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Fatale Kombinationswirkung von Agrargiften

 

Aktuelle Forschung und Literatur zu den fatalen Wirkungen der Agrargifte.
Siehe auch das Taschenbuch: Otmar Wassermann u.a., Die schleichende Vergiftung. Die Grenzen der Belastbarkeit sind erreicht, Fischer TB 4126,
Frankfurt/ 1990.
und: Cornelia Rau-Schamfuss, Chemie in der Landwirtschaft. Wie wir Umwelt und Nahrung vergiften, Hirzel Verlag, Leipzig 1998.

Zusammengestellt von Jürgen Kruse von der Initiative Heckenschutz

http://www.hecke.wg.vu/

Agrarchemie
(c) Jürgen Kruse Agrarchemie

 

Fatale Kombinationswirkungen erfordern zusätzliche Untersuchungsverfahren

Umweltgifte können in Kombination größere toxische Wirkungen entfalten

Harmlose Konzentrationen von Umweltgiften können in der Kombination mit anderen Stoffen giftig wirken. Das hat die Arbeitsgruppe der Biochemikerin Dr. Irene Witte am Fachbereich Biologie der Universität Oldenburg nachgewiesen. Aufgrund der neuen Erkenntnisse fordert Witte die grundlegende Einbeziehung von Kombinationswirkungen in die toxikologische Bewertung von Schadstoffen.

Wittes Arbeitsgruppe fand erstmals quantitativ heraus, in welchem Ausmaß sich verschiedene Schadstoffe - abhängig von ihrer Konzentration - in ihrer toxischen Wirkung im menschlichen Körper verstärken können. Sie zeigte, daß ungiftige Konzentrationen von Einzelstoffen im Gemisch giftig wirken und zwar um so giftiger, je mehr (ungiftige) Einzelstoffe das Gemisch enthält. Dies gilt für alle Chemikalien.

Witte erklärte in diesem Zusammenhang, angesichts der derzeitigen Risikoeinschätzung, bei der Kombinationswirkungen keine Rolle spielten, könnten viele von Umweltgiften verursachte Krankheiten nicht erklärt werden. Viele Erkrankte würden von ihren Ärzten und der Gesellschaft nicht ernst genommen, weil behauptet werde, daß die Belastung durch Umweltgifte zu gering sei, um krankmachende Wirkungen auszuüben. "Alle Grenzwerte sind nur auf der Grundlage einer toxikologischen Einzelstoffbeurteilung festgesetzt worden. Nicht berücksichtigt wurden die unendliche Vielfalt möglicher Wechselwirkungen der verschiedenen Schadstoffe und ihrer Abbauprodukte im menschlichen Körper", erklärte dazu die Oldenburger Biochemikerin.

Die neuen Untersuchungsergebnisse könnten folgenschwere Konsequenzen haben. Es gäbe schon heute Hinweise, daß eine bestimmte Form der frühkindlichen Leberzirrhose, die in Deutschland bereits 13 Todesopfer gefordert habe, nicht auf die Schadwirkungen eines einzelnen Stoffes zurückzuführen sei, sondern auf synergistische Kombinationswirkungen zwischen Kupfer- und bestimmten Umweltchemikalien, betonte Witte. Für künftige Untersuchungsverfahren fordert sie konkret:

  • Neue Kombinationspräparate (z. B. von Pestiziden) müssen umfangreicher getestet werden. Die Zulassung von Pestizidmischpräparaten darf nicht mehr nur auf Grund der Einzelwirkungen der enthaltenen Stoffe erfolgen. Es müssen neben der akuten Giftwirkung auch mutagene und krebserzeugende Wirkungen des Gemischs untersucht werden.

  • Kombinationswirkungen müssen bei der Ermittlung von Schadstoffgrenzwerten in Zukunft eine Rolle spielen, da alle bisher üblichen Verfahren den realen Bedingungen nicht gerecht werden, so daß es zwangsläufig zu Unterschätzungen von Zusammenhängen zwischen Umweltgiften und Erkrankungen kommt.

  • Der EG-Grenzwert für die Summe der enthaltenen Pestizide im Trinkwasser von 0,5 µg/l darf nicht - wie geplant - aufgehoben werden.

Kontakt: Dr. Irene Witte, Tel.: 0441 / 798-3785

 

Zusammenfassung: Es werden gentoxische Kombinationswirkungen beschrieben, die zu einer erhöhten Krebsrate aufgrund von Umwelteinflüssen führen können. Dabei werden additive und synergistische Effekte, hervorgerufen durch Chemikalien, physikalische oder endogen gebildete Noxen berücksichtigt, sowie ihre Wechselwirkungen untereinander. Additive Kombinationswirkungen durch sehr ähnlich wirkende Chemikalien mit demselben Wirkort, sowie synergistische Wirkungen aufgrund von chemischen Reaktionen werden vergleichsweise als selten eingestuft. Synergistisch Ereignisse aufgrund von interaktiven Aktionen (unterschiedliche chemische Struktur, unterschiedlicher Wirkort) werden hingegen als häufige Kombinationswirkung angesehen. Hier spielt insbesondere die Zellmembran eine bedeutsame Rolle. Die Barrierefunktion der Zellmembranen gegenüber hydrophilen Xenobiotika kann durch verschiedene Mechanismen herabgesetzt werden, zum einen durch Membranschädigungen durch lipophile Verbindungen oder Tenside, zum Anderen durch das Einschleußen von Kanzerogenen mit Hilfe von Transportvehikeln (z. B. Nanopartikel), die eine hohe Bindungsfähigkeit für Xenobiotika besitzen. Die herausragende Rolle von Wasserstoffperoxid (H2O2) in gentoxischen Kombinationswirkungen wird dargestellt. Oxidativer Stress und somit auch H2O2 wird durch viele Chemikalien, physikochemisch wirkenden Noxen (Asbest, Nanopartikel, Holzstaub), physikalische Noxen (Lärm, elektromagnetische Felder,UV- und γ-Strahlen) und einige physiologische und psychische Prozesse erzeugt. Hinzu kommt, dass H2O2 in Anwesenheit anderer Xenobiotika verstärkt von der Zelle aufgenommen wird.


Gift
(c) Jürgen Kruse

 

Schleichende und akute Vergiftung durch Pestizide

Unter Pestiziden versteht man Substanzen, die unerwünschte Organismen in der Landwirtschaft beseitigen. Je nachdem ob sie gegen Unkraut, Insekten oder Pilze eingesetzt werden, spricht man auch von Herbiziden, Insektiziden oder Fungiziden. Dass die Wirkstoffe zum Töten von Lebewesen entwickelt wurden, wird durch die Bezeichnung „Pflanzenschutzmittel“ (PSM) vertuscht.
Bestimmt wird die Landwirtschaft heute durch eine chemiegestützte Wirtschaftsweise, oft noch in Verbindung mit nicht artgerechter Massentierhaltung. Viele Kulturen werden immer häufiger gespritzt: Apfelplantagen etwa 22 Mal pro Saison – häufig mit mehreren Giften gleichzeitig.

Chemische Keule gegen die Umwelt
Nach Berechnungen des Pestizid Aktions-Netzwerks PAN hat die Menge der landwirtschaftlich genutzten Pestizide in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen.
In der EU wird etwa ein Viertel der weltweit produzierten Pestizide ausgebracht, davon jährlich ca. 46.000 Tonnen allein in Deutschland (2014). Meist wird der Pestizideinsatz von der Bevölkerung im Kontext mit belastetem Obst und Gemüse wahrgenommen, daher gelten sie bisher vor allem als Gesundheitsgefahr. Die massiven Auswirkungen des Pestizideinsatzes auf die biologische Vielfalt sind dagegen weitgehend unbekannt. Zahlreiche andere Lebewesen sind neben den Zielorganismen direkt, aber auch indirekt durch die toxische Wirkung der Pestizide gefährdet, da sie deren Nahrungsangebot einschränken oder völlig zerstören. Nicht nur die behandelten Flächen selbst, sondern auch angrenzende Biotope, wie z.B. Gewässer, sind durch die Abdrift der Pestizide betroffen. Pestizideinsätze in privaten Gärten und auf kommunalen Flächen bedrohen zudem potentielle Rückzugsräume für bedrohte Arten. Gefährliche PSM tauchten 2016 im Halterner Stausee (Trinkwasser) auf. Da hier weitgehend keine ausreichenden Abstände zu Hecken, Wegen, Gräben und Gewässern eingehalten werden, sind die Umweltschäden enorm und kaum abschätzbar.
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Chemische Pflanzengifte wie zum Beispiel Glyphosat werden in der konventionellen Landwirtschaft nicht nur zur Unkrautbekämpfung eingesetzt, sondern auch, um beispielsweise den Reifeprozess bei Getreide zu beschleunigen. Außerdem werden durch den Einsatz von Pestiziden Anbauweisen gefördert, die ohne Pestizideinsatz nicht funktionieren würden: Monokulturen, kurze Fruchtfolgen oder der Anbau überzüchteter Hybridsorten.

Da sich Pestizide im Boden ablagern, wird zum einen die Bodenfruchtbarkeit aufgrund der Schädigung wichtiger Bodenorganismen beeinträchtigt, zum anderen können die Giftstoffe aber auch über das Wurzelwerk in der Vegetation landen. Tierische Lebensmittel wie Milch, Fleisch und Eier enthalten daher oft Pestizidrückstände, da die Futtermittel belastetes Pflanzenmaterial beinhalten, sich die Gifte folglich in den Tieren anreichern und letztendlich auf unserem Teller landen. Auch durch eine allgemein zunehmende Umweltverschmutzung finden sich die Stoffe in Gewässern wieder oder belasten Obst und Gemüse, gefährden also somit die Umwelt und unsere Gesundheit. Der ökologische Landbau hingegen zeigt, dass es auch ohne Einsatz von chemisch-synthetischen Wirkstoffen geht.
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Pestizide wirken also (mit ihren Giften und Nebenstoffen) über Boden, Wasser und Luft (Verwehungen und Einträge über viele Kilometer) schädlich und krankheitsverursachend bzw. tödlich auf Umwelt und Menschen. In der Studie „Pestizide nein danke“ bewertet der Autor Haalck den derzeitigen rechtlichen Rahmen „als Lizenz zum Töten“ und macht für die lebenslangen täglichen „Zwangsexpositionen“ u.a. über vergiftete Felder alle Menschen verantwortlich, die wissentlich oder unwissentlich Pestizide anwenden.*1 
Untersuchungen der behördlichen Zahlen zu Giftanwendungen und -folgen weisen im Münsterland auf fehlende Kontrollen und Meldungen von Pestizidschädigungen und ein Versagen der Landwirtschaftskammer hin.
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Gefährliche Grenzwert-Bestimmungen
Die Zulassungspraxis für die Gifte ist mit demokratischen Grundsätzen nicht vereinbar. Sogenannte Grenzwerte werden rein politisch und durch den massiven Lobbyeinfluss der Chemieindustrie nach Profitgesichtspunkten festgelegt. Beteiligte Stellen sind daher in der Kritik. Der Toxikologe Otmar Wassermann hat schon 1990 in seiner Schrift „Die schleichende Vergiftung. Die Grenzen der Belastbarkeit sind erreicht“ auf die gezielt schlechte Ausstattung unabhängiger toxikologischer Forschung hingewiesen, die eine erforderliche Gefährdungsabschätzung im Sinne einer Gesundheitsvorsorge erst ermöglicht.

Kombinationswirkungen bewusst vernachlässigt
Gesundheitsschäden können durch Chemikalien bereits in niedrigsten Konzentrationen verursacht werden, die weit unter der jeweiligen Nachweisgrenze liegen. Die Wirkungen der Einzelsubstanzen (Die Pestizide sind Gemische mit Beistoffen, die ebenfalls toxisch=tödlich und langlebig sein können.) addieren sich nicht nur, „in der Regel potenzieren sie sich im mehrdimensionalen Netzwerk biologischer Zusammenhänge“.*²
Eine Arbeitsgruppe der Biochemikerin  Dr. Irene Witte (Oldenburg)*3 hat nachgewiesen, dass harmlose Konzentrationen von Umweltgiften in der Kombination mit anderen Stoffen giftig wirken können und
fordert die grundlegende Einbeziehung dieser „Synergismen“ in die toxikologische Bewertung von Schadstoffen.
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„Mehr Blühstreifen!
Auch der herrschenden Agrarlobby kommt das sehr entgegen. Sie würde die Bienen ebenfalls gern aus den chemiegestützen Bauernhöfen woandershin verfrachten und verweist gern auf die "Eh da"-Flächen: Wegböschungen, Straßenränder, Autobahn- oder Bahndämme. Woraus sonst kaum Profit zu schlagen ist, kann immer noch als Reservat für die Bienen dienen. Vorteil: Die Agrobranche wäre ihren Ruf als Bienenkiller los und könnte dennoch weiter hemmungslos Chemie versprühen.“*4
So werden zwar in einer Studie der DWA* ungenutzte Gewässerrandstreifen gefordert und eine Verhinderung direkter Ableitungen von Oberflächenwasser aus Ackerflächen und Grünland, bei gleichzeitiger strenger Gewässerüberwachung durch zuständige Behörden. Doch die zur Rettung der Arten ausgedachten Dauerblühstreifen auf öffentlichem Grund sind bereits in Gefahr, zum Alibi für weitere Giftpraxis zu verkommen. So kümmert sich u.a. die Lobby-Organisation "Forum Moderne Landwirtschaft e.V." (Chemieindustrie, Bauernverband...) um die ökologische Aufwertung von „Eh da-Flächen“ z.B. mit Blühstreifen, damit die Chemie-Landwirtschaft so weitermachen kann, wie bisher. In Rheinland-Pfalz sind gar das Land, das gemeinsam mit der BASF betriebene "Institut für Agrarökologie" und Hochschulen dabei.
Dennoch sind neue Biotopverbundlinien besonders auf zurückgeholten kommunalen Wegseitenrändern in Form von ökologisch bedeutsamen Hecken und Dauerblühstreifen für die Biodiversitätssicherung enorm wichtig (www.hecke.wg.vu).

Viele Jahre nach Veröffentlichung des Buches "Stummer Frühling", in dem die amerikanische Autorin Rachel Carson das von Agrarchemikalien ausgelöste Vogelsterben beschreibt, ist der Pestizideinsatz in der Landwirtschaft immer noch viel zu hoch.
Immer mehr Menschen fällt das Verschwinden der Insekten und Vögel sowie Blühpflanzen auf. Mittlerweile scheint die Artenvielfalt in manchen städtischen Regionen größer zu sein als in landwirtschaftlich geprägten Regionen. Pestizide haben -auch nach Umweltbundesamt- einen „erheblichen negativen Einfluss auf die biologische Vielfalt“.
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Da -die mit Steuergeldern geförderte- industrialisierte Landwirtschaft ohne Giftcocktail nicht möglich ist, brauchen wir schlicht eine Agrarwende, weg von synthetischen Pestiziden und Düngern, die natürliche Prozesse und Systeme zerstören. Bio-Lebensmittel für alle sind angesagt, regional und sozial.

Herbert Moritz (Heek) und Jürgen Kruse (Legden)
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Anmerkungen:
*1 Klaus Friedrich Haalck, Pestizide nein danke, Berlin 2013 (u.a.: S. 14, 24/25 und 140-143).

*2 Otmar Wassermann u.a., Die schleichende Vergiftung. Die Grenzen der Belastbarkeit sind erreicht,
Frankfurt/M. 1990, S. 9.

*3 Witte, I. (2012). Kombinationswirkungen von Umweltgiften. In: Steinmetz, Bernd &Trautmann, Sandra (Hrsg.): Vergiftet und allein gelassen. Arbeitsmedizin und Umweltmedizin im Schatten wirtschaftlicher Interessen. Weimar: Bertuch Verlag.

*4 Quelle: Hans-Ulrich Grimm, Die Fleischlüge, Wie uns die Tierindustrie krank macht, Droemer-Knaur-Verlag, München 2016, Seite 152 - 154.

* DWA=Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V., Hennef

Bodenzerstörung
(c) Jürgen Kruse Bodenzerstörung

 

Chemische Keule gegen die Umwelt

Nach Aussage des Pestizid Aktions-Netzwerks PAN hat die Menge der landwirtschaftlich genutzten Pestizide in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen. In der EU wird etwa ein Viertel der weltweit produzierten Pestizide ausgebracht, davon jährlich ca. 46.000 Tonnen allein in Deutschland (2014). Von der städtischen Bevölkerung wird der Pestizideinsatz überwiegend im Kontext mit belastetem Obst und Gemüse wahrgenommen. Pestizidrückstände werden hier als besonders gefährdend für die eigene Gesundheit eingestuft, während die massiven Auswirkungen des Pestizideinsatzes auf die biologische Vielfalt des Anwendungsgebietes weitestgehend unbekannt sind. Zahlreiche Lebewesen oder Organismen werden, neben den eigentlichen Zielobjekten, durch die toxische Wirkung der Pestizide gefährdet oder getötet. Pestizide schränken zumindest die Nahrungsangebote ein oder zerstören die gesamte Nahrungsgrundlage der Nichtzielobjekte. Nicht nur die behandelten Flächen selbst sind mit Gift belastet, auch angrenzende Biotope, wie z.B. Gewässer, Feuchtwiesen und Moore, werden durch Pestizidabdrift oder Einleitung pestizidhaltiger Erosionen geschädigt. Gefährliche PSM waren 2016 im Halterner Stausee, ein Trinkwasserreservoir, nachzuweisen. Derzeit vorgegebene Schutzzonen um Gewässer und Biotope, mit dem Verbot eines Pestizideinsatzes, sind generell unzureichend. Auch Pestizideinsätze in Gärten und auf kommunalen Flächen bedrohen potentielle Rückzugsräume bedrohter Arten. Werden selbst die vorgeschriebenen Spritzmittelmindestabstände zu Hecken, Wegen, Gräben und Gewässern nicht eingehalten, sind die Umweltschäden enorm und kaum abschätzbar, teils irreversibel.

Bodenzerstörung
(c) Jürgen Kruse Bodenzerstörung
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