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Der Zitronenkuchen

Text: Marion Hartmann

23. 02. 2017

Der Zitronenkuchen

(Eine deutsche Geschichte)

 

Es ist Freitag! Ich befinde mich im Gewühl des Kaufmarktes.., Kartoffeln, Butter, Gemüse, Hühnchen für die Hunde.., die Äpfel sehen nicht gut aus, aber ich habe noch welche.

Ein baumlanger Kerl karrt mich zur Seite.., fährt mir in den Einkaufswagen.., rums.., drängt mich ans Kuchenregal. Ich könnte eigentlich mal einen Zitronenkuchen mitnehmen, der sieht wirklich lecker aus, also rein in den Wagen.

Ich bezahle, fahre an die Einpackstation und packe meine Tasche voll.

 

Dabei merke ich erst nach einer Weile, dass mich 8 Augen anstarren.., 4 Kinder wie die Orgelpfeifen, eins sitzt noch im Wagen.

Eine Frau rammelt förmlich vorbei, "dieses Ungeziefer", höre ich. Nein, sie bezieht sich nicht auf den schmuddeligen Kinderwagen, auch nicht auf die abgewrackten Klamotten dieser Kinder, deren Haare wohl auch geschnitten werden müssten.., die Locken stehen nach allen Seiten.

Es sind syrische Kinder.., oder kommen sie aus Afghanistan? Ich habe keine Ahnung.

Schwarze Augen starren mich an.., starren von meinem Gesicht zu meiner vollen Tasche und wieder zurück.

Ich lächle! Ein dürres Mädchen im Alter von etwa 7 Jahren tritt einige Schritte zurück, verhalten, sie bleibt todernst. Dann stellt sich der 8- 9- jährige Junge hinter den Kinderwagen.., irgendetwas scheint ihm nicht geheuer, während ein kleinerer Junge neugierig heran kommt und in meine nach oben offene Tasche schaut.

Im Kinderwagen zwirbelt ein kleines Mädchen ihre Locken.

Wo sind denn die Eltern? Ein Säufer kommt vorbei und pöbelt, die Bierflaschen in seinem Beutel schlagen aneinander.

Je mehr ich lächle, desto größer wird der Abstand zwischen mir und den beiden größeren Kindern.

Sie ziehen den Kinderwagen ein Stück nach hinten.., nun entfernt sich auch der kleinere Junge, lässt mich aber nicht aus den Augen.

Das dürre Mädchen schaut an ihren Streichholzbeinen hinunter, die in hautengen, abgewetzten Jeans stecken.. zwei Löcher jeweils in Kniehöhe.

Das Kind verschwimmt vor meinen Augen.., ich sehe mich.., genauso dürr war ich in diesem Alter, ich war ein schlechter Esser und dreckig war ich immer.., rauf auf die Bäume.., rein in den Graben ins dreckige Wasser.., rein in den Schlamm.

Ein Dorfkind, dass sich an den Geruch von Pferdeäpfeln erinnert und an das Drachensteigen auf dem Feld.

Ich greife in meine Tasche und ziehe den Zitronenkuchen heraus, dessen lecker gelbe Glasur durch die Verpackung schaut.., die Kinder verziehen keine Miene, ernste, stille Gesichter.

Da.., ein Aufleuchten in den Augen.., nicht wegen dem Zitronenkuchen, oh nein.., die Mutter kommt.., eine schlanke, hochgewachsene, hübsche Frau.

Sie beachtet mich nicht, geht zum Kinderwagen, ihren Einkauf muss sie nicht in eine Tasche packen, es sind lediglich drei Dinge.

 

Sie scheint etwas vergessen zu haben, fummelt in einer kleinen Geldbörse.

Jetzt zeigt der ältere Junge auf mich, ich stehe mit dem Zitronenkuchen in der Hand, die Kinder wissen, ich will den Kuchen geben.

Die Mutter dreht sich herum, schaut mich an, ihr Blick eine Mischung von Stolz und Verachtung.

Ich lege den Zitronenkuchen wieder in meine Tasche, ich weiß, ich hätte diese Frau tödlich beleidigt.

Sie steht noch im Gang und wartet.., vielleicht auf ihren Mann. Die Menschen laufen mit prall gefüllten Einkaufswagen vorbei.

"Ungeziefer", vielleicht kennt sie diesen Begriff zu gut, diese Mutter.

Und vielleicht ist mir dies noch nicht ganz klar gewesen, immerhin hat mein Lächeln vor Tagen etwas gebracht, als ich mit den Hunden an einem farbigen, jungen Mann und seinem kleinen Kind vorbei ging, der da rief: "Omma, Omma.., bitte komm".., ja, er wollte die beiden Fellnasen mit seinem Kind bekannt machen.

Kommentare: 3
  • #3

    Erika Bulow-Osborne (Donnerstag, 02 März 2017 12:23)


    Eine alltaegliche Begegnung , die zu etwas Besonderem wurde,trotz des Ernstes und des Stolzes einer zahlreichen Familie, in beduerftigen Umstaenden. Das natuerliche Verlangen des kleineren Jungen, stiess auf das Erlernte,auf keinen Fall solcher Versuchung nachzugeben. Es zeigte sch in den ernsten, auf Abstand gehenden Gesichtern.
    Ihnen nahe das Laecheln einer Dame, die vor ihnen den groessten Reichtum in Haenden hielt : einen Zitronenkuchen. Sie sah die heranwachsende Tochter , welche ihr die eigene Jugend ins Gedaechtnis rief. Gern haette sie den Kuchen verschenkt, aber sie durfte es nicht. Es waere verletzend gewesen.
    Ob die Kinder solches Laecheln besser verstehen lernen, wenn sie groesser geworden sind?

  • #2

    Eva Schmelzer (Mittwoch, 01 März 2017 14:32)

    Was diese Geschichte für mich so besonders macht, ist einmal die enorme Beobachtungsgabe, das spontane feine Empfinden für eine Situation und die schnörkellose, schlichte Beschreibung der Ereignisse, ohne irgendwelche theatralischen, pathetischen Attitüden. Marion wird wie selbstverständlich eins mit diesen Menschen, ihre Erinnerungen verschmelzen mit der Begegnung im Hier und Jetzt, sie hat ein außergewöhnlich sensibles Gespür. Diese Geschichte beinhaltet keine großen Geschehnisse, die allgemeine Aufmerksamkeit erregen oder gar schockieren. Es sind Dinge, an denen man allzu leicht vorbeigeht, die man nicht wahrnimmt, für die man kein Lächeln hat, so wie Marion es hatte als sie mit ihren Hunden dem jungen Vater begegnete. Und trotzdem rührt sie einen tief in seiner Bitterkeit, öffnet das Herz. Danke Marion, heute bekommst DU ein warmes Lächeln von mir…

  • #1

    Christine (Mittwoch, 01 März 2017 11:34)

    Sehr einfühlsam - ganz deine Art ❤