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Vom faulen Ei im Osternest

Text und Fotos: Torsten Jäger

23.02.2016

Bald steht das Osterfest vor der Tür. Dann feiern wir die Wiederauferstehung Jesu, die Überwindung des Todes. Wir kaufen Schoko-Osterhasen und –Eier, färben Hühnereier bunt, verstecken und verschenken sie. Hase und Ei gelten als Fruchtbarkeitssymbol und wurden aus der germanischen Religion für das Osterfest übernommen.

Doch wenn man sich die Eier und Hasen mal genauer anschaut, wird eines klar: Sie haben längst ihre Symbolik der Fruchtbarkeit und des Lebens verloren. Denn wie kann man Eier und Milch, die in der Massentierhaltung „produziert“ wurden, noch als derart positive Symbole ansehen?

Hühner
(c) Torsten Jäger artgerecht gehaltene Hühner

Es wollt, es wär kein Huhn…

 

Das Bild von Hühnern, die im Freien scharren und ein glückliches Leben haben, ist in der Massentierhaltung längst überholt, ebenso wie das Bild von grasenden Kühen. Die Werbung will es uns suggerieren, doch von diesem Idealbild sind wir weit entfernt. Am nächsten kommt diesem noch die Biohaltung. Doch sie führt leider noch immer ein stiefmütterliches Dasein. So stammt die Mehrheit der Eier, die im Osternest landen, von Hochleistungshühnern. – Legemaschinen wäre die bessere Bezeichnung.

Heute existieren zwei verschiedene Züchtungen von Hochleistungshühnern. Die einen sind aufs Eierlegen getrimmt, die anderen auf die Fleischproduktion. Beide stehen unter enormem Leistungsdruck.

Jene Hühner, die fürs Eierlegen gezüchtet werden, sortiert man direkt nach dem Schlupf: Die Hennen haben das „Glück“ und werden als Legemaschinen missbraucht. Die männlichen Küken gelten als wertlos, denn sie legen keine Eier und ihre Rasse setzt nicht genügend Fleisch an. Die Folge: Man wirft die Küken bei lebendigem Leibe entweder in einen Schredder, oder sie werden vergast!

Für die Legehennen beginnt kein schönes Leben. Man will das Letzte aus den Tieren herausholen, und das mit möglichst geringem Einsatz. So fehlt ihnen nicht nur der Platz, ihnen fehlt die Möglichkeit, arttypische fundamentale Verhaltensweisen auszuleben. Die Tiere sehen meist nicht die Sonne, kein frisches Gras. Sie stehen in künstlich beleuchteten großen Hallen, die Schnäbel sind kupiert, um Kannibalismus und Verletzungen zu verhindern. Die Tiere sind „gedopt“, werden vorsorglich mit großen Mengen und verschiedenen Arten Antibiotika behandelt. – Sonst würden sie die Tortur erst gar nicht überleben. Wie ausbeuterisch die Haltung der Tiere ist, zeigt eine Tatsache: Normalerweise können Hühner ein natürliches Alter von 15 Jahren erreichen. Nach 15 Monaten allerdings lässt die Legeleistung der Hochleistungshennen nach, sie sind körperlich völlig ausgelaugt, sodass sie nicht mehr wirtschaftlich sind und geschlachtet werden. Auch dabei geht man nicht zimperlich mit den Tieren um, denn sie sind wirtschaftlich nichts wert. Wenn der Einzelhandel 100g Hühnerfleisch für nur 15 Cent verkauft, zeigt das die perverse Einstellung gegenüber diesen lebendigen, fühlenden Wesen. An die Transporte zum Schlachtbetrieb und die Szenen im Schlachthaus selbst möchte man gar nicht denken. Die Tiere werden, kopfunter an Laufbändern hängend, bei vollem Bewusstsein zu einer Station transportiert, wo sie durch einen Stromstoß betäubt werden (sollen) Oftmals funktioniert die Betäubung nicht richtig, sodass die Tiere zusehen müssen, wie ihre Leidensgenossen geköpft werden, bis auch sie bei den Messern angelangt sind.

Die Alternative ist daher: Eier vom Biobauern kaufen! Dabei sollte man nicht nur an die Eier fürs Osterfest denken, oder ans Frühstücksei. In vielen konventionellen Fertigprodukten stecken Eier, und die stammen garantiert aus industrieller Massentierhaltung. Hierbei kann nicht mal unterschieden werden, woher die Eier genau stammen. – Aus einem deutschen Betrieb, wo zumindest vage Tierschutzgesetze gelten. Oder aus einem Betrieb in einem anderen Staat, in dem man weder ein Verbot der Käfighaltung noch Tierschutzgesetze kennt.

Kühe
(c) Torsten Jäger glückliche Kühe

Produktionsfaktor Kuh

 

Wer zu Schoko-Eiern und Schokohasen greift, ist nicht zwangsläufig auf der sicheren Seite. Schließlich besteht Schokolade aus Milch. Wie bei den Hühnern ist es auch bei den Kühen nicht anders.

Auch hier gibt es zwei verschiedene Züchtungen in der industriellen Produktion: Eine, die möglichst viel Fleisch ansetzt, und eine, die möglichst viel Milch produziert. Das können bis zu 40 Liter pro Tag sein! Früher waren 20 Liter pro Tag schon eine Menge.

Was vielen auch nicht bewusst ist: Eine Kuh produziert nur dann Milch, wenn sie ein Kälbchen gebärt. Und das auch nur für einen bestimmten Zeitraum. Denn die Milch, die wir trinken, die in Massen produziert wird und dann nicht selten im Müll landet, ist eigentlich für das Kälbchen gedacht! Dieses wird jedoch nur mit einer Art Milchersatz versorgt. Und das wirkt sich negativ auf die Darmflora und damit auf das Immunsystem des Kalbes aus.

Ist das Jungtier weiblich, freut sich der Milchviehhalter, denn dann bekommt er neues Milchvieh, das nach zwei Jahren das erste Kalb gebären und dann wieder Milch produzieren wird. Ist es männlich, freut sich der Milchviehhalter weniger bis gar nicht. Denn ein männliches Tier gibt natürlich keine Milch und setzt aufgrund seiner Züchtung auch noch relativ wenig Fleisch an. Der Landwirt verkauft die männlichen Kälber deshalb zum Spottpreis weiter, sie werden über weite Strecken transportiert. Damit sie diese Strapazen überstehen – und auch die Durchfälle, von denen die Tiere aufgrund des Milchersatzes geplagt werden – hält man sie mit Hilfe von Antibiotika am Leben. Im Kälbermastbetrieb füttert man sie so fett wie möglich, versorgt sie mit noch mehr Antibiotika, bis sie schließlich nach etwa 140 Lebenstagen wieder auf einen längeren Transport zum Schlachtbetrieb geschickt werden. Dabei ist der Wert der Tiere so „gering“, dass man sie lieber lebendig über lange Transportwege ins Ausland schickt, anstatt sie zuvor zu töten: Schließlich gibt es keine Kühlvorschrift für den Transport von lebenden Tieren – für Fleisch schon. Und der Einsatz von Kühltransportern ist teurer…

Egal ob Männchen oder Weibchen: Ein Kälbchen wird meist direkt nach der Geburt von der Mutter getrennt und bekommt sie nie mehr zu Gesicht. Es wird mit Milchersatz gefüttert. Dabei wäre die erste Milch nach der Geburt existenziell wichtig für ein Kälbchen, um das Immunsystem zu stimulieren.

Völlig ausgelaugt und ausgenutzt kommt auch die Mutterkuh schließlich nach wenigen Jahren ins Schlachthaus. Nachdem sie einige Kälber geboren und tausende Liter Milch produziert hat, ist sie nicht mehr „wirtschaftlich profitabel“, wird trotz Besamungsmaschine (sie sieht nie einen Bullen) nicht mehr schwanger, kann keine Kälber mehr gebären oder ist schlichtweg so schwach und krank, dass es günstiger ist, sie zu schlachten und die nächste Kuh ihren Platz einnehmen zu lassen.

Alternativen für konventionelle Schoko-Eier und -Hasen sind neben Bioprodukten vor allem auch vegane Lebensmittel. Es gibt zwischenzeitlich eine breite Palette an leckeren Schokoladenprodukten, die keine tierischen Bestandteile enthalten. Auch bei anderen Milchprodukten außer Schokolade sollte man die Bio-Variante oder gar die vegane bevorzugen, um derartige Ausbeutung im Kuhstall – eher in der Kuhfabrik – nicht zu unterstützen.

Schwein
(c) Torsten Jäger zufriedenes Schwein

Arme Schweine…

 

Wer glaubt, dem Schwein gehe es besser, der kann schon mal anfangen, die Zitzen einer Hochleistungs-Muttersau zu zählen. Die bekommt nämlich immer öfter mehr Ferkel, als sie Zitzen hat. Das ist auch der wirtschaftliche Sinn, denn da ein Schwein weder Milch gibt noch Eier legt, gilt bei ihm vor allem eines: Masse statt Klasse. Es muss schnellstens so fett wie irgend möglich werden, möglichst viele Junge gebären, die dann auch wieder ganz schnell so fett wie möglich werden… Resultat ist: Arme Schweine stehen zwischen engen Gittern, gebären massenhaft Junge, die immer öfter zu schwach sind und daher einfach als lebensunwert durch einen Schlag auf den Kopf getötet werden. Oftmals landen sie zudem halbtot im Müll, unter den Leichen ihrer Artgenossen.

Die Muttersau muss diesem Treiben tatenlos zusehen, hört die Schreie ihrer Ferkel und kann nichts tun. – Außer eben fressen und gebären. Unter ihren Füßen verläuft eine Art von Kanalsystem, in dem die Fäkalien von hunderten Artgenossen fließen. Schweine haben sehr empfindliche Nasen, empfindlicher sogar als ein Hund. Ihre natürliche Art ist es, im Boden zu wühlen, nach Wurzeln und anderen duftenden Leckereien zu suchen. Daher werden auch Schweine als Trüffelsucher eingesetzt, und nicht Hunde. In der Fabrik sind sie dieses natürlichen Verhaltens beraubt und durch die stechenden Dämpfe werden ihr empfindlicher Riechsinn und die Atmungsorgane verätzt. Die Tiere werden krank und was ist da das Patentrezept? – Genau: Antibiotika!

Nach einer nur kurzen Lebensdauer, in der das Schwein wenig von der Welt mitbekommen, dafür aber viel durchlitten hat, steht die Schlachtung an. Der Transport zum Schlachthof und die Schlachtung selbst verläuft auch für Schweine alles andere als schonend. Die Tiere werden in den Schlachthäusern zwar mit einem Bolzenschuss oder einem Stromschlag betäubt. Doch kommt es vor, dass auch nicht betäubte Tiere in siedendem Wasser landen oder ihnen die Bäuche bei lebendigem Leib aufgeschlitzt werden.

Um hiergegen etwas zu tun, bietet sich der Kauf von Biofleisch an. Aber nicht nur im Fleisch steckt Schwein. Auch in vielen anderen Lebensmitteln: Gelatine findet sich im Wein, ebenso in Gummibärchen oder anderen Süßspeisen. Ja, selbst viele Tabletten sind von Gelatine umhüllt, Kapseln bestehen daraus. Zumindest für Wein und Süßigkeiten bietet sich eine Möglichkeit, das Leid der Schweine nicht zu unterstützen. Auch hier gibt es bereits sehr leckere vegane Alternativen oder eben Bio-Produkte.

 

Und natürlich leiden auch Puten, Enten, Gänse, Schafe, Ziegen, Pferde, Hasen, Nerze und andere Pelztiere, aber auch Fische, Hummer und Garnelen. Nur eine kritische und sensible Betrachtung, ein bewusster Konsum und Konsumverzicht können einen Beitrag zu weniger Tierleid leisten.

Die Massentierhaltung ist, neben dem Tierschutzaspekt, auch aus vielerlei anderer Hinsicht kritisch zu betrachten. So sorgt der ungezügelte Einsatz von Antibiotika zunehmend für eine konkrete Gesundheitsgefahr für alle Menschen: Antibiotikaresistente Keime! Die Massentierhaltung leistet einen großen Beitrag zum Klimawandel, sie sorgt für überdüngte Böden, Flüsse und Seen. Sie trägt zudem massiv zur Verarmung von Menschen und zur Ungerechtigkeit in der Welt bei. Doch ist sie nicht der Garant gegen Hunger, das Mittel für mehr Wohlstand?

 

Klasse statt Masse – was tun?!

 

Einige argumentieren, dass die Massentierhaltung erst die Menschheit ernähren kann. Sie preisen sie als das Mittel zur Beseitigung des Welthungers an. Doch wenn dies so wäre, würde heute niemand mehr hungern.

Das Gegenteil ist der Fall: Die Massentierhaltung ist oftmals Quelle für Hunger, Not und Leid vieler Menschen. Die Unmengen des benötigten Futters werden in Entwicklungsländern auf Feldern einheimischer Bauern angebaut – und diese werden so ihres Landes beraubt. Subventioniertes Billigfleisch überflutet afrikanische und andere Märkte in der Dritten Welt. Dadurch kommen zwar die Menschen an billigeres Fleisch. Zugleich zerstört diese Politik jedoch die Existenzgrundlage tausender einheimischer Bauern, die mit den Billigpreisen von EU-subventionierten Lebensmitteln gar nicht mithalten können. Als „Ausgleich“ fließen dann tröpfchenweise Entwicklungshilfe-Gelder in die Staaten. Eine Entwicklungshilfe-Abhängigkeit entsteht, die offenbar gewollt ist...

Die Massentierhaltung bringt zudem so viel Fleisch hervor, dass es massenhaft im Müll landet. Laut Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung landen in Deutschland jedes Jahr 346 Millionen Kilogramm Fleisch im Abfall. – Das sind über 40 Millionen Hühner, 4 Millionen Schweine und 230.000 Rinder! Fleisch wird zur Biomasse und verbrannt, um damit Strom zu erzeugen.

Vor diesem Hintergrund greift das Argument der Welternährung daher nicht.

 

Was aber nun dagegen tun? Die Übermacht der Fleischindustrie anprangern? Die Verhaltensweise der Bauern, deren Gier?

Natürlich sind es große Unternehmen und Landwirte, die den Tieren Leid antun. Es sind Großkonzerne, die hohe Profite anstreben auf Kosten der Tiere. Doch es sind Verbraucher, die das nicht nur erst ermöglichen, sondern auch fordern. Die Billigfleisch kaufen und Milch vom Discounter wollen, die Eier für wenig Geld ins Osternest legen, die viel Leistung für wenig Geld wünschen. Die Verbraucher tragen eine Mitschuld am Leid der Tiere. Und die Macht geht vom Verbraucher aus. Wenn er seinen Konsum ändert, ändert sich mit ihm auch ein Stück weit die Welt!

Kommentare: 1
  • #1

    Eva Schmelzer (Dienstag, 01 März 2016 13:39)

    Torstens Bericht ist unendlich bedrückend und ich würde mir wünschen, dass ihn jeder, der leichtfertig zu diesen Produkten greift, lesen könnte. Auch wenn vermehrt z.B. in diversen TV-Magazinen und den Printmedien darüber berichtet wird, verändert sich das Bewusstsein und damit Kaufverhalten kaum. Ich denke aber, dass viel mehr Menschen inzwischen wissen, was da geschieht, als man denkt. Und ich bin sicher, dass in keinem Bereich des Lebens die Verdrängung so „gut“ funktioniert wie hier. Die meisten wollen bei Billigpreisen vergessen, was sie gehört oder gesehen haben. Die eventuell gehörten und gesehenen Berichte und die Bilder haben sich nicht festgebrannt. Oder es fehlt ihnen an Empathie, es ist ihnen egal.
    Erschreckend über das millionenfache Leiden hinaus fand ich das Ergebnis aus dem Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung, wonach in Deutschland jedes Jahr 346 Millionen Kilogramm Fleisch im Abfall landen.
    Die Regierung ist untätig, schiebt wirksame Änderungen zur Seite mit der Begründung, dass die Menschen eine Verteuerung tierischer Produkte ablehnen (sinngemäß Wortlaut des zuständigen Ministers Schmidt). Natürlich wollen viele das nicht! Aber wir haben auch ein Tierschutzgesetz, das dagegen steht! Tierische Produkte sind nicht essentiell wichtig für die Ernährung, sie könnten preislich so gestaltet sein, dass Tiere bis zu ihrem viel zu frühen Tod wenigstens einigermaßen qualfrei leben könnten und auch die Bauern nicht unter Druck stünden. Tierfabriken dürfte es dann gar nicht mehr geben. Man dürfte gar nicht mehr wählen können zwischen billig und teuer. Die Preise müssten generell so gestaltet sein, dass solch dramatische Tierquälereien gar nicht mehr vorkommen.
    Kleine Verbesserungen gibt es höchstens mal durch den Druck von Organisationen oder freiwilligen Auflagen von Handelskonzernen.
    Ich hoffe so sehr auf eine Umkehr.