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Magdeborn - eine Erinnerung

Text und Foto: Marion Hartmann

09.06.2017

verwilderter Acker
(c) Marion Hartmann verwilderter Acker

Die Buslinie von Leipzig über Magdeborn bis Borna, (Leipzig- Land), war stets rege genutzt durch Werksverkehr in das Braunkohlewerk Espenhain.., Espenhain als der dreckigste Ort der DDR bei trauriger Berühmtheit.

Über dem Ort und seiner Umgebung lag stets eine Wolke von Phenolen, Schwefel, Ruß und Asche, was es nötig machte, jeden Tag Straßen und Gehwege zu kehren durch die Niederlassung einer dicken Ascheschicht. Die gesundheitlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung waren verheerend.

Ob es sich im nahen Magdeborn ähnlich verhielt, kann ich heute nicht mehr sagen.., möglich ist, dass eine Gewöhnung bestand.., man sich mit seinen 7 Jahren vorstellte, es könne gar nicht anders sein, als es eben ist. Ich erinnere lediglich, dass der Bus hin und wieder eine dicke Nebelwand durchbrach, die gelegentlich sogar die Sonne verdeckte.Wir waren damals aus ländlicher Gegend gerade in die Stadt gezogen, was mich gesundheitlich schwer belastete, war ich doch den stillen Frieden des Dorfes.., die Felder, die ich durchstreifte.., das bäuerliche Leben gewohnt.., Frauen, die in Schürzen mit dem Rad zum Konsum fuhren.., die hübsche, kleine Schule mit der Sonnenuhr und der parkähnlichen Anlage, worin sich auch der Schulgarten befand.

Hineingeworfen in die neue Schule der Stadt, militärisch streng gebaut, mit einem betonierten Schulhof, wo der Blick höchstens noch zu einer alten Linde ging.

Dichter Verkehr, Häuser grau in grau, Ödnis.., ein lebensfrohes Kind begann sich zurückzuziehen, begann zu stottern, wahrscheinlich hatte es ihm die Sprache verschlagen.

Und das sollte Magdeborn wieder in Ordnung bringen, dieses kleine Dorf zwischen Feldern, dort, wo Onkel und Tante lebten ganz am Ende,.. im letzten Haus.., dort, wo man aus dem Fenster der Wohnstube hinaus auf endloses Feld schauen konnte und der Blick endete, wo Himmel und Erde zusammen stießen.

Hier kehrte das Verlorene zurück.., wenigstens für ein paar Tage in den Ferien oder an Wochenenden.

Ländlicher Frieden, Hahnenschrei am Morgen.., der Duft der kleinen Bäckerei drang bis zum letzten Haus.

Die Menschen waren von ausgeglichenem Wesen.., einfach und fleißig, stets ein gutes Wort auf den Lippen.

Man brachte vom Überschuss der Ernte dem Anderen.., Kirschen tauschten sich gegen Erdbeeren.., Kohlrabi gegen Karotten.

Der Bus hielt am Ortseingang Magdeborn, rechterhand ein Feld, soweit das Auge reichte, und hier war die Seele eines Kindes.., hier, wo die Menschen aufschauten von ihrer Arbeit, grüßten und sich wohl dachten:

"Ach, da ist es wieder, das Stadtkind!"

Es war derzeit noch nicht abzusehen, dass Magdeborn mit seinen Menschen, seinen Feldern und Plantagen, seinen Tieren und der kleinen Kirche nicht mehr da sein würde, dass es der Braunkohle weichen muss.

Nicht abzusehen damals, dass ich den Abriss des geliebten Dorfes.., der Zwangsumsiedlung der Menschen, die sich kein neues Grundstück leisten konnten, in DDR Plattenbauten am Fernseher verfolgen würde.., Menschen, die sich vehement dagegen wehrten, dem Verlust der Heimat entgegen standen.

Aber nun fraß sich die Kohle in den Ort und Widerstand war sinnlos.

Am 3. September 1978 erfolgte vor ihrem Abriss die Entwidmung der Magdeborner Kirche, ihre Einrichtungsgegenstände wurden auf andere Kirchen verteilt, so auch auf die Auferstehungskirche Leipzig Möckern, an der ich heute jeden Tag mit meinen Hunden vorbei laufe.

Am Tage der Entwidmung steht im Losungsbuch:

"Du bis meine Zuversicht, mein Gott, meine Hoffnung von Jugend an!"

(Psalm 71,5)

1987 mussten auch Onkel und Tante Magdeborn verlassen bei einer kleinen Entschädigung und Zuweisung einer Plattenbau- Wohnung.

Der Onkel, der bis dato noch vollzeitlich in Arbeit stand, starb kurz nach der Umsiedlung auf dem Weg zur Kaufhalle an einem Herzinfarkt.., die Tante folgte ihm wenig später.

Menschen zwischen Schicksal und neuer Zukunft.., nicht alle haben dieser Forderung bestanden.

Plattenbausiedlungen, fern jeglicher, wogender Felder.., ohne das Blöken der Schafe.., ohne den weiten Blick bis zum Horizont.

Heute befindet sich an der Stelle Magedborns und der ehemals umliegenden Dörfer das Leipziger Neuseen- Land.. Nichts ragt hier mehr heraus aus vergangenem Leben.

Neuseenland.., geflutete Braunkohlegebiete., Orte der Freizeit und des Tourismus.., Anziehungspunkt für Investoren.

Gewidmet sei dieser Bericht der Erinnerung einer kindlichen Seelenlandschaft.., einer Familie, die mit drei Kinder aus landwirtschaftlicher Arbeit bei Verlust ihres stillen Friedens und ihrer Haustiere herausgerissen wurden und jenen Menschen, die einer neuen Zukunft durch Widerstand und Inhaftierung und auch durch Selbstmord entgingen.

Noch heute wiegen sich die Kornfelder Magdeborns in meiner Seele.., der Mohn an den Feldrändern.., die Menschen grüßen mich noch immer im Geist mit ihren erdschwarzen Händen vom Wühlen im Boden.., ich laufe noch immer durch die Apfelplantage.., staunend, ehrfürchtig.., noch immer ruft die kleine Kirche mit Glockengetöse zum Gottesdienst.., der Geruch frisch gebackenen Apfelkuchens meiner Tante strömt durchs offene Fenster hinaus, dorthin, wo ich einen Kranz binde aus Gänseblümchen.

Leinenlos springt der Hund im Gras, tollt herum.., wirbelt Insekten auf.., frei wie der Wind.., ich und das Tier.., hier gibt es keine Enge, keine Zwänge und keine Leinen.

Meine Welt.., ich habe sie nie wieder gefunden. Ich kranke an der Stadt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Magdeborn

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