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Der Gemeinschaftsgarten Tausendschön

Text und Fotos: Torsten Jäger

22.08.2017

Borretschfalter
(c) Torsten Jäger Borretschfalter

Ein Ort zum Wurzeln schlagen

 Der Aufenthalt in der Natur ist etwas Wunderbares. Schatten spendende Bäume mit dicken Stämmen, rauschendes Laub in der kühlen Brise, singende Vögel, zirpende Grillen, flatternde Schmetterlinge und summenden Bienen…

Kein Wunder, dass ein Spaziergang durch die Natur auch Stress abbaut. Es kann sehr heilsam sein, Nähe zu ihr zu suchen. Und es „erdet“, mit den Händen in der Erde zu graben, zu arbeiten, zu säen, zu pflanzen und zu beobachten, wie alles wächst.

Dabei ist die Natur auch ein sehr guter Lehrmeister. Sie zeigt uns jedes Jahr den Neubeginn, den Kreislauf vom Werden und Vergehen, vom Wachsen und Welken. Sie lehrt uns die Hoffnung, das Staunen und die Schönheit. Und sie lehrt uns die Geduld.

 

Gemeinsam wachsen (lassen)

So zieht es immer mehr Menschen in die Natur und in die Gärten. Speziell Gemeinschaftsgärten üben eine magische Anziehungskraft aus. Kein Wunder, denn in vielen Regionen sind die Felder und Gartenflächen knapp, sodass man keine pachten oder gar kaufen kann. Gerade in Städten ist dies so. Der Flächenfraß lässt grüßen.

Außerdem findet man in einem Gemeinschaftsgarten nicht nur den Zugang zur Natur, sondern auch zueinander. Zusammen etwas schaffen, gemeinsam etwas zum Wachsen und Blühen bringen: Dies sind die Ziele, die in unseren heutigen, turbulenten Zeiten leider etwas untergehen. Doch stecken sie als Wunsch in vielen von uns.

Speziell Menschen, die alles verloren haben und die nach neuem Halt suchen, finden in einem Gemeinschaftsgarten diesen Platz zum „Wurzeln schlagen“. Sie finden Kontakt, sie finden Konstanten und auch Zuhörer.

Viele Menschen kommen heute nach Europa, weil sie in ihrer Heimat verfolgt werden oder dort schlicht nicht mehr leben können. Ihre Existenz war bedroht, sie mussten alles hinter sich lassen, und kamen in ein völlig fremdes Land. Das ist eine sehr schwierige Herausforderung. Zumal ihnen sehr viel Misstrauen entgegen schlägt, da andere aus ihren Herkunftsländern auch nach Europa aufbrechen, um hier Verbrechen zu begehen und sich hier, ihren fehlgeleiteten Idolen folgend, in die Luft sprengen.

Auch für uns Einheimische ist es schwer, die kulturellen Gräben zu überwinden, die oftmals herrschen. Zusammen mit Ängsten, Vorurteilen und falschem Stolz.

Und natürlich gibt es auch viele Menschen in Deutschland und Europa, die Hilfe nötig hätten. Menschen, die am Rande der Gesellschaft existieren – mit einem Existenzminimum gerade so über die Runden kommen. Menschen, die alles verloren haben, dem Alkohol verfallen auf der Straße schlafend jeden Tag aufs Neue überstehen müssen. Ihnen zu erklären, dass wir nun Menschen aus anderen Ländern aufnehmen müssen, da sie in ihrer Existenz bedroht sind, scheint unmöglich. Doch andererseits: Hat man die Menschen, die in Not und unter prekären Bedingungen bei uns existieren, denn vor der Flüchtlingswelle einmal gefragt, was sie denken und wie es ihnen geht? Es existieren nicht nur Grenzen zwischen der „Dritten“ und unserer Welt. Es existieren auch Grenzen innerhalb von Deutschland, innerhalb der Gesellschaft. Grenzen in den Köpfen, den Herzen und den Überzeugungen.

 

Die große Verbindung

All dies interessiert jedoch die Natur nicht. Sie kennt keine Grenzen. Und wer sich ihr anvertraut, der wird die große Freiheit und die große Verbindung erkennen.

Ob es nun der syrische Flüchtling ist, der im Gemeinschaftsgarten seine seelischen Wunden heilen möchte, der sich erden und integrieren will. Oder ob es der Deutsche Langzeitarbeitslose und Hartz IV-Empfänger ist, der im Gemeinschaftsgarten nicht nur Früchte sondern auch Anerkennung und ein Zugehörigkeitsgefühl ernten möchte. Vielleicht ist es aber auch der Jugendliche, der den Parolen rechter Hetzer keinen Glauben schenken und eigene Erfahrungen machen möchte. Oder es ist vielleicht auch die Mutter und Frau, die ihren Kindern eine bessere Welt schaffen und somit zum regionalen Anbau, zum Klima- und Umweltschutz beitragen will.

Es ist egal, wer es ist. Vor der Natur ist jeder Mensch gleichwertig. Und ich denke, das können wir von ihr als unsere „Mutter“ lernen. Alle Menschen sind gleichwertig!

Genau diese Botschaft trägt ein Gemeinschaftsgarten in sich. Er bietet Vielfalt im Anbau und in den Anbauern. Und doch zeigt er, dass wir alle von der gleichen Mutter Natur abstammen.

Wir finden in der Gartenarbeit ein Stück Spiritualität, ein Stück urtümliches Zusammengehörigkeitsgefühl. Wir finden in ihr das Leben.

Einen kleinen Einblick in die Beweggründe derer, die einen Gemeinschaftsgarten besuchen, bietet das im März 2017 erschienene Buch „KriExit – Zeit für Frieden“. Es kommen Gärtnerinnen und Gärtner des „Gemeinschaftsgartens Tausendschön“ in Minden zu Wort, ein geflohener Syrer berichtet über seine Erlebnisse. Außerdem beschäftigen sich vier Autorinnen und Autoren mit den Fragen von „Krieg“ und „Frieden“, „Gewalt“ und „Liebe“, „Ignoranz“ und „Toleranz“. Mit Gedichten, Kurzgeschichten und Fotografien werfen sie einen Blick in die Vergangenheit, schauen sich die Gegenwart an und blicken in die Zukunft.

Näheres zum Buch unter https://tojaeger.wordpress.com/kriexit-zeit-fuer-frieden/

Schnecke
(c) Torsten Jäger "In der Ruhe liegt die Kraft"

Der Gemeinschaftsgarten Tausendschön stellt sich vor

Text und Fotos: Elisabeth und Lothar Schmelzer

http://tausendschoen.greenfairplanet.net/herzlich-willkommen/

29.08.2017

Alle sind herzlich eingeladen, mit uns gemeinsam ökologisch zu gärtnern, sich mit seinen Fähigkeiten und Talenten einzubringen. Wir teilen die Ernte ohne Investion, Vereinsbindung oder monatlichen Geldbeitrag.

 

Unsere Ernte

Unsere Saat trägt Früchte. Seit Mai ernten wir täglich Bio Gemüse und Obst – Saatgut von Demeter – Pflanzen von Bioland. Wir teilen die Ernte mit unseren GärtnerInnen. Was übrig bleibt wird frisch in der Gartenküche gekocht oder konserviert oder an den Gartenzaun zum kostenlosen Mitnehmen gestellt.

 

Die Bienen im Garten Tausendschön

Im Gemeinschaftsgarten Tausendschön stehen 4 Bienenstöcke aus Bio-Material. Sie sind gefüllt mit Völkern der Buckfastbiene.

Im Garten wurde bienenfreundliches Bio Saatgut wie Schönhagener Bienenweidemischung , Phazelia Gewürzkräuter, Persischer Klee, Buchweizen und vieles mehr, das sehr nektarreich ist, ausgesät. Es wächst zu unterschiedlichen Zeiten während der ganzen Saison. So haben die Bienen ein reichlich, vielfältiges Angebot, das bestäubt werden möchte. Unser Verein engagiert sich für eine Landwirtschaft frei von Gentechnik und bienenschädlichen Pestiziden. Wir verwenden ausschließlich Saatgut von Demeter und Bioland.

Unsere ImkerIn haben sich für die Buckfastbiene entschieden, weil sie friedlich ist. Dies war wichtig, weil wir fast täglich Kinder im Gemeinschaftsgarten haben. Unser kleinen Gäste sitzen wenige Meter von den Bienenstöcken entfernt und beobachten das summende Volk oder laufen zwischen den Bienenwiesen. So vermitteln wir im Gemeinschaftsgarten schon Kindern und Jugendlichen ein tiefes Verständnis für ökologische Zusammenhänge.

Die Hühner im Garten Tausendschön

Wir haben einen mobilen Hühnerstall mit Jugendlichen selbst gebaut und dabei überwiegend Material verwendet, das wir in der Gartenwerkstatt hatten.

Bitte schaut das Video an "Marmelade für alle"

Alle kochen gemeinsam Marmelade. Die Flüchtlinge bringen Rezepte aus der Heimat mit. Am Ende nehmen alle die Marmeladen mit nach Hause.

https://www.youtube.com/watch?v=A2XLTr1_0tQ

Ein Auszug aus dem Tausendschön Gartentagebuch mit einem kurzen Vorwort von Elisabeth Schmelzer, der Begründerin des Gemeinschaftsgartens

 

Hashim Ud Din Dawar ist 39 Jahre. Er ist 2015 allein aus Pakistan geflohen. Zwischenzeitlich hat er ein Bleiberecht für 3 Jahre und einen Antrag gestellt, dass sein Frau mit den beiden Kindern nach kommen dürfen.

Im Garten werden alle nach ihren Fähigkeiten eingesetzt und da Hashim Journalist ist, lag es auf der Hand, dass er ein Tagebuch schreibt. Er hat es zunächst in seiner Muttersprache geschrieben, ins englische übersetzt und nun übersetzt er Kapital für Kapitel ins deutsch.

herzreiche Grüße

Elisabeth Schmelzer

Hashim Ud Din Dawar
Hashim Ud Din Dawar

Auszug aus dem Tausendschön Gartentagebuch  Autor: Hashim Ud Din Februar 2017
Wenn ein Mensch seine ganze Kraft gebraucht, um etwas Gutes zu erreichen, dann führt das Schicksal ihn zum Erfolg. Und eines Tages wird dieser Erfolg dann zu seinem eigenen Ich. Der Mensch, über den ich hier schreiben werde, ist eine Frau, die den Hoffnungslosen hilft. Ihr Name ist Elisabeth Schmelzer. Sie hatte die Idee, einen Garten anzulegen, in dem sie gemeinsam mit Menschen unterschiedlicher Rasse und Kulturen arbeiten wollte. Diese Menschen nehmen das Angebot an, indem sie regelmäßig und zuverlässig kommen um zu helfen.
Elisabeth arbeitet sehr hart im Garten Tausendschön und verteilt die geernteten Gemüse und Früchte an die, die sie bei der Arbeit unterstützen. Durch ihre harte Arbeit und Freundlichkeit wurde sie bekannt. Elisabeth liebt Menschen. Wann immer eine öffentliche Veranstaltung in der Gegend stattfindet, begegnen die Menschen, die hier leben und auch die Flüchtlinge ihr mit großem Respekt. Auch bei diesen Veranstaltungen organisiert und verteilt Elisabeth gratis Lebensmittel an ihre Helfer und die, die hilfebedürftig sind.
Im Februar wurde in Düsseldorf der „Engagementpreis NRW 2016“ der Landesregierung für ehrenamtliche Projekte verliehen, wo der GreenFairPlanet Tausendschön Dein Gemeinschaftgarten unter dem Projektnamen „Fremde werden Freunde“ den Publikumspreis gewann. In ihrer Dankesrede betonte Elisabeth, dass sie mit dem Gartenprojekt alle Menschen, hoffnungsvolle und hoffnungslose, wohlhabende und bedürftige, gleichermaßen zur Mitarbeit und Gemeinschaft bewegen und motivieren wolle. Viele Menschen unterstützen sie in diesem Vorhaben, und vor allem ihr Ehemann gibt ihr immer wieder großen Mut, weiter zu machen.
Vier der mithelfenden Flüchtlinge bringen sich in besonderem Maße in das Projekt mit ein. Flüchtlinge aus anderen Ländern sind nicht schlechter als irgendjemand sonst darin, ihre harte Arbeit und ihre Anstrengungen unter Beweis zu stellen, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt. Flüchtlinge aus anderen Ländern sind nicht schlechter als irgendjemand sonst darin, ihre harte Arbeit und ihre Anstrengungen unter Beweis zu stellen, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt.
Im „Garten Tausendschön“ arbeitet auch Ihtisham Ud Din, der von Anfang an sagte, dass er eine Menge verstehen, lernen und erfahren wolle, während er dort hilft. Indem er dem Rat und den Worten Elisabeths folgt, ist Ihtisham mittlerweile in einer viel besseren Position. In einer sehr kurzen Zeit hat er in seinen Deutsch-Sprach-Kursen nach B1 und B2 nun sogar C1 abgeschlossen. Zusammen mit mir sind es 4 Geflüchtete, die sehr oft in den Garten zum Helfen kommen, andere kommen auch häufig dazu. Rony aus Bangladesch lebt seit 15 Monaten in Porta Westfalica. Immer, wenn er den Garten besucht, erfährt sein Geist ein tiefe Ruhe und Entspannung. Auch die deutsche Kultur wird ihm hier nahgebracht.

Mobeen Akbari aus Afghanistan lebt mit Rony und 4 anderen Geflüchteten in einer Wohnung. Wann immer er im Garten Tausendschön ist, werden sein mentaler Stress und seine Depressionen weniger. Er sagt, dass er dort viele Informationen bekommt und viel Sicherheit über die deutsche Kultur, über Regeln und Vorschriften in diesem Land. Ihtisham Uddin aus Nord Waziristan in Pakistan ist ein gebildeter junger Mann und hatte dort schon Master Of Computer Sciences. Seit einem Jahr ist er in Deutschland. Er hat seine Heimat verlassen, weil er dort von Geheimagenten wegen seiner Erziehung und Bildung ausgespäht und verfolgt wurde. Gerade in seiner Heimatstadt in Nord Waziristan gab es in den letzten Jahren viele militärische Operationen gegen Menschen wie Ihtisham. Die Bewohner dieses Gebietes wurden aus ihren Häusern gejagt und diese dann abgerissen. Auch die Märkte der Stadt wurden zerstört. Es gibt kein richtiges Schul- und Ausbildungssystem, und die Region steht vor dem Ruin. Ihtisham besucht den Garten und beruhigt dort seine Gedanken, versucht, in dieser schönen Umgebung all die grausigen Bilder zu vergessen, die er gesehen hat. Im Garten trifft er auch viele Deutsche, stellt Fragen und lernt viel. Er versucht, die deutsche Kultur zu verstehen, die Geschichte und Regeln. Auch ich komme aus Nord Waziristan und lebe jetzt mit den anderen in Porta Westfalica. In meiner Heimat habe ich als Journalist für nationale und internationale Medien gearbeitet. Auch ich wurde deshalb dort verfolgt.
Hier möchte ich bald wieder als Journalist arbeiten können, und deshalb ist der Garten für mich eine gute Möglichkeit, Informationen über die deutsche Kultur zu bekommen, die Traditionen und Regeln zu lernen und sie auch besser zu verstehen. Der Garten ist Wachstum und Veränderung. Dies bedeutet Verlust in gleichem Maße wie immer wieder neue Schätze, deren Erleben dabei hilft, unsere überstandenen persönlichen Katastrophen ein Stück weit zu vergessen.

Hashim Ud Din Dawar
Hashim Ud Din Dawar
Kommentare: 3
  • #3

    Eva Schmelzer (Dienstag, 05 September 2017 13:25)

    Was für eine Geschichte, was für ein Projekt! Entwurzelten Menschen - ganz gleich aus welchen Gründen - mit Hilfe der Natur wieder Festigkeit und einen Platz in der Lebensgemeinschaft zu geben, in der Gemeinschaft mit anderen Menschen und mit der Natur, die ein großer Heiler sein kann. Ich gehe so weit zu sagen, dass dies besser ist als unbefriedigende Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder lieblose Integrationskurse. Ich wünsche allen, dass sie kräftige Wurzeln schlagen, dass sie wachsen durch dieses Projekt, der Sonne entgegen, die sie wärmt und ihnen neue Zuversicht und Lebensmut schenkt.

  • #2

    Erika (Samstag, 02 September 2017 16:58)

    Ich bin ueberzeugt, dass das Gartenprojekt eine Vorreiterrolle uebernommen hat, welche sich ausdehnen wird in viele andere Staedte und Gemeinden. Ein Zusammentreffen in Natur von Menschen verschiedener Laender ist ein wertvoller Beitrag,um sich gegenseitig kennenzulernen.Bei gemeinsamer Arbeit im Gartenprojekt werden Sprachenkenntnisse entwickelt. Aus Samen, Keimlingen, Teilbegriffen fuer Pflanzen und deren richtige Pflege, damit sie gedeihen koennen, ergeben sich immer detailiertere Gespraeche und die Freiwilligen Helfer lernen gleich, sich in mehreren Sprachen auszudruecken. Hier erfolgt es spielerisch aus dem Ageblickheraus, spaeter werden zusaetzliche Sprachkurse notwendig werden, aber der positive Anfang wird hier geleistet.
    Welche Freude bereitet eine aus der Erde geholte Kartoffel,Wurzel Zwiebel. Gleich sind auch Fressfeinde dabei, ueber welche man Bescheid wissen muss. Es koennen unbekannte Tiere sein, weil die Helfer aus anderen Klimazonen kamen. das Gemeinsame der Gartenarbeit in frischer Luft, bei jedem Wetter, bringt kameradschaftliches Denken.
    Ein grosser Dank geht and das Ehepaar Schmelzer.Hashim ud Din Dawar und Torsten Jaeger.

  • #1

    Gudrun (Dienstag, 29 August 2017 22:33)

    Ich liebe dieses Gartenprojekt. Es vereinigt alles, was ich wichtig finde. Das Miteinander von Einheimischen und Geflüchteten, sodass Freundschaften entstehen können. So funktioniert Integration. Ökologisches gärtnern, Tierwohl, Kinder, die automatisch Toleranz und Respekt lernen und Umweltschutz.
    Ich verneige mich vor Elisabeth Schmelzer, die dieses Projekt gegründet hat und am Laufen hält