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Das kleine Unkraut

Text: Marion Hartmann

Scherenschnitt: Erika Bulow-Osborne

09.11.2017

Scherenschnitt Schöllkraut
(c) Erika Bulow Osborne Scherenschnitt

Ganz verschämt wuchs das kleine Unkraut an einem alten Zaun und es wollte ganz, ganz klein bleiben, in der Hoffnung, dass es die Menschen übersehen würden.., alle diejenigen, welche selbst an alten Zäunen ungenutzter Areale möglichst alles sauber sehen wollen. Zum Glück hatten sie letztens vergessen, das kleine Unkraut auszustechen oder mit vernichtender Chemie zu übergießen, als sie den den gesamten Efeu vom Zaun schnitten. Aber vielleicht würden sie wiederkommen.

Also lieber ganz klein bleiben und geduckt. Lieber wäre es nicht auf der Welt, das kleine Unkraut, weil es nicht schön ist, ständig in Angst vor den Menschen zu leben. Aber was soll man machen, wenn die Natur es so will.

Die netten, etwas höheren Grashalme, die sich rund um das kleine Unkraut befanden und sich wiegend und biegend über dieses legten, wenn der Wind blies, konnten schließlich auch nichts tun, um das kleine Unkraut zu retten, wenn die Leute anrückten. Aber sie konnten es wenigstens doch ein wenig verdecken.

Und sie waren als Einzige fasziniert von den kleinen, sonnengelben Blüten des Unkrauts, so besonders schien es, wenn im zeitigsten Frühjahr die Blüten erschienen und es war, als bogen sich die Grashalme vor Freude noch heftiger hin und her, auch bei Windstille. Gute Freunde auf jeden Fall und auch die winzigen Käfer, die auf dem Boden huschten.

Eigentlich aber lebten auch diese in ständiger Sorge, zertreten zu werden.

Als die Sonne einmal wieder tüchtig schien und alles in goldenes Licht hüllte, dachte das kleine Unkraut nach.

Ob es schon einmal in der Welt anders war? Und.., warum gibt es überhaupt kleines Unkraut, das völlig wertlos ist und von niemanden gebraucht wird?

Kein Grashalm, kein Käfer und niemand anders hatte eine Antwort.

Da aber setzte sich ein bunter Vogel oben auf den Zaun, sah hinunter auf das kleine Unkraut mit den wunderschönen gelben Blüten und rief:

"Ach, Du weißt nicht, wer und was Du bist. Aber ich sage es Dir, Dein Name ist Schöllkraut.., entsandt von Gott auf die Welt als große Heilpflanze. Denk Dir nur, dass der berühmte Maler Albrecht Dürer durch Schöllkraut von seiner Malaria geheilt wurde, weswegen er ein Bild des kleinen Krautes malte, was heute in der Albertina in Wien hängt. Ein kleines Unkraut bis Du sicher nicht, mein Freund, aber die Menschen wissen das nicht mehr.

Und denk Dir, dass die großen Mediziner Paracelsus und Hahnemann das Schöllkraut noch durchaus zu schätzen wussten und sie nannten Dich kleines Kraut - Himmelsgabe!"

Das Wissen des bunten Vogels war immens, so dass selbst die kleinen Käfer ihren Lauf stoppten und gespannt lauschten, während die Grashalme miteinander wisperten: "Hui.., so berühmt ist unser Schützling, ach.., und so groß in seinem Wert für die Welt. Unsagbar der Jammer, dass es so klein als möglich bleiben will, um nicht gesehen zu werden."

Plötzlich aber fiel ein schwarzer Schatten in die sonnenhelle Zusammenkunft, der erst klein.., immer größer wurde..zum Schrecken des bunten Vogels, welcher eiligst davon stob.

Gefahr spürend, duckte sich das kleine Schöllkraut noch tiefer als sonst, während die äußerst neugierigen Grashalme gespannt nach oben schauten und dasjenige gewahrten, was sie sich schon gedacht hatten, der Sturzflug eines mächtigen Adlers. Fort auf Nimmerwiedersehen auch die kleinen Käfer.

Beim Landeanflug des Adlers rauschte es gewaltig, so dass es die Grashalme nach allen Seiten weg drückte wie bei einem Wirbelsturm und so auch das kleine Schöllkraut nunmehr völlig sichtbar wurde.

Mit Donnerstimme eines autoritären Herrschers sprach der Adler: "Schöllkraut, ich werde Dich jetzt mit meinen Raubvogelkrallen heraus reissen!"

Die Grashalme bogen sich entsetzt und voller Mut sofort nach oben und wetterten: "Dann bist Du schlimmer als der Mensch! Der Mensch ist ignorant und dumm.., aber Du, der Du als oberste Weisheit stets gepriesen wurdest und dessen Federn in diesem Sinne von den alten Häuptlingen der Indianer getragen wurden.., Du, der seinen Horst auf den obersten Gipfeln der Felsen baut.., Du willst jetzt zu den Ausrottern gehören?"

"Halt.., Schluss mit dem Geplapper und Gezeter", Ihr sprecht gegen meine Würde, Ihr Grashalme!

Ich werde jetzt das kleine Schöllkraut herausreißen samt der Wurzel und werde es in einen herrlichen Garten tragen, wo es ohne Angst und Sorge um sein Leben.., umgeben von den nettesten Pflanzen.., in Frieden existieren kann. Auf einem Stück Rasen werde ich es ablegen und die dortigen Menschen, die ich gut kenne und schätze, werden es eingraben und verehren!"

"Ja, aber, wen können wir dann noch behüten?", maulten die Grashalme. Stinklangweilig wird es uns sein ohne das kleine Unkraut!"

Der Adler plusterte sich auf, er war total wütend: "Pfui, Ihr Grashalme! Ihr hörtet doch von der Größe dieses Krautes, hörtet von seinem Namen und der Bedeutung. Und trotzdem nennt Ihr es noch Unkraut?

Und ich sehe, dass Ihr beinahe schon denkt wie die Menschen.., selbstbezogen. Ihr wollt also das Schöllkraut behalten, weil es Euch dann wohler ist als Beschützer und es Euch in dieser Rolle die Langeweile vertreibt?

Aber wie dem auch sei, nun geht es fort, das Schöllkraut.., fort aus unwirtlicher Gegend.

Und vielleicht schreibt einer dieser besonderen Menschen in diesem Garten dort irgendwann eine Geschichte über das Schöllkraut mit seinen sonnengelben Blüten, oder es geht ein wunderschönes Gemälde oder ein Scherenschnitt von dieser Himmelsgabe in die Welt."

Schwupp und das Schöllkraut war heraus gerissen und war schon auf dem Weg mit seinem ritterlichen Retter der Lüfte ins Paradies.

Und tatsächlich, als es die Menschen auf der Wiese liegend fanden, pflanzten sie es in die Erde, ganz hinten am Zaun zwischen Farne, welche ungeheuerlich erfreut waren über diese wunderbare, neue Gesellschaft.

Nach einiger Zeit gingen die Gedanken des kleinen Schöllkrauts nochmal zurück zum bunten Vogel.

Wer war eigentlich dieser Albrecht Dürer und wer war Paracelsus und Hahnemann?

Schade, man wird es nie erfahren. Aber die Weisheit der Vögel hatte man nun kennengelernt.

So manches Mal noch dachte das kleine Kraut an die Grashalme, die nun sicher etwas anderes zum Beschützen gefunden hatten und es war voller Dankbarkeit für alles, was es an Gutem erleben durfte.

Viele Jahre später fand sich tatsächlich ein Mensch, der eine Geschichte über das kleine Schöllkraut schrieb und ein anderer, ganz besonderer Mensch gab seine Scherenschnitte dazu und hinaus in die Welt ging alles zusammen mit dem brennenden Wunsch, dass die Menschen sich wieder der Natur hingeben mögen mit Gewissen und Respekt.

Kommentare: 3
  • #3

    Erika (Sonntag, 03 Dezember 2017 11:34)

    Chelidon bedeutete Schwalbe, Schoellkraut bluehte wenn sie heimkehrten. Ameisen helfen bei seiner Verbreitung. Die Signaturlehre wies frueh schon auf den frischen gelben Saft hin, der auf Gallenbeschwerden deutete und, welche Mittel man einsetzen koenne. Heute muss leider auf eventuelle Leberschaedigung hingewiesen werden. Der Saft aber war gut als Warzenmittel: Schoellkraut, Schellkraut Warzenkraut.

  • #2

    Eva Schmelzer (Samstag, 02 Dezember 2017 13:08)

    Ich kannte diese rührende Geschichte über das kleine Unkraut bereits, habe sie aber wieder mit der gleichen Freude und Rührung gelesen wie beim ersten Mal. Eine ganz besondere Freude ist es mir darüber hinaus aber, dass ich zwei großartige Menschen kennen gelernt habe: den, der dem kleinen armen Schöllkraut, das in ständiger Angst um sein kleines bisschen Leben ist, diese Geschichte gewidmet hat, und den anderen, der die Gabe hat, allem Geschriebenen einen ganz besonderen Reiz zu geben mit den Scherenschnitten.
    Ich sehe diese Fabel auch als Gleichnis für viele andere “Unkräuter”, und zwar von der Pflanze über Tiere bis hin zum Menschen, die Mahnung, dass jedes Lebewesen Respekt verdient, auch wenn sein Wert in ihm verborgen ist.

  • #1

    Milli (Freitag, 17 November 2017 20:11)

    Ganz herzlichen Dank für die schöne Geschichte, wurde bei FB in der Gruppe Neue Gärten... geteilt. ok. ich werde ab sofort dem Schöllkraut seine Chance geben, die Geschichte hat also bei mir ihren Sinn erfüllt. Noch viele weitere Ideen! Und so tolle Scherenschnitte. Grüne Grüße Milli