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Der Holunder

Holunderbeeren
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Der Holunderkönig

Text: Marion Hartmann

 

Jeder kennt die Überlieferung, dass man es in der DDR nicht so genau nahm, Wohnhäuser zu sanieren und ihre Höfe zu pflegen.

Und so kam es, dass zwar die kleine Hofwiese stets gemäht war, doch aber rundherum ein regelrechtes Wuchern von allen möglichen Büschen und Pflanzen stattfand.

So trug auch jedes Jahr ein kleiner Holunderbusch seine schwarzen, schweren Früchte. Ganz sensible Gemüter meinten, ein leises Klingen zu hören, als ob tausende von hauchzarten Glöckchen bei Wind aneinander schlugen.

Tausendmal ging ich an diesem Hollerbusch vorbei, der an der Hauswand der Hofseite mit seinen vollen Früchten lockte.

Jedes Jahr pflückte ich seine Trauben für Marmelade und Saft!

Eines Tages an einem gewitterschwülen Nachmittag kam ich mit vollen Taschen vom Einkauf zur Hofeinfahrt hinein und plötzlich war es mir, als ob alles anders wäre.

Aber was? Ich erkannt nichts und ging nach oben. Am späten Abend erst war es mir, als müsste ich Stift und Papier holen, um etwas zu schreiben. Aber was?

Und wie ich so saß an meinem Schreibtisch, verfiel ich plötzlich in eine Art Trance.

Vor mir sah ich den Holunderbusch und ich schaute einen mir unbekannten Mann, der im Begriff war, einige Dolden zu pflücken.Ich sah das Erdreich rund um den Busch einsinken und der Mann stürzte in die Tiefe. Er fiel bodenlos und befand sich im Zustand der Ohnmacht, bis er schließlich hart aufprallte.

Er kam zu sich, liegend in einem breiten Gang, der beidseitig von Wandleuchten erhellt war. Viele hohe Türen befanden sich dort in einem freundlichen Grün mit erstklassigen, vergoldeten Türklinken.

Es schien, als walteten hier sowohl furchtbare, als auch hochheilige Energien.

Geschockt von Fall und wahnwitzigem Moment erhob sich der Mann und visierte eine Tür am Ende des Ganges an, an die er zu klopfen gedachte.Noch bevor er aber klopfen konnte, tat sich die Türe wie von Geisterhand auf und bot Zugang zu einem großen Raum, der fensterlos, sich nur von aller Art Kerzen erleuchtet zeigte.

Der Boden des Raumes war in feinster Mosaikarbeit gestaltet und deutete auf unbekannte Symboliken hin.

Ein Tisch vom schönsten, hellen Holze, die Ecken abgerundet, lud ein zum Staunen und insbesondere ein kreisrundes Detail in seiner Mitte.

Die Stühle rund um den Tisch hatten hohe Rückenlehnen und waren ebenfalls von feinster Handarbeit.

Die Atmosphäre hier unten war glasklar und schien von nichts unterbrochen zu sein, was auf irdische Dünste hinwies.

Jetzt gewahrte der arme Tropf eine Gestalt am anderen Ende des Raumes, die gehüllt in einen dunkelroten Umhang, sich langsam herumdrehte.

Ein hochgewachsener, doch sehr alter Hüne, schaute den hinabgezwungenen Gast aus tiefschwarzen Augen auf eine solche seltsame Weise an, wie man es von Menschen nicht kannte. Blicke, die bis auf den Grund der Seele drangen und alles erhellten, was sich dort befand!

Das volle, schlohweiße Haar ward zu einem Schwanz gebunden und das höchst markante Gesicht strahlte eine sonderbare Macht aus, die nichts zu tun hatte mit der menschlichen Macht.

Dann hub er an zu sprechen:

"Meine Magie trieb Dich hin, oh Mensch, zum Holunderbusch, von dem aus ich Dich hinabstürzen ließ in mein Reich!

Die Menschen droben treiben es gar übel mit Mutter Natur und die Geldgier hat sie in den Wahn hineingebracht, es gäbe keine andere Macht als diesen kleinen Menschen, der längst die Zauberwelt der Götter und Naturwesen verlassen hat im Dünkel der eigenen Gottherrlichkeit."

Nun bedeutete er dem armen Mann mit einer majestätischen Geste, sich zu setzen an jenen wunderschönen Tisch, dessen kreisrundes Mittelfeld immer noch ein Rätsel aufgab.

Ein Fingerschnipsen des Hünen und es erschien im Türrahmen ein Diener, der kurz darauf mit einem Tablett wiederkehrte, auf dem sich 2 chinesische Teeschalen befanden, weiters eine bauchige Teekanne aus Glas und eine Holunderblütendolde!

" Holunderblütentee! Eine hochheilige Gabe der Götter !" Der Hüne, dessen weitärmliger Umhang eine goldene Anstecknadel zierte, verschränkte beide Arme vor der Brust und verneigte sich tief vor dem dampfenden Getränk.

"Es ist die Dankbarkeit, die ihnen fehlt da droben", so entrüstete er sich, während er sich bedächtig setzte.

"Weder haben sie Interesse für die Eigenheiten der Dinge der Schöpfung, noch Respekt. Sie nehmen nur dasjenige wahr, was sie mit Augen sehen können und halten es für die einzig existierende Realität! Doch der Schöpfer hat jedem einzelnen erschaffenen Ding auch Macht eingehaucht, sowohl heilende, als auch vernichtende Kräfte."

Der arme Mann, dem bis jetzt kein Wort aus dem staunenden Munde kam, stand von seinem Stuhl auf und verneigte sich nun ebenfalls vor dem Tablett mit dem herrlich duftenden Tee und der großen Holunderblüte!

"Nun will ich, der Holunderkönig, Dir ein ewig gehütetes Geheimnis verraten", so sprach der Hüne jetzt und griff unter die Tischplatte, wo sich anscheinend ein Drückerknopf befand, denn jetzt hob sich jenes kreisrunde Detail und zum Vorschein kam ein fußballgroßer Diamant. Wie von Meisterhand geschliffen, überzogen ihn hunderte von kleinen Pyramiden, die wie Zacken herausstachen.

"Nicht von dieser Erde, ein Bote des Himmels", so flüsterte der Weißhaarige, indem er sich erneut verbeugte und anschließend ein Kreuz über dem in allen Farben funkelnden Diamanten schlug. Anschließend entzündete er eine Räucherschale, aus welcher ein völlig unbekannter Duft entstieg.

"Seit Jahrhunderten gehütet und vor den Blicken der Menschen verborgen ist dieser Diamant, dessen Herkunft niemanden bekannt wurde. Einmal täglich um die gleiche Stunde darf man ihn fordern, denn er besitzt die Eigenschaft, alles zu offenbaren, was das Treiben der Menschheit betrifft, sei es offen oder versteckt. Er ist das lebendige Gedächtnis der Erde und alles ist zu jeder Zeit abrufbar.Wisse also, nichts wird je vergessen sein an Schandtaten und Übel, was gebracht wurde von den Menschen über die Erde.

Es wird ein Tag kommen, so sei Dir verraten, welcher der Tag des Gerichtes sein wird. Es wird sich feuerrot der Himmel öffnen, wenn die Götter des Olymps herabsteigen und ihre Feuerschalen des Zornes über die Menschheit ergießen.

Und die Naturwesen werden aus ihren unterirdischen Verließen heraufsteigen, in die sie der Mensch durch Ignoranz und Desinteresse vertrieben hat. Herrschen werden sie wieder über die Welt, so wie das vor Tausenden von Jahren war.

Ein neuer Mensch wird geboren werden, der Mittler sein wird zwischen Himmel und Erde und neue Kirchen werden entstehen.

Noch nennen sie die Dinge der Schöpfung Privateigentum, doch es gehört ihnen nichts! Noch speien sie auf die Erde, doch jeder Flecken ist heilig, das werden sie bitter erfahren.

Siehe, ich offenbare Dir die Zukunft, weil Du die Unschuld trägst in Deinem Inneren, die Reinheit der Gedanken und Gefühle!"

Die Stimme des Holunderkönigs erbebte in der Verzweiflung über das Wesen der Menschen und er erhob sich und lief zu einer Stelle an der Wand, wo er erneut einen versteckten Knopf drückte.

Heraus drehte sich ein schmales Bücherregal, aus dem er ein Werk entnahm. Der Gast sah sofort, es handelte sich um ein sehr altes Exemplar, eingeschlagen in roten Samt.

"Ich will Dir ein hohes Geschenk mitgeben! In diesem Buch sind verzeichnet uralte Zaubersprüche. Wann immer Du Dich bedroht fühlst oder Hilfe benötigst, kannst Du die Wesen der Unterwelt anrufen und sie werden Dir sofort erscheinen. Hüte dieses Buch wie Dein Augenlicht!"

Der Hüne, in dessen Augen Tränen glänzten, überreichte seinem Gast das Geschenk und sprach:

"Doch eine Bitte erfülle uns! Geh nach Hause und schreibe Werke über die vergessene Zauberwelt der Elfen und Feen, der Trolle und Geister. Schreibe über die Tier- und Pflanzenwelt der Erde. Nur Mut, die Geschichten werden zu Dir kommen, genau wie die Menschen, die darauf warten!"

Nun schlug der Holunderkönig mit seinen Händen ein Zeichen, worauf der Gast erneut in Ohnmacht fiel.

Vor dem Holunderstrauch fand sich der Mann liegend wieder, neben sich ein uraltes Buch!

Er erhob sich, verneigte sich tief vor dem Busch mit seinen lackschwarzen Beeren, nahm das Buch in aller Vorsicht und ging langsam und nachdenklich nach Hause!

Der Holunderkönig
(c) Erika Bulow-Osborne Der Holunderkönig

Allgemeines über den Holunder

 

Es gibt etwa 10 Arten von Holunder, von denen drei Arten in Mitteldeutschland beheimatet sind.

Davon ist der Schwarze Holunder der bekannteste.

Gern wächst der Holunder in der Nähe menschlicher Behausungen und ist daher leicht zu finden.

So selbstverständlich ist der Holunder in der Landschaft, dass man ihn kaum noch wahrnimmt, ausgenommen denjenigen Menschen, die den schwarzbeerigen Strauch nicht nur wegen seiner Heilkraft schätzen, sondern auch wegen seines Geschmacks.

Bisweilen findet man auf abgestorbenen Stämmen des Holunderbaumes einen sonderlichen Pilz, der an eine Ohrmuschel erinnert.

So soll sich Judas wegen des Verrats an Jesus an einem Holunderbaum aufgehangen haben, woran dieses "Ohr" erinnern soll.

Unter dem Namen "Chinesische Morchel" oder "Mu- Err- Pilz" ist er in der asiatischen Küche sehr verbreitet.

Mythos

 

Der Sage nach bringt das Fällen eines Holunders und auch schon das Abbrechen eines Zweiges großes Unglück über einen Menschen, wenn er nicht vorher die "Holler- Mutter" um Erlaubnis gefragt und ihre Einstimmung erhalten hat!

Sie galt als das Urbild des Guten, Gerechten und Mütterlichen aus dem Kreise der Götter und Göttinnen der germanischen Unterwelt.

In Tirol besteht der Brauch, dass bei Begräbnissen dem Sarg ein Holunderkreuz vorausgetragen wird als eine Seligsprechung der Toten vor dem Jenseits.

In Nordeuropa wurden Verstorbene auf Holunderzweige gebettet.

In Schweden heißt es, dass man den Holunderkönig und sein Gefolge sehen kann, wenn man bei Sonnenuntergang in der Mittsommernacht unter einem Holunderbaum sitzt.

Nach der Verbreitung des Christentums wurde der uralte Brauch, vor einem Holunderbusch zu beten, mit hohen Strafen belegt.

Und bald wurde nach christlichem Willen aus der gütigen Lichtgöttin ein gefährlicher Spukgeist!

Holunder und seine Heilkraft

Der Holunder gehört seit eh und je zu den populärsten Volksheilmitteln.

Bei Ausgrabungen in der Schweiz fand man Reste von gekochten Holunderbeeren, was auf die frühe Verwendung des Holunders als Nahrungs- und Heilmittel hinwies.

Vorwiegend wird der Holunder als Schwitz- und Treibmittel bei Erkältungskrankheiten eingesetzt.

Sein hoher Vitamin C Gehalt sorgt für einen guten Schutz vor grippalen Infekten.

Auch als Blutreinigungsmittel findet er Verwendung und regt den Stoffwechsel an.

Die im Holunder befindlichen Inhaltsstoffe halten Krankheitserreger ab.

Studien ergaben, dass die Verwendung des Holunders eine positive Wirkung erzielt bei Diabetes und Bluthochdruck.

Holunder in der Antike

 

Mit dem Holunder wurden Tod und Sterben oftmals gleichgesetzt.

Tacitus berichtet, dass im antiken Rom nur Särge verwendet wurden, die aus Holunderholz gefertigt waren.

Die Damen der römischen Aristokratie färbten sich ihre Haare mit Holundersaft.

Auf Stoffen und Leder ergibt der Holundersaft je nach zugesetzter Stärke rote, schwarze oder blaue Farbe!

Holunderblüte
uschi dreiucker_pixelio.de Holunderblüte
Kommentare: 1
  • #1

    Erika Bulow-Osborne (Mittwoch, 28 August 2013 21:17)

    'Der Holunderkoenig' zeigt erneut die grosse intuitive Gabe der Verfasserin, Gegenwart, und Vergangenes in eine Einheit zu fassen. Stark kommen ihre Sorgen und Aengste um die Natur, den Schutz seiner Tiere, Pflanzen und Baeume zum Ausdruck. Genaues Wissen um die Vorzuege, die Heilkraft einerseits,Mythen und Legenden, andereseits ermoeglicht es Marion Hartmann, ein modernes Maerchen zu schreiben.
    Es geht um den einfachen, aber in seiner Seele empfindenden Menschen, den der Holunderkoenig erwaehlt fuer eine grosse, schwere Aufgabe: er erhaelt das Geschenk eines kostbaren alten Buches zum Erzaehlen. Er soll aufklaeren, mahnen, die Rechte der misshandelten Tiere fordern.

    Was mich beruehrt, ist die Liebe der Verfasserin zu ihrer Heimat, ihr enges Leben in und von der Natur. Ihr mitreissender Stil laesst mich fuer kurze Zeit der Maerchenwelt verfallen,laesst der Phantasie alle Zuegel schiessen..., etwas, das ich den Kindern der Welt wuenschte,- im Austausch gegen zu viel elektronischen Einfluss.