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Das Johanneskraut

Text: Marion Hartmann

Foto: Gudrun Kaspareit

Scherenschnitte: Erika Bulow-Osborne

25.06. 2017

Johanneskraut
(c) Gudrun Kaspareit Johanneskraut

 2009 erforderte der Bau einer Schnellstraße in Leipzig den Abriss von 180 Schrebergärten, was einem Viertel der Gesamtfläche der Anlage entspricht.

Und hier hat man dennoch in einem breiten und langen Streifen der Natur etwas zurückgegeben in der außergewöhnlichsten Weise,..es wurden Hagebuttensträucher angebaut, kleine Apfelbäume und dazwischen gehen immer wieder ehemalige Gartenblumen auf neben wilden Pflanzen, was insgesamt ein herrliches Bild ergibt.

Besonders eine große Fläche prangt in wunderbaren Gelbtönen, da hat man Kanadische Goldrute, Nachtkerze und Johanniskraut.., ein gelbes, wogendes Miteinander, wo hier und da aus dem gelben Meer eine freche Kapuzinerkresse heraus schaut oder eine Distel.

Man meint, hier in einem Paradies zu sein, über welches Gott selbst die Hand hatte.., aber nein, es waren fleißige Kleingärtner und solche müssen es gewesen sein, die von der Unbedingtheit wilder Pflanzen überzeugt waren und gleichsam experimentierten in der Vermischung mit Arzneipflanzen, Obstbäumchen und kecken Gartenblumen und wo sie auch nicht vergaßen, einen Teich anzulegen, welcher allerdings unzugänglich ist durch Umzäunung, um den Frieden der Insekten nicht zu stören.

Und hier vor dem gelben Feld stehen Bänke, wo gern alte Leute sitzen.., hier, wo man sich noch nett grüßt und ein Wort füreinander hat.

Das echte Johanniskraut erkennt man am roten Saft, der hervortritt, wenn man die Blüten zwischen den Fingern zerreibt.

Das Dunkle und Böse soll dieses Glückskraut vertreiben als Erscheinung des Lichts und der Sonne und wahrlich, es vermag, das Sonnenlicht zu speichern.

Schon Paracelsus verwendete die Pflanze gegen trübe Gedanken und psychische Erschöpfung.., medizinisch hat sie sich längst bewährt als Stimmungsaufheller.

Vor Urzeiten soll der Teufel persönlich die Blätter der Pflanze vor Wut zerstochen haben, so erklärte man die kleinen Löcher in den Blättern des Johanniskrauts.

Ich persönlich glaube nicht an die Aufhellung dunkler Gemütsstimmung durch Johanniskraut, wenn nicht auch die Ursachen einer Depression erkannt und beseitigt werden.

Mein Bruder litt damals an dem, was man gemütskrank nennt, was sofort auf Nimmerwiedersehen verschwand, als er von der Stadt aufs Dorf zog.., dorthin, wo er alles fand, was er vermisste.., die freie Seele zwischen Feldern und Landluft.

Ich glaube nicht, dass Johanniskraut ihm das hätte geben können dort wo er sich eingeengt und eingepresst sah in stickiger Mietskaserne.

Dieser Umzug hatte ihm einen derartigen Schwung verliehen, dass er sein Kraftfahrer- Leben aufgab und eine Kranzbinderei eröffnete, die er bis zu seinem Tod führte.

Psychische Krankheiten nehmen in genau dem Maß zu, wie die Natur verschwindet, wie die Zusammenhänge der Natur zerstört werden.

Mir ist eine Frau bekannt, die über 20 Jahre in einer Gärtnerei angestellt war. Als man nach der Wende begann, die Pflanzen mit Chemie zum schnelleren Wachstum zu bewegen und sie sich darüber aufregte, wurde sie entlassen.

Da sie nun keinerlei Umgang mehr mit Pflanzen hatte, auch anderweitig keine Möglichkeiten fand, kam sie in Depression.., eine Depression, die immer schlimmer wurde und sie schließlich zum Arzt führte. Die Verordnung von Psychopharmaka konnte natürlich das Problem nicht lösen.

Ich finde, dass die Heilkräfte der Natur am größten sind dort, wo Natur sich in ihrer Ursprünglichkeit noch dem Auge bietet.., wo sie noch durch die Seele ziehen kann und wo man noch die Möglichkeit hat, sich der Natur zu bedienen durch Sammeln von Wildkräutern und Wildfrüchten.

Man muss es früher noch gewusst haben, namentlich in der großen, psychiatrischen Anstalt, in deren Nähe ich aufgewachsen bin.., ein riesiges Gelände mit mehreren Häusern.., da gab es die eigene Gärtnerei nebst reichlich Möglichkeiten zur Pflege von Blumenbeeten, auch Anbauflächen für Gemüse.., hier wurden die Kranken eingebunden.

Heute muss ein Glas- Stahlbau genügen, wo der Umgang mit der Natur ausgetauscht wurde gegen Fernsehräume.

Johanniskraut wächst in unvergleichlicher Schönheit an warmen, trockenen Wegrändern, Waldrändern und Gebüschsäumen von Juli bis in die Anfänge des Oktobers hinein.., die lange und späte Blütezeit macht Johanniskraut zu einer wertvollen Bienenweide.

Zur Sommersonnenwende hat das Kraut einen mythologischen Bezug, man tanzte um das Sonnenwendfeuer mit einem Kranz .

Der Ethnobiologe Wolf Dieter Storl weiß zu berichten, dass Johanniskraut in den USA heute auch erfolgreich gegen AIDS angewendet wird.

Ich persönlich, selbst mitunter unter Depressionen leidend, gehe zum Johanniskraut und nehme es mir in vollen Zügen auf, werde belebt durch Anschauung und Erstaunen.., lasse es stehen und freue mich über seine Dienlichkeit den Bienen gegenüber.

Möge eine Zeit kommen, in welcher die Gesunderhaltung des Menschen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, als der Heilung von Krankheiten, die eben durch heutige Lebensprozesse entstehen bei der Vielfalt von negativen Einflüssen.

Nachfolgender Link zeigt die medizinische Verwendung auf:

http://www.johanniskraut-wirkung.de/

 

 Hoffnung

 

Es reden und träumen die Menschen viel
Von bessern künftigen Tagen,
Nach einem glücklichen goldenen Ziel
Sieht man sie rennen und jagen.

 


Die Welt wird alt und wird wieder jung,
Doch der Mensch hofft immer Verbesserung.

 

Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein,
Sie umflattert den fröhlichen Knaben,

 


Den Jüngling locket ihr Zauberschein,
Sie wird mit dem Greis nicht begraben,
Denn beschließt er im Grabe den müden Lauf,
Noch am Grabe pflanzt er - die Hoffnung auf.

 

 

 

Es ist kein leerer schmeichelnder Wahn,
Erzeugt im Gehirne des Toren,
Im Herzen kündet es laut sich an:
Zu was Besserm sind wir geboren!

 


Und was die innere Stimme spricht,
Das täuscht die hoffende Seele nicht.

 

 

 

Friedrich Schiller

 

 

Kommentare: 2
  • #2

    Eva Schmelzer (Donnerstag, 03 August 2017 14:50)

    Wie schön, endlich einmal einen positiven Beitrag aus Leipzig zu lesen, auch wenn es um den Abriss von Schrebergärten und den Bau einer Schnellstraße geht. Zu oft musste ich Enttäuschendes aus Marions Region lesen, was das betrifft. Du hast dieses kleine Paradies so anschaulich beschrieben, liebe Marion, dass man fast das Gefühl hat, dort zu sein.
    Sehr beeindruckt hat mich die Einschätzung über die Wirkung gegen depressive Verstimmungen, dass die Einnahme des Wirkstoffs das Erleben der Schönheit dieser Pflanze in freier Natur nicht ersetzen kann. Am traurigen Beispiel des Bruders wird das sehr deutlich. Ja, es ist wahr und so schön gesagt, dass ich es hier wiederhole: „Die Heilkräfte der Natur sind dort am größten, wo Natur sich in ihrer Ursprünglichkeit noch dem Auge bietet.., wo sie noch durch die Seele ziehen kann…“
    Erika hat ja noch einige andere wohltuende Schönheiten künstlerisch vorgestellt, auch dafür danke – und natürlich für den Schiller.

  • #1

    erika (Mittwoch, 02 August 2017 10:25)

    Jeder Artikel, den Marion ueber eine Heilpflanze schreibt, hinterlaesst mir das Gefuehl ,mehr darueber nachdenken zu muessen. Ihr Anliegen ist ein Vorbeugen eventuell spaeterer Krankheiten. Ein kleines Denkmal fuer ihren Bruder entstand in diesem Bericht. Er zog aufs Land, wurde Kranzbinder und geheilt durch engen Kontakt zur Natur. Eindruecke frueher Kindheit zeigten ihr, dass Gemuetskranke in Blumen- und Gemuesebeeten arbeiten durften, es linderte ihre Symptome.
    Marion sieht Vorbehalte im Bezug auf Medikamente aus Johanniskraut, ihr genuegt es , die schoene goldgelbe Lieblingspflanze in der Natur zu sehen und auf sich wirken zu lassen.