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Marschland und Kiebitz

Text: Erika Bulow Osborn

Foto: Jürgen Kraft

Scherenschnitt: Erika Bulow Osborne

26. 11. 2017

Kiebitz
(c) Jürgen Kraft Kiebitz

 

Ausgang aller Marschen ist immer das Watt mit dem Verlanden von Salzwiesen, ersten Pionierpflanzen und dem Landgewinn. Marschland ist ein Schwemmland der Norddeutschen Küsten und Flüsse: ich denke an die Wedeler Marsch und Schleswig-Holstein, speziell die Vier- und Marsch-Lande bei Hamburg-Bergedorf mit der Elbe. (Andere Tiedeflüsse sind Weser, Eider, Oste und Em).

Dazu eine kleine Anekdote: Die reichen Marschbauern der Vier-und Marschlande hätten früher nie eine Heirat ihrer Tochter in eine Familie aus der Geestlage erlaubt. Es kam wirklich zum Enterben und Verstoß aus der Familie, wenn der Tochter ihre Liebe mehr wert war als ein väterliches Erbe.

Um Hamburg herum war das Alte Land das Obstbaugebiet Mitteleuropas, die Vier-und Marsch- Lande entsprechend für Gemüse und Blumen zuständig. Das Klima bleibt gleichmäßig, die vielen Gräben sorgten für weniger Frost. Storchennester überall auf den reetgedeckten Bauernhöfen und große Scharen von Kiebitzen, die vor den Deichen, kilometerlang ebenso Nahrung fanden, wie auf den riesigen Wiesen mit Viehbestand, welche das Gras beweideten.

 

Der Kiebitz kann sowohl Zugvogel, wie Strich- oder Standvogel sein. Er entspricht größenmäßig einer Türkentaube. Herrlich leuchtet der metallisch grüngraue Mantel, der blauviolette Schulterfleck, ein weißer Bauch mit dem schönen Brustband in tiefem Schwarz und einer schwarzen Binde unter dem Auge. Einer schwarzen Stirn, die in die Zweizipfel-Haube oder Holle übergeht. Auch der Schnabel ist schwarz. Nur die Beine sind rot.

Bekannteste Rastplätze in Deutschland vor dem Weiterflug sind Unterelbe, Fiener Bruch, Havelländischer Luch, Jadebusen und Putzauer am Galenbeker See.

Kiebitze brüten in offener Landschaft, in kurzem Gras, Heide, abgeernteten, gepflueckten Aeckern und auf Schlammflächen. Sie suchen nach Insekten und deren Larven, Würmern und Wirbellosen bei Tage , aber immer häufiger auch Nachts.

Der Kiebitz ist ein Meister absolut phänomenaler Balzflüge. Er wirft sich in die Luft, kippt seitlich in Sturzflüge und trudelt fast bis zur Erde, wobei seine abgerundeten, breiten Flügel ein wuchtelndes Geräusch erzeugen.(wut wut wut). Oder geradeaus, dann steil in die Luft, ein erneutes Abstürzen; er trudelt um sich selbst und überschlägt sich mehrfach. Einfach grandios.

Kiebitze kehren gern zu ihrem angestammten Nistraum zurück und bleiben Partner fürs Leben.

Es sind die Männchen, die mehrere Nestmulden anlegen, indem sie sich auf die Erde drücken und kreisende Bewegungen machen. Das Weibchen wählt sich eine Brutmulde und legt sie mit Halmen und Polsterung weiter aus. Innerhalb von 5 Tagen sind 4 Eier da. Männchen und Weibchen brüten vier Wochen lang, bis die Kleinen schlüpfen. Da Kiebitze gern in einer Gruppe brüten, helfen sie sich gegenseitig bei der Verteidigung durch Greifvögel. Schon kurz nach dem Schlüpfen verlassen die Kleinen das Nest, sie müssen über einen Monat lang gehudert und geführt werden, bis ihre Köperwärme konstant ist. Leider sterben viele Junge, denn erst mit 35 Tagen werden sie flugfähig.

Die Niederlande gelten als bestes Kiebitzland; wohl vor allem wegen der Eindeichung, welche immer neue Habitate erschafft. Kiebitze sind geschützt, aber wegen ihrer hohen Zahl an Brutpaaren gibt es die Möglichkeit des Eiersuchens mit einem Pass. Sie verpflichten sich, jedes gefundene Nest zu schützen vor dem Vieh und die Nester so zu markieren, dass ein Bauer sie vorsichtig umfahren kann. Das allererste Kiebitzei wird der Königin geschenkt und der Finder als Held gefeiert.

In Deutschland sind Kiebitze streng geschützt. Kalter Winter und nasses Frühjahr beinträchtigen die Fortpflanzung, am meisten aber die Veränderung ihrer gewohnten Habitate. Pestizide entziehen ihnen die wichtige Insekten-Nahrung. Die Umstellung auf Wintergetreide ist schlecht, vorverlegte Mahd und das Entfernen gerade der Pflanzen, die wichtig wären, um Insekten anzulocken: Schachbrettblume,Wiesenschaumkraut,Wiesen Knöterich, Sumpfdotterblume, Erdbeerklee, Wiesen Storchschnabel, Strandaster und Queller.

Kommentare: 2
  • #2

    Eva (Sonntag, 11 Dezember 2016 18:22)

    Was wäre ein Artikel von Erika ohne ihre meisterhaften Scherenschnitte! Sehr schön und informativ ist Erikas Bericht, in dem man sowohl viel über das Marschland mit seinem Pflanzenreichtum als auch den Kiebitz erfährt. In meiner Gegend, in einer Rheinaue im südlichen D'dorf, gab es auch noch bis vor einigen Jahre Kiebitze, ich selbst habe zwar dort noch keinen gesehen, jedoch die typischen Kiwitt-Kiwitt-Rufe oft gehört, sie hielten sich wohl immer an für Spaziergänger unzugänglichen Stellen auf. Nun habe ich vor kurzem gelesen, dass er einer aktuellen Erhebung in NRW zufolge überall vom Aussterben bedroht ist. Innerhalb von vier Jahren ist der Bestand der Kiebitzpaare von weit über 20.000 um fast die Hälfte gesunken. In NRW entsteht das Problem wohl beim Brüten: Viele Kiebitze suchen sich dafür Maisäcker aus. Wenn das Feld bestellt wird, werden die Nester zerstört. Die Brutplätze müssten dringend geschont und die Felder später beackert werden, wird gewarnt, eine Kooperation mit der Landwirtschaft ist dringend nötig, ansonsten ist die Art bald völlig verloren.
    Mir tut es immer ein bisschen weh über Tiere zu lesen, die lebenslang partnertreu sind, so wie auch der Kiebitz. Darf ich dazuu kurz eine bewegende Geschichte erzählen, auch wenn es sich um einen Schwan handelt? Aber diese Geschichte ist ja stellvertretend für alle monogam lebenden Vögel:
    Der 20 Jahre alte "schöne Klaus" war der traurigste Schwan im Düsseldorfer Südpark. Auch ich habe ihn sehr oft besucht. Ende vorigen Jahres wurde seiner bewegten Lebensgeschichte ein brutales Ende gesetzt: Der Schwan war enthauptet worden. Er hatte ein bewegtes Tierleben: Als Jungtier war der "schöne Klaus" 1995 zusammen mit einer Schwänin in den Düsseldorfer Südpark gekommen. Bald ereignete sich der erste Schicksalsschlag in seinem armen Schwanenleben: Seine Partnerin wurde von Unbekannten getötet und geköpft. Weil der Verlust des Partners für monogame Schwäne eine Katastrophe darstellt, verfiel der "schöne Klaus" in tiefe Trauer. Erst als Südpark-Schwan "Rambo" (der wegen seiner entschlossenen Art so genannt wurde) von Tierquälern mit Bierflaschen beworfen und dabei tödlich verletzt wurde, konnte Klaus trotz des tragischen Todes seines Artgenossen wieder glücklich werden: Er tat sich mit "Rambos" Witwe zusammen - die aber 2012 starb. Tierquäler hatten ihren Hals so verknotet, dass sie erlöst werden musste. Seitdem nannte man ihn „trauriger Klaus“, denn trauernd zog er daraufhin durch den wasserreichen Südpark, ehe er seine verstorbene Frau vermeintlich wiedersah: Eine ganze Reihe von Spiegeln verziert einen Volkshochschulgarten im Park - und in jeder der verwitterten Scheiben hat der Schwan sein Weibchen offensichtlich wiedererkannt. Jeden Tag hat das Tier fortan stundenlang in die Scheiben gestarrt. Manchmal hat er dabei einen herzzerreißenden Schrei ausgestoßen. Sogar ein Nest baute "Klaus" in der Nähe der Spiegel für die vermeintlich wiedergefundene Gefährtin. Wiederholte Versuche von Tierschützern, ihm eine neue Partnerin zu verkuppeln, schlugen fehl. In den letzten Monaten seines Lebens lag der apathische Schwan zumeist unter einer Laterne im Südpark. Er wurde tieräztlich untersucht – ohne körperlichen Krankheitsbefund. Das Futter, das viele Menschen dem traurigen Tier brachten (auch ich) hat es kaum angerührt. Am 16. November 2015 wurde der "traurige Klaus" von Tierbetreuern zum letzten Mal unter seiner Laterne gesehen. Einen Tag später war er tot. Ermordet. Geköpft wie seine erste Gefährtin.

  • #1

    Marion Hartmann (Samstag, 03 Dezember 2016 08:02)

    Ich möchte mich für diesen interessanten und gut recherchierten Bericht über den Kiebitz und die Marschen bedanken.
    Das Marschland hat mich schon immer gelockt, dort einmal länger sein zu können, dieses Gebiet zu studieren und darüber zu schreiben.
    Vor allem aber stelle ich mir auch vor, dort könnte sich die Seele erweitern.
    Allein das Foto von Jürgen Kraft zum Kiebitz ist fantastisch und hinzu kommt die künstlerische Ausgestaltung Erikas zu ihrem Bericht in Schnitten. Herrlich, wie sie den Kiebitz in verschiedenen Posen dargestellt hat und das alles auf einem einzigen Blatt.
    Unter ihren Pflanzenschnitten zu den Marschen treffe ich wieder auf eine alte Bekannte.., die Schachbrettblume, von der ich nur ein einziges Exemplar in meinem damaligen Garten hatte.
    Nun ist mir auch der Kiebitz nahe gekommen.
    Ich fand noch eine Matura- Arbeit von 2011 über den Kiebitz, welche vielleicht mit ihren besonderen Fotografien und Beobachtungen der Kiebitze ganz interessant ist.

    http://www.degupedia.de/forum/viewtopic.php?t=2312