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Die Kastanie

Text: Marion Hartmann

Scherenschnitte: Erika Bulow-Osborne

09. 05. 2014

Kastanie
Kastanie

 

Wer schon einmal im Schatten einer mächtigen Kastanie saß im übergroßen Respekt vor diesem stolzen, raumgreifenden Baum, dem wird Einlass gewährt in seine geheimen Wünsche und Grundsätze seiner Existenz.
Denn hinter seiner materiellen Erscheinung vermutet der Ehrfürchtige einen geschickten Teil der Schöpfung, welcher sich nicht nur zufällig in die Ordnung alles Geschaffenen einfügt.
Beinahe wirkt die stolze Kastanie mit ihren aufrechten Blütenständen im Frühjahr und ihren Früchte tragenden Zweigen im Herbst wie eine Schutzgöttin, gekrönt vom unsichtbaren Schöpfer selbst.
Ihr außerordentlicher Charme verwandelt jeden Park in der Wechselwirkung mit anderen landschaftsgestalterischen Bäumen und Pflanzen zu einem Kunstwerk.

Die Rosskastanie

Rosskastanie
Rosskastanie (c) Scherenschnitt Erika Bulow-Osborne

 

Sie ist ein kräftiger und prächtiger Baum, der seine Blüten stolz zur Schau trägt, ehe sie von den letzten kalten Winden der Eisheiligen im Frühjahr in alle Richtungen getrieben werden.
Wie alle Laubbäume zählt auch die majestätische Kastanie als Symbol des Sieges des Lebens über den Tod wegen ihrer stetigen Lauberneuerung.
Die gewöhnliche Rosskastanie kann eine Wuchshöhe von 30 Metern und ein Alter von bis zu 300 Jahren erreichen.
Sie ist ein Flachwurzler mit weitreichendem und ausladendem Wurzelwerk.
In Europa wurde die Rosskastanie 1576 von Konstantinopel (Istanbul) aus eingeführt.
Die in den Gebirgen Griechenlands beheimatete Baumart, gelangte mit den Osmanen, die sie als Pferdefutter benutzten, nach Mitteleuropa.
Der erste Bericht stammt vom kaiserlichen Gesandten Busbecq aus Konstantinopel 1557.
Ungnad brachte die Pflanze 1576 nach Wien, wo sie von Carolus Clusius angebaut wurde.
Clusius sorgte durch den Versand der Samen für eine Verbreitung in ganz Europa.
Die Rosskastanie wurde rasch zu einem Modebaum, zunächst in fürstlichen Parks und Alleen. Ab dem 18. Jahrhundert wurde sie verstärkt als Alleebaum verwendet.
Im 19. Jahrhundert wurde die Rosskastanie sehr häufig in den neu entstehenden Volksgärten gepflanzt.
So wurde sie zu einem Charakterbaum der städtischen Anlagen.
Die Blüten bilden ausgiebig Nektar und Pollen und bilden eine gute Bienenweide

In früheren Zeiten sind verschiedene Teile der Rosskastanie zum Färben von Wolle verwendet worden.
Mit der Rinde konnte man bei Wolle eine bräunlich- gelbe Tönung erreichen und mithilfe der Kastanienschalen wurde die Wolle braun.
Die Blätter der verschiedenen Jahreszeiten ergaben unterschiedliche Farben, von rost- beige Anfang Mai bis honiggelb im Herbst.

Aus Samen, Borken, Blättern und Blüten werden pharmazeutische Grundstoffe gewonnen.
Das extrahierbare Wirkstoffgemisch Aescin hat eine gefäßverstärkende und entzündungshemmende Wirkung.
Die daraus hergestellten Präparate werden beispielsweise gegen Magen- und Darmgeschwüre, Gebärmutterblutungen, Krampfadern und Hämorrhoiden eingesetzt.

Aus den Samen werden die Saponine zur Herstellung von Kosmetika, Farben und Schäumen gewonnen, die Stärke wird zu Alkohol und Milchsäure vergoren.

Die gewöhnliche Rosskastanie kommt vielfach zur Nutzung, ist jedoch keine wirtschaftlich bedeutende Baumart.
Das Holz dient der Schnitzerei, als Verpackungsmaterial und zu Furnieren in der Möbelherstellung.
Aus der Holzkohle wird Schießpulver gewonnen.

Im Wesentlichen ist die Rosskastanie gegenwärtig gefährdet durch den Befall der Rosskastanien. Miniermotte.
Diese Schädlingsart wurde in Europa zuerst 1984 beobachtet, die sich seitdem in der Ausbreitung befindet und zwar mit 100 km pro Jahr.
In Österreich ist der Schädling seit 1989 verbreitet.
Durch den Befall der Blätter findet ein frühzeitiges Braunwerden und Absterben statt, der Baum wird erheblich geschwächt.
Da aber wie auch der Schädling, die Rosskastanie nicht in Mitteleuropa beheimatet ist, sind Rosskastanie und Miniermotte als NEOBIOTA ein klassischer Studienfall der Invasionsbiologie.

Der durch die Minierlarven verursachte Schaden betrifft nicht nur die Rosskastanienblätter, die durch die Gänge im Blattgewebe braun werden und frühzeitig absterben. Durch die reduzierte Blattfläche kann der Baum durch Fotosynthese nicht mehr genügend Kohlehydrate bilden. Das führt im Lauf der Jahre zu einer chronischen Unterernährung. In der Folge kommt es zu Wachstumsstörungen und gelegentlich zu verfrühtem Fruchtfall, außerdem reduziert sich die Lebenserwartung der Rosskastanie.
Es bleibt nur die Möglichkeit, das abgefallene Laub sofort aufzusammeln und zu verbrennen, denn nur so können die überwinternden Miniermotten in der Umgebung der Rosskastanien vernichtet werden.
Es soll auch reichlich für Nistgelegenheiten fressfeindlicher Vogelarten gesorgt werden.
Die rotblühende Scharlach- Rosskastanie ist zum größten Teil resistent gegen die Miniermotte.

Die Edelkastanie

Edelkastanie
Edelkastanie Scherenschnitt (c) Erika Bulow-Osborne

 

Vornehmlich in Zentralasien gelten Esskastanien als Delikatesse und werden auf gigantischen Plantagen angebaut.
 Vom Mittelalter bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Edelkastanie in den Bergregionen Südeuropas das Hauptnahrungsmittel der Landbevölkerung.
Im 20. Jahrhundert gingen die Bestände durch den auftretenden Kastanienrindenkrebs stark zurück, erholten sich Ende des 20. Jahrhunderts aber wieder.
Großflächige Pflanzungen gibt es in ganz Frankreich, im Süden Englands und Irlands, von der Ungarischen Tiefebene bis zum Schwarzen Meer im Gebiet etwa südlich der Donau. Vereinzelte Pflanzungen und Bestände gibt es nördlich der Alpen bis Deutschland und Südskandinavien. Nördlich des 48. bis 50. Breitengrad reifen die Früchte nicht regelmäßig, hier wird die Edelkastanie als Holzlieferant und als Parkbaum gepflanzt.
Kastanien haben eine breite Verwendungspalette. Als Halbfertigprodukte werden geschälte Maroni und Kastanien, sowie Kastanienpüree hergestellt, sie werden weiterverarbeitet, bevor sie an den Endverbraucher gelangen. Die Palette an Fertigprodukten ist wesentlich größer: ganze geschälte Kastanien werden vor allem in Frankreich zum Kochen im Haushalt verwendet, sie dienen häufig als Beilage.
Traditionell ist die Schweinemast mit Kastanien, besonders in Spanien, Süditalien und auf Korsika

Blühende Rosskastanie
Blühende Rosskastanie Scherenschnitt (c) Erika Bulow-Osborne
Kommentare: 4
  • #4

    Eva Schmelzer (Sonntag, 01 Juni 2014 15:10)

    Über die Kastanie hatten Marion und ich uns vor kurzem ja noch ausgetauscht, als sie etwas auf fb über die Gefährdung durch die Miniermotte geschrieben hatte. Schön aber, noch mal diese informative Zusammenfassung lesen zu können und auch den Kommentar mit weiterführenden Infos von Erika und ihre Bebilderung, an der ich mich immer wieder freue.
    Bleibt zu hoffen, dass endlich eine wirksame und vor allem für andere Pflanzen und Tiere ungefährliche Bekämpfung gegen die Motte gefunden wird, dass die Kastanie nicht schon nach 450 Jahren in Europa wieder ausstirbt. Es heißt zwar, dass die Miniermotte keine natürlichen Fressfeinde hat, die sich auf diese Tiere spezialisiert haben, weil sie sich erst seit relativ kurzer Zeit in Mitteleuropa ausgebreitet hat, es wurden aber wiederholt Blau- und Kohlmeisen beobachtet, die zu bestimmten Zeiten in Kastanien in größeren Trupps Blatt für Blatt absuchen. Bei solchen Bäumen hält sich der Befall soweit in Grenzen, dass nur ein Teil der unteren Blätter vor dem Herbst abfällt. Andererseits habe ich gehört, dass diese Vögel auch Verlierer des Klimawandels sind. Sie können ihre Brutzeiten nicht schnell genug an den Klimawandel anpassen. Schlüpfen ihre Küken, haben sich Raupen schon zu Schmetterlingen verwandelt. Der Meisennachwuchs muss dann hungern oder kommt nicht durch. Halte der gegenwärtige Erwärmungstrend an, heißt es weiter, dann sei das Risiko für ein langfristiges Aussterben der mitteleuropäischen Meisenpopulation sehr hoch. Daran sieht man wieder einmal überdeutlich, wie sehr doch alles mit allem zusammenhängt und wie zerbrechlich und verletzlich das ganze Öko-System ist.

  • #3

    Ilka Luiken (Sonntag, 01 Juni 2014 10:23)

    vielen Dank auch für diesen Artikel! Kastanien sind so wundervolle Bäume, sie verleihen Geborgenheit und geben Trost. Welches Wesen macht das schon immerzu und ohne Unterlass?!

  • #2

    Erika Bulow-Osborne (Sonntag, 01 Juni 2014 09:57)

    Marion Hartmanns Kastanien Artikel.
    Ehrfurcht vor diesem flaechenbedeckenden Symbol langen Lebens in weisser und roetlicher Bluete. Marion Hartmanns Artikel erzaehlt von vielen nuetzlichen Faktoren,welche die Kastanie so wichtig machen: Fruechte waren Futter, ganze Alleen dienten in der Bluetezeit als Bienenweide.Alle Teile des Baumes wurden in der Pharmazie gebraucht, das Holz fuer Furniere und Schnitzerein verwendet. Um so schlimmer war deshalb die grosse Gefahr durch die Minierraupe, welche sich seit 1984 in Europa ausbreitete.
    Die weissbluehenden Kastanien zeigten absterbende Blaetter, welche Unterernaehrung und kuerzere Lebensdauer bedeuteten. Bester Schutz blieb bis jetzt das Verbrennen des abgefallenen Laubes,um kommende Generationen der Raupe zu vernichten. Noch haben sich kaum Fressfeinde gebildet. Cameraria ohridella wurde im 19.Jahrhundert zum erstenmal in einem Belegs- und Vergleichs-Herbarium festgehalten. Die Ursprungsgebiete in Mazedonien verblieben schwer erreichbar.
    Frueher waren Botanisiertrommeln das aufregende Requisit eines Spazierganges, heute muss man sich ueber Regeln und Verbote genau informieren. Jetzige Informationen sind Digital-Herbarien, welche aus den meisten Grossstaedten stammen. Wichtig ist bei Baeumen (neben Fundort, Datum und Namen des Finders) die Gesamthoehe.
    Die Minierraupe verbreitete sich windesschnell mit mehreren Generationen pro Jahr. Sie fressen=minieren kreisrunde Minen, lassen aber die Epidermis des Blattes bestehen. Ihre grosse Widerstandsfaehigkeit gegen Austrocknung und gegen Kaelte helfen ihr ihrer Ausdehnung. Es ist ein interessanter Fall fuer kommende Evolution, wie rasch sich wirkliche Fressfeinde entwickeln, um den Reichum an Minierraupen auszunutzen.

  • #1

    Erika Bulow-Osborne (Dienstag, 13 Mai 2014 10:37)

    Marion Hartmanns Kastanien Artikel.
    Ehrfurcht vor diesem flaechenbedeckenden Symbol langen Lebens in weisser und roetlicher Bluete. Marion Hartmanns Artkel erzaehlt von vielen nuetzlichen Faktoren,welche die Kastanie so wichtig machen: Fruechte waren Futter, ganze Alleen dienten in der Bluetezeit als Bienenweide.Alle Teile des Baumes wurden in der Pharmazie gebraucht, das Holz fuer Furniere und Schnitzerein verwendet. Um so schlimmer war deshalb die grosse Gefahr durch die Minierraupe, welche sich seit 1984 in Europa ausbreitete.
    Die weissbluehenden Kastanien zeigten absterbende Blaetter, welche Unterernaehrung und kuerzere Lebensdauer bedeuteten. Bester Schutz blieb bis jetzt das Verbrennen des abgefallenen Laubes,um kommende Generationen der Raupe zu vernichten. Noch haben sich kaum Fressfeinde gebildet. Cameraria ohridella wurde im 19.Jahrhundert zum erstenmal in einem Belegs- und Vergleichs-Herbarium festgehalten. Die Ursprungsgebiete in Mazedonien verblieben schwer erreichbar.
    Frueher waren Botanisiertrommeln das aufregende Requisit eines Spazierganges, heute muss man sich ueber Regeln und Verbote genau informieren. Jetzige Informationen sind Digital-Herbarien, welche aus den meisten Grossstaedten stammen. Wichtig ist bei Baeumen (neben Fundort, Datum und Namen des Finders) die Gesamthoehe.
    Die Minierraupe verbreitete sich windesschnell mit mehreren Generationen pro Jahr. Sie fressen=minieren kreisrunde Minen, lassen aber die Epidermis des Blattes bestehen. Ihre grosse Widerstandsfaehigkeit gegen Austrocknung und gegen Kaelte helfen ihr ihrer Ausdehnung. Es ist ein interessanter Fall fuer kommende Evolution, wie rasch sich wirkliche Fressfeinde entwickeln, um den Reichum an Minierraupen auszunutzen. Solch ein Artikel ist ein Beweis fuer die wertvolle Arbeit, die in der Naturwelt.de unter Gudrun Kaspareits Leitung geleistet wird. Marion Hartmann sei herzlichst gedankt.