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Naturschutz, wo stehen wir?

Text und Fotos: Gudrun Kaspareit

Foto: Olivier Fiechter

Moritat: Susanne Bartens

09.07.2015

junge Uhus
(c) Gudrun Kaspareit junge Uhus

Warum tun sich die Menschen hier so schwer mit der Artenvielfalt? Sie entscheiden, wer leben darf und wer ausgerottet wird. Sie unterteilen die Tier und Pflanzenwelt in Nützlinge uns Schädlinge. Wer ein Schädling ist, wird gnadenlos ausgerottet und wer ein Nützling ist, wird gnadenlos ausgebeutet.

Durch diesen Wahn ist die komplette Natur in Schieflage geraten und wird in einen Strudel gezwungen, der sich verselbstständigt hat und abwärts geht. Inzwischen ist jede Dritte einheimischen Art bedroht.

„Raubzeug“ zum Beispiel, darf keine Chance haben, sich zu stark zu vermehren. Bären sind gänzlich unerwünscht, aber auch Luchse, Wölfe und Füchse finden kaum Akzeptanz. Gnadenlos und hartnäckig werden sie bejagt. Wenn es nicht erlaubt ist, findet sich immer jemand, der sich nicht zu fein zum Wildern ist, oder zum Vergiften, was dann auch den übrigen Fleischfressern, die sich an den achtlos liegen gelassenen Kadavern schadlos halten zum Verhängnis wird, zum Beispiel Rabenvögel. Genau so ergeht es Greifvögeln. Mit viel Geld und Mühe sind die Bestände von Uhu und Seeadler wieder aufgepäppelt worden, nur um von sog. Jägern und Geflügelzüchtern wieder dezimiert zu werden. Da wird geschossen, vergiftet, Horstbäume ausgeschossen oder gefällt, um die ungeliebten Greife wieder los zu werden. Otto Dummbold wird weisgemacht, dass der Rückgang der Singvögel, Fische, Hasen oder was auch immer auf das Konto des „Raubzeugs“ geht. Der glaubt das auch bereitwillig, denn dann braucht er ja keine Verantwortung für das Artensterben zu übernehmen. Dabei ist er und sein Umgang mit der Natur dafür verantwortlich. Selbst im kleinsten Garten wird kein fremdes Kräutchen geduldet, muss der Rasen akkurat und kurz sein, wird Gift in rauen Mengen versprüht und jede Blume noch vor der Samenreife entfernt. Genau so, nur im großen Stil ist es in der Landwirtschaft üblich. Das Bienensterben ist in aller Munde, doch Konsequenzen sucht man vergebens. Auch die Falter sind auf dem Rückzug und mit ihnen die Vögel und Fledermäuse. Jede Wiese wird zu Tode gemäht und gegüllt. Keine Wildblumen mehr, keine Insekten mehr, keine Insektenfresser mehr, keine Bodenbrüter mehr.

Wer sich mal die Mühe machen will und über eine frisch gemähte Wiese geht, die Augen am Boden, der findet nicht nur vermähte Kitze und Hasen, sonder auch Vogelgelege, Igel, Schlangen, Kröten und noch so Allerlei was nicht mehr rechtzeitig fliehen konnte.

Immer wieder hört man von sog. Jägern, Bären, Luchse und Wölfe haben in unserer Kulturlandschaft nichts mehr verloren. …. Warum nicht? Es sterben mehr Schafe an falscher Behirtung als durch den Wolf. Es wurde noch nie ein Kind vom Wolf gebissen, schon aber, oft sogar mit Todesfolge, vom geliebten Familienhund. Der Luchs führt ein ganz heimliches Leben, der würde sich den Menschen nicht zeigen. Er ernährt sich u.a. von Rehen, von denen es ja nach Aussage der Jäger, viel zu viele gibt. Dennoch gönnt er dem Luchs sein Stück Wild nicht. Außerdem sterben mehr Tiere auf unseren Straßen, als durch alle Räuber zusammen.

Ein weiteres Gefahrenpotenzial sind die Windkraftanlagen, die neuerdings boomen. Eigentlich ist Windenergie ja eine gute und saubere Sache, und dient der Umwelt mehr als Kohle und Atom. Allerdings nur, wenn man die Turbinen nicht in Wälder stellt oder mitten in die Vogelzuggebiete. Dort schreddern sie Vögel und Fledermäuse und sind deshalb kontraproduktiv für die Umwelt. Die Hälfte des Rotmilanbestandes brütet hier, weshalb Deutschland eine besondere Verantwortung zukommt, im Bemühen, um seinen Schutz. Dennoch stehen sogar in seinen Brutgebieten Windräder und bedrohen den Milan.

Der Irrwitz ist auch in unsere Wälder eingezogen. Dort darf das ganze Jahr über Holz geschlagen werden (danke noch mal an Ilse Aigner) ohne Schon und Ruhezeiten für das Wild. Dieses ist ohnehin unbeliebt, da es der Holzwirtschaft schadet, weil es die jungen Bäume anknabbert.

Kinder, Reiter, Jogger, Spaziergänger mit Hund, Pilzsammler hingegen sind im Wald nicht gerne gesehen, da sie die Ruhe im Wald stören. Die großen MB Trucks und Havester hingegen, die über dies die Waldwege mehr zerstören, als 20 galoppierende Perde (Pferde im Wald sind verboten, mit der Begründung, sie würden die Waldwege zertrampeln, sie dürfen nur auf ausgewiesenen Reitwegen laufen) werden geduldet.

Rachel Carsons schreckliche Vision vom „Stummen Frühling“ ist vielerorts schon Wirklichkeit geworden. Ich habe schon lange keine Lerche mehr gehört, oder einen Kiebitz, von denen in meiner Kindheit der Himmelsraum noch voll war. Schwalben und Mauersegler werden immer weniger und sogar der Allerweltsspatz gilt neuerdings als gefährdet.

Warum bekommen wir keinen besseren Naturschutz hin und lassen die Natur sich wenigstens dort entfalten, wo sie uns nicht „stört“. Statt dessen werden Knicks beschnitten, Hecken gestutzt, Rasen, Straßenränder, selbst Brachflächen gemäht. Als ob wir Krieg gegen die Natur führen. Wir empören uns, wenn die Regenwälder brennen, doch vor der eigenen Haustür sterben die Bienen.


Mausohr Fledermaus Kolonie
(c) Olivier Fiechter Mausohr Fledermaus Kolonie

Moritat von der „Erbsünde“
(gefühlvoll bis wütend vorzutragen)

Susanne Barten

Du klagst, dass Dir die Lerchen
nicht mehr die Lieder Deiner Kindheit singen.

Ich weine mit Dir
um die verschollenen Lerchen
und die verlorene Kindheit.
Ich weine mit Dir
um die Menschen
und um unsere alte Erde,
die so misshandelt wird –
und um all die Vielfalt des Lebens,
die wir täglich auslöschen
und ihr
und uns
entreißen.

Einige verkannte Propheten haben
vor über dreißig Jahren
den „stummen Frühling“ vorhergesehen
und die Menschen aufgefordert:

Stellt Euch vor, es wird Frühling,
und kein Baum wird mehr grün!

Und heute:

Es wird Frühling -
und die Bäume,
die noch leben,
werden immer noch grün,
und die anderen sieht man nicht,
und die Kirschen blühen –
doch
es ist totenstill –
keine Biene summt mehr darin.

Es wird Sommer –
und die Felder grünen –
doch
es ist beängstigend still –
keine Lerche jubelt mehr
unsere Freude in den Himmel
und keine Grille
schrammelt dazu.

Es naht der Herbst –
und die letzten Blumen blühen
wie gemalt in den Gärten,
in denen noch welche stehen –
und es ist immer noch still –
denn kaum ein Schmetterling schmettert noch
seine Freude über seine Verwandlung
in den ruhigen Spätsommertag
und nimmt unsere Träume mit
auf seinem absichtslosen Gaukeln
durch das verblassende
Farbenmeer.

Es wird Winter –
und wir stellen das Futterhaus vors Fenster –
doch es ist still – kaum noch ein Vogel findet dorthin.
Man sagt uns,
die meisten seien schon im Herbst verhungert
und wir sollten nun ganzjährig
„Tafeln“ für die Vögel organisieren,
obwohl sie keine
„Hartz-Vier-Empfänger“ seien.

Man hatte uns erzählt, dass,
wenn wir zwanzig Prozent Ertragseinbußen
durch flächendeckende Biolandwirtschaft hätten,
wir nicht mehr genug
zu essen bekämen
und andere
Hungers sterben müssten.

Heute
wird auf einem Drittel der Fläche
Futter für Autos und Heizungen angebaut.
und wir sind übergewichtig –
und andere verhungern –
Bienen, Vögel, Menschen.

Man hatte uns erzählt,
dass die ordnungsgemäße Landwirtschaft
der Erhaltung der Natur diene.

Heute
flüchten die letzten wilden Tiere
vor der ordnungsgemäßen Landwirtschaft
aus todbringenden Stellflächen
für Energiehalme
und finden Asyl
in den letzten naturnahen Gärten
einiger verrückter
Laubbaum- und Unkrautstehenlasser,
die von der ganzen Siedlung
geächtet werden.
Und man merkt nicht einmal,
dass man seit Jahren
keine Insektenschwämme mehr braucht,
um die übermotorisierten Fliegenklatschen
auf Hochglanz zu halten
und dass Motorradfahrer
auch mit offenem Visier
wieder ungestraft
lächeln können –
und man fördert
sozialen Wohnungsbau
für Wildbienen.

Man hatte uns erzählt,
unsere Kinder bräuchten Platz,
um sich zu entfalten –
und Schutz
vor den Gefahren der Welt.

Heute
sind die im Wege stehenden Gebüsche gerodet,
die gefährlichen Gräben verrohrt,
die Teiche mannshoch umzäunt,
auf so genannten Kinderspielplätzen laden
rowdy-, splitter- und verrottungssichere
HighTec-Geräte
auf ökologisch korrekten
Receyclinggummi-Fallschutzflächen
zwischen ganzjährig bespielbarem
Kunstrasen zum Abhängen ein,
wenn die Spiele-Konsole
noch Zeit dazu lässt –
während die Väter der Kinder
ihr Geld damit verdienen,
als Spielzeug verkleidete
Spreng-Minen
für ihre lebensunwerteren
Spielgenossen
effizienter
zu gestalten.

Und kaum ein Kind hier hat je
eine Eidechse gesehen
oder Pillepoggen
oder ein Baumhaus
oder einen Hahn, –
oder einen Baum gepflanzt,
außer –
vielleicht –
in Free-TV
oder virtuell.

Und doch
empfiehlt man in den Gärtnereien,
die von sich behaupten,
das Leben zu verkaufen,
Blumen zu pflanzen,
die den Bienen nicht schmecken,
damit die Kinder
nicht gestochen werden –
und man vergiftet
den letzten Maulwurf,
damit die Kinder
nicht stolpern (im Leben),
und fällt
den letzten Kletterbaum,
damit die Kinder
nicht abstürzen
und ist ratlos,
wenn sich die Kinder
das Leben
selber nehmen
(nur leider nicht virtuell).

Man hatte uns erzählt,
wir bräuchten viele
junge Menschen,
damit unsere Renten
sicher seien.

Heute
versagt man
mancherorts
jedem zweiten
die Ausbildung,
die Würde,
den Arbeitsplatz
und die Zukunft –
und wundert sich,
warum die Renten
nicht mehr zum Leben reichen –
und zum Sterben schon gar nicht –
und selbst von ehrlicher Arbeit
können viele
nicht mehr ehrlich leben.

Man hatte uns erzählt,
wir sollten unsere Väter und Großväter
verachten,
weil sie sich haben blenden lassen
von markigen Sprüchen
und falschen Träumen –
und sie hätten es wissen müssen …

Heute
weine ich mit Dir
um Deinen Vater und Deine Mutter
und um uns alle,
die wir schuldig geworden sind –
an unseren Vätern und unseren Müttern
und unseren Kindern
und Mutter Erde.

Wir bringen Unglück über unser Land,
wie unsere Väter und Mütter,
deren Blut wir in uns tragen,
weil wir uns selber verachten,
wie wir sie verachtet haben,
weil wir wissen,
dass keiner von uns sagen kann,
er hätte es nicht gewusst.

Seit Jahren wählen oder dulden wir die,
die uns verraten
und die Welt in Kriege und Verderben stürzen,
jeden Fünften von uns ausgrenzen
und als lebensunwert betrachten,
als „Sozial-Schmarotzer“.

Seit Jahren wählen oder dulden wir die,
die unsere Nahrung vergiften und unser Wasser,
die den Wald sterben und Kontinente ertrinken lassen,
die Meere leer fischen
und ganze Landstriche und Völker
atomar verseuchen lassen.

Seit Jahren erkaufen wir
unseren Lebensstandard
und unsere Sicherheit
mit
Sklavenhaltung in den „Schwellenländern“,
Erprobung unserer Waffensysteme
an unseren Brüdern und Schwestern
in „fernen“ Ländern
und Zinserpressung von den Ärmsten
und denen, die es (offensichtlich)
noch werden wollen.

Seit Jahrzehnten wissen wir,
dass es so nicht weitergehen kann,
aber wir wählen oder dulden immer noch die,
die uns erzählen, das alles sei „alternativlos“,
weil wir uns längst den Glauben
an Alternativen –
und uns selbst –
haben abkaufen lassen.

Weil die Lobbyisten wissen,
dass wir wissen
was Jesus gesagt hat:
„Wer ohne Schuld ist,
der werfe den ersten Stein.“
Und so gehen wir
mit gesenktem Kopf
nach Hause
und machen weiter
wie bisher
und lassen andere
ungestört weiter
morden, versklaven, vergiften,
lügen, betrügen,
wie bisher.

So viele
haben schon dieses Lied gesungen,
aber geändert
hat sich nicht viel –
und das zerreißt Dir
und mir
das Herz.

Dabei möchte ich doch nur
unsere Herzen heilen
von Hass und Zweifel,
möchte ich Dir
Deine Kindheit
und Deine Lerchen
wiederschenken,
möchte ich
den Schmetterlingen
wieder meine
und Deine Träume
mit auf den
Weg geben können,
möchte ich Dir
Deine Eltern wiederschenken,
und Deine Kinder,
möchte ich allen Menschen
eine Zukunft schenken,
und ein wenig Glück,
Dir und mir
und allen,
die unsere Heimat mit uns teilen:
diese eine gute alte Erde,
die schließlich noch ein paar Jahre vor sich hat –
mit oder ohne uns.

Ich will ja gar nicht die Welt retten!
.

Doch
ich schaffe selbst das nicht allein,
Du schaffst es nicht allein,
wir alle schaffen es nicht allein.
Lass uns nicht
vom Gift
des sorgsam propagierten
schlechten Gewissens
lähmen
und vom Gefühl
der Machtlosigkeit
einlullen!

Lass uns zusammen finden!
Das Steuerrad herumwerfen!

Wir sind das Volk!

Die Zeit ist reif

für Wut,
für Umkehr,
für Überwindung von Schuld,
für Vergebung,
für Frieden

und vor allem
für die Liebe

zu Dir
zu mir
zu der Idee
des Lebens –

nach über
zweitausend Jahren.

Schmalenbeck, 20.09.2012, Susanne Bartens-Korn

Hase
(c) Gudrun Kaspareit Hase
Kommentare: 1
  • #1

    Eva Schmelzer (Samstag, 01 August 2015 11:08)

    Das ist eines der Grundübel der Menschheit, das auch ich immer wieder anprangere: Die Anmaßung des egoistischen Menschen, plötzlich die Welt besser gestalten zu können (natürlich zu seinem kurzfristigen vermeintlichen Vorteil) als die Natur sie eingerichtet hat und sie so seit Jahrtausenden im klugen Gleichgewicht hält. Alles hängt mit allem zusammen, und diese fragile Symbiose zu durcheinanderzubringen ist selbstzerstörerisch, denn auch der Mensch ist ein Teil der Natur. Danke für diesen die Augen öffnenden ausführlichen Beitrag.
    Sehr berührend und dramatisch ist Susannes Moritat, die das düstere, bedrohende Szenario eindrucksvoll schildert, jedoch auch Hoffnung schenkt, dass die Welt auch mit dem Menschen eine Zukunft haben kann, wenn er nur aufwacht und umdenkt.