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Das Wunder des Lebens

Text und Fotos: Torsten Jäger

23.05.2018

Wachtelkücken
(c) Torsten Jäger Wachtelkücken

Es war ein kleines Wunder, das sich Anfang April in meinem Bücherregal abgespielt hat. Im Regal deshalb, da meine Katze von dem ganzen Treiben nichts mitbekommen durfte. Jenem Treiben, das sich nach siebzehn Tagen abspielen sollte. Vorausgesetzt, das Experiment gelang…

Wenn man morgens dasitzt und sein Frühstücksei isst, hat man gar nicht so im Bewusstsein, was das genau ist, was da vor einem gekocht liegt. Wenn man bedenkt, dass dieses Ei zumindest grundsätzlich ein Leben hervorbringen kann, so ist es schon ein Stück weit befremdlich, dass wir es kochen und verspeisen. Gleichzeitig ist das ganz normal. Die Menschen essen schließlich schon seit vielen Generationen Eier, halten Hühner und nutzen den Nährwert und die gesundheitsfördernden Stoffe, die in diesem ovalen Fruchtbarkeitssymbol stecken.

Seit einigen Jahrzehnten durchlebt allerdings die Landwirtschaft, und somit auch die Eierproduktion, einen grundsätzlichen Wandel. Die Hühner scharren nicht mehr auf dem Hof, sondern sitzen in engen Ställen. Sie leben nur achtzehn Monate und bleiben somit weit unter ihrer natürlichen Lebenserwartung von acht oder mehr Jahren.

Das Liedchen „Ich wollt ich wär ein Huhn, und hätt nicht viel zu tun…“ würde heute keiner mehr singen wollen. Schließlich beginnt ein Hühnerleben bereits damit, dass ein Teil der Neugeborenen im Schredder oder in einer Vergasungskammer landet. Die männlichen Küken werden nicht benötigt und sind somit dem Tode geweiht, kaum dass sie die Eierschale durchbrochen haben.

Aber auch den Hennen steht keine schöne Zeit bevor. Deutlich über 300 Eier müssen sie pro Jahr legen, können nicht scharren, im Sand baden, sehen oftmals nie die Sonne, sondern sitzen gestresst in enger Haltung. Dafür werden sie mit Antibiotika und anderen Chemikalien vollgepumpt, um diese völlig unnatürlichen Haltungsbedingungen überleben zu können. Die ganze Zeit heißt es, massig Eier zu produzieren. Nach dem Lege-Marathon in schlechter Haltung werden die Hühner oftmals auf barbarische Art und Weise, kopfunter an Förderbändern hängend und oft unzureichend betäubt, maschinell geköpft.

Doch nun zurück zum Bücherregal. Was hat das alles mit diesem Wunder zu tun, das hier stattgefunden hat?

Nun, in meinem Regal stand zwanzig Tage lang ein kleiner Brutautomat. In ihm hatte ich zwölf Wachteleier platziert, drehte sie jeden Tag dreimal und befüllte eine Kammer in der Mitte des Brutapparates regelmäßig mit Wasser, damit die Luftfeuchte stimmte. 37,8°C und genügend Feuchtigkeit waren das Wichtigste, neben dem regelmäßigen Wenden. Ab dem sechzehnten Tag durfte ich die Eier nicht mehr bewegen und nun musste das Wasser im Behälter verdoppelt werden Ich beobachtete gespannt diese leblosen, ovalen Kalkschalen und wartete darauf, dass ein Schnabel begann, sich seinen Weg nach außen zu bahnen. Doch es passierte nichts. Nur ganz kurz wackelten ein paar der Eier, um dann wieder ruhig liegen zu bleiben.

Der siebzehnte Tag war angebrochen und nun ging es rund. Nachdem das erste Küken ohne Vorwarnung schon im Brutautomat saß und ich den Schlupfvorgang gar nicht beobachten konnte, ließ sich das zweite Küken Zeit. Es ließ zu, dass ich es filmte und beobachtete, wie es die Schale mit seinem Schnabel durchdrang. Hier ein Video davon, der Schlupfvorgang tritt ab der zehnten Minute in die heiße Phase… https://www.youtube.com/watch?v=-3rCayex0FI

Als ich sah, wie sich dieses kleine Lebewesen mühsam seinen Weg in die Welt bahnte, gingen mir die Bilder von geschredderten und vergasen Küken durch den Kopf und ich fragte mich: Wie kann man nur? Warum kann solch ein System existieren und von der Mehrheit der Bevölkerung mitgetragen werden, obwohl sehr gut bekannt ist, welches Leid hinter ihm steht?

Die Antwort habe ich mir dann auch selbst gegeben: Die Menschen haben kein Tier mehr vor Augen, sondern nur das Ei. Sie kennen etliche Zubereitungsformen von Fleisch, Tipps von Promi-Kochs und Anregungen zu Gewürzen, haben aber keinem der Wesen ins Gesicht geschaut, die sie da verspeisen. Fleisch ist zum gesichts- und seelenlosen Stück Essen geworden, wie ein Schokoriegel oder eine Banane. Dabei steckt hinter jedem Fleisch, hinter Eiern und Milch ein fühlendes Lebewesen.

Wer einmal dieses Wunder des Schlüpfens mit ansieht und sich klar macht, dass hinter jedem dieser Küken ein individuelles Lebewesen steht, das sehr wohl leben will, das diesen natürlichen Lebensinstinkt in sich trägt der auch uns innewohnt, der wird die industrielle Landwirtschaft aus seinem Leben weitgehend verbannen.

So mühsam und zielstrebig kämpfte sich dieses kleine, schwache, unbeholfene Wesen aus der harten Schale in die Freiheit. Es purzelte förmlich heraus und konnte kaum stehen, lag erschöpft am Boden. Um dann nach kurzer Zeit die ersten Gehversuche zu unternehmen und verblüffend schnell agil herum zu laufen, nach Futter zu suchen.

Am Abend kam noch ein drittes Küken zur Welt. Nachdem sie alle trocken waren, holte ich sie aus dem kleinen Brutapparat und setzte sie in einen ausgedienten Meerschweinchenkäfig. Dort gab es eine Wärmeplatte, unter der die Kleinen nach einer kurzen ersten Mahlzeit kuschelnd verschwanden.

Am achtzehnten Tag sollte schon wieder alles vorbei sein, so las ich in der Anleitung zum Eier ausbrüten. Und es waren doch erst drei Küken zur Welt gekommen… Ich fürchtete, dass es nicht mehr würden. Doch schon am Morgen des achtzehnten Tages wurde ich positiv überrascht. Da saß schon ein neues Küken im Brutautomat, und abends ging es richtig rund. Erst eins, dann zwei, dann zwei und ein Viertel, zweieinhalb, zweidreiviertel, drei.

Das dritte Küken ließ wirklich lange auf sich warten und brauchte einen Geburtshelfer. – Mich

Vorsichtig half ich ihm aus der ledrigen Eihaut und musste zugleich aufpassen, dass es in dem Brutautomat nicht so stark auskühlte. Ich besprühte zudem nun regelmäßig die Eier mit Wasser, was beim Schlupf sehr wichtig war.

Gerade als das dritte Küken draußen war, machte das vierte auf sich aufmerksam. Dieses war allerdings sehr schwach und konnte die gummiartige Eihaut nicht durchdringen. Ich begann damit, auch ihm zu helfen. Doch das war gar nicht so einfach, denn das zuvor geborene Küken taumelte inzwischen durch den Brutautomaten, war aber noch zu nass, als dass ich es hätte zu den anderen unter die Heizplatte setzen können. Und es steuerte immer auf die Stelle zu, an der ich den Deckel des Automaten anhob, um dem zweiten beim Schlüpfen zu helfen. So wurde diese Geburt zur Geduldsprobe und ich kam wirklich stark ins Schwitzen. Nach fast einer Stunde war es geschafft, es war inzwischen nach 23 Uhr und ich war fix und fertig…

Das Küken hatte das Ei verlassen, wirkte aber weiterhin sehr schwach und dünn. Voller Hoffnung ging ich schlafen, um mir am nächsten Morgen kurzfristig einen Tag Urlaub zu nehmen. Schließlich standen noch zwei weitere Eier kurz vorm Schlupf und am Morgen kamen die Kleinen dann auch heraus geplumpst. Ich zählte am Ende durch und staunte: Es waren zehn Küken geschlüpft, bei zwölf Eiern. Das war ein sehr guter Schnitt.

In den folgenden Tagen entwickelten sich die Küken in rasender Geschwindigkeit, waren sehr verschmust und so versuchten fünf Küken Platz in meiner Hand zu finden, um ihre Streicheleinheiten abzuholen. Die zwei restlichen Eier rührten sich nicht mehr, sodass ich sie im Garten vergrub. Zusammen mit einem der Küken. Denn die „schwere Geburt“ war offenbar zu schwach gewesen und starb am Freitag dem 13.04.

Nun tummeln sich neun Wachteln in dem Meerschweinchenstall, der allmählich zu eng wird. Sie fressen ordentlich, und bei ihnen bewahrheitet sich der Spruch wortwörtlich: Kleinvieh macht auch Mist… Dreimal am Tag muss ich den Stall säubern.

Doch nicht mehr lange, und sie werden in die geräumige Voliere im Garten umziehen, die naturnah bepflanzt ist, über zwei Meter hoch, zwei Meter tief und vier Meter breit. Dann können sie ihre Flügelchen auch mal ausprobieren und herumflattern, was in dem langen aber zugleich flachen Nager-Käfig natürlich nicht möglich ist.

Ja, die Kleinen werden in dieser Voliere deutlich besser leben, als die vielen anderen Geflügelten. Jene, die als Hühnerbrust, Putenschnitzel, Brathähnchen oder Chicken-Wings auf unseren Tellern landen, von denen aber viele Verbraucher nicht mal genau beschreiben könnten, wie so ein Vogel sich verhält, was sein Charakter ist, inwieweit er fühlt oder interagiert. Ja, manche könnten noch nicht mal beschreiben, wie so ein Tier der Rasse aussieht, das sie da essen. Und so kam ich auch zu einer weiteren Antwort meiner Frage danach, wie so ein lebens- und würdeverachtendes System wie die Massentierhaltung bestehen kann. Es fehlt ein Gesicht, eine Nähe zur Natur und zu den Wesen, die uns als Nahrung dienen. Jeder, der einmal in diese kleinen Wachtelaugen geblickt hat, der den Vögeln beim Singen zugehört, ihr weiches Gefieder gestreichelt und ihr Sozialverhalten beobachtet hat, wird kein Fleisch und kein Ei mehr aus der Massentierhaltung essen können. Natürlich vorausgesetzt, in ihm steckt mehr Seele, als die Mehrheit der Menschen den Tieren zugesteht.

Kücken im Brutautomat
(c) Torsten Jäger Noch im Brutautomat
Wachtelkücken
(c) Torsten Jäger Wachtelkücken
Wachtelkücken
(c) Torsten Jäger Das große Fressen
Kommentare: 1
  • #1

    Eva Schmelzer (Montag, 18 Juni 2018 15:28)


    Das “Wunder des Schlüpfens” werden die wenigsten der Leser live miterlebt haben, aber Torsten hat das so detailliert und emotional beschrieben, dass es einem vorkommt, als sei man dabei gewesen. Und er hat es auch fertiggebracht zu vermitteln, dass man ein Ei zukünftig mit weiter greifenden Gedanken betrachtet als bisher, denn Eier sind noch lange nicht so im Blickfeld wie z.B. Fleisch. Und die Fotos sind zu Tränen anrührend.
    Genauso hat er sehr emotional, aber gleichzeitig realistisch deutlich gemacht, dass ein qualvoll gelebtes und getötetes fühlendes Wesen hinter dem gestanden hat, was der Mensch gedankenlos und gleichgültig isst, obwohl er genügend Alternativen hätte, die gut schmecken, wirklich gesund sind und das Gewissen nicht belasten.