallen ließen. Bis sie eines Tages damit begannen, wie einst die Mehrzellwesen im Meerchen zu handeln. Sie entwickelten ihren Nachwuchs. Und zwar nicht in Form eines ausgebildeten Wesens. Nein! Sie warfen einfach kleine, steinartige Gebilde von sich, die auf dem Boden die Möglichkeit finden sollten, zu wachsen. Das Meerchen strengte sich an, regnete ab, was das Zeug hielt und eines Tages traute es seinen Augen nicht. Der Stein begann zu leben, aus ihm brach ein kleiner Trieb hervor, den er in die Erde bohrte, um dort Halt zu suche, Wurzeln zu ziehen. Nach oben hin reckte sich der Trieb mit den Blättern und Nadeln
Kaum hatten die ersten Pflanzen auf dem Land gesiedelt, war auch schon wieder einige Zeit vergangen - hunderttausende Jahre, wie Mutter Zeit festgestellt hatte. Das Meerchen wusste gar nicht, was seine Mutter wollte. Es entwickelte sich doch alles prächtig. Und das in rasender Geschwindigkeit.
„Die Tiere! Sie müssen auch an Land!“, sprach Mutter Zeit und Vater Raum versuchte sie zu beruhigen.
„Dieser Raum ist noch jung. Wir haben genügend Zeit.“
Dem Meerchen war etwas wehmütig zumute. Schließlich hatten die Pflanzen damit bereits begonnen, es zu verlassen. Wenn nun auch noch die Tiere folgten - was würde dann aus ihm? Was, wenn sie irgendwann alle an Land lebten und das Meerchen sie dann nur noch im Vorüberflug beim Vorbei- oder Durchfließen sah?
„Das wird nicht passieren!“, hatte Vater Raum gesagt. Sie brauchen Dich und sie werden nicht alle an Land leben. Einige schon. Aber bei weitem nicht alle.“
Kaum hatte Vater Raum es gesagt, beobachtete das Meerchen ein herrlich schleimiges Wesen, das Vater Raum auch Fisch nannte und welches seltsame Flossen hatte. Sie hatten sich verformt im Laufe der Zeit. Im Laufe von einigen zehntausend Jahren hatten diese Fische wohl die Nase voll gehabt, dass sie öfters mal auf dem Trockenen saßen, wenn sich das Meerchen fallen ließ und in sein Bett zurückkehrte, nachdem der Mond aufgehört hatte zu zerren. Erst Stunden später kehrte das Meerchen von den Mondreisen ins Ursprungsbett zurück zu den auf dem Trockenen liegenden Fischen. Vielleicht hatten sie ihm dies krumm genommen und sich entschlossen, dem Meerchen den Rücken zu kehren. Das Meerchen wusste es nicht, doch es konnte nach einiger Zeit ganz klar beobachten, wie diese Fische auf vier Beinen das Meerchen verließen. Und ihnen folgten weitere Fischartige. Einige andere Wesen hatten bereits zuvor das Meerchen verlassen und es war nicht sonderlich enttäuscht, dass diese ihm den Rücken gekehrt hatten. Schließlich war es kein Vergnügen, wenn die Moleküle hunderte kleine Beinchen durchströmten - und auch die mit den acht Beinen waren nicht gerade prickelnd gewesen. Sie hatte das Meerchen ruhigen Gewissens ziehen lassen können. - Sie würden an Land sicher ihr Glück finden. Dass nun jedoch auch die Fische sein Reich auch verließen, bedrückte das Meerchen schon arg.
Hinzu kam, dass sich das Land begann auszubreiten. Hier ein Vulkan, dort eine Erdanhebung, anderswo eine Verlandung ehemaliger Tümpel. War es eine Verschwörung gegen das Meer? Wanderten sie alle ab, hatten sich mit dem Land verschworen?
Nun gut, alle verschwanden sie ja nun auch wieder nicht. Und nicht wenige lebten weiterhin im Meer, hatten eben nur die Fähigkeit entwickelt, auch an Land umher zu laufen.
Das Meerchen war trotzdem etwas frustriert.
Es vergingen einige zehntausend Jahre, bis das Meerchen wieder einen Auftrieb erfuhr. Einiges Land brach ein oder senkte sich ab und das Meerchen begann damit, seine Grenzen auszutesten. Wohin konnte es fließen, ohne von der sengenden Sonne gleich wieder kondensiert zu werden? Welche Gebiete überließ es besser gleich dem Land und welche waren für das Meerchen wie geschaffen?
Mal war es erfolgreich in seiner Fließtechnik, mal wurden Teile von ihm vom Land praktisch umzingelt und mussten kondensieren oder versickern, wobei am Ende nur eine salzige Fläche übrig blieb.
Es war ein scheinbar ewiges „Hin und Her“, ein „Auf und Ab“. Mal überflutete das Meer das Land, mal verdrängte das Land das Meer.
Währenddessen entwickelten sich immer größere und gefährlich anmutende Wesen mit langen, spitzen Steinen in der Fressöffnung und kräftiger Schwimmkraft. Aber auch die Einzeller nahmen in ihrer Größe zu. Sie hatten sich keinesfalls allesamt mit anderen vereint und versuchten auf diese Art, sich vor Angriffen der Mehrzellwesen zu schützen. Offensichtlich, so vermutete das Meerchen.
Es vergingen wieder einige Millionen Jahre, bis auch an Land dieses Streben nach Größe alle erfasst hatte. Viele, die es sich leisten konnten und die Kraft dazu hatten, wurden gewaltig und selbst das Meerchen bekam ein wenig Furcht, wenn es sich so manchen Passanten betrachtete, der durch es hindurch zog und im Vorbeischwimmen den einen oder anderen schwächeren Mitbewohner einfach zerfleischte.
An Land war dies ähnlich. Wie oft, mischten sich Regentropfen mit der Flüssigkeit, die eigentlich den Einzellen im Mehrzeller dienen sollte, um mit Nahrung versorgt werden zu können und die nun neben dem toten Mehrzeller in der Erde versickerte.
Ein ständiges Geborenwerden, ein Leben, ein Sterben und ein Zersetzen waren das, was man Leben nannte. Das Meerchen spülte oftmals die Reste dieses Kreislaufes weg und nahm sie in sich auf.
Es gab inzwischen eine unglaubliche Anzahl von Arten. Manche fraßen andere Artgenossen, andere fraßen Pflanzen. Die einen gingen auf vier Beinen, die anderen auf zweien, wieder andere flogen oder schwammen. Eine wundervolle Vielfalt beobachtete das Meerchen, sah viele neue Arten entstehen, andere wandelten sich und passten sich an.
All dies zog sich nun über 100 Millionen Jahre, wie es Mutter Zeit ganz deutlich feststellte. Und das Meerchen war begeisterter denn je. Es war einfach herrlich, diesem Treiben zuzuschauen. Besonders, weil sich das Meerchen darüber bewusst war, woraus all dies entstanden war…
Gerade, als es damit begann, über die weitere Entwicklung zu sinnieren, wurde es tief erschüttert. Es wirbelte herum und es war absolut verwirrt. Was war geschehen? Großes Rauschen war zu hören und es spürte, dass etwas in es selbst eingeschlagen sein musste. Was, das konnte es sich noch nicht erklären, doch es spürte, dass es etwas Gewaltiges war. Es blickte zum Horizont und sah, wie eine dunkle Wand alles Licht verschlang und nur noch ein schwaches Leuchten hindurch ließ. Es war beinahe dunkle Nacht dort draußen. Und nicht nur hier! Auch auf der anderen Seite der Welt hatte sich alles verfinstert. Egal, wo es hervorschaute, konnte es nur diese Finsternis erkennen.
„Was ist nur geschehen? Wie konnte das passieren?“, fragte Mutter Zeit und Vater Raum klang besorgt. „Ich weiß es nicht. Etwas von draußen muss diese Welt getroffen haben. Aber das kommt vor. Es kommt zu solchen…Fehlschlägen.“
„Es wird also wieder hell werden?“, fragte das Meerchen und Vater Raum antwortete.
„Sicher, irgendwann wird es wieder hell werden. Aber…“
„Was aber?“
Mutter Zeit mischte sich ein. „Viele werden diese Dunkelheit nicht sehr lange ertragen. - Nicht so lange, wie sie dauern wird…!“
„Was bedeutet das? Heißt das, dass wir alles verloren haben?“, fragte das Meerchen tieftraurig und verbittert.
„Ja und nein!“, antwortete Vater Raum. „Es ist das Ende des Bisherigen. Aber es ist der Anfang von Neuem! Die, die stark genug sind, werden überleben. Sie werden sich anpassen und so neue Arten bilden.“
„Aber es werden viele sterben?“, fragte das Meerchen und bekam nur ein stummes Nicken von Vater Raum und Mutter Zeit.
Die Zeit verging und das Meerchen begann damit, schweren Herzens Unzählige von unzähligen Arten, die in ihm trieben, sanft mit Sternenstaub zu bedecken und ihnen so an seinem Grund einen Platz zu bieten. Auch die Flüsse und Seen, das Land und die Berge, waren mit unbeschreiblich vielen Wesen übersät. Selbst die Pflanzen verdorrten oder verkümmerten.
Es wurde kühler, jedoch nicht so kalt, wie in den Eisregionen, die sich im Laufe der Jahrmillionen immer mal wieder ausgedehnt und wieder zurückgezogen hatten. Doch es wurde so kühl, dass einige der ehemaligen Fische, die an Land umhergestreift waren, wieder ins Meer zurückkehrten. Anderen wuchs eine Art von wärmendem Pelz auf dem Rücken oder gar am ganzen Körper. Zumindest denen, die ihn nicht zuvor schon gehabt hatten. Die Nachfahren der einstmals großen Wesen wuchsen deutlich weniger. Manche von ihnen gruben sich ein und lebten in Erdhöhlen. Die, die zuvor bereits kleinwüchsig waren, schienen am wenigsten von den Auswirkungen betroffen. So sprangen die mit den langen Schwänzen von Pflanzen zu Pflanzen. Diese springenden Tiere trugen ihre Nachfahren in einem wärmenden Beutel am Bauch und ernährten sich weitgehend von umherkrabbelnden Sechs- oder Achtbeinern. Andere suchten Schutz in den verdorrten Stämmen von Pflanzen, die Vater Raum auch Bäume nannte.
Es war ein extremer Wandel, der folgte - so sehr sich das Meerchen auch bemühte, wieder Licht ins Dunkel zu bringen und die Luft rein zu waschen… Es war einfach zu viel Sternenstaub zwischen Himmel und Erde und es dauerte Jahrzehntausende, bis sich die Luft wieder klärte. Wie lange genau, konnte das Meerchen gar nicht sagen, denn es hatte einfach viel zu viel zu tun in dieser Zeit des Umbruches.
Unzählige Tier- und Pflanzenarten starben aus und das Meerchen hatte Bedenken, dass am Ende nichts mehr übrig bleiben könnte. Doch während die einen ausstarben, erlebten andere einen wahren Auftrieb und das Meerchen war glücklich darüber. Die, die keinen Stein eingraben mussten, damit aus diesem ihr Nachwuchs schlüpfte, und deren Nachkommen sofort lebendig aus den Muttertieren fielen, hatten einfach eine bessere Ausgangslage. Schließlich, so hatte Vater Raum dem Meerchen erklärt, brauchten die Steine Wärme, damit der Nachwuchs irgendwann aus ihren kriechen konnte. Ein sofort lebender Nachwuchs war dagegen lebensfähig und konnte durch sorgfältiges Pflegen einfach leichter überleben. So bekamen diese Tiere bald die Oberhand, und auch jene, die fliegen und somit nach neuem Futter Ausschau halten konnten.
Einige weitere Wesen, die dem Meerchen zunächst den Rücken gekehrt hatten, um an Land ihr Glück zu finden, kamen nun angekrochen und baten das Meerchen um Asyl. Und das Meerchen, wie konnte es auch anders sein, nahm sie auf. Schließlich war es lebensfreundlich und wollte vor allem seine Kreationen nicht dem endgültigen Untergang geweiht sehen…
„Das Leben“ ging weiter und Meerchen erkannte, wie wandlungsfähig seine Geschöpfe doch waren. - Sie konnten ihre Form wahren, konnten sie aber auch innerhalb von nur kurzer Zeit derart verändern, dass man glatt glauben konnte, sie bestünden aus flüssigem Wasser. - Was ja auch gar nicht so falsch war. Das Meerchen steckte ein Stück weit in jedem von ihnen.
Der Sternenstaub, der das helle, warme Licht hatte abgeblockt, lichtete sich allmählich wieder und es wurde wieder wärmer im Meerchen und um das Meerchen herum. Kaum war die Temperatur gestiegen, schossen die Tiere und Pflanzen aus dem Meerchen, den Flüsschen und Seechen, dem Land und sogar offensichtlich aus der Luft. Sie vermehrten sich schlagartig und überall wuselte es herum - das Leben.
Dabei konnte sich speziell das Meerchen gar nicht beschweren. Schließlich kamen auch jetzt noch einige auf die Idee, dem Land ein „Lebe wohl“ zu sagen und zu ihren Wurzeln zurückzukehren. Vierbeinig, wie sie waren, schlichen sie sich insgeheim zurück ins kühle Nass, standen dort und suhlten sich an Algen und anderem Grünzeug. Und sie verschmähten auch den einen oder anderen Fisch nicht. Die Zeit verging und aus dem Tier mit dem Huf wurde wieder ein Tier mit Flossen, das zwar ab und zu auftauchen musste - Vater Raum hatte davon gesprochen, das Wesen müsse Luft atmen. Doch genoss es zugleich das Leben tief im Meerchen und Meerchen war begeistert von dem wunderbar schönen Gesang, mit dem das schwimmende Wesen seine einzelnen Wassermoleküle zum tanzen bringen konnte.
Während es verfolgte, wie diese ehemaligen Landtiere sich im Wasser weiter ausbreiteten, anpassten und herrlich unterschiedliche Lieder sangen, entwickelte sich auch an Land alles, gedieh prächtig und herrlich bunt.
 
Eines Tages - es war ein trüber Tag - fielen einige Wassertropfen aus den grauen Wolken und verkündeten Unglaubliches. Gerade vor kurzem waren sie kondensiert. - Oder besser gesagt, kondensiert worden. Es war unglaublich, doch ein Wesen hatte es tatsächlich geschafft, die Glut aus dem Inneren dieser Welt zu entfachen. - An dem Stück eines abgerissenen Baumes. Mit dieser Glut hatte dieses Wesen eben jene herab gefallenen Wassermoleküle kondensiert und sie so zwangsläufig zu den Wolken aufsteigen lassen.
Meerchen konnte es nicht fassen und Mutter Zeit sprach ein „Nicht schon wieder…!“ aus. Sie wollte dem Meerchen nicht erklären, was es mit ihrem doch äußerst kritisch erscheinenden Satz auf sich hatte. - Offenbar, um das Meerchen nicht unnötig zu beunruhigen.
„Das vergeht!“, sprach dann auch Vater Raum. „Mach Dir keine Sorgen. Bei früheren Weltgeburten entstanden auch solche Quertreiber. Sie bestanden jedoch noch nicht mal die nächste Eiszeit oder aber merzten sich danach gegenseitig aus.“
 
Das Meerchen fragte sich, warum es trotzdem noch eine gewisse Unsicherheit verspürte. Und vor allem dachte es darüber nach, wie die nächste Eiszeit wohl ausfallen würde.
Es brauchte nicht lange darüber nachzudenken, denn Mutter Zeit sorgte dafür, dass die Jahrtausende verrannen und der eisige Winter das weite Land und einen Teil des Meerchens bedeckte. Es war herrlich kalt und das Meerchen ließ sich bereitwillig in eine tiefe Starre fallen. Die Tiere und Pflanzen taten ihm leid. Denn sicherlich würden viele von ihnen den Winter nicht überleben, der wohl einige tausend Jahre dauern konnte. Zugleich hatten sie aber auch schon so viele Hürden geschafft und das Meerchen glaubte an die Kraft des Lebens, das es bisher schon so oft gespürt hatte.
Knorrige Eisschollen verrieten nach einer langen Starre, dass das Ende der Eiszeit bald hereinbrechen würde. Als die Schneekristalle, die an Land geschmolzen und wieder kondensiert waren, zurück zum Meerchen kamen, sprachen sie von einem sehr dicken Eispanzer an Land und Vater Raum lächelte wissend. „Siehst Du! Diese Wesen, die das Feuer beherrschten, haben es sicherlich nicht überlebt. Keine Angst!“
Und Meerchen ließ sich erleichtert durch den wieder einsetzenden Golfstrom treiben, der damit begann, angenehme Wärme oben und schöne Kühle am Meerchengrund entlang zu treiben.
Die Welt normalisierte sich, die Tiere und Pflanzen im Wasser genossen die wärmenden Strahlen von oben. An Land sah es nicht anders aus, wie ihm einige Kundschafterregentropfen berichteten. Es spross das Grün, die Tiere kamen aus ihren Erdhöhlen, den Mulden oder aber anderen schützenden Gebilden gekrochen.
 
Vater Raum und Mutter Zeit lächelten, erfreuten sich am Glück ihres Meerchens und seiner kleinen, blauen Welt.
Das Leben ging weiter, nahm seinen bunten, herrlich vielfältigen Lauf. Tiere und Pflanzen vermehrten sich, verwandelten ihre Form und Farbe in unzählige Möglichkeiten, genossen das Leben.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute…
 

Zweites Kapitel

Ja, leben sie noch heute? Und wenn ja, wie lange noch?
Wir haben im ersten Kapitel das Meerechen auf seiner Reise durch die Zeiten begleitet. Lassen Sie uns nun aber einmal eintauchen in die heutigen Tiefen des kühlen Nasses. - Begeben wir uns auf eine frische Reise rund um den Globus, um einen nur sehr kleinen Eindruck dessen zu bekommen, welch herrliche Schönheiten das Meerchen alleine in sich selbst belebt hat.
Es ist praktisch unmöglich, alle Protagonisten in der Wasser- und Unterwasserwelt, die heutzutage existieren - in Ozeanen, Flüssen und Seen und deren Umgebung- zu besuchen. Gleiches gilt für jene, die direkt oder indirekt vom Wasser oder den Wasserwelten abhängig sind. Auch ist es nicht machbar, alle Wesen, die vom Wasser abhängig sind, hier vorzustellen. Schließlich ist dies jedes einzelne Wesen. - Jede Pflanze und Tier.
Dies ist jedoch auch gar nicht nötig, denn schon ein kurzer Blick hinter die Kulissen des Stückes namens ‚Leben’, das sich Tag für Tag ereignet, offenbart die unglaublichen Wunder dieses Blauen Planeten. Diesem Paradies, das die einzige, für uns erreichbare, Lebensquelle in einem Seitenarm der Milchstraße darstellt.

Nun aber genug der Worte. Folgen Sie mir und lassen Sie uns unsere kleine Reise beginnen…
Kondensationsreise
 
Es gibt manch trüben Regentag,
an dem ich mir nur wünschen mag,
dass ich leicht könnte steigen ein
in eins der Wassertröpfelein.
 
Und könnte so - wie wunderbar -
durch Dunst verreisen - sonnenklar.
Und schwebte - schäfchenwolkengleich -
am Horizont ganz himmelweich.
 
Ich ließ´ mich treiben - ungeschwind -
von schwachem, lauem Sommerwind.
Sähe die Welt vorüberziehen,
das Glück herbei, die Sorgen fliehen.
 
Und schlösse ich mich dann und wann
manch andrem Schäfchenwölkchen an,
entstünde bald die Schäfchenherde,
ich regnete ganz sanft zur Erde.
Ich käm sodann ins große Meer,
wo rauschend keine Eile mehr.
 
Bald käm die Sonne - welch ein Glück -
und zög mich in die Luft zurück.
Ich hätt es schließlich nie bereut,
und jenes Spiel begänn erneut…
 
Lukas und Michael, beim Entstehen des Werkes 9 Jahre alt
Lukas und Michael, beim Entstehen des Werkes 9 Jahre alt
Es ist der erste Tag des zweiten Monats zweitausendacht Jahre nach Beginn unserer Zeitrechnung. Ein Blick aus dem Fenster offenbart, dass der Winter nicht einmal daran denkt, zurückzukehren ins Land des Wandels. Es ist relativ mild mit 7,5 Grad nach der Skala von Celsius. Folgend der Schwerkraft fallen die kleinen Abkömmlinge des großen Ganzen zur Erde hinab, folgen einem seit Jahrmillionen währenden Spiel des Fließens, des Kondensationskreislaufes…

 

Lassen Sie uns einsteigen in solch einen kleinen Tropfen. Die Schönheit des Wassers offenbart sich schon hier. Denn der Tropfen beherbergt nicht selten das eine oder andere Körnchen Wüstensand. Dieser stammt aus den großen Strömen des Wüstensandes, die jedes Jahr in die Atmosphäre gewirbelt werden und sich durch den Regen verteilen, wie oftmals unschwer auf Fensterscheiben zu erkennen ist. So landet wohl Saharasand auch in den Gegenden des tropischen Regenwaldes im Amazonasbecken Südamerikas und sorgt nicht nur dort für eine natürliche Düngung.

 

Auch Pollen sind in den Regentropfen zu finden - wie die der bereits blühenden Haselnuss.

 

Verharren in diesem kostbaren Tropfen jeglichen Lebens. - Auf unserem blauen Planeten existieren Unmengen an Wasser, doch nur wenige Prozent sind trinkbar. Das meiste Wasser ist in den unendlich erscheinenden Weiten der Weltmeere zu finden. Dieses ist salzig und daher nicht genießbar für unsere Art. - Ganz im Gegensatz zu vielen anderen Lebewesen. Für diese ist Meerwasser nicht nur genießbar. - Es ist Genuss und Lebensgrundlage zugleich für unzählige Arten, von deren Existenz wir nicht selten noch gar keine Kenntnis haben. Denn die Meere sind - im Speziellen die Tiefsee - noch weitgehend unerforscht.

 

Wir schauen hinaus zum wolkengrauen Horizont. Es dauert nicht sehr lange und die letzten Regenwolken haben ihre Last abgeladen. Wenn wir nun einen Blick zum Himmel werfen, sehen wir, wie die grauen Wolken allmählich beginnen, den Blick zum ultimativen Lebensspender freizugeben, der Tag für Tag die Nacht vertreibt und das Leben erst ermöglicht. Ja - die Sonne, unser Zentralstern, schaut vorbei. Das Licht strahlt wunderbar hell auf uns herab und ehe wir uns versehen, verwandelt sich unser Wassertröpfchen in Wasserdampf. Es kondensiert und wir mit ihm. Lassen wir es geschehen, folgen dem Kreislauf des Meerchens. Folgen wir dem kleinen Stück vom großen Meer - über den Himmel treibend, in der großen Ungewissheit, wo wir wieder nieder regnen werden…

 

Wir überfliegen das weite, schöne Land. Einige Tröpfchen fallen hinab - doch nicht mit uns! Wir wollen nicht gehen, möchten verharren in dieser wunderbar leichten Welt des kühlen Nasses. Unter uns erkennen wir die Berge des Schwarzwaldes, die doch etwas eingezuckert sind vom gefrorenen Wasser, das hier vor kurzem in die Tiefe geschwebt sein muss. Die Bäume machen dem Namen ihres Kollektivs heute nicht alle Ehre, denn sie sind nicht „schwarz“ sondern erfüllt von dem Weiß des flüchtigen Winters… Doch diese sehr schöne Kulisse ist noch nicht unser Ziel. Wir wollen höher hinaus, möchten noch ein wenig länger verharren in dem Grau des flüchtigen Seins. Der Wind treibt uns unserem ersten Etappenziel entgegen und als die Sonne beinahe ihren gesamten Tagesmarsch hinter sich gebracht hat, haben wir auch endlich den Punkt erreicht, an dem wir uns gerne mit anderen Wolkentropfen vereinen, uns zusammen mit ihnen an Staubpartikel in der Luft klammern und uns schließlich - kristallisiert in wunderbar schöne Formen - in die Tiefe stürzen lassen. Oder besser gesagt: Wir lassen uns schweben in das große Meer des weißen Ganzen. - Schnee bedeckt die Gipfel der Alpen.
Wir lassen uns treiben und hoffen, dass uns der Wind nicht auf die Gletscher hin weht.
Gletscher
Gletscher in der Schweiz im Berner Oberland nahe Gimmelwald
Denn wir haben ja noch etwas vor. - Eine Wasserweltreise… Und die Gletscher werden - trotz des Klimawandels - in dieser Höhe wohl noch einige Jahre Bestand haben. Daher heißt es, etwas tiefer zu landen, was uns auch gelingt. An der Uferböschung eines kleinen Baches bekommen wir wieder Boden unter den Füßen zu spüren und gesellen uns zu den anderen wunderbar weißen Kunstwerken der Natur. Längst ist die Sonne hinter dem Horizont verschwunden und die Dunkelheit schließt uns ein. Zeit für eine kurze Rast…
Der nächste Morgen dämmert, die Sterne am Firmament blicken ein letztes Mal hinab auf die weiße Winterwelt, ehe sie die Augen schließen und der Sonne die Pforten öffnen. Ein neuer Tag bricht an und wir brechen auf. - Das heißt, man sorgt dafür, dass unsere Reise weitergeht.
Schneefloh
Schneefloh
Ein Schneefloh bearbeitet eine kleine Moospflanze, auf der wir uns abends zuvor niedergelassen hatten.

Genauer gesagt gibt das mit den Grillen verwandte Insekt ein hochwirksames Sekret auf das Blattmoos ab und viele Blättchen lösen sich in dem Speichel nach kurzer Zeit einfach auf. Das etwa 0,5 cm große Tierchen nimmt das Sekret wieder in sich auf und kommt so ganz gut über den Winter.
 
Ein Schneefink - ein Verwandter der Sperlinge - entdeckt wiederum den kleinen Leckerbissen im Chitinpanzer, landet neben uns und versucht sofort, den Schneefloh zu fangen. Doch der ist nicht gerade auf den Kopf gefallen, hat sich selbstverständlich an die natürlichen Feinde angepasst. Und so springt der Floh auch davon und der Fink landet mit seinem Schnabel im Schnee. Er rappelt sich wieder auf und schüttelt sich, um sein Gefieder vom aufgewirbelten Schnee zu befreien, der auf ihm gelandet war, und wirbelt „unsere Flocke“ dadurch direkt den Abhang zum Bergbach hinunter. Nach einem kurzen Kullern landen wir im Eiswasser des kleinen Baches und werden hinfort gerissen. - Weg vom Fink und seiner entflohenen Beute. Doch wir lassen beide gerne hinter uns. Denn nicht die Landbewohner sind es vorrangig, die uns auf unserer Reise interessieren, auch wenn diese natürlich ebenso ein Stück vom Meerchen sind, da sie es ein Stück weit in sich tragen und von ihm leben. Die Unterwasserwelt ist unser Ziel, dem wir nun ein gutes Stück näher gekommen sind.
 
 
Die Wasser des Lebens
 
Die Wasser des Lebens umgeben mich:
Quellen der Freude,
Bäche des Glücks,
Tümpel aus Kummer und Leid,
Seen der Ruhe und Friedlichkeit,
unbändige Wasserfälle wilden Lebens,
Ströme der Freundschaft,
sanfte Flüsse der Harmonie
und der nahezu unergründliche
Ozean der Liebe.
 
Sie erquicken mich und stillen meinen Lebensdurst.
Und wenn ich eines Tages hinabtauche in die geheimnisvollen Gewässer des Todes
so lebe ich doch weiter in jedem Wassertropfen, der jene berührt, die mich liebten.
 
Viola Désirée Hauser
 
Alpensalamander
Alpensalamander

 

Wir lassen uns treiben. Momentan scheint alles relativ unbelebt in diesem Bach, der zum Teil mit Eis bedeckt ist. Doch die Geschichten der Wasserteilchen erzählen etwas anderes. Sie handeln von echsenartigen, vierbeinigen Wesen mit schwarzer Färbung und warziger Haut. Man kennt sie auch als Alpensalamander.
Diese glänzenden Tiere sind Vertreter einer Gattung, zu der auch der Feuersalamander zählt. Beiden ist eines gemein: Sie leben nur kurze Zeit ausschließlich im Wasser. - Der Feuersalamander nämlich im Frühjahr des Folgejahres nach der Paarung der Elterntiere für etwa zwei Monate. Danach lebt der schwarz-gelb gefleckte Schwanzlurch meist an Land. Über zwei Jahrzehnte lang weilt er auf Erden. Der Alpensalamander dagegen trägt 2 Jahre lang die Jungen im Bauch und gebiert in der Regel zwei Jungtiere ohne, dass ein amphibienübliches Larvenstadium nötig wäre. Beide Salamander sind nachtaktiv, ernähren sich von Weichtieren wie Schnecken und Würmern, verschmähen aber auch das eine oder andere Insekt nicht.
Den Winter verbringen beide oftmals in größeren Gruppen unter Steinen oder gar in kleinen Erdhöhlen, wo sie darauf warten, dass die Wärme zurückkehrt, die im letzten Jahr erst spät gegangen war und dieses Jahr bereits wieder erste Anzeichen von einer frühen Rückkehr erkennen lässt.
Im Wasser wird sich dagegen ein anderer Gesell tummeln, der dem Salamander in seiner Körperform zwar ähnelt. - Jedoch alleine farblich unterscheidet sich dieses Wesen schon deutlich. Der Bergmolchmann verfärbt während der Balz im Frühjahr seinen Schwanz in ein herrliches Gelb, wodurch er die etwa 10 cm großen Weibchen bezirzen will. Hat man sich nach dem Umwerben endlich gepaart, schlüpfen die Larven bereits nach 14 Tagen und benötigen ein viertel Jahr bis zur Metamorphose hin zu einem fertigen Molch. Wie bei vielen anderen Molcharten gibt es Tiere, die sich trotz Erwachsenenalters schlicht nicht weiterentwickeln und im Larvenstadium verharren. Sie tragen die auffälligen Kiemenbüschel und leben fortwährend im Wasser.
Doch genug von Molch und Salamander. Lassen wir uns weitertreiben - oder besser gesagt mitreißen - vom strömenden Fluss des Lebens. Wir folgen ihm und sind gespannt, worauf wir als nächstes treffen werden.

Wasser des Lebens

 

Wasser der Berge,

kristallklar und kalt,

sucht sich seinen Weg

hinunter ins Tal.

 

Es speist dann die Flüsse,

durchzieht Wald und Flur,

versorgt Mensch und Tiere,

lässt erblühen die Natur.

 

Seinen Weg unaufhaltsam

zum Meer sich dann sucht,

vermischt sich mit den Wellen

wird Ebbe und Flut.

 

Von unserem Dasein

nichts geht verloren,

im Kreislauf des Lebens

werden wir neu geboren.

 

Sonja Rabaza

 

Der kleine Bach ist inzwischen zu einem tieferen und breiteren Fluss geworden. Unser Weg führt uns letztlich in „Das Schwäbische Meer“ - offiziell Bodensee genannt. Doch ehe wir diesen großen See erreichen, warten noch einige Tiere darauf, von uns entdeckt zu werden.
Es dauert nicht sehr lange und wir werden auch schon glückliche Augenzeugen eines Fisches, der vom Aussterben bedroht ist. Eigentlich lebt er ursprünglich im Stromgebiet der Donau, doch man hat ihn auch hier künstlich angesiedelt. Hinter einem Stück Holz, das sich am Boden des Flusses abgesetzt hat, schaut doch tatsächlich ein Huchen heraus und bewegt seinen noch etwas wintersteifen, runden, grüngrau gefärbten Körper hervor. Das Tier wird bald ein Stück weit stromaufwärts schwimmen, um dort über kiesartigem Untergrund seinen Nachwuchs ablaichen zu können. - Im März wird es wohl aufbrechen wie sehr viele andere lachsartige Fischarten. Dieses Tier hat nur eine Länge von 60 Zentimetern. Seine Art kann jedoch eine Länge bis zu 1,50 m erreichen, was die Größe von manchem Menschen bereits in den Schatten stellt. Und seine Lieblingsspeisen reichen von anderen Fischen über Frösche. - Und auch die eine oder andere Maus verächtet das Tier nicht.
Wir lassen den Huchen hinter uns, der Fluss treibt uns weiter, er wird zunehmend größer und zugleich auch seichter. Wir spüren, dass wir dem Brackwasser immer näher kommen. - Und wir treiben vorbei an leblos erscheinenden Steinen, abgestorben anmutenden Wasserpflanzen… - Doch der Schein trügt. Das Leben macht nur eine Pause, durchschläft den Winter, um dann im Frühling so richtig aufblühen zu können.
Der etwa 2 cm große Bachflohkrebs wird bald wieder über den Bodengrund laufen, um die im Winter abgestorbenen Pflanzen zu verspeisen und somit die Reste des letzten Wuchsjahres verschwinden lassen. - In Kooperation mit vielen Mikroorganismen, Schnecken und anderen Wesen. Das Tier muss sich - wie alle anderen krebsartigen Tiere - häuten, um zu wachsen. Und nach 10 Häutungen ist der Bachflohkrebs schließlich geschlechtsreif. Das Männchen klammert sich zur Paarung unvorstellbare acht Tage lang am Weibchen fest und befruchtet die bis zu 100 Eier, die die Partnerin in einer Kammer am Bauch trägt. Dabei verbleiben auch die Jungkrebse eine kurze Zeit noch bei dem Muttertier, da Brutpflege betrieben wird.
Vor dem 30 cm langen Flussbarsch sollte sich unser Bachflohkrebs jedoch in Acht nehmen. - Als Raubfisch erbeutet er nicht nur derart kleine Krebse, sondern auch andere Fische. Der Fisch hat ein stark bezahntes Maul, mit dem er den Panzer des Krebses leicht knacken kann. Er erreicht eine Länge von bis zu 45 cm und hat als markantes Merkmal eine imposante Rückenflosse. Sie ragt weit in die Höhe und die einzelnen Stachelstrahlen muten sehr archaisch an. Der Flussbarsch hat eine grünsilbrige Färbung. - An der Seite findet man nach unten spitz zulaufende, schwarze Streifen - sechs bis neun Stück - die etwa bis in die untere Hälfte der Flanken reichen. Er ist stationär - wandert in der Regel also nicht. Er wird unterschieden nach seiner Lebensart. So existieren die Bezeichnungen „Krautbarsch“ und „Jagebarsch“. Der Krautbarsch hält sich vorwiegend inmitten von Wasserpfanzenbewuchs auf und ist daher intensiver gefärbt. - Der Jagebarsch ist dagegen heller gefärbt und lebt im Freiwasser. Als Dritten im Bunde findet man auch noch ab und an den Tiefenbarsch, der sich - wie der Name bereits verrät - in der Tiefe des Gewässers aufhält und allgemein dunkler gefärbt ist.
Häufig findet man die Barsche in großen Trupps, um bei der Fischjagd erfolgreich sein zu können. Ältere Tiere sind eher Einzelgänger.
Zwischen März und April legen die Fische bis zu ein Meter lange Gallertbänder rund um Pflanzenstängel.
- Platsch -
Ein hell silbrig schimmerndes Etwas schießt an uns vorüber und ehe wir es genau betrachten können, ist es schon wieder verschwunden. Es hat offenbar am Bodengrund etwas gefangen - vielleicht eine Wasserassel oder auch einen Bachflohkrebs. - Wer weiß…? Jedenfalls ist es, so schnell es kam, wieder verschwunden - hinaus aus dem Wasser... Nein - es war keine einheimische Art des Pinguins. - Ganz so weit ist die Artenverschleppung noch nicht vorgedrungen. Es war tatsächlich eine heimische Art. Wir tauchen aus dem Wasser auf und erblicken am Ufer einige Hecken und Sträucher. Hier muss es hinein geflogen sein. - Das „TUFO“ - das „Tierisch Unbekannte FlugObjekt“. Wenn wir genau hinschauen… - Ja, da ist der Geflohene. Das noch mäßig gewachsene Blattgrün gibt ihm noch nicht genug Deckung und wir erkennen einen bräunlichen Vogel mit weißem Fleck an der Brust. Er ist kleiner als eine Amsel. - Und trotzdem trägt er diese Bezeichnung im Namen. - Die Rede ist von einer Wasseramsel. Sie kann als so ziemlich einziger heimischer Singvogel tatsächlich tauchen, und dies auf eine Länge von bis zu 20 Metern. Ihre Lieblingsspeise besteht aus Wasserinsekten und sicherlich frisst sie sich schon ein wenig Speck an für die Zeit der nahen Brut. Bereits im März beginnen diese Tiere nämlich damit - in den Monaten Juli/ August endet die Saison. Dabei baut das Amselpärchen aus Moos ein kugelartiges Nest in der Ufernische eines nahen Gewässers. - Intelligenterweise direkt an der Nahrungsquelle.
Der Eisvogel ist auch so ein tauchender Gesell. Der wird bis zu 16 cm lang - vom Schnabel bis zur Schwanzspitze. In der Nähe klarer Seen kann man den gefiederten Freund bewundern - mit seinen schillernden Farben. Er trägt vorwiegend ein metallisch blaues Federkleid, das von orange schimmernden Farbtönen und weißen Flecken durchsetzt ist. Sein langer Schnabel ist schwarz. Er benötigt fischreiche Gewässer und bevorzugt solche mit sehr klarem Wasser sowie sandigen oder torfigen Ufersteilhängen, da er hierin brütet. Er gräbt sich dazu tatsächlich einen etwa ein Meter langen Gang in den Steilhang, an dessen Ende er eine größere Nisthöhle einrichtet. Dort brütet er und zieht seine Jungen groß.
Unser Weg ist noch lang. Wir sollten uns daher nicht zu lange aufhalten lassen, sondern mit hinfort ziehen in die Weiten des Wassers. Es gäbe sicherlich noch sehr viel Schönes und Interessantes zu entdecken, wie z.B. die Bergseen der Alpen. Dort finden sich auch sehr viele schöne Fischarten, die zugleich auch bedroht sind und unsere Aufmerksamkeit verdienten. - Wie der Perlfisch.
Doch unser nächstes Ziel wartet bereits.
Während wir uns diesem nähern, hören wir die Steine sprechen. - Sie berichten von einem Wesen mit langen Klauen und Furcht einflößendem Aussehen. Nachts käme dieses aus selbst gegrabenen Höhlen, um Schnecken und Würmern den Garaus zu machen. - Ein Nessie in einem Alpenfluss?
Nein. - Es ist vielmehr ein Flusskrebs, von dem der Kies berichtet und sein altes Bachmannsgarn zum Besten gibt…
Dieser Krebs ist wahrlich ein imposantes Wesen und lebt in klaren Bächen. Die Weibchen bleiben mit 12 Zentimetern etwas kleiner als die 16 cm großen Männchen. Tatsächlich begeben sie sich ausschließlich nachts auf Beutefang, laufen auf ihren 5 Laufbeinpaaren hin zur Futterquelle und verspeisen dort sowohl Schnecken als auch Würmer. Wasserpflanzen sind auch nicht vor ihnen sicher.
Die Paarung der Tiere - der Flusskrebs ist erst nach 3 Jahren geschlechtsreif - läuft auf besondere Art ab. Man paart sich relativ spät - September/ Oktober. Das Weibchen kittet sich die bis zu 250 Eier an die Hinterbeine und wartet gemächlich, bis sein Nachwuchs geschlüpft ist. Und eine neue Generation der braunen Krebstiere bildet, die man heutzutage auch nur noch selten zu Gesicht bekommt.
Doch nun weiter… - Vor uns liegt der große Binnensee, an den sowohl Deutschland, die Schweiz und Österreich grenzen. - In den die Quellen des Rheins münden und aus dem der Fluss weiter fließt. - Als Lebensquell von tausenden Wesen und Landschaften.
Landschaften, deren Schönheit und Einzigartigkeit leider nicht jeder respektiert…
 


Wenn der Mensch zum Monster wird...
 
Das kalte Licht des Mondes überzog das ruhige Gewässer mit einem unheimlichen Glitzern.
Es war, als würde jeden Augenblick die Wasserfee herausbrechen und ihrem wütenden Zorn freien Lauf lassen. Wahrscheinlich, war es auch sie gewesen, welche die silbriggrauen Nebelschwaden heraufbeschworen hatte, um ihn zu verschlingen, bevor er das Unheil anrichten konnte…
Er fühlte sich wirklich nicht wohl in seiner Haut.
Beim besten Willen nicht!
Er spürte den strafenden Blick des Mondes.
Ein Blick voller Trauer und voller furchtbarem Hass!
Doch er hatte keine andere Möglichkeit.
Der Chef hatte gesagt, der Giftmüll müsse heute noch verschwinden.
Wie war ihm egal. Hauptsache er war weg.
Es gab einfach keine Alternative!
Der Chef hatte gesagt, wenn er es nicht machen würde, dann bräuchte er auch nie wieder zu kommen. Bei der heutigen Arbeitslosenrate wäre es ein Leichtes einen Ersatz für ihn zu finden.
Doch er brauchte diesen Job. Er brauchte einfach das Geld.
Blubbernd ergoss sich die kristallbraune Flüssigkeit in den kleinen Fluss.
Liter für Liter.
Eigentlich waren es ja nur 3 Fässer.
Er hatte doch mal gehört, dass ein geschädigtes Gewässer sich selbst regenerieren kann.
Und was sind denn schon 3 Fässer.
Nur 3 Fässer.
Er atmete tief durch.
Er brauchte sich keine Sorgen mehr machen.
Der Fluss würde vielleicht ein bisschen die Farbe verändern, aber er würde sich wieder erholen. Und er hatte seinen Job gerettet. Und sich einen extra Bonus verdient!
Warum hatte er sich nur einen Kopf darum gemacht?
Er brauchte sich in keiner Art und Weise mehr Gedanken darüber machen!
Außerdem schnitt ihn der Nebel von den Blicken der Außenwelt ab.
Niemand würde etwas bemerken.
Niemand.
Es würde alles wie am Schnürchen laufen!
Da war sich jetzt ganz sicher!
Plötzlich raschelte es hinter ihm im Gebüsch.
Panisch zuckte er zusammen, wirbelte herum und stieß dabei an das Fass.
Das Fass drehte sich und statt in den Fluss lief nun die tödliche Flüssigkeit in die Uferwiese.
Mit bangem Blick durchsuchte er das Gebüsch.
Mein Güte... nur ein Häschen... was für ein Schreck...
Mist, verdammter!!!
Hektisch drehte er das Fass wieder in die Richtung des Flusses.
Ein ekliger und widerwärtiger Geruch von Fäulnis stieg ihm in die Nase.
Er schaute auf den Fleck, wo eben noch das Gift in die Wiese geflossen war.
Gelblich schäumend und stinkend zerfielen die einzelnen Halme zu Matsch.
Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen.
Was um alles in der Welt hatte er nur getan?
Was für Zeug hatte er da nur in den Fluss geleitet?
Oh Gott!
Was hatte er nur getan???
Oh Gott, oh Gott!
Und was, wen ihn jetzt hier jemand erwischen würde?
Wenn der Nebel doch nicht so dicht war, wie er dachte.
Und vielleicht war es ja gar kein Hase gewesen.
Oh Gott, oh Gott!
Was will denn auch ein Hase hier.
Oh Gott, was hatte er nur getan?
Man hatte ihn gesehen.
Ganz bestimmt.
Oh Gott, oh Gott, oh Gott!
Er würde ins Gefängnis wandern. Ganz sicher.
Aber er hatte doch eine Familie!
Er durfte nicht erwischt werden!
Er durfte nicht ins Gefängnis!
Er musste weg hier!
Sofort!
Und wie vom Teufel persönlich getrieben packte er die nun leeren Fässer auf seinen Anhänger und raste durch die dunkle Nacht davon.
Nur um seine eigene Haut zu retten und ohne auch nur einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, was für ein großes Elend er gerade diesem kleinen, unschuldigen Fluss angetan hatte...
 
“Papa, Papa! Wach auf! Anabell hat ein Baby bekommen!”
Wie von der Tarantel gestochen fuhr er aus dem Bett.
“WAS? Seit wann ist deine Schwester denn schwanger?”
Sein Sohn brach in schallendes Gelächter aus.
“Das ist nicht witzig! Wieso wird einem Vater verheimlicht, dass seine 12jährige Tochter ein Kind erwartet?”
“Mensch Papa! Mein Goldfisch heißt doch Anabell und sie hat ein Baby bekommen! Ist das nicht toll?”
Erleichtert tupfte er sich die Schweißperlen von der Stirn.
“Es ist ganz supertoll. Du hast deinen Goldfisch nach deiner Schwester benannt?”
“Mit irgendwas muss ich sie doch ärgern können.”
“Klingt einleuchtend.”
“Weißt du, wie sehr ich mich freue? Ich bin sooo froh! Jetzt habe ich 2 Fischlein zum Spielen! Einen Goldfisch zu haben ist wirklich das Allergrößte! Die hören immer zu, wenn man mit ihnen redet. Die hören sich alles an. Und sie sagen nichts weiter. Oh Papi, dass ist sooo toll! Ein Fischbaby! Das ist sooo toll...!”
“Wie wäre es, wenn du diese tolle Nachricht Mama erzählen würdest? Sie ist unten in der Küche.”
“Mach ich. Mama, Mama! Anabell hat ein Baby bekommen!”
aus der Küche : “WAS?”...
Seine Gedanken kehrten zur letzten Nacht zurück.
Wie viele Fische würden wohl durch das Gift sterben?
Wie viele harmlose Krebse und Frösche?
Was zum Teufel hatte er denn nur getan?
Einige Minuten später saß er am Frühstückstisch.
Es fuhr ihm durch Mark und Bein, als er seine Zeitung aufschlug.
 
“...aus zuversichtlichen Quellen wurde uns mitgeteilt, dass wieder Fische in unserem Fluss leben. Jahrelange Verschmutzungen durch extrem giftige Abwässer hatten dies zuvor unmöglich gemacht. Es scheint nun so, als habe sich unser Fluss endlich wieder erholt! Experten warnen jedoch davor, dass bei einer erneuten extremen Verschmutzung, eine Regeneration nicht möglich sein wird, da die Unterwasserwelt schon zu sehr geschwächt wurde...”
 
Das Herz sank ihm in die Hose.
Was war er nur für ein Mensch?
Was war er nur für ein entsetzlicher Mensch???
Er hatte gesehen, was ein paar Liter mit der Wiese gemacht hatten.
Und 3 ganze Fässer würden den Fluss auf immer zerstören.
Er hatte einen Fluss ermordet.
Wenn alles schief ging, dann würde das Gift auch noch in das Grundwasser sickern.
Nicht auszudenken, was dann geschehen würde!
Vielleicht würden sogar andere Menschen daran schwer erkranken.
Nicht auszudenken!
Ein noch entsetzlicherer Gedanke ergriff ihn.
Was, wenn das Gift mit dem Fluss in das Meer lief?
Schließlich mündete der Fluss dort.
Die Folgen waren zu schrecklich und zu beängstigend, als das er sie sich ausmalen wollte.
Wie konnte er nur so egoistisch und geldgierig handeln?
Er war doch nicht länger mehr ein Mensch. Er war ein verdammtes Monster!
Er musste raus an die frische Luft.
Brauchte Raum um weiter Nachdenken zu können.
Ach, die Post musste sowieso noch geholt werden.
Quälend schleppte er sich zu dem Briefkasten.
Zu schwer lastenden die Gedanken über das Grauen, was er angerichtet hatte auf seiner Seele.
Was hatte er nur schreckliches angerichtet?
“Guten Morgen Herr Nachbar!”
“Ach, Hallo. Guten Morgen. Ich habe sie gar nicht gleich gesehen. War wohl etwas in Gedanken. Wie geht es ihnen?”
“Stellen sie sich vor, ich und mein kleiner Sohn waren vorhin am Fluss und wollten uns die Fische anschauen, die dort wieder leben sollen. Und da ist der Kleine ausgerutscht und in den Fluss gefallen. Und jetzt hat er einen ganz fürchterlichen Hautausschlag bekommen. Rote, eitrige Pusteln am ganzen Körper. Ich habe schon den Krankenwagen gerufen. Das ist ja nicht in Ordnung. Das muss ja behandelt werden. Also, wenn sie mich fragen, dann war das was in dem Fluss drin. Irgendetwas, was da nicht hinein gehört. Ich hoffe nur, die Ärzte können meinen kleinen Tommy richtig behandeln. Ach, ich mache mir so schreckliche Sorgen. Ich hoffe es ist nichts Ernstes. Wenn ich nur wüsste, was diesen Ausschlag ausgelöst hat, dann könnte man vielleicht gleich ein Gegenmittel verwenden. Aber ich weiß es ja nicht. Wer weiß was für furchtbare Untersuchungen durchgeführt werden müssen...Mein armer, kleiner Tommy...Wenn ich nur wüsste, was diesen Ausschlag ausgelöst hat…”
“Thormaniumsäure.”
“Wie bitte?”
“Warten sie, ich schreibe es ihnen auf...Geben sie das dem Arzt. Er wird den Ausschlag dann besser behandeln können und jetzt entschuldigen sie mich bitte, ich muss noch etwas erledigen... Gute Besserung für ihren Sohn... Leben sie wohl...”
 
Er konnte nicht mehr. Seine Seele würde an den Gewissensbissen zu Grunde gehen.
Er konnte nicht einfach so tun, als wäre nichts geschehen.
Als wüsste er von nichts.
Er konnte einfach nicht mehr so weiter leben.
Nein, dass konnte er beim besten Willen nicht!
Tränen liefen ihn über die Wange.
Er war ein Monster.
Das, was er getan hatte, war unmenschlich.
Und Unmenschen gehören bestraft.
Er musste doch etwas tun können.
Irgendetwas.
Vielleicht...ja, er wusste nun, was zu tun war.
Es gab einfach keine andere Möglichkeit, keine andere Alternative…
Genau dasselbe hatte er gestern Nacht gedacht und da hatte er sich geirrt.
Er hätte eine Alternative gehabt.
Doch jetzt gab es nur den einen, richtigen Weg.
Den einen richtigen Weg, um die Verantwortung nicht einfach abzuschieben und für das gerade zu stehen, was er getan hatte.
Er musste das tun. Alles andere wäre feige!
Vielleicht war ja so doch noch nicht alles verloren, wenn er denn nur jetzt handeln würde.
Er hoffte nur, dass seine Familie ihm eines Tages verzeihen würde...
Verzeihen, dass er einen Fluss ermordet hatte und verzeihen, dass er sie jetzt allein ließ...
 
Er fuhr zu der nächsten Polizeistation.
“Guten Tag. Ich möchte mich selbst anzeigen...”
 
Josefine Atzendorf
 
Plätschernd treiben wir weiter in das Schwäbische Meer und blicken uns um. Ein lang gezogen und seitlich zusammengedrückt wirkender Körper treibt uns entgegen. Er ist vielleicht 60 cm lang - doch er könnte eine Länge bis zu 70 Zentimeter erreichen. Seine Schuppen schimmern silbrig und er ist eindeutig aus der Winterstarre erwacht. - Kein Wunder. Denn das Wasser hier in diesem großen Binnensee ist eigentlich kälter zu dieser Jahreszeit. Blaufelchen nennt man diese Art von Fisch, der sich als Schweberenken augenscheinlich von im Wasser treibendem Zooplankton ernährt. Dies tut er mit Hilfe von Reusendornen, die dicht an dicht angeordnet sind und somit eine gute Filterung des Wassers ermöglichen. Es existieren auch so genannte Bodenrenken. Deise ernähren sich von Wasserasseln, Kleinkrebsen, Würmern und anderem Getier am Bodengrund. In beiden Gruppen gibt es solche, die sich an die Umweltbedingungen anpassen. Im Sommer gibt es viel des Zooplanktons, also filtern die Tiere, was das Zeug hält. Und im Winter, wenn dieses Angebot knapp wird, schwimmen sie hinab und stellen ihre Ernährung einfach um! Sie sind flexibel.
Wir haben Glück, dass wir diesen geschuppten Zeitgenossen hier im Bodensee entdecken. Denn hier ist er nur sehr selten anzutreffen. In anderen Gebieten ist er prinzipiell häufiger, doch durch Überfischung und intensive Landwirtschaft in seinem Bestand gefährdet.
Novembermorgen
Novembermorgen
Haiku
Licht umschlingt Wolken
Die Wasser atmen Schleier
Still ruht der Morgen
Bild und Haiku von Sandy Green
 
Unser Weg führt uns weiter, während die Dämmerung hereinbricht. Wenn wir Glück haben, schwimmt uns vielleicht sogar ein Zander über den Weg. Denn der ist dämmerungsaktiv. Er kann bis zu 1,20 m lang werden, meist bleibt er aber nur einen halben Meter groß.
Dort schwimmt einer… - Oder sind es zwei? Wenn wir genau hinsehen, treiben dort mindestens fünf grüngraue Exemplare durchs Wasser, auch noch relativ winterstarr, auf uns zu. Es sind Raubfische und die anderen Kiemenatmer sollten sich in Acht nehmen. - Sollte sich ein Ukelei oder ein Rotauge hier herumtreiben, so sei eine Empfehlung ausgesprochen: Flossen unter die Flossen nehmen und ab in Deckung. Alleine das Aussehen des Zanders, der spitz zulaufende Kopf, der lange und stromlinienförmige Körper sowie das gut bezahnte Maul und nicht zuletzt die beiden getrennten Rückenflossen mit dornartigem Muster machen klar, dass es sich um einen gefährlichen Gegner handelt.
Bald werden auch diese Tiere den Nachwuchs in Angriff nehmen. - Vom April bis zum Wonnemonat errichten sie Nestgruben im Kiesboden und laichen dort ab.
Der Ukelei hat sicherlich schon Reißaus genommen. Der silbrige Fisch, der max. eine Größe von 25 cm aufweist, ist normalerweise oberflächenorientiert, doch hat er sich nun bestimmt in den sicheren Uferbewuchs zurückgezogen. - Aufgrund der Gefahr im Verzug, der heraufziehenden Dämmerung und vor allem der mit der Wintersteife verbundenen Trägheit.
Futter findet der schlank, lang gestreckt, und seitlich zusammengedrückt wirkende Fisch dort sicherlich genug. - Ernähren ihn doch Plankton und Wasserinsekten, welche sich im Uferbewuchs finden lassen. Die eine oder andere Wasserkäfer- oder Insektenlarve beispielsweise.
Hoffen wir, dass er keine Larve der Blaugrünen Mosaikjungfer erwischt, die hier bereits den Winter überdauert hat. Die bis zu 7 cm lange bläulichgrün mosaikartig gemusterte und schimmernde Libellenart mit einer Flügelspannweite von bis zu 11 Zentimetern - ihre Augen sind grün oder blau - braucht nämlich relativ lange vom Ei bis zum flugfähigen Wesen. - Zwei Jahre dauert die Entwicklung von Larve bis zum ausgewachsenen Insekt. Die Larven erscheinen relativ unspektakulär mit ihrer beige bis grau schimmernden Haut und ihrem Körperbau, der eher an den einer vergrößerten Hausstaubmilbe erinnert, als an die Vorstufe eines so herrlich schönen und bunten Flugwesens. Doch wenn sie eines Tages nach Abschluss ihrer Entwicklung dem Wasser entsteigt, wie Phönix aus der Asche, sich quasi in einer Nacht- und Nebelaktion an ein aus dem Wasser ragendes Wasserpflanzenblatt klammert und dort dann die Larvenhaut aufbricht, um sich zu entfalten zu einem unglaublich begabten Flugkünstler. - Dann wird klar, dass sich auch im Tierreich aus dem hässlichen Entlein oftmals ein Schwan entwickelt. Gerade diese Mosaikjungfer ist ein hervorragender Flugjäger und fängt auch größere Insekten in unglaublich hoher Geschwindigkeit.
Die Färbung der Männchen und Weibchen unterscheidet sich. So ist die Brust der Männchen in der Regel bräunlich. Daher sind sie etwas weniger farblich gezeichnet, als die Weibchen, doch trotzdem stehen die Männchen den Weibchen nicht wirklich in etwas nach. Vor allem der Revierkampf wird von den Männchen ausgetragen. Und dies oftmals in imposanter Art und Weise. Wenn sich zwei der dicken Brummer verfolgen und die Flügel laut aneinander prallen, wie das Säbelrasseln in einer Schlacht, bekommt man doch einen gewissen Respekt vor den Tieren, obwohl man nichts von ihnen zu befürchten hat. Denn zwar besitzen die Weibchen einen Stachel. Doch sie können damit einzig eines: Eier legen. Dies tun sie in einer äußerst grazilen Weise. Höchst Professionell tänzeln sie über eine Wasseroberfläche und legen ihre Eier nahe von Wasserpflanzen ab. Dabei taucht die Tänzerin jedoch niemals ganz unter Wasser und ist ohne ihren Partner unterwegs.
Und nun sind wir auch wieder bei unserer imaginären Larve, die dort irgendwo inmitten des Bodensee-Uferbewuchses sicherlich auf ihren großen Auftritt wartet. - Wie viele weitere.
So beispielsweise die der Frühen Adonislibelle, die mit etwa 3,5 Zentimetern Länge sowie 4,5 Zentimetern Spannweite deutlich kleiner ist. Auch ihre Larve ist kleiner, braucht nicht so lange zur Entwicklung. Bereits nach einem Jahr schlüpfen die rot schimmernden Flatterwesen, die sich hauptsächlich von Insekten ernähren, welche auf Blättern oder Ästen sitzen - beispielsweise Blattläuse. Sie ist kein derart guter Flugjäger, wie ihre zuvor beschriebene Gattungsgenossin. Trotzdem vollführt sie wahre Flugkunststücke. - Im Team mit ihrer Partnerlibelle. Denn bei der Paarung bilden beide zusammen eine verblüffend synchrone Einheit, halten sich aneinander fest und bilden ein so genanntes „Paarungsrad“. Hierbei entsteht fast ein Kreis und wenn die Tiere sich gepaart haben, hilft das Männchen auch bei der Eiablage. Im Tandem fliegen beide über die Wasseroberfläche, während das Weibchen mit ihrem Legestachel die Fracht des Lebens ins Wasser ablädt. Ein Jahr benötigt der Nachwuchs dann, um sich selbst in die Lüfte erheben zu können.
Bei der Plattbauchlibelle, deren Körper etwa genauso lang ist, wie jener der Frühen Adonislibelle, deren Spannweite jedoch mit respektablen acht Zentimetern deutlich höher liegt - braucht es auch eine gewisse Zeit, bis aus den Larven schöne Libellen erwachsen. Nach zwei Jahren schlüpfen die fertigen Flugtiere. Der Hinterleib der Weibchen ist platt und türkisblau. - Die Männchen haben einen ähnlich platten Hinterleib, dafür schimmert dieser aber braungolden.
Männchen und Weibchen vollführen - im Zeitraum vom 5. bis zum 8. Monat eines Jahres - die Paarung in der Luft. Diese dauert nur wenige Minuten, das Weibchen wirft die Eier ab ins Wasser, während das Männchen weiterzieht und sich die nächste Partnerin sucht.
Die Larven dieser Libellenart sind extrem widerstandsfähig. Sie überstehen sogar die Austrocknung des Gewässers über mehrere Wochen, da sie im Schlamm des Bodengrundes Schutz suchen. Dies ist besonders deshalb so wichtig, da diese Art sich gezielt auf Kleingewässer spezialisiert hat, welche während eines heißen Sommers sehr schnell austrocknen können.

Ein neuer Morgen dämmert und kreisrunde Augen blicken uns in die verschlafenen Selben. Schleie! Schleie! - Nein - dies ist keine Aufforderung zum lauten Rufen in chinesischem Akzent. Vielmehr ist das der Name eines Fisches.
Schleie - ein dunkel-olivgrüner Wasserbewohner, dessen länglicher Körper messingartig schimmert. Frech blickt uns dieser etwa 50 cm lange Fisch an. 10 Zentimeter könnte er noch weiter wachsen, doch das wird heute nicht mehr geschehen. Der Bodenfisch zieht sich gemächlich in die Uferpflanzen zurück und haut sich aufs Ohr. - Nachdem er die ganze Nacht durch die Tiefen geschwommen ist, um nach Nahrung Ausschau zu halten. Er sieht sehr gut genährt aus, weshalb für ihn die Wahrscheinlichkeit größer ist, als Weibchen die bevorstehende Laichzeit gut zu überstehen. Sie beginnt im Mai, endet im August. Dabei legt das Weibchen ihre Eier Nahe einer Wasserpflanze ab. Der Nachwuchs schlüpft in Larvenform, welcher flugs die körpereigene Klebedrüsen schwingt, um sich an der nahen Wasserpflanze festzuhalten…
Seien wir froh, dass es nur dieser Gesell war, der uns derart unsanft geweckt hat. Stellen Sie sich vor, ein Bachneunauge hätte uns seine neun Augen entgegen gestreckt.
Bachneunauge.jpg
 
Man hätte glauben können, ein atomar mutierter Fisch sei aus dem Hafenbecken der russischen Nordmeerflotte aufgestiegen, um neue Gebiete für sich zu erobern. Das runde Saugmaul mit den vielen kleinen und dicht besetzten Zähnen hätte sein Übriges getan, einen Alptraum Wirklichkeit werden zu lassen…
Doch ist ein Bachneunauge natürlich weder ein Monster aus der atomar verseuchten Tiefsee, ist kein wahr gewordener Alptraum und vor allem - es ist kein Fisch. Vielmehr gehört es zur Gattung der „Rundmäuler“. Es besitzt auch keine neun Augen, was der Name vermuten lassen würde. Vielmehr hat es wohl auch nur zwei Möglichkeiten, die Außenwelt visuell wahrzunehmen. Die restlichen 16 Augen (insgesamt jeweils neun vermeintliche Augen links und rechts) bestehen aus Nasenöffnung und jeweils sieben Kiemenöffnungen, welche tatsächlich Ähnlichkeit haben mit den Sehorganen der Tiere. Vielleicht ist dies genau der Fall, um vermeintliche Fraßfeinde zu verwirren oder gar abzuschrecken.
Die aalförmigen Tiere werden etwa 15 Zentimeter lang und leben eigentlich im Oberlauf von Bächen oder aber in gut durchströmten Seen mit sandigem Boden. Es hätte also theoretisch sein können, dass ein solches Geschöpf uns tatsächlich hier im Bodensee geweckt hätte.
Diese Tiere sind übrigens sehr interessante Wesen. - Sie kommen in kleineren Gruppen vor und laichen in den Monaten von März bis Juni. Das Männchen saugt sich zuvor am Weibchen fest und beide paaren sich. Seit ihrer Geschlechtsreife haben sie nichts mehr gefressen und werden dies auch nicht mehr tun. Denn am Ende jenes Spieles des Lebens steht der Tod der Elterntiere, wenn die beiden ihre Lebensfracht dort abgeliefert haben, wo sie eine Möglichkeit hat, sich zu entwickeln. - Im Sediment von Bach bzw. See. Dort graben sich die Larven ein und leben drei bis vier Jahre lang von organischen Teilchen. Hoffen wir, dass möglichst viele überleben. Denn die Art ist vor allem durch Flussbegradigungen und Ähnliches stark gefährdet.
Eine traurige Geschichte, die die Rotaugen nicht teilen. Jener grausilbrige Kiemenatmer, den rote Bauchflossen schmücken, ist noch gut vertreten in der Unterwasserwelt. Er wird bis zu 50 cm lang, lebt in Schwärmen und hält sich meist im verkrauteten Uferbereich auf, laicht in den Monaten von April bis Mai ab - manchmal stolze 100.000 Eier. Wie der Name schon sagt hat das Rotauge eine rötliche Iris und sein Nachwuchs schlüpft bereits nach 10 Tagen. Die Kleinen haben es gut, denn sie haben gleich einen Dottersack zur Flosse, welche Mutter Rotauge ihnen mit in das Ei gelegt hat.
Es gibt von dieser Fischart auch so genannte anadrome Wanderformen im Schwarzen Meer sowie in der Ostsee. Das bedeutet, die Tiere wandern zur Laichzeit vom Meer in die Mündungsgebiete, die Flüsse hinauf bis zu ihrem eigenen Geburtsort. Dort geben sie den Laich ab.
Vielleicht treffen wir ja auch noch auf die marinen Verwandten dieser rotäugigen Wesen. Also - auf zum Meer…!
Wir nehmen wieder Kurs und verlassen den wunderschönen Bodensee, der auch noch so viel mehr zu bieten hat, dass man es gar nicht alles entdecken kann. Überhaupt finden sich in den Alpen wundervolle, kleine Paradiese. Die Aare-Schlucht in der Schweiz ist eines davon wie der Fluss Aare selbst. Und auch die Trümmelbachfälle nahe Gimmelwald sind so wundervoll anzusehen. Etliche Wasserfälle stürzen hier inmitten und innerhalb eines Berges aus Ausbuchtungen und man kann sie durch ein Höhlen- und Gangsystem bewundern. Hier stürzen pro Sekunde 20.000 Liter Wasser in die Tiefe.
Trümmelbachfälle
Einer der Trümmelbachfälle

Doch nun zu Vater Rhein! Zunächst jedoch werden wir einen Freiflug erleben, der sich gewaschen hat. In der Ferne hören wir schon das sprudelnde kühle Nass und mit jedem Stück kommen wir dem großen Fall näher. - Dem Rheinfall.

Unter lautem Getöse rasen wir durch die Luft, verbinden uns mit einigen der Tonnen von Wassertröpfchen. Die inzwischen aufgegangene Sonne strahlt uns an und lässt uns ihre Seele für einen Moment sehen. - Ein Regenbogen, und wir sind Teil davon… Na, wenn das kein Erlebnis ist!
Wir sinken nieder - dort, am Ende des Regenbogens… Ob wir hier auch einen Schatz finden werden? - Ja, ich bin mir ganz sicher. Wir werden den Schatz des Lebens finden, denn wir tauchen zurück in die Quelle allen Lebens, den Teil des Meerchens, in das Wasser allen Seins.
Zuerst strömend, dann gediegener, treibt es uns davon. Alles strebt zurück zum Meerchen und wir mit ihm.
Ein rundlicher Körper mit großen Schuppen und in einem silbrig glänzenden Schimmer begrüßt uns in den neuen Gefilden. Es ist nichts anderes, als ein so genannter Döbel. Dieser Fisch wird bis zu 60 cm lang. - Unser Freund misst allerdings erst 40cm. Er ist wohl noch jung und es dauert nicht lange, bis wir drei weitere dieser Größe entdecken. Denn jüngere Döbel leben im Schwarm, während ältere zunehmend zu Einzelgängern werden. Dies liegt wohl auch an ihrer geänderten Ernährungsweise. Jungtiere ernähren sich durch wirbellose Kleintiere und Pflanzen, während die älteren zunehmend zu Räubern werden. Da sie - würden sie im Schwarm jagen - Konkurrenz durch die Schwarmkollegen befürchten müssten, werden sie wohl ihre Lebensweise zusammen mit dem Fressverhalten ändern. - Auch, um Konflikten aus dem Wege zu gehen. Der Fisch laicht von April bis Juni an Steinen und Pflanzen.
Vor noch kurzer Zeit sind in diesen Fluten wahrscheinlich nicht wenige Lachse geschwommen. - Denn diese erreichen von September bis Februar - nachdem sie durch die Rheinfluten hinauf gewandert sind - ihre Geburtsgewässer. Lachse sind anadromische Wanderfische und leben bis zu 4 Jahre im Meer, bis sie in die Geschlechtsreife eintreten. Dann ziehen sie in Schwärmen los, wandern die Flüsse - gegen den Strom und alle anderen Widrigkeiten - hinauf zu dem Gewässer, in dem sie selbst aus dem Ei geschlüpft sind. Wie sie dieses genau wieder finden, kann man heutzutage noch immer nicht so recht sagen. Die einen meinen, sie orientierten sich wie Zugvögel an dem Magnetfeld der Erde, andere sprechen von einer Orientierung durch Unterwassergerüche…
Wie dem auch sei fressen sie ab dem Moment, in dem sie die oft einige tausend Kilometer lange Reise antreten, nichts mehr. Sie zehren auf ihrer Reise einzig an ihren Fettreserven und vollbringen wahrlich Höchstleistungen. Die Fische überspringen Hindernisse von über 1,50 m Höhe. Wenn sie in den Laichgewässern angekommen sind, sondern die Weibchen Sexuallockstoffe ab, die die Männchen wahrnehmen und sich sodann mit den Weibchen paaren.
Das Weibchen schlägt mit seinem Schwanz eine Mulde in den Kies im Laichgewässer und gibt die klebrigen, bis 7 mm dicken Eier dorthin ab. Dann verschließt das Lachs-Weibchen die Mulde mit Kies und stirbt in den meisten Fällen wegen Entkräftung. Die wenigsten schaffen den Weg zurück ins Meer.
Die Larven entwickeln sich in ihrem Kies-Nest und ernähren sich von einem Dottersack. Bis zu 5 Jahre verbringen die Tiere hier im Süßwasser, bis sich ihr Körperbau wandelt und sie aufbrechen, hin zum Meer. Nachdem sie im Süßwasser Fluginsekten zu sich genommen haben, wirbellose Insekten und Fischbrut vertilgten, stellen sie ihre Ernährung im Meer um und werden zum gefürchteten Raubfisch. Der Lachs wird bis zu 1,00 m lang und hat eine lang gestreckte Körper- sowie eine spitze Kopfform. Die Rückenflosse steht dreiecksförmig nach oben. Die Haut des Fisches erscheint grau, durchsetzt mit dunkelgrauen und schwarzen Flecken. Auch schimmern einige Schuppen rötlich.
Wir treiben weiter in den weißschaumigen Fluten und kommen in allmählich deutlich ruhigere Gewässer. - Ruhig genug, dass einige Algen und Pflanzen am Ufer Fuß fassen konnten. Wir blicken hinüber zu dem satten Grün - und denken uns, was ist denn das für eine Nase? „Chondrostoma nasus“ wird das Wesen auch genannt, im Volksmund einfach Nase. Es ist ein Fisch, der max. 60 cm Länge erreicht. Die Nasen werden bald damit beginnen, sich zusammen zu rotten zu einem Laichschwarm, um dann gemeinsam einen der einmündenden Rheinzuflüssen zu durchqueren, um an geeigneter Stelle ihren Laich abzusetzen. Momentan schlagen sich die Tiere allerdings - nachdem sie in dem etwas strömungsärmeren Bereich angekommen sind - erst mal die Bäuche voll mit allerlei Algen und Kleintieren. Lassen wir sie das gute Grün genießen und treiben wir weiter.
Vielleicht schwimmt uns auch der Rapfen an der Nase vorbei. Dieser silbrig schimmernde Fisch, dessen Körper lang gestreckt wirkt und dessen Kopf spitz zusammenläuft, wird bis zu einem Meter lang. Er lebt in der Jugend gesellig, später wird auch er zum Einzelgänger. Die erwachsenen Tiere verschlingen gelegentlich sogar das eine oder andere Vogeljunge oder Mäuse. Die starke Strömung in der Nähe ist perfekt als Laichplatz der Rapfen. Hier setzt seine Art bis zu 300.000 Eier ab.
Wären wir ein wenig später aufgebrochen, so hätte uns sicherlich auch die eine oder andere Flussseeschwalbe die Ehre gegeben. Sie ist etwa so groß wie eine Schwarzamsel, hat jedoch eine andere Haltung und auch eine andere Färbung. Sie hat graue Flügel, der Hals und die Hälfte des Gesichts (bis auf Höhe des Schnabels) sind weiß, auf dem Kopf ist ein schwarzer Fleck zu erkennen, als hätte ihr jemand einen Hut aufgemalt. Die Beine sind orangefarben, ebenso der hintere Teil des Schnabels. Dessen Spitze wird jedoch zunehmend schwarz. Die Schwalbe hat einen gegabelten Schwanz, wie man es von anderen Schwalben gewöhnt ist und ihre Haltung ist flach. Da sie zu den Zugvögeln gehört, wird sie erst später im Jahr wieder auftauchen. Dann sind jedoch ihre Flugmanöver einmalig. Auf Föhr konnte ich einmal derart eindrucksvolle Manöver sehr gut beobachten. Wir werden diese ostfriesische Insel vielleicht später passieren. Die Schwalben fliegen über dem Wasser und sobald sie etwas futtertechnisch Interessantes erspähen, ziehen sie die Flügel ein und rasen, den Schnabel steil nach unten gerichtet, unvorstellbar schnell hinab ins Wasser. Sie tauchen unter, packen ihre Beute - Fische, Krebse oder andere kleine Meerestiere - und rasen so schnell und grazil wieder aus den Fluten.
 
Lassen Sie uns weiter reisen zu einmalig schönen Unter-wasserlandschaften. Der Rhein hat in seinem Lauf einige Auen zu bieten.
Hier gibt es viel zu sehen. Schnell begeben wir uns daher in die Hauptströmung und rasen durch das Flussbett, der nächsten Aue entgegen. Dort finden wir uns in einem wahren Dschungel wieder - mit dichten Pflanzen und exotisch anmutenden Tieren.
Der Rückenschwimmer z.B. ist eine Wasserwanze und er schwimmt - wie sein Name schon sagt - „auf dem Rücken“. Dabei ist die Oberseite des etwa anderthalb Zentimeter langen und vielleicht einen halben Zentimeter breiten Körpers beigefarben, während sein Bauch dunkelbraun gefärbt ist. Wer einmal die Hand nach einem solchen harmlos anmutenden Wesen ausgestreckt und es in die Enge getrieben hat, der wird das vielleicht nicht wieder vergessen. Denn die Tiere haben einen wehrhaften Stachel, den sie auch im Notfall gegen Menschen einsetzen. Doch wir in unserem Kondensationströpfchen sind sicher, tummeln wir uns doch in Unmengen von Wasser herum und beobachten den eifrigen Schwimmer. Das Insekt ist ein Raubtier der Unterwasserwelt. Es jagt andere Wasserinsekten, macht auch vor Molchlarven und sogar kleineren Fischen nicht Halt.
An der Wasseroberfläche tummelt sich - inmitten von ersten, austreibenden Schilfblättern - einer, der über Wasser laufen kann und auch dieser Eigenschaft seinen Namen verdankt. Die Rede ist vom Wasserläufer, der grazil die Oberflächenspannung der Wasseroberfläche nutzt und auf ihr umher gleitet, als sei es selbstverständlich, auf dem Wasser zu gehen. Das Tier wird etwa genauso lang wie der Rückenschwimmer, ist jedoch im Körperbau sehr viel dünner und graziler, erinnert ein wenig an die dünnen Körper von Gottesanbeterinnen oder anderen Fangschrecken. Wir haben Glück, diesen auf dem Wasser tänzelnden Gang bewundern zu können. Denn er ist normalerweise erst im April zu sehen - nicht Mitte März. Doch dieses seichte Nass des Rheines hat sich durch die strahlende Sonne und den ungewohnt milden Winter schnell wieder erwärmt, sodass die Bewohner hier agil durch die Gegend flattern, schwimmen oder laufen.
Das ist natürlich auch den Raubtieren außerhalb des Wassers ganz recht. Sie klettern durch das Gestrüpp, auf der Suche nach dem Opfer für ihr nächstes Mahl.
Der Mensch hat einem von ihnen den Namen Piratenspinne gegeben. Dieses achtbeinige Wesen wird beinahe 1 Zentimeter lang, sein Körper ist gekennzeichnet von dunkel- bis hellbrauner Färbung und einen dichten Pelz an Härchen, wobei ein auffallend heller Fleck seinen  Hinterlaib schmückt. Wären wir einige Zeit später hier eingetroffen, hätten wir wahrscheinlich noch das Balzverhalten des Spinnenmännchens beobachten können. Denn es legt tatsächlich einen wilden Tanz aufs chlorophyllgefärbte Pflanzenparkett. Nur bedingt teilt dieses Raubtier seinen Lebensraum mit einem Artgenossen. Es fängt neben Insekten auch Tiere unterhalb der Wasseroberfläche, erbeutet sogar kleine Fische.
Ein weiteres Spinnentier krabbelt uns über den Weg und erinnert in seiner Form eher an eine Nordseekrabbe, als an eine Spinne. Na was denn nun, denken Sie? Entweder Spinne oder Krabbe? Tatsächlich gehört dieses grünliche Wesen zur Ordnung der Krabbenspinnen. Bei dem Tier, das wir hier angetroffen haben, handelt es sich aber um ein ganz Besonderes seiner Art, denn es ist eine Veränderliche Krabbenspinne. Diese hat die Eigenschaft, die Körperfärbung dem jeweiligen Untergrund anzupassen. Gerade ist sie grün, doch wenn sie sich auf Beutefeldzug begibt und in der gelben Blüte der Wasser-Schwertlilie mit ausgebreiteten Vorderbeinen auf ihre Beute lauert, schimmert ihr Körper gelb. Sie lähmt ihre Beute, auch Bienen und Wespen, mit einem gekonnten Biss in „den Nacken“, um sich dann von ihnen zu nähren. Wie die Piratenspinne tanzt auch sie den Paarungstanz.
Beide Spinnen, und nicht nur diese, müssen sich jedoch vor einem gemeinsamen Feind in Acht nehmen. Krebse gehören ebenso auf dessen Speiseplan, wie allerlei Insekten, aber auch Pflanzen und deren Samen. Die Stockente ist in unseren Breiten wohl die bekannteste ihrer Artenfamilie. In der Nähe hat sich bereits ein Entenpaar eingefunden, mit dem Nestbau begonnen und das bräunliche Weibchen mit dem orangefarbenen Schnabel wird in Kürze bis zu 10 Eier das Licht der Welt erblicken lassen, um sie bis zu einen Monat lang warm zu halten, den Küken beim Schlüpfen zuzusehen, sie zu füttern, zu hegen und zu pflegen. Und um sie dann nach etwa weiteren zwei Monaten davon ziehen zu lassen. Das Männchen der Stockente trägt noch seine vornehme Tracht, die es in den Sommermonaten ablegt und dann wie seine Partnerin bräunlich durchs Leben schwimmt. Wahrscheinlich handelt es sich bei der Färbung der Tiere um ein Imponiergehabe, das die Stockenten-Erpel mit vielen anderen männlichen Wesen in der Tierwelt teilen. Gelber Schnabel, grün-metallisch schimmernder Kopf, gefolgt von einem weißen, schmalen Ring am Hals, einer bräunlichen Brust, sowie hellgrau bis dunkelgrau gefärbten Federn an Rücken, Flügeln und Bauch.
Von der Schwanzspitze bis zum Schnabel messen die Tiere eine Länge von 30-40 Zentimeter.
Lassen Sie uns ein wenig näher treiben, um dem Tier vielleicht einen kleinen Dienst zu entlocken. Denn finden Sie nicht auch, dass wir einen Freiflug sehr gut gebrauchen könnten, um unsere Reise auch in Gefilde fortsetzen zu können, die wir nicht durch den Flusslauf des Rheins erreichen?
 
Also klammern wir uns an das Federkleid des Männchens, das gleich abheben wird, um sich eine Zwischenmahlzeit zu gönnen. Mal sehen, wohin uns der Wind weht… Oder besser gesagt die Ente.
Unser gefiederter Freund macht dort Halt, wo offenbar bis vor wenigen Jahren noch kein Gewässer zu sehen war. Ein natürlich angelegter Teich taucht unter uns auf, der vom Leben nur so strotzt. Der wartet förmlich darauf, erkundet zu werden. Der Vogel ist gelandet, wir lösen uns von ihm, danken ihm für die Unterstützung und lassen uns durch das Gewässer treiben, das vielleicht eine Fläche von 100 Quadratmetern umfasst. Hier findet man einiges an Futter. Der Flattermann für seinen Magen und wir für unsere Augen.
So erfreut uns ein ganz besonderer Kiemenatmer durch seine Anwesenheit. Er überrascht bereits durch sein Aussehen. Sein länglicher, bis zu 11 cm langer Körper trägt drei bewegliche Stacheln auf dem Rücken, der Fisch besitzt keine Schuppen, sondern Knochenschilder. Der Dreistachlige Stichling glänzt silbriggrau, wobei die Männchen während der Paarungszeit einen Trick anwenden, um Weibchen zu bezirzen und die männlichen Rivalen aus ihrem Revier fern zu halten. Sie färben sich in der Zeit zwischen April und Mai auf dem Rücken blaugrün. Brust, Bauch und Kehle erleuchten in einem wirklich stechenden Hellrot.
Die männlichen Tiere dieser Art haben jedoch noch einiges mehr zu bieten. Sie heben mit dem Maul eine flache Grube am Bodengrund aus und bauen tatsächlich ein Nest aus Pflanzenfasern, Algenfäden und anderen geeigneten Materialien. Dieses verkleben sie mit Hilfe eines körpereigenen Sekrets zu einem stabilen Gebilde und formen sodann mit dem Kopf eine Nestöffnung sowie eine Höhle innerhalb des kleinen Kunstwerkes. Ist dies geschehen, lockt das Männchen die jeweils umworbenen Weibchen ins Nest, damit sie dort ihre Eier ablegen können und das Männchen sie besamen kann. Bis zu 600 Eier liegen am Ende im Nest. Parallel dazu hat das Männchen bereits sein Revier abgesteckt, durch Markierungspunkte wie Pflanzen, Steine und natürliche Erderhebungen am Wassergrund. Und wehe es wag sich ein Rivale oder ein Fraßfeind während der Brutzeit in dieses Gebiet…!
Ist dies alles geschehen, vollzieht das Männchen selbst die Brutpflege, versorgt und bewacht den Nachwuchs, fächert ihm frisches Wasser zu und verteidigt ihn, Koste es, was es wolle!
Sind die Jungtiere geschlüpft, ernähren sie sich vor allem von Plankton, während erwachsene Stichlinge Kleinkrebse, Würmer und Mückenlarven zu sich nehmen. Außerhalb der Brutzeit finden sich die Stichlinge auch in größeren Gruppen zusammen und gehen gemeinsam auf die Jagd.
In diesem Teich gibt es natürlich keine marine Wanderform. Doch existiert eine solche. Sie zieht zur Laichzeit von den Küstengewässern in die Süßwasserflüsse und laicht dort ihre Lebensfracht ab. Die geschlüpften Jungtiere wandern, wenn sie groß genug sind, zusammen mit den Alttieren wieder zurück in die Gewässer vor der Küste…
Wir lassen den Stichling weiter seine Arbeit verrichten und wenden uns einer anderen Gruppe von Süßwasserbewohnern zu. Einige Moderlieschen lassen sich im Oberflächenwasser treiben. Das ist ihre Welt. Man findet die 6-12 cm langen Tiere mit ihren dünnen, lang gestreckten Körpern, silbrig schimmernd selbst in verschlammten Kleinstgewässern, wo sie plötzlich auftauchen, ohne dass vorher einmal Fischbesatz erkennbar gewesen wäre. Daher stammt wohl auch ihr Name ‚Moderlieschen’. Denn man glaubte früher, die Tiere entstünden im und aus dem Schlamm ohne das Zutun der Elterntiere.
Tatsächlich werden die Tiere mit einem Jahr geschlechtsreif und wenn wir ein wenig später eingetrudelt wären, also im April oder gar im Wonnemonat Mai, hätten wir glatt beobachten können, wie das Weibchen seine Eischnüre um die Stängel der Wasserpflanzen wickelt und wie auch die Männchen dieser Art die Brut mit aller Vehemenz bewachen und verteidigen.
Momentan schlägt sich die Gruppe aus vier Tieren jedoch noch den Bauch voll, verkostet anfliegende Insekten und im Wasser befindliche Kleinstlebewesen.
Wir lassen sie weiter gleiten durch das kühle Nass und widmen uns einem Tier, das relativ unspektakulär durch die Gegend treibt, jedoch auch so einiges Interessantes aufzubieten hat. Es hat einen Durchmesser von etwa zwei Zentimetern, könnte also noch einen weiteren dazu gewinnen. Denn das hellbraune, tellerförmige Haus der Posthornschnecke wird bis zu 3 Zentimeter groß. Bei dieser Art handelt es sich um eine so genannte Wasserlungenschnecke. Das heißt, in ihrem Blut befindet sich eine erhöhte Konzentration Hämoglobin, um bei schlechten Wasserwerten vermehrt Sauerstoff speichern zu können. So kann sich das Schneckentier besser an vorhandene Gegebenheiten anpassen.
Wie alle Schnecken ist auch unsere Posthornschnecke ein Zwitterwesen. Sie verklebt ovale Laichballen an die Unterseite von Wasserpflanzenblättern und sorgt somit für den Fortbestand ihrer Art im jeweiligen Gewässer. Die Schnecke ist übrigens auch alles andere als ein Schädling. Vielmehr vertilgt sie Unmengen organischen Abfalls und sorgt somit dafür, dass weniger Nährstoffe im jeweiligen Gewässer vorhanden sind. Faulende Pflanzenreste sind beispielsweise Hauptursache für ein Tiersterben im Winter bei geschlossener Eisdecke. Denn durch das Faulen entstehen Gase, die nach oben hin nicht entweichen können und den Tieren den Erstickungstod bescheren. Unsere Schnecke ist also ein wichtiges Puzzleteil im ökologischen System eines Gewässers. Und dies gilt nicht nur für diese einzelne Schneckenart.
Allmählich wird es bereits leicht dämmrig, die Sonne versinkt hinter einigen Fichtenwipfeln ganz in der Nähe… Zeit nun für ein Wunschkonzert? - Nun, das bleibt uns noch verwährt, Frösche & Co haben ihre Vorstellung noch nicht eröffnet. Doch wie wäre es mit einer Wunsch-Geschichte? - Eine, bei der man sich das Ende aussuchen kann…
Leseprobe
Tiefe Wasser sterben still
Leseprobe, Tiefe Wasser sterben still.pd
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"Tiefe Wasser sterben still..." ist eine 302-seitige Kondensationsreise durch die Wasserwelten des Blauen Planeten. Das Buch erschein 2012 im Verlagshaus Monsenstein und Vannerdat und kostet 15,80 Euro. Es ist direkt über mich erhältlich oder aber im Buchhandel. ISBN 978-3-86991-473-2.
Kommentare: 3
  • #3

    Torsten (Montag, 02 Juni 2014 18:40)

    Herzlichen Dank für die lieben Worte. Das Meerchen entstand allgemein, um das ansonsten recht trockene Thema kreativ umzusetzen. Es soll sowohl Kinder als auch Erwachsene ansprechen, die mit dem Thema ansonsten weniger anfangen können. Es gibt viel Fachliteratur über die Entstehung des Lebens - mir war es wichtig, etwas Unterhaltendes zu schaffen. Es folgt dann die Kondensationsreise durch die Wasserwelten. Auch hier war es mir wichtig, möglichst unterhaltend zu schreiben. Die vielen Mitautoren, die Gedichte, Fotografien und Kurzgeschichten beigesteuert haben, bereichern die Reise, lockern sie auf. Hoffen wir, dass das Buch ein Stück weit zum Erhalt von Lebensräumen beitragen kann. Die Stiftung Artenschutz konnte schon mal bisher über 400 Euro aus dem Verkaufserlös nutzen, um ihre wichtige Arbeit im Schutz der Ökosysteme zu leisten...

  • #2

    Erika Bulow-Osborne (Montag, 02 Juni 2014 06:55)

    Die Darstellung derEntstehung der Welt , personifiziert durch die Eltern Raum und Zeit und deren juengstem Kind Meerchen, ist eine nette Idee. Meerchen faellt in spielerischen Experimenten zu, eine belebte Welt zu erschaffen.Das spielende Meerchen als Zufalls-Schoepfer. Autor Torsten Jaeger schrieb wohl sein Buch , um seinen 9 Jahre alten Jungen eine Vorstellung zu geben ueber die lange Zeitspanne, in der durch Zufall und mit vielen Fehlversuchen dem jungen Meerchen der Einzeller gelang. Von da an blieben die Raum, Zeit und Meerchen Beobachter, wie Zweizeller und Mehrzeller entstanden. Sie lernten, dass Sterben und Zersetzen eine Voraussetzung fuer neues Leben war. Lukas und Michaels plastische Formen der Entwicklung von Tieren und Pflanzen sind eine wertvolle Ergaenzung.
    Wir als Menschen nehmen Teil an einer Kondensationsreise vom Bach ueber Fluss und Teich mit Rheinfall in den Rhein und weiter Richtung Meer. In grosser Auswahl und erklaerenden Beispielen werden Amphibien, Fische, Voegel vorgestellt. Eingeschobene Gedichte helfen, den staendigen Fluss neuer Arten aufzulockern. Torsten Jaeger ist mit seinem Buch eine gute Form von Einfuehrung in die Geschichte der Welt gelungen. Man braucht viel Zeit und Musse, ihm gebuehrend zu folgen.

  • #1

    Eva Schmelzer (Sonntag, 01 Juni 2014 12:28)

    Danke, Torsten, für diesen Text, der mit so viel Liebe und Hintergrundwissen geschrieben ist, dass der Leser gar nicht anders kann als mitgerissen zu werden in diese Welt und betroffen wünscht, dass dieses "Stille Sterben" aufgehalten werden kann. Und dass er willens ist, seinen Beitrag dazu zu leisten.