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Die Korkenzieherweide

Text: Marion Hartmann

09.11.2017

Scherenschnitt Korkenzieherweide
(c) Erika Bulow-Osborne Scherenschnitt Korkenzieherweide

Sie fiel nach einem langen Kampf.., die kleine Korkenzieherweide, die sich irgendwann heimlich in einen Schrebergarten "eingenistet" hatte und geduldet vom Gartenpächter zur fristlosen Kündigung seines Gartens geführt hatte. Relativ klein mit ihren nunmehr 4 Metern Höhe im Vergleich zu anderen stattlichen Riesen ihrer Art, von denen es noch vereinzelte in unserer Gegend gibt.., war sie ein Schattenspender, nicht nur für ein dichtes Himbeergeflecht in der letzten Ecke des Gartens, nein, sie warf ihren Schatten auch auf den schmalen Gartenweg und überdachte den Sitzplatz.

So hatte wohl keiner daran gedacht, welche "Gefährlichkeit" von einer Korkenzieherweide ausgeht als permanenter Krankheitsüberträger und weiterer, feindlicher Gesinnung gegenüber anderen Garten- und Kulturpflanzen. Ob sich nun alle anderen, pflanzlichen Gartenbewohner für die Ausbildung einer Resistenz gegen diesen großen Virus - Korkenzieherweide - entschieden hatten, das weiß natürlich niemand.., jedenfalls schien alles in wunderbar kräftiger Symbiose miteinander.

Trotzdem.., wenn der Garten für den alten Mann noch gerettet werden sollte, musste die Säge her für die Weide, zudem die Hecke ausgelichtet und gekürzt auf 1.20 Meter.., und die Heidelbeeren, die der Mann vor 35 Jahren pflanzte, sind auch nicht erwünscht.

Nun bin ich gewiss nicht abergläubig, aber man könnte es werden beim Tatbestand, dass der Mann bei der Entfernung der Weide böse stürzte und sich einen Beckenbruch weg holte, desweiteren sein Helfer, oben am Baum klemmend, mit der Säge abrutschte, welche ein Stromkabel traf und die Leitung lahm legte.

Ich hatte mich eifrig bemüht.., die Weide als Bienenparadies bei allen möglichen Naturschutzbehörden zu deklarieren, in der Hoffnung auf Rettung der Weide, aber taube Ohren überall.

Schon lange vorher war es eine mächtige Korkenzieherweide hier bei uns, die mich zu einem Gedicht inspirierte in einem ganz bestimmten Moment, wo am späten Abend das Spiel von Licht und Schatten das Bild eines alten Schamanen heraus aus der Weide warf.

 

Der Schamane

 

Es ist das Blut, das ihn zum neuen Führer kürte,

der Fortbestand der Alten währt noch heut,

als man die Urgewalten deutlicher noch spürte,

die sich zerflossen in moderner Zeit.

 

Das kleine Volk, das sich noch nicht ergeben,

ins Ödland seelenloser Leere,

verlor noch nicht das innerliche Beben,

das man erlebt in naher Ahnen- Sphäre.

 

Mit zarten Fingern streicht er jene Trommel,

die ihm sein Vater in Ehren übergab,

bevor als Oberhaupt des Völkchens,

er in des Sohnes Armen friedlich starb.

 

Schamane, sing! Sing das Lied der Schöpfung,

schrei es hinaus in unheilvolle Zeit,

ruf uns den Himmel, die Kräfte alter Geister,

und tanz den Traum der Welt und Heiligkeit!

 

Weiden waren im alten Volksglauben die Bäume der Hexen und Geister.., der gewaltsame Tod einer Weide brachte Unglück.

Für Bienen und Wildbienen sind Weiden ein großer Nektarlieferant.

Ihre gedrehten Zweige sind ein wunderschöner Osterschmuck für die Vase.

Die Korkenzieherweide ist eine Kulturform der Chinesischen Weide.

Weiden werden im Vergleich zu anderen Bäumen nicht alt und sind schon mit 80 Jahren Baum- Greise.

Ihr düster- geheimnisvoller Anblick in Herbst- und Wintermonaten verzaubert.

Ich verzichte mit Absicht heute auf die Heilwirkung der Weide aus medizinischer Sicht, denn eher sollten die Gedanken sich richten auf die Heilung der Naturwelt, insbesondere jetzt, wo uns das Insekten- und Bienensterben erreicht hat.

Kommentare: 2
  • #2

    Erika (Sonntag, 03 Dezember 2017 11:00)

    Wenn man einen Zweig einer solchen Weide, Salix babylonica var.tortuosa in eine Vase mit Wasser stellt, kommen sofort Wurzeln. Die Legende der weinenden Juden muss allerdings mehr Euphrath Pappeln gemeint haben(Psalm 137). Diese Weide eignet sich besonders gut als Hecke fuer Voegel und andere Kleintiere. Der alte Mann wusste , warum es seine Weide so liebte.

  • #1

    Eva Schmelzer (Samstag, 02 Dezember 2017 14:00)

    Man wird wütend und traurig zugleich beim Lesen dieser Geschichte, es sind ähnliche Empfindungen wie bei der Geschichte Marions über das “Kleine Unkraut” - das sinnlose Zerstören pflanzlichen Lebens und die Betroffenheit über Traurigkeit der Menschen, die ein Gespür dafür haben und mit ansehen müssen, was da geschieht.
    Ich möchte anmerken, dass diese Geschichte im September diesen Jahres so geschehen ist, wie Marion sie hier niedergeschrieben hat.
    Das Schamanen-Gedicht, das Marion schon viel früher einer großen Schwester der armen, kleinen Weide gewidmet hat, geht unter die Haut. Es ist traurig, dass es zum Tod des kleinen Bäumchens hier wieder einen Platz gefunden hat. Ja, Schamane, sing das Lied der Schöpfung, schrei es hinaus in die unheilvolle Zeit!!!